Aquaductus: Niedersachsens Wasserstoff-Pipeline in der Nordsee

Aquaductus ist die erste geplante Offshore-Wasserstoffpipeline in der deutschen Nordsee. Sie soll grünen Wasserstoff, der auf See aus Windstrom erzeugt wird, an Land nach Niedersachsen bringen und dort ins deutsche Wasserstoff-Kernnetz einspeisen. Betreiber ist die AquaDuctus Pipeline GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Gastransport-Unternehmens GASCADE. In der Woche ab dem 20. Juli 2026 haben vor und auf Norderney sowie an der Küste im Landkreis Aurich die ersten Baugrunduntersuchungen begonnen - der nächste konkrete Schritt zur Realisierung.

Was ist Aquaductus?

Aquaductus ist eine Wasserstoff-Transportleitung im Gigawatt-Maßstab, die als „Open Access“-Infrastruktur geplant ist - also offen für verschiedene Erzeuger und Abnehmer. Der Grundgedanke: Windparks weit draußen in der Nordsee erzeugen mehr Strom, als sich wirtschaftlich per Seekabel an Land bringen lässt. Statt Strom über lange HGÜ-Trassen zu transportieren, wird er direkt auf See per Elektrolyse in grünen Wasserstoff umgewandelt und als Gas durch eine Pipeline geleitet. Nach Betreiberangaben kann eine solche Wasserstoffleitung bei Vollauslastung die Transportleistung von rund fünf HGÜ-Stromtrassen ersetzen und ist auf Strecken über 400 Kilometer die kostengünstigste Option für den Energietransport.

Aquaductus ist ein Neubau, kein Umbau einer bestehenden Erdgasleitung. Perspektivisch soll die Pipeline bis zu einer Million Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr transportieren. Der erste Bauabschnitt ist an den geplanten Windpark SEN-1 nordwestlich von Helgoland angebunden und auf eine Größenordnung von rund einem Gigawatt ausgelegt.


Trasse und Ausbaustufen im Überblick

Die Trasse führt von der zentralen Nordsee über die Insel Norderney bis zur Anlandung im Raum Hilgenriedersiel im Landkreis Aurich. Küstennah bei Norderney sind zwei Tunnelabschnitte geplant, um Eingriffe in den Nationalpark Wattenmeer zu minimieren. Die Längenangaben unterscheiden sich je nach Ausbaustufe - deshalb hier nach Phasen getrennt statt als eine einzige Zahl:

Merkmal Phase 1 Phase 2 (Ausbau)
AnbindungWindpark SEN-1, nordwestlich HelgolandVerlängerung Richtung Grenze der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ)
Länge (offshore)rund 200 km bis in die zentrale Nordseezusätzliche Abschnitte, gesamt bis zu rund 400 km auf See
Leistungrund 1 GWschrittweiser Ausbau Richtung Gigawatt-Maßstab
AnlandungHilgenriedersiel, Landkreis Aurich (Niedersachsen)Anschluss ans Wasserstoff-Kernnetz

An Land wird Aquaductus an das deutsche Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen, das die Bundesnetzagentur im Oktober 2024 bestätigt hat. Über Kooperationen mit den Fernleitungsbetreibern Gassco (Norwegen), National Gas (Großbritannien), Fluxys (Belgien) und Gasunie (Niederlande) ist die Leitung zudem als Baustein des European Hydrogen Backbone gedacht - dem geplanten grenzüberschreitenden Wasserstoffnetz in Nordwesteuropa.

Die Aqua-Projektfamilie: AquaVentus, AquaSector, AquaPrimus, AquaDuctus

Rund um die Offshore-Wasserstoffwirtschaft in der Nordsee gibt es mehrere ähnlich klingende „Aqua“-Projekte, die regelmäßig verwechselt werden. Sie gehören zusammen, haben aber unterschiedliche Aufgaben:

Projekt Funktion Status
AquaVentusDachinitiative und Förderverein, bündelt die Teilprojekte; Ziel: 10 GW Elektrolyse in der Nordsee bis 2035laufend
AquaSectorMachbarkeitsstudie (u.a. mit Equinor, Gasunie, RWE) zum ersten großskaligen Offshore-WasserstoffparkStudie seit 2021
AquaPrimusDemonstrationsprojekt: Wind-zu-Wasserstoff-Anlagen vor Helgoland, Anlandung auf HelgolandVorbereitung
AquaDuctusdie Transport-Pipeline selbst (dieser Artikel)Baugrunduntersuchungen seit Juli 2026

Vereinfacht gesagt: AquaSector lieferte die Studie und Vision, AquaPrimus ist der Pilot vor Helgoland, und AquaDuctus baut die Transport-Autobahn, über die der Wasserstoff später an Land kommt. Wichtig zur Einordnung: Aquaductus selbst führt an Helgoland vorbei zur zentralen Nordsee - die direkte Anlandung von Wasserstoff auf Helgoland gehört zum Schwesterprojekt AquaPrimus.

Wer steckt hinter Aquaductus?

Formaler Betreiber der Pipeline ist die AquaDuctus Pipeline GmbH, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der GASCADE Gastransport GmbH. Für die Zusammenarbeit am Projekt haben RWE, Shell, Gasunie und GASCADE eine Absichtserklärung unterzeichnet. Ob RWE und Shell dabei Eigentumsanteile übernehmen oder vor allem als Erzeuger und Abnehmer eingebunden sind, ist öffentlich noch nicht abschließend geklärt. Als industrieller Abnehmer steht die Salzgitter AG bereit: Über das Projekt SALCOS stellt der Konzern seine Stahlproduktion auf grünen Wasserstoff um.

Zeitplan und Meilensteine

  • 2021: Start der AquaSector-Machbarkeitsstudie mit Equinor, Gasunie und RWE.
  • November 2023: Aquaductus erhält den EU-Status als Project of Common Interest (PCI).
  • Februar 2024: Genehmigung als IPCEI (Important Project of Common European Interest).
  • Sommer 2024: Das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck genehmigt den vorzeitigen Maßnahmenbeginn.
  • Oktober 2024: Die Bundesnetzagentur bestätigt das Wasserstoff-Kernnetz inklusive Aquaductus.
  • Dezember 2024: Der Förderbescheid wird unterzeichnet.
  • 2025: Bund und Land Niedersachsen kündigen rund 200 Millionen Euro Förderung an.
  • März 2026: Die Genehmigungsbehörde ArL Weser-Ems verzichtet auf eine Raumverträglichkeitsprüfung für die Trasse über Norderney. Die Stadt Norderney kritisiert die Entscheidung mit Blick auf Trinkwasser- und Naturschutz.
  • 20. Juli 2026: Beginn der Baugrunduntersuchungen vor und auf Norderney sowie an der Küste im Landkreis Aurich.
  • ab 2028: frühester Baubeginn der Pipeline.
  • Anfang 2030er-Jahre: geplante Inbetriebnahme von Phase 1.
  • 2035: Zielmarke für den Vollausbau mit bis zu einer Million Tonnen grünem Wasserstoff pro Jahr.

Zum aktuellen Meilenstein sagt Sven Becker, Geschäftsführer der AquaDuctus Pipeline GmbH: „Mit der Durchführung der Baugrunduntersuchungen gehen wir den nächsten wichtigen Schritt bei der Realisierung von Aquaductus.“ Die geotechnischen Untersuchungen des Meeres- und Küstenbodens sind die technische Vorstufe zur eigentlichen Bauausführung, die frühestens 2028 beginnt.

Wasserstoff für grünen Stahl: der Anwendungsfall SALCOS

Der wichtigste industrielle Abnehmer ist die Stahlindustrie. In der klassischen Hochofenroute dient Kohle als Reduktionsmittel und verursacht hohe CO₂-Emissionen. Bei der Direktreduktion mit grünem Wasserstoff wird Eisenerz stattdessen zu Eisen reduziert, wobei nur Wasserdampf entsteht. Die Salzgitter AG hat über das Projekt SALCOS bereits 2026 begonnen, grünen Stahl an die deutsche Automobilindustrie zu liefern; bis 2033 soll die Produktion weitgehend CO₂-frei sein. Aquaductus soll perspektivisch einen Teil des dafür nötigen Wasserstoffs liefern.

