REZENSION · 1. OKTOBER 2026
Manolo Ty / Cover: Kiepenheuer & WitschRobert Habeck vermisst in „Arctic Meltdown" die Arktis neu
Robert Habeck hat nach 20 Jahren Berufspolitik ein Buch über den hohen Norden geschrieben. „Arctic Meltdown" verknüpft Klimaphysik, Kolonialgeschichte, russische Mythen und Trumps Griff nach Grönland. Es erscheint am 1. Oktober bei Kiepenheuer & Witsch.
Die meisten Karten, die wir benutzen, zeigen Europa in der Mitte und die Arktis als weißen Streifen am oberen Rand. Robert Habeck dreht die Karte. Wer vom Nordpol aus auf die Erde schaut, sieht ein Mittelmeer aus Eis mit russischen, amerikanischen, kanadischen und europäischen Anrainern. Nirgends liegen Russland und die USA näher beieinander. Und dieses Mittelmeer taut.
Mit diesem Perspektivwechsel beginnt „Arctic Meltdown", und er trägt das ganze Buch. Habeck schreibt vom Dänischen Institut für Internationale Studien in Kopenhagen aus, wo er seit dem Ende seiner Zeit als Vizekanzler arbeitet. Die Stadt war sein Studienort in den Neunzigern, sie war Kolonialhauptstadt Grönlands, und seit Trumps Griff nach der Insel ist sie geopolitischer Frontort. Diese drei Ebenen verschränkt Habeck von der ersten Seite an: das Persönliche, das Historische, das Politische.
Das Buch ist keine Studie und kein Strategiepapier, sondern Verknüpfungsarbeit. Habeck zieht Linien zwischen Dingen, die sonst in getrennten Ressorts liegen.
Mit dem Eis schmilzt die Kooperationsordnung von 1990
Die Arktis erwärmt sich viermal schneller als der Rest der Welt. Klimaforscher nennen das Arktische Amplifikation: Wo weißes Eis verschwindet, nimmt dunkles Wasser mehr Sonne auf, das Eis schmilzt schneller, die Schleife beschleunigt sich. Habeck macht daraus seinen Leitbegriff und wendet ihn politisch. Die Arktis sei der Kanarienvogel in der Kohlemine, das Tier, das als Erstes stirbt, wenn die Luft knapp wird.
Die Zukunft treffe dort früher ein, ökologisch wie politisch. Mit dem Eis schmelze die Kooperationsordnung der Zeit nach 1990, jene Jahre, die Fachleute mit der Formel „High North, low tensions" beschrieben. Aus dem tauenden Eis werde eine politische Kernschmelze, der Arctic Meltdown des Titels.
Habeck hat das Buch im Frühjahr und Sommer 2026 geschrieben und nennt es selbst eine Momentaufnahme. So sollte man es lesen. Sein Wert liegt weniger in Zahlen und Prognosen als darin, dass es einen Konflikt beschreibt, der gerade erst Konturen bekommt. Die Gegenwart fasst Habeck mit einem Begriff aus der Politikwissenschaft: G-Zero. Die G7 lenken die Welt nicht mehr, die G20 sind zerfallen, übrig bleibt eine Welt ohne Steuerungsgruppe.
Im G hört Habeck auch „Ground Zero" mit. Und er stellt die Frage, ob diese Unordnung noch Übergang ist oder schon die neue Ordnung, ob wir also kriegen, was wir haben.
Habeck erzählt Grönlands Geschichte von Erik dem Roten bis zur Spiralsache
Wer Habecks Romane kennt, erkennt die erzählerischen Passagen wieder. Die Geschichte Grönlands auf einem Dutzend Seiten gehört zum Besten im Buch. Erik der Rote wurde wegen Mordes verbannt und gab der Insel aus Werbegründen ihren Namen. Die Wikinger trafen in Neufundland auf die Inuit, für Habeck ein magischer Moment, in dem sich der Kreis der Menschheit nach der Auswanderung aus Afrika schloss.
Die protestantischen Könige Dänemarks rüsteten Expeditionen aus, weil sie fürchteten, auf Grönland lebten noch katholische Wikinger. Die Inuit waren ihnen egal. Dann die „Spiralsache", der dänische Versuch der Geburtenkontrolle an Inuit-Frauen, für den sich Mette Frederiksen 2025 entschuldigte. Man lernt in diesen Kapiteln mehr, als man erwartet, und man liest sie gern.
Dazu kommen die Reisen. Habeck ist in Tromsø, in Kirkenes an der russischen Grenze, auf Svalbard, wo Walrosse die Sauna von Longyearbyen als Sonnenplatz entdeckt haben und Schlittenhunde im Frühling Wagen auf Gummireifen über Schotter ziehen. Im Öresund segelt er an Tankern der russischen Schattenflotte vorbei, deren Transponder abgeschaltet sind, und stellt fest, wie leicht sie zu erkennen sind.
Habeck zieht die Linie von Hyperborea bis zu Peter Thiel
Habecks Methode ist, Dinge nebeneinanderzulegen. Die Vinland-Sagas des Mittelalters entscheiden 1933 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag den Streit um Grönland. Der Krimkrieg von 1853 zwingt Russland, Alaska an die USA zu verkaufen, und US-Außenminister Seward will unmittelbar danach Grönland, um Kanada einzukreisen. Der antike Mythos von Hyperborea, dem Land jenseits des Nordwinds, taucht bei Putins Vordenker Alexander Dugin wieder auf. Bei den Tech-Milliardären um Peter Thiel, die auf Grönland einen Privatstaat gründen wollen, kehrt Habeck zu Hyperborea zurück: der hohe Norden als Ort für edlere Menschen.
Zwei Begriffe aus dem Russland-Teil lohnt es sich zu merken. Die „Rote Arktis„ ist die sowjetische Propagandaformel für die technischen Großtaten im Norden, vom Belomorkanal bis zur Zar-Bombe; Putin bemüht sie seit 2007 wieder. Und „Osvoenie“, ein russisches Wort, das für westliche Ohren nach wirtschaftlicher Erschließung klingt, im Russischen aber Beherrschung mitmeint. Habeck liest diese Sprache mit dem Ohr dessen, der die Ukraine-Propaganda vor 2022 gehört hat. Svalbard nennt er die „red flag" der Arktis: den Ort, an dem Russland testen könnte, ob die NATO für ein paar Felsen und 2.500 Norweger den Bündnisfall auslöst.
Die nüchternste Analyse gilt China. Peking versteht sich als „arktisnaher Staat„, ein Begriff ohne geografischen Sinn, aber mit machtpolitischem. Habeck beschreibt die „Polar Silk Road“ über die Nordostpassage und die „feindliche Koexistenz" mit Russland: Partnerschaft nach außen, Konkurrenz dahinter. Russland werde zur Tankstelle Chinas, und China brauche Russland nur, solange kein anderer Zugang zur Arktis existiert. Für Europa folgert Habeck daraus: die beiden auseinandertreiben, indem man China Zugänge anbietet.
Habeck erklärt heimische Erneuerbare zur Sicherheitsfrage
Das Kapitel zu Öl und Gas ist der Kern des Buches. Habeck deutet den Irankrieg und die Sperrung der Straße von Hormus als das Ereignis, das den fossilen Weltmarkt unglaubwürdig gemacht hat. Die Lehre von 2022 lautete Diversifizierung. Sie trägt für ihn nicht mehr, wenn jede Meerenge zum Pfand werden kann. Elektrifizierung und heimische Erneuerbare werden damit zur Sicherheitsfrage.
Norwegens CCS-Projekt Northern Lights hält er für die Lebensversicherung eines fossilen Geschäftsmodells und formuliert die Alternative klar: Setzt die Welt auf grünen Wasserstoff, bleibt das arktische Gas im Boden. Setzt sie auf CO2-Abscheidung, wird gebohrt. Den Rohstoff-Goldrausch entzaubert er mit einer Bestandsaufnahme: Seit dem Konkurs der Rubinmine in Aappilattoq ist auf Grönland eine einzige Mine in Betrieb, ein Anorthosit-Abbau nördlich von Nuuk, und der hat bisher keinen Gewinn gemacht. Kein Projekt in Grönland oder der übrigen Arktis sei wirtschaftlich oder strategisch so bedeutsam, dass es als Kriegsgrund tauge.
Ein Kriegsdienstverweigerer vergleicht Kampfeisbrecher
Die Überraschung des Buches ist der Mittelteil. Ein grüner Politiker, der nach dem Abitur den Kriegsdienst verweigert hat, schreibt über Korvetten mit Marschflugkörpern, über die Nordflotte auf der Kola-Halbinsel, über die Unterwasserdrohne Poseidon und den GIUK-Gap, die Engstelle zwischen Grönland, Island und Großbritannien. Er vergleicht Kampfeisbrecher, erklärt, warum das schmelzende Eis russischen U-Booten ihr Versteck nimmt, und beschreibt den Drohnenkrieg als neue Waffengattung, die er in der Ukraine gesehen hat.
Habeck erzählt, wie er 2021 nach einem Frontbesuch im Donbas als Erster Defensivwaffen für die Ukraine forderte und dafür parteiübergreifend Prügel bezog. Diese Wandlung ist im Buch präsent, ohne Bekenntnisdrama. Hier schreibt einer, der sich Wissen angeeignet hat, weil er es brauchte. Sein Vorschlag am Ende dieses Teils: eine Genfer Konvention 2.0 für Drohnen und künstliche Intelligenz, verhandelt vor dem nächsten Krieg statt danach.
Trump will Grönland, weil er Amerika wörtlich groß machen will
Den Schlüssel zu Trump findet Habeck weder in Rohstoffen noch in Militärbasen, obwohl er beides ernst nimmt. Er erzählt drei Geschichten. Trumps alter Studienfreund Ronald Lauder will mit grönländischem Schmelzwasser Geschäfte machen. Die Praxis-Investoren um Peter Thiel träumen von einem Sparta für „Krieger-Könige„. Und „Manifest Destiny“, die Idee des 19. Jahrhunderts, Amerika sei von Gott zur Ausdehnung bestimmt, hat Trump in seiner Antrittsrede ausdrücklich beschworen.
Habeck nimmt ihn beim Wort: Trump will die größte Insel der Welt, weil er Amerika im Wörtlichen groß machen will. Rohstoffe kann man teilen, Alleinherrschaftsansprüche nicht. Deshalb, so Habeck, seien die Konflikte in der Arktis gefährlicher, als ihre materielle Grundlage hergibt.
Dem setzt er ein Denkmodell aus seiner eigenen politischen Praxis entgegen. Geht es einer Seite darum, Zugang zu bekommen, oder darum, anderen den Zugang zu verwehren? Zugangskonflikte lassen sich lösen, Verweigerungskonflikte kaum. Russland und Trumps Amerika verweigern, China will Zugang.
Darin sieht Habeck den Hebel für eine „europäische Arktis", eine Achse der Demokratien mit Norwegen, Island, Grönland, Großbritannien und Kanada. Sein Vorschlag, grönländische Rohstoffe über Differenzverträge bewusst teurer einzukaufen als chinesische, ist konkret genug, um darüber zu streiten.
Wer die Arktis für eine Randnotiz hielt, bekommt hier den Überblick
„Arctic Meltdown" richtet sich an Leser, die die Arktis bisher als Randnotiz wahrgenommen haben und verstehen wollen, warum sie das nicht mehr ist. Auf 416 Seiten, ein gutes Sechstel davon Anmerkungen und Literatur, bekommt man einen Überblick über Klimaphysik, Seerecht, russische Propaganda, chinesische Handelsstrategie und amerikanische Geschichte, jeweils so weit, dass man weiß, wo man vertiefen möchte. Der Anmerkungsapparat hilft dabei. Wer beruflich in der Arktisforschung oder der Sicherheitspolitik steckt, findet wenig Neues, aber eine Zusammenschau, die es in dieser Form nicht gab. Für alle anderen ist das Buch Bildung im besten Sinn: Es macht neugierig und verbindet, was man bisher getrennt gedacht hat.
Habeck bleibt dabei Politiker. Das Buch enthält seine Sicht auf die Gasfalle von 2022, auf Merkels Minsk-Interpretation, auf den Cosco-Streit mit Scholz. Man kann das als Rechtfertigung lesen oder als das, was es auch ist: die Perspektive eines Insiders, der im Ministerium Rauschboxen für Handys anschaffen ließ und auf dunklen Bundestagsfluren mit amerikanischen Sicherheitsberatern auf und ab ging. Diese Perspektive hat sonst niemand, der über die Arktis schreibt.
Der Schluss führt zurück zum Anfang: Wenn das ewige Eis nicht ewig ist, was bedeutet dann Ewigkeit? Habeck fragt, ob die Krise der liberalen Demokratie und die beschleunigte Erwärmung seit 2015 zusammenhängen, ob der Kipppunkt der Demokratie mit dem Kipppunkt des Klimas zusammenfällt. Er beantwortet die Frage nicht, aber er hält an der Idee einer gestaltbaren Zukunft fest. Wer den Glauben an eine bessere Zukunft verliert, wählt die Vergangenheit. Diesen Satz nimmt man aus dem Buch mit.
| Vorschau | Produkt | Preis | |
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Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt |
26,00 EUR |
Robert Habeck: Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 416 Seiten, Hardcover mit zahlreichen Abbildungen, ca. 26 Euro. Das Buch gibt es auch als Kindle-E-Book und als Hörbuch. Weitere Bücher-Empfehlungen in unserer Übersicht Klimabücher: die besten Empfehlungen.
Häufige Fragen zu Arctic Meltdown
Worum geht es in „Arctic Meltdown" von Robert Habeck?
Das Buch beschreibt, wie das schmelzende Eis die Arktis vom Rand der Welt in ihr Zentrum rückt. Habeck verbindet Klimaphysik, die Kolonialgeschichte Grönlands, russische Propaganda, Chinas Handelsstrategie und Trumps Anspruch auf Grönland zu einer Momentaufnahme des Jahres 2026.
Wann erscheint „Arctic Meltdown" und in welchen Ausgaben?
Das Buch erscheint am 1. Oktober 2026 bei Kiepenheuer & Witsch als Hardcover mit 416 Seiten und zahlreichen Abbildungen, als E-Book und als Hörbuch. Der Ladenpreis liegt bei rund 26 Euro.
Was hat „Arctic Meltdown" mit der Energiewende zu tun?
Habeck liest den Irankrieg und die Sperrung der Straße von Hormus als Ende der Verlässlichkeit fossiler Weltmärkte. Elektrifizierung und heimische Erneuerbare werden für ihn zur Sicherheitsfrage, und Norwegens CCS-Projekt Northern Lights hält er für die Lebensversicherung eines fossilen Geschäftsmodells.
QUELLEN
- Robert Habeck: Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1. Oktober 2026 (Rezensionsexemplar des Verlags).
- Kiepenheuer & Witsch: Arctic Meltdown, Verlagsseite mit Eckdaten zum Buch, abgerufen im September 2026.
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