Energiewende gescheitert? Dieser NZZ-Artikel beweist es nicht

DISRUPTION · 10. JUNI 2026

Die Disruption des Dampfschiffs: Warum die Energiewende nicht gescheitert ist

Die NZZ erklärt, Deutschlands Energiewende sie die „Abkehr von der Moderne“. Als Kronzeugen wählt Malte Fischer ausgerechnet das Dampfschiff, das Lehrbuchbeispiel der Disruptionsforschung. Wer die Geschichte zu Ende erzählt, zieht einen ganz anderen Schluss.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


Energiewende gescheitert, Wohlstand zerstört, Abkehr von der Moderne: Das ist die Diagnose, die Malte Fischer in der NZZ-Kolumne „Der andere Blick" vom 5. Juni 2026 stellt. Die Transformation sei ein ideologisches Degrowth-Programm, das die Marktwirtschaft aushebele. Das ist eine These, und Fischer baut sie auf einem einzigen historischen Bild auf.

Die Moderne, so Fischer, habe den Menschen von den Launen der Natur emanzipiert. Seeleute mussten nicht mehr auf Wind warten, sondern konnten „das Dampfschiff besteigen, das sie auch bei Flauten an ihr Ziel brachte". Wer heute Wäsche wasche, wenn der Wind weht, trete dagegen eine Zeitreise in die Vormoderne an.

Es ist ein starkes Bild. Es hat nur einen Haken: Fischer erzählt die Geschichte des Dampfschiffs lediglich zur Hälfte. Die ganze Geschichte steht seit 1997 in einem der meistzitierten Wirtschaftsbücher überhaupt, und sie handelt nicht vom Triumph der Etablierten, sondern von ihrem Untergang.

Die Disruption des Dampfschiffs

Clayton Christensen, Harvard-Ökonom und Begründer der Disruptionstheorie, hat das Dampfschiff in „The Innovator's Dilemma" als Fallstudie seziert. Die ersten Dampfschiffe waren der etablierten Technologie hoffnungslos unterlegen: unzuverlässig, teuer, mit lächerlicher Reichweite. Für die Königsdisziplin, die Transatlantik-Route, kamen sie jahrzehntelang nicht infrage.

Also wuchsen sie in einer Nische, auf Flüssen und Binnengewässern, wo Unabhängigkeit vom Wind mehr zählte als Reichweite. Die Hersteller der Segelschiffe schauten zu und entschieden sich rational: Ihre Kunden, die Ozean-Reeder, brauchten keinen Dampf. Christensen zeigt, dass keine Dummheit die Segelschiffbauer scheitern ließ, sondern die Logik ihres eigenen Bestandsgeschäfts.

Die alte Technologie erlebte derweil ihre glanzvollste Phase. Die Klipper der 1850er- und 1860er-Jahre waren die besten Segelschiffe, die je gebaut wurden, schneller und eleganter als alles zuvor. Der Höhepunkt einer Technologie und ihr Ende lagen kaum eine Generation auseinander.

Wer heute durch die Wirtschaftsteile blättert, erlebt die publizistische Klipper-Ära des fossilen Systems: Gas wird zur Brückentechnologie geadelt, die Atomkraft zur verkannten Zukunft erklärt, der Verbrenner zur Ingenieurskunst ohne Alternative. Je lauter das Lob der alten Technologie, desto näher ist erfahrungsgemäß ihr Ende. Die schönsten Segel wurden genäht, als die Werften längst verloren hatten.

Dazwischen lag eine Übergangsphase, die heute verblüffend bekannt vorkommt: Hybridschiffe, Dampfmaschinen mit Segeln als Backup, weil der Dampfantrieb alleine noch nicht zuverlässig genug war. Dann verbesserte sich die neue Technologie entlang ihrer eigenen Lernkurve, übernahm Route um Route, und am Ende überlebte kein einziger Hersteller von Transatlantik-Segelschiffen den Wechsel ins 20. Jahrhundert.

Wie radikal dieser Wechsel war, führte ein einzelnes Schiff vor. Am 26. Juni 1897 schob sich Charles Parsons mit seiner Turbinia ungebeten zwischen die Reihen der Royal Navy, die bei Spithead zum Diamantjubiläum von Königin Victoria aufgefahren war. Während die Flotte der etablierten Kolbendampftechnik vor Anker lag, raste das schmale Boot mit der neuen Dampfturbine an Bord mit 34 Knoten an ihr vorbei, schneller als jedes Kriegsschiff der Welt. Acht Jahre später beschloss die Admiralität, alle künftigen Schiffe mit Turbinen auszurüsten; 1906 lief mit der Dreadnought das erste Turbinen-Schlachtschiff vom Stapel. Das Dampfschiff, das Fischer als Symbol der Beharrung aufruft, war selbst der Angreifer, der die jeweils etablierte Technik aus dem Wasser fuhr, erst die Segler, dann die Kolbenmaschine.

