WÄRMEWENDE · 10. JUNI 2026
VaillantQuote für grüne Gase im GModG: Wenn die Energiebranche gegen sich selbst kämpft
Morgen bringt die Koalition das Gebäudemodernisierungsgesetz in erster Lesung in den Bundestag. Die Quote für grüne Gase, die darin steckt, hat eine Debatte ausgelöst, die niemand so erwartet hatte: Die Energiebranche ist zerstritten. Eon und Uniper stehen auf verschiedenen Seiten. Wer gewinnt, entscheidet, wie Deutschland in zwanzig Jahren heizt.
Eigentlich sollte es ein Branchenkonsens sein. Eine Quote, die Gasversorger verpflichtet, einen wachsenden Anteil nachhaltiger Brennstoffe ins Netz einzuspeisen. Biomethan, Wasserstoff, synthetisches Methan. Klingt nach technologischer Offenheit, klingt nach Kompromiss. Kurz bevor der Bundestag morgen in erster Lesung darüber verhandelt, liegt ein anderes Bild vor: Die Branche, die am meisten von einer Grüngasquote profitieren könnte, streitet öffentlich über sie.
Das Handelsblatt hat kürzlich eine Erklärung von mehr als 20 Energieunternehmen veröffentlicht, die sich für die Grüngasquote aussprechen. Zu den Unterzeichnern gehören Uniper, Sefe, der Stadtwerkeverbund Thüga und der Biogasproduzent Verbio. Die Quote für grüne Gase sei „richtig und notwendig”, heißt es darin.
Wenige Tage zuvor hatte Eon zusammen mit dem Regionalversorger EWE und der Deutschen Umwelthilfe das genaue Gegenteil erklärt: Die Grüngasquote berge „erhebliche Risiken bei begrenztem Zusatznutzen”. Auf sie solle verzichtet werden.
Zwei Lager, beide aus der Energiewirtschaft, beide mit nachvollziehbaren Argumenten. Der Streit erklärt sich allerdings nicht aus dem Klimaschutz, sondern aus den Geschäftsmodellen.
Was die Quote für grüne Gase praktisch bedeutet
Die Grüngasquote, wie sie die Koalition ab morgen ins parlamentarische Verfahren bringt, verpflichtet Gas- und Ölhändler, ab 2028 einen wachsenden Anteil nachhaltiger Energieträger in ihren Liefermengen nachzuweisen. Sie starten mit bis zu einem Prozent. Die Quote für grüne Gase im Heizungskeller soll stetig steigen. Wer sie nicht erfüllt, zahlt eine Ausgleichsabgabe. Mehr zur Grüngasquote gibt es auch hier.
Für Hausbesitzer mit Gasheizung ändert sich zunächst nichts Sichtbares. Kein Umbau, kein Handwerker, keine Frist. Das ist politisch der Kern des Versprechens: Die Verantwortung für Klimaschutz im Gebäudesektor wird von den Eigentümern auf die Lieferkette verlagert. Statt 65 Prozent erneuerbare Energie im Heizungskeller soll der Gaslieferant die Klimaarbeit übernehmen.
Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich an den Zahlen ablesen. Biogastarife mit einem Biomethananteil von 65 Prozent kosten laut einer aktuellen Verivox-Auswertung im Schnitt 14,7 Cent pro Kilowattstunde, konventionelles Erdgas 13,5 Cent. Das ist der heutige Aufpreis für einen vergleichsweise kleinen Grünanteil. Das Wuppertal Institut und das Institut der deutschen Wirtschaft rechnen vor, dass eine Grüngasquote die Gaspreise bis 2040 um bis zu 25 Prozent verteuern könnte.
Uniper will das Gasgeschäft retten. Eon setzt auf Strom.
Wer die Unterzeichner der Pro-Grüngasquote-Erklärung ansieht, erkennt das Muster schnell. Uniper ist Europas größter Gasimporteur, verwaltet Gasspeicher und betreibt Erdgasinfrastruktur. Sefe, früher Gazprom Germania, lebt als Importeur und Speicherbetreiber direkt vom Gasgeschäft. Verbio ist Deutschlands größter börsennotierter Biogasproduzent. Für alle diese Unternehmen ist die Grüngasquote keine Klimamaßnahme. Sie ist ein Markthochlauf-Instrument für ihr Kerngeschäft.
Eon hat seine Wachstumsstrategie längst auf die Stromseite verlagert. Der Konzern investiert massiv in Wärmepumpen, Wallboxen, Netzanschlüsse und Energiedienstleistungen, und betreibt zugleich über Töchter wie Westenergie weiter große Gasverteilnetze. Gerade deshalb hat die Position Gewicht: Zusammen mit EWE und der Deutschen Umwelthilfe argumentiert Eon, knappes Biomethan und nachhaltiger Wasserstoff sollten gezielt dort eingesetzt werden, wo Elektrifizierung technisch nicht oder nur zu sehr hohen Kosten möglich ist, also in der Industrie und in schlecht sanierbaren Bestandsgebäuden.
Dass sich Eon nun auf dieselbe Seite wie die Deutsche Umwelthilfe stellt, hat in der Branche für Verwunderung gesorgt. Die DUH ist für ihre kritische Distanz zu Energiekonzernen bekannt. Doch die gemeinsame Erklärung hat eine sachliche Grundlage: Beide lehnen eine pauschale Quote ab, die knappes grünes Gas gleichmäßig über alle Gasheizungen im Land verteilt, statt es zielgenau einzusetzen.
Die Menge, die fehlt
Die Befürworter der Quote haben ein zentrales Gegenargument: Die viel diskutierte Knappheit von klimafreundlichem Gas sei durch „komplexe Verhinderungsbürokratie” künstlich geschaffen worden. Das steht so in ihrer gemeinsamen Erklärung. Biomethan sei verfügbar, speicherbar, netzkompatibel.
Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Deutschland produziert rund 87 Terawattstunden Biogas pro Jahr, doch die Aufbereitung zu netzfähigem Biomethan belief sich 2024 auf etwa 10 Terawattstunden, dazu kamen 3,5 Terawattstunden Importe. Dem gegenüber steht ein Gesamtgasbedarf von rund 845 Terawattstunden. Biomethan deckt damit gut ein Prozent des deutschen Gasbedarfs. Diese Lücke lässt sich nicht wegregulieren, sie ist eine physische Grenze.
Beim Wasserstoff ist die Situation noch eindeutiger. Die Ampelregierung hatte bis 2030 den Aufbau von 10 Gigawatt Elektrolyseurkapazität angepeilt. Tatsächlich installiert sind laut dem Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln 0,181 Gigawatt. Weniger als zwei Prozent des Ziels. Die Grüngasquote würde in einer Welt gelten, in der die dafür notwendigen Rohstoffe schlicht nicht existieren.
DNR-Präsident Kai Niebert hat das auf den Begriff gebracht: Eine Grüngasquote im Wärmemarkt sei „ein klimapolitischer Irrweg und eine teure Scheinlösung, die die Klimaziele im Wärmebereich unmöglich mache”. Hinter dieser Aussage stehen BUND, Deutsche Umwelthilfe, Gaswende, Greenpeace, NABU, Umweltinstitut München und WWF Deutschland.
Wärmewende trotz politischer Unsicherheit
Was an diesem Streit besonders auffällt: Die Wärmewende läuft längst. Laut BDH-Absatzzahlen wurden 2025 erstmals mehr Wärmepumpen als Gaskessel verkauft, 299.000 Geräte, ein Plus von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtmarkt für Wärmeerzeuger schrumpfte gleichzeitig um weitere 12 Prozent. Haushalte und Handwerker haben entschieden, ohne auf die Politik zu warten.
Stefan Bolln, Energieberater und Bundesvorsitzender des Energieberatendenverbands GIH, hat das Szenario für Hausbesitzer beschrieben, die auf die Grüngasquote setzen: Die Quote würde Eigentümern kurzfristig Luft verschaffen, weil sie zunächst keine teuren Umbaumaßnahmen angehen müssten. Dann käme es aber „knüppeldick”. Denn bei steigenden Gaspreisen durch die Quote rechnet sich die Wärmepumpe umso schneller.
Die Grüngasquote verschiebt die Kosten nicht. Sie verschiebt nur den Zeitpunkt, an dem Hausbesitzer damit konfrontiert werden, in eine Phase, in der die Förderkulissen möglicherweise schlechter sind und die Preise höher.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich für diesen Ansatz empfänglich gezeigt. Noch als Chefin der Eon-Tochter Westenergie hatte sie dafür plädiert, Privathäuser mit grünem Wasserstoff zu beheizen. Dass ausgerechnet ihr früherer Arbeitgeber Eon jetzt auf der anderen Seite der Debatte steht, ist ein Hinweis darauf, dass sich in dieser Branche etwas verschoben hat, das mit Klimaschutz nur am Rande zu tun hat.
Was morgen im Bundestag entschieden wird
Es gibt auch eine juristische Dimension. Ein von Greenpeace und Gaswende beauftragtes Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass eine Absenkung der 65-Prozent-Vorgabe gegen das Grundgesetz verstoßen könnte. Das Klimaschutzgebot und das vom Bundesverfassungsgericht formulierte Verschlechterungsverbot setzen der politischen Gestaltungsfreiheit Grenzen.
Eine mündliche Verhandlung beim Bundesverfassungsgericht zum GEG-Gesetzgebungsverfahren von 2023 war ursprünglich für den 24. Februar 2026 angesetzt, wurde jedoch verschoben und steht noch aus.
Die erste Lesung ist noch keine Abstimmung. Das Gebäudemodernisierungsgesetz geht nach der ersten Lesung am 11. Juni in die Ausschussberatungen. Aber die erste Lesung zeigt, mit welchen Argumenten die Koalitionsfraktionen in die Öffentlichkeit gehen wollen. In den Eckpunkten der Regierungsfraktionen heißt es, die Grüngasquote „stärkt unsere Unabhängigkeit von Energieimporten, nutzt heimische Potenziale und trägt systematisch zur Treibhausgasminderung im Gebäudebestand bei”.
Die Aussage ist unvollständig. Sie verschweigt, dass Biomethan heute gut ein Prozent des Gasbedarfs deckt, und dass grünes Gas bereits heute deutlich teurer ist als Erdgas.
Die Grüngasquote ist kein technologieoffener Kompromiss. Sie ist die politische Antwort auf Lobbyarbeit einer Branche, die ihr Kerngeschäft retten will. Dass sich diese Branche nicht einmal einig ist, ob die Quote das Richtige ist, sollte im Parlament gehört werden.
QUELLEN
- Handelsblatt: Eon versus Uniper: Grüngasquote entzweit die Energiebranche, 10. Juni 2026
- Deutscher Naturschutzring (DNR): Positionspapier zur Grüngasquote im Wärmesektor, Februar 2026
- Wuppertal Institut / IW Köln: Analyse zur Kostenentwicklung bei Einführung einer Grüngasquote, 2025/2026
- Verivox: Preisvergleich Biogastarife vs. Erdgas-Grundversorgung, 2026
- Energiewirtschaftliches Institut (EWI), Universität Köln: Daten zur Elektrolyseurkapazