ENERGIEEFFIZIENZGESETZ VOR DER ANHÖRUNG · 3. OKTOBER 2026
Presse- und Informationsamt der BundesregierungReiches Abwärme-Ausnahmen kosten uns 5,8 Mrd. Euro
Rechenzentren geben mehr als 97 Prozent ihrer Abwärme ungenutzt ab. Katherina Reiche will das Energieeffizienzgesetz abschwächen. Bis 2045 verpuffen so fast 80 TWh Wärme im Wert von 5,8 Milliarden Euro.
Ein Rechenzentrum ist eine Stromheizung. Es nimmt Strom auf und gibt ihn fast vollständig als Wärme wieder ab, in Deutschland rund 20 Terawattstunden im Jahr. Diese Wärme könnte Wohnungen heizen, Schwimmbäder und Gewächshäuser versorgen; bei guter Planung lassen sich laut Fraunhofer ISI bis zu 70 Prozent davon nutzen. Tatsächlich entsorgen die größten Anlagen im Rechenzentrumsregister mehr als 97 Prozent in Flüsse und Luft.
Das Energieeffizienzgesetz von 2023 sollte das ändern. Neue Rechenzentren müssen ab Juli 2027 zehn Prozent ihrer Abwärme wiederverwenden, ab Juli 2028 dann 20 Prozent. Reiches Novelle (Bundestagsdrucksache 21/8027) öffnet dafür eine Hintertür: Wer per Kosten-Nutzen-Analyse nachweist, dass sich die Anbindung an ein Wärmenetz nicht lohnt, ist von der Pflicht befreit.
Zugleich dürfen bestehende Rechenzentren mehr Strom für Kühlung verbrauchen, die Ökostrompflicht rückt von 2027 auf 2030, und als Rechenzentrum zählt erst eine Anlage ab 500 statt 300 Kilowatt. Mit derselben Novelle streicht das Ministerium auch das Energiesparziel und weicht die Abwärmepflicht für die Industrie auf.
Was Reiches Hintertür bis 2045 kostet
Markus Fritz und Nicolas Kawerau vom Fraunhofer ISI haben mit Julian Bothe von AlgorithmWatch und Leonard Burtscher vom Umweltinstitut München nachgerechnet, was diese Ausnahmen kosten. Sie nennen das Papier selbst „eine einfache Berechnung auf Basis der verfügbaren Daten“ und übernehmen die Wachstumsprognose des Borderstep Instituts für das Wirtschaftsministerium: Der Stromverbrauch der Rechenzentren steigt demnach von 20 Terawattstunden 2025 auf 80 Terawattstunden 2045.
Bleibt der genutzte Abwärmeanteil durch die Ausnahmen bei den heutigen 2,3 Prozent statt bei 20, gehen 2045 mehr als zehn Terawattstunden Wärme im Jahr verloren, so viel wie elf große LNG-Tanker liefern. Summiert über die Jahre bis 2045 sind es fast 80 Terawattstunden. Zum Gaspreis von 72 Euro je Megawattstunde, den die Bundesnetzagentur Ende September auswies, entspricht das 5,76 Milliarden Euro, die Deutschland für Importe ausgibt, während die Rechenzentren dieselbe Wärme in die Luft blasen.
Beim Strom geht es um ähnliche Größenordnungen. Der Referentenentwurf aus Reiches Haus wollte Neubauten eine Energieverbrauchseffektivität von 1,3 statt 1,2 erlauben. Dieser Wert, kurz PUE, teilt den gesamten Stromverbrauch eines Rechenzentrums durch den Verbrauch der Server; alles über 1,0 geht in Kühlung und Lüftung. Beim Wert 1,3 oder einem reinen Planungswert, dem sogenannten Design-PUE, verbrauchten die Rechenzentren bis 2045 zusätzlich 42 bis 75 Terawattstunden Strom. „Ohne gute Regulierung werden wir rechnerisch sieben neue Gaskraftwerke zubauen müssen“, sagt Burtscher. Im Kabinettsentwurf steht für Neubauten zwar wieder 1,2, laut Bothe sind 1,3 und der Design-PUE in der politischen Diskussion aber nicht vom Tisch.