Dieses Muster trägt einen Namen, das Dilemma der Innovation, und es ist der Grund, warum Marktführer Disruptionen so zuverlässig verschlafen.

Wer heute Segel näht

Photovoltaik begann in Satelliten und Taschenrechnern, Lithium-Batterien in Camcordern, Elektroautos als Spielzeug für Reiche. Alles Nischen, alles belächelt. Seitdem fallen die Kosten dieser Technologien mit jeder Verdopplung der Produktionsmenge um einen weitgehend konstanten Prozentsatz, Jahrzehnt um Jahrzehnt, während Kohle, Gas und Öl als Rohstoffe keine Lernkurve kennen.

Die solare Disruption wird ebenso wie die Disruption des Dampfschiffs falsch prognostiziert
Falsche Prognosen wie diese sind typisch für disruptive Innovationen.

Wie eine Welt aussieht, die das verstanden hat, ließ sich in den Monaten nach der Hormus-Krise besichtigen. Indien stoppte den Zubau von Gaskraftwerken und stockte stattdessen sein Speicherziel für 2026 um 40 Prozent auf. Vietnam schrieb Dach-Photovoltaik für die Hälfte aller Dächer vor, Thailand verdoppelte sein Erneuerbaren-Ziel und stoppte geplante LNG-Häfen, Indonesien verbot Dieselgeneratoren.

Die Denkfabrik Ember hat diese Reaktion in ihrer Analyse „The New Twin Fossil Shock" historisch eingeordnet: Auf die Ölpreisschocks der 1970er antwortete die Welt mit einem strukturellen Umbau, und auf die fossilen Doppelschocks der 2020er, die Gaskrise 2022 und Hormus 2026, antwortet sie mit Elektrifizierung. Der Ökonom und Aufsichtsrat Dirk Specht, der diese Notprogramme auf seiner Asienreise dokumentiert hat, hält der deutschen Politik aus LNG-Ausbau und gedämpftem Erneuerbaren-Zubau entgegen: „Für jedes Jahr dieser Politik verlieren wir fünf Jahre Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit!"

Der Unterschied zwischen beiden Welten lässt sich auf eine Formel bringen: Das fossile System verkauft Abhängigkeit im Abo, die Brennstoffrechnung kommt jeden Monat wieder. Elektrotechnologien kauft man einmal, danach liefern Sonne und Wind ohne Rechnung. Es ist der Abschied vom Zeitalter der Extraktion, und er findet statt, ob Deutschland mitmacht oder nur zuschaut.

Energiewende gescheitert? Die Rechnung, die nicht aufgeht

Vor diesem Hintergrund lohnt der Blick auf Fischers Belege für die These "Energiewende gescheitert". Kein anderes Land in Europa stoße mehr Treibhausgase aus als Deutschland, schreibt er. Das stimmt, und es ist trivial: Deutschland ist die größte Volkswirtschaft mit der größten Bevölkerung des Kontinents.

Was in seinem Text fehlt: Deutschland hat seine Emissionen seit 1990 nahezu halbiert, nach Daten des Umweltbundesamts lagen sie 2024 rund 48 Prozent unter dem Ausgangswert. Ein Land, das bei wachsender Wirtschaftsleistung die Hälfte seiner CO₂-Last abgebaut hat, als gescheitert zu führen, funktioniert nur, wenn man diese Zahl weglässt. Das Muster ist immer dasselbe: ein reales Faktum, vom Kontext befreit, mündet in einen falschen Schluss und eine politische Forderung.

Gleiches Muster bei den Strompreisen. Deutscher Strom ist teuer, das bestreitet niemand. Nur setzt an der Börse in den meisten Stunden das teuerste laufende Kraftwerk den Preis, und das ist das Gaskraftwerk: Der Preisschock von 2022 war ein fossiler Schock, der von 2026 ist es wieder. Knapp war in dieser Dekade nie die Sonne, knapp war Gas.

Fischers „Bewirtschaftung selbstverursachter Knappheiten" beschreibt präzise den Markt, den er verteidigt.

Auch die Deindustrialisierung hat ein Datum. Die Produktionsverluste der energieintensiven Industrie begannen mit dem Gaspreisschock nach Russlands Angriff auf die Ukraine, nicht mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik in Oxford, hat mit Kolleg*innen über 1600 Szenarien ausgewertet und kommt zum Ergebnis, dass rund 90 Prozent der industriellen Prozesswärme schon heute elektrifizierbar wären.