Warum Offshore-Elektrolyse?

Die Nordsee bietet konstant hohe Windgeschwindigkeiten und damit ideale Bedingungen für die Stromerzeugung. In Zeiten mit Erzeugungsüberschuss lässt sich der Strom vor Ort per Elektrolyse in Wasserstoff wandeln, statt Windparks abzuregeln. Für die Produktion auf See gelten PEM-Elektrolyseure (Proton Exchange Membrane) als besonders geeignet, weil sie kompakt sind und schnell auf schwankende Stromeinspeisung reagieren. Grüner Wasserstoff aus dieser Route lässt sich anschließend als Brennstoff, zur Rückverstromung in Brennstoffzellen oder als Rohstoff für Industrie und Stahlerzeugung nutzen.

Einordnung: Chancen und offene Fragen

Aquaductus ist ein Schlüsselprojekt für die deutsche Wasserstoffwirtschaft und ein Baustein, um Offshore-Windkraft und Schwerindustrie zu verbinden. Gleichzeitig bleibt es ein technisch und finanziell anspruchsvolles Vorhaben mit langem Zeithorizont: Der Baubeginn liegt frühestens 2028, die erste Wasserstoff-Lieferung nicht vor den frühen 2030er-Jahren. Offene Punkte sind die Gesamtinvestition, die belastbare Anbindung der Offshore-Elektrolyse und die naturschutzrechtlichen Konflikte rund um die Trasse über Norderney. Der Start der Baugrunduntersuchungen im Juli 2026 zeigt aber, dass das Projekt aus der reinen Planungsphase in die Vorbereitung des Baus übergeht.

Häufige Fragen zu Aquaductus

Wer baut und finanziert Aquaductus?

Betreiber ist die AquaDuctus Pipeline GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Gastransport-Unternehmens GASCADE. Für die Zusammenarbeit haben RWE, Shell, Gasunie und GASCADE eine Absichtserklärung unterzeichnet. Bund und Land Niedersachsen fördern das Projekt mit rund 200 Millionen Euro.

Wie lang ist die Aquaductus-Pipeline und wie viel Wasserstoff transportiert sie?

Der erste Bauabschnitt umfasst rund 200 Kilometer offshore bis in die zentrale Nordsee; über beide Ausbaustufen sind bis zu rund 400 Kilometer auf See geplant. Perspektivisch soll die Leitung bis zu eine Million Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr transportieren.

Wann geht Aquaductus in Betrieb?

Der Baubeginn ist frühestens für 2028 vorgesehen, die Inbetriebnahme von Phase 1 für die frühen 2030er-Jahre. Als Zielmarke für den Vollausbau gilt das Jahr 2035. Seit dem 20. Juli 2026 laufen die Baugrunduntersuchungen.

Was ist der Unterschied zwischen AquaVentus, AquaDuctus, AquaPrimus und AquaSector?

AquaVentus ist die Dachinitiative. AquaSector ist die Machbarkeitsstudie für einen Offshore-Wasserstoffpark, AquaPrimus das Demonstrationsprojekt vor Helgoland und AquaDuctus die Transport-Pipeline, über die der Wasserstoff an Land gebracht wird.

QUELLEN

68663d5d8b4c46389e94407e09dc5133
  1. AquaDuctus Pipeline GmbH / GASCADE: Projektseite Aquaductus.
  2. finanznachrichten.de (Juli 2026): „Planungen für erste Nordsee-Wasserstoffpipeline kommen voran".
  3. NWZ Online (März 2026): „Aquaductus darf über Norderney führen".
  4. windbranche.de: „RWE, Shell & Co: Konsortium plant Nordsee-Pipeline für grünen Wasserstoff".
  5. Bundesnetzagentur (Oktober 2024): Bestätigung des Wasserstoff-Kernnetzes.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
2 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet

[…] Journalismus. In der Realität sieht die Situation ganz anders aus. Nehmen wir zum Beispiel das „Aquaductus“-Projekt in der Nordsee, das im Bau befindet und überschüssigen Windstrom nutzen wird, um grünen […]

Nach oben scrollen
2
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x