SPEICHER · 21. SEPTEMBER 2026
BW ESSWie unterschiedlich zwei Bürgermeister die Akzeptanz der Energiewende vor Ort beeinflussen
Überall in Deutschland bauen Investoren und Netzbetreiber gerade an der sauberen Zukunft: Großbatterien, Solarparks, Umspannwerke. Die Akzeptanz von Batteriespeichern schwankt dabei stark. In kleinen Gemeinden wie Klostermansfeld oder Quaal hängt sie oft vor allem am Bürgermeister.
Frank Ochsner ist Bürgermeister von Klostermansfeld im Mansfelder Kupferrevier in Sachsen-Anhalt. Ehrenamtlich führt er die Feuerwehr des Ortes mit rund 2.300 Einwohnern. Im Juli 2026 vollzog er den Spatenstich für einen Batteriespeicher mit 1.000 Megawatt Leistung und 5.700 Megawattstunden Kapazität, den der Investor BW ESS auf einer ehemaligen Industriebrache baut. Das Vorhaben habe „schon länger eine Sogwirkung entfaltet", sagt Ochsner. Weitere Investoren interessieren sich für den Standort.
Gut 250 Kilometer nordwestlich, in Schleswig-Holstein, blickt ein Amtskollege mit Unbehagen auf ein ähnliches Vorhaben. „Ich bin nicht begeistert", sagt Tim Breckwoldt, Bürgermeister der Gemeinde Rohlstorf im Kreis Segeberg. Zu ihr gehört der Ortsteil Quaal mit 570 Einwohnern. Am südlichen Dorfrand plant die Hamburger Southside Battery GmbH einen Speicher mit 125 Megawatt Leistung und 500 Megawattstunden Kapazität, direkt neben einem neuen Umspannwerk der Schleswig-Holstein Netz AG. Das ist weniger als ein Zehntel dessen, was in Klostermansfeld entsteht.
Das Umspannwerk zieht den Speicher an
Beide Projekte folgen derselben Logik: Speicher stehen dort günstig, wo ein Netzanschluss schon vorhanden ist. Seit dem Geothermiebeschleunigungsgesetz vom 4. Dezember 2025 gelten Batteriespeicher im Außenbereich als privilegierte Vorhaben nach Paragraf 35 Absatz 1 Nummer 12 Baugesetzbuch, wenn sie höchstens 200 Meter von der Grundstücksgrenze eines Umspannwerks oder Kraftwerks ab 50 Megawatt entfernt liegen. Genau deshalb hat Southside Battery Quaal gewählt: Am Dorfrand verläuft die 110-Kilovolt-Leitung, und dort entsteht das neue Umspannwerk.
Ein Speicher direkt am Umspannwerk spart eigene Trassen und entlastet den Netzausbau. Nach einer Studie des Fraunhofer IEE ließen sich an den 1.313 ländlichen Umspannwerken in Deutschland zusätzlich 150 Gigawatt Solarleistung einbinden, wenn dort Speicher stehen. In Quaal kommen alle drei Bausteine zusammen: Neben Umspannwerk und Speicher hat die Gemeindevertretung westlich des Dorfes einen Solarpark auf gut 80 Hektar auf den Weg gebracht.
In Klostermansfeld steht das Umspannwerk von 50Hertz auf dem Gemeindegebiet. Direkt daneben entstehen die Speicher, auf einer ehemaligen Industriebrache im Kupferrevier. Seine Gewerbesteuer zahlte 50Hertz bislang überwiegend in Berlin. Klostermansfeld ging leer aus. Beim Speicher sollte sich das nach dem Willen von Ochsner nicht wiederholen: Die Betreibergesellschaft verlegt ihren Sitz nach Klostermansfeld. Damit fließt die Gewerbesteuer in die Gemeindekasse.
Ein Bürgermeister hadert, der andere wirbt
Ob ein Speicher vor Ort auf Zustimmung oder Widerstand trifft, hängt vom Standort ab, vom Geld, das in der Gemeinde bleibt, und davon, wie früh die Menschen vom Projekt erfahren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Bürgermeister. Das Baurecht nimmt ihm die Mitsprache. Die Aufgabe, für die Akzeptanz von Batteriespeichern vor Ort zu werben, bleibt ihm.
„Damit sind wir nicht glücklich, aber wir können nichts dagegen tun", sagte Breckwoldt im März über das Umspannwerk. Er hätte es lieber weit entfernt von Quaal gesehen. Doch das Umspannwerk ist ein privilegiertes Vorhaben: SH Netz braucht dafür keinen Bebauungsplan, Gemeinde und Bürger haben kein Einspruchsrecht.
Steht das Umspannwerk erst, wäre auch jeder Speicher im Umkreis von 200 Metern privilegiert. Auf dessen Ausführung hätte die Gemeinde dann keinen Einfluss mehr. Deshalb stellt Rohlstorf für den Speicher vorab selbst einen Bebauungsplan auf. So kann die Gemeinde zumindest beim Lärmschutz mitbestimmen und für die Anwohner mehr herausholen.
Ochsner hat sich anders entschieden. Klostermansfeld begleitete das Projekt mit Bürgermeistersprechstunden, Informationsveranstaltungen und Beratungen im Gemeinderat. Über die Energiewende sagt Ochsner, „dass unsere Gemeinde und die Menschen vor Ort von ihr profitieren".
Klostermansfeld informiert vor dem Beschluss, Quaal danach
In Quaal erfuhr die Öffentlichkeit vom Projekt am 3. März 2026 durch einen ersten Bericht der Lübecker Nachrichten. Im selben Frühjahr fasste die Gemeindevertretung die Aufstellungsbeschlüsse für Flächennutzungsplan und Bebauungsplan, bei einer Gegenstimme. Ende März kam der Solarpark hinzu, dessen Wirtschaftlichkeit Breckwoldt öffentlich bezweifelte.
Im Juni forderten Anwohner mehr Informationen und eine Einwohnerversammlung. „Viele im Dorf wissen gar nicht, was hier geplant ist", sagte die 88 Jahre alte Anwohnerin Elke Rohlf. Erst am 19. und 20. September, mehr als ein halbes Jahr nach dem ersten Bericht, lud die Gemeinde zu einem Infoabend in die Turnhalle Warderfelde. Rund 100 Besucher kamen.
Breckwoldt habe eingeladen, damit alle Bürger auf demselben Wissensstand seien. Eine Zuhörerin habe gefragt, was die Veranstaltung überhaupt noch solle, wenn ohnehin alles beschlossen sei. Ein anderer Anwohner habe zumindest billigeren Strom für die Quaaler gefordert. Die Diskussion drehte sich vor allem um Lärm durch die Kühlaggregate. Am Ende gab es Applaus.
In Klostermansfeld hatte Ochsner die Bürger über Sprechstunden und Infoabende eingebunden, bevor gebaut wurde. Als am 1. Juli 2026 der Spatenstich folgte, kannte der Ort das Projekt längst.
Rohlstorf rechnet mit einem Fünftel, Klostermansfeld baut einen Spielplatz
Marko Röber von Southside Battery beziffert die Investition in den Speicher gegenüber den Lübecker Nachrichten auf 65 bis 75 Millionen Euro. Der Gemeinde Rohlstorf stellen die Investoren daraus rund 50 Millionen Euro Gewerbesteuer über 30 Jahre in Aussicht, je nach Geschäftserfolg. Nach den Umlagen an Amt und Kreis blieben davon geschätzt 20 Prozent übrig, sagte Breckwoldt im März dem Hamburger Abendblatt. Bei einem Gesamthaushalt von zwei Millionen Euro könnte die Gemeinde damit die Grundsteuer senken und auf Straßenausbaubeiträge verzichten.
In Klostermansfeld fließt die Gewerbesteuer der Betreibergesellschaft seit der Sitzverlegung in die eigene Kasse. Geplant sind ein lange aufgeschobener Spielplatz, energetische Sanierungen kommunaler Gebäude, Breitband und neue Straßenbeleuchtung. Die Erweiterung des Energieparks Klostermansfeld läuft bereits. Sie zahle „die viele Arbeit, die wir gemeinsam in diese Entwicklung investiert haben" allmählich aus, sagt Ochsner.
Im März 2026 gründete sich zudem der Förderverein „Wir sind Klostermansfeld". In ihn fließen Mittel aus den Einnahmen der Batteriespeicher, mit denen der Verein das Vereinsleben und das Miteinander im Ort unterstützt.
Der Gesetzgeber hat die Gemeinden vergessen
Eine gesetzliche Beteiligung am Ertrag gibt es für Speicher nicht. Die Kommunalabgabe nach Paragraf 6 EEG in Höhe von 0,2 Cent je Kilowattstunde gilt nur für Windenergie an Land und für Solarparks, und auf Bundesebene formuliert der Gesetzgeber sie ohnehin nur freiwillig. Neun Bundesländer haben eigene verpflichtende Beteiligungsgesetze erlassen. Für Batteriespeicher fehlt eine solche Regel bislang überall.
In Rohlstorf liegen beide Fälle auf derselben Gemarkung. Für den Solarpark kann die Gemeinde die Abgabe abrufen, für den Speicher nicht. Das Umspannwerk bringt ihr weder Gewerbesteuer noch eine andere Abgabe, obwohl es die Fläche dauerhaft prägt und die Privilegierung des Speichers überhaupt erst auslöst. Mit dem Geothermiebeschleunigungsgesetz hat der Bundestag die Zustimmung der Gemeinde entbehrlich gemacht, einen Anspruch auf Beteiligung am Ertrag hat er ihr nicht gegeben.
Wie viel davon abhängt, zeigt die Akzeptanzumfrage 2025 der Agentur für Erneuerbare Energien: 81 Prozent der Deutschen befürworten den Ausbau der erneuerbaren Energien allgemein. Für Windenergie im eigenen Wohnumfeld sind es 46 Prozent. Dieser Wert steigt auf 53 Prozent, wenn der Nutzen für die eigene Kommune klar kommuniziert wird. 56 Prozent bewerten transparente, faktenbasierte Information positiv.
Drei Stellschrauben für die Akzeptanz von Batteriespeichern liegen beim Gesetzgeber. Die Kommunalabgabe nach Paragraf 6 EEG ließe sich auf Batteriespeicher und Umspannwerke ausweiten, wie sie für Windkraft und Freiflächen-Solar längst gilt. Die Bürgerbeteiligung gehört vor den Aufstellungsbeschluss, damit Gemeinden mehr tun als fertige Entscheidungen zu verwalten. Und ein festes Kommunikationsbudget im Projekt würde diese Aufgabe von einem Ehrenamt auf Profis verlagern.
QUELLEN
- Lübecker Nachrichten: Rohlstorf: Wie ein Dorf zur Schaltstelle der Energiewende wird, 20.09.2026.
- Lübecker Nachrichten, Stormarn: Deutschlands größter Batteriespeicher soll in Quaal entstehen, 03.03.2026.
- Lübecker Nachrichten, Stormarn: Quaal und die Energiewende: Kritik am geplanten Solarpark, 28.03.2026.
- Hamburger Abendblatt, Norderstedt: Mega-Batteriespeicher: Rohlstorf macht die Energiewende möglich, 12.03.2026.
- Lübecker Nachrichten, Stormarn: Viele im Dorf wissen gar nicht, was hier geplant ist, 16.06.2026.
- Mitteldeutsche Zeitung: Berichte zum Energiepark Klostermansfeld, August 2026.
- Mitteldeutsche Zeitung: „Wir sind Klostermansfeld": Wer hinter dem gerade gegründeten Förderverein steckt, 2026.
- Agentur für Erneuerbare Energien: Akzeptanzumfrage 2025, November 2025.
- Rödl & Partner: Batteriespeicher im Außenbereich: Kommt die Privilegierung und unter welchen Voraussetzungen?