Jede elektrifizierte Einheit, argumentiert er, lässt sich von keiner Pipeline und keiner Meerenge mehr erpressen. Seine Frage an die Industrie: „Wie oft muss der Alarm noch losgehen, bevor wir das System ändern?"

Bleiben die Gaskraftwerke, für Fischer der Beweis des Scheiterns, weil Gas die teuerste Art sei, Strom zu erzeugen. Das stimmt, und genau deshalb sollen diese Kraftwerke künftig nur wenige hundert Stunden im Jahr laufen, als Reserve für die seltenen Lücken der Dunkelflaute. Es sind die Hybridschiffe dieser Transformation: Segel als Backup für den Dampf damals, Gasturbinen als Backup für Sonne, Wind und Speicher heute.

Dass Banken weltweit zögern, neue Gaskraftwerke zu finanzieren, während Batteriespeicher boomen, zeigt, wie kurz diese Übergangsphase werden dürfte. Kein Scheitern, sondern das klassische Muster jeder Disruption.

Fischers Degrowth-Vorwurf schließlich stützt sich auf eine DIHK-Rechnung, wonach das Energieeffizienzgesetz nur durch ein um neun Prozent schrumpfendes BIP erfüllbar sei. Die Rechnung friert die Energieproduktivität auf heutigem Stand ein, dabei ist deren Steigerung der Kern der Elektrifizierung: Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis fünf Kilowattstunden Wärme, ein E-Auto fährt mit einem Bruchteil der Endenergie eines Verbrenners.

Wer Endenergie senkt, senkt nicht den Wohlstand, sondern die Verschwendung. Und dass ein Zitat der kanadischen Aktivistin Naomi Klein als Beleg für die Motive deutscher Energiepolitik herhalten muss, sagt mehr über die Beweisnot des Autors als über die Energiewende.

Abkehr von der Moderne? Im Gegenteil

Fischer hat recht mit seiner Definition: Die Moderne ist die Emanzipation von den Zwängen der Natur. Das Dampfschiff war ein Schritt auf diesem Weg, aber es tauschte den Wind gegen die Kohlerechnung. Seitdem zahlt, wer fährt, und zwar an den, der den Brennstoff hat.

Photovoltaik, Speicher und Elektromotoren sind die nächste Stufe dieser Emanzipation: Maschinen, die man einmal kauft und deren Brennstoff danach niemand mehr in Rechnung stellt, keine Förderländer, keine Tanker, keine Meerengen. Wer im Jahr 2026 von Moderne spricht und Brennstoffkessel meint, hat die Richtung des Fortschritts verwechselt.

Die eigentliche Planwirtschaft betreibt, wer den fossilen Bestand per Ministerentscheid gegen fallende Kostenkurven konservieren will.

Auch die Wäsche, Fischers Lieblingsbeispiel, wartet in diesem System auf niemanden. Sie startet, wenn der Börsenstrompreis seinen Tagestiefpunkt erreicht, entschieden von Software in Sekundenbruchteilen, nicht vom Blick in den Himmel. Vormodern war das Warten auf den Wind; modern ist der Algorithmus, der ihn zu Geld macht. Dass ein Wirtschaftsredaktor automatisierte Preisarbitrage für eine Zeitreise in die Vergangenheit hält, ist die vielleicht unfreiwilligste Komik dieses Textes.

So bleibt vom NZZ-Text vor allem ein unfreiwillig treffendes Bild. Da steht einer an der Reling des Segelschiffs, bewundert die frisch genähten Klipper-Segel und hält den Qualm am Horizont für den Untergang der Schifffahrt. Die Geschichte hat über solche Beobachter bereits einmal geurteilt: Von ihren Werften hat keine einzige überlebt.

QUELLEN

3dad5900eecb4398842ade4ea18a99ef
  1. NZZ (Malte Fischer, 05.06.2026): Deutschlands Energiewende ist eine Abkehr von der Moderne
  2. Clayton M. Christensen (1997): The Innovator's Dilemma, Harvard Business School Press
  3. Dirk Specht (Substack, 15.04.2026): Der 2020er Fossilpreisschock muss logische Folgen haben
  4. Cleanthinking auf Steady (Martin Jendrischik): Die Zwillingsschocks - Warum die 2020er die Energiewelt stärker verändern als die 1970er (zur Ember-Analyse „The New Twin Fossil Shock")
  5. ingenieur.de (22.04.2026): Oxford-Analyse: 90 % der Industrie könnte längst elektrifiziert sein
  6. Umweltbundesamt: Treibhausgas-Emissionen in Deutschland
  7. Geladen - der Batteriepodcast (Januar 2026): Batterien vs. Gaskraftwerke: Der weltweite Wettbewerb beginnt gerade
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x