Die Branche selbst beweist, dass die alten Werte erreichbar sind
Den Wert 1,3, den das geltende Gesetz dem Bestand ab 2030 abverlangt, erreichen laut Register schon heute rund 40 Prozent von 319 Rechenzentren mit einzeln veröffentlichten Daten. Fast 20 Prozent liegen unter 1,2. Hetzner gibt 1,10 bis 1,16 an, Google 1,09, Microsoft 1,12. Das Umweltinstitut schreibt in seiner Stellungnahme an den Bundestag, die Novelle benachteilige Vorreiter gegenüber Betreibern, die Nachhaltigkeit nur als Werbeversprechen sähen. Gefordert hatten die Lockerungen laut Bothe vor allem Microsoft, Google und US-Colocation-Anbieter wie Vantage, belegt durch eine Recherche von LobbyControl und Campact.
Dabei schadet ein schlechter PUE den Betreibern selbst. Wie viel ein Rechenzentrum rechnen kann, hängt an seiner Anschlussleistung, und die ist in Frankfurt oder Berlin das knappste Gut. Jede Kilowattstunde, die in die Kühlung fließt, fehlt den Servern. Bothe spricht von einer „Verringerung der maximal zur Verfügung stehenden Rechenleistung“. Effizienz heißt hier mehr Rechenleistung aus demselben Netzanschluss, dieselbe Logik wie beim Primärenergie-Trugschluss. Wer Effizienzvorgaben als Wohlstandsbremse darstellt, übersieht das; Cleanthinking hat die Behauptung im Juni geprüft.
Am Montag sitzen die Rechner den Lobbyisten gegenüber
Am Montag, 5. Oktober, hört der Ausschuss für Wirtschaft und Energie ab 14.30 Uhr Sachverständige zur Novelle an. Burtscher kommt auf Einladung der Grünen, Bothe auf Einladung der Linken. Die Union hat unter anderen Günter Eggers von der German Datacenter Association und den Bochumer Energierechtler Sven-Joachim Otto benannt. Otto rechnet vor, dass der jährliche Erfüllungsaufwand der Wirtschaft um 760 Millionen Euro sinkt, und hält die bisherige Abwärmepflicht für kaum vollziehbar.
Das Umweltinstitut hält dagegen, dass Deutschland sein Effizienzziel schon mit dem geltenden Gesetz verfehlt: Der nationale Energie- und Klimaplan der Bundesregierung rechnet für 2030 mit 2.189 Terawattstunden Endenergie, erlaubt sind 1.867. Eine Verschlechterung des Gesetzes sei deshalb „möglicherweise verfassungswidrig“. Rechenzentren sind dabei nur der sichtbarste Fall.
Für die Industrie hat eine Kurzstudie der Hochschule Niederrhein ein wirtschaftliches Einsparpotenzial von 40 Prozent des Endenergiebedarfs beziffert: 104 Milliarden Euro Investitionen, die sich nach 3,6 Jahren rechnen und über 20 Jahre rund 250 Milliarden Euro sparen. Reiches Novelle nennt sich Bürokratieabbau. Sie kostet Gas.
QUELLEN
- AlgorithmWatch: Studie: Verschlechterungen von Effizienzstandards bei Rechenzentren führen zu sehr großen zusätzlichen Energiebedarfen, 2. Oktober 2026.
- Deutscher Bundestag: Stellungnahme Dr. Julian Bothe, AlgorithmWatch, Ausschussdrucksache 21(9)365, 1. Oktober 2026.
- Umweltinstitut München: Stellungnahme an den Deutschen Bundestag zur Novelle des Energieeffizienzgesetzes, 1. Oktober 2026.
- Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf der Bundesregierung, Entwurf eines Gesetzes zur Beschleunigung der Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie, Drucksache 21/8027, 16. September 2026.
- Bundesnetzagentur: Rechenzentrumsregister, Statistik, Stand 2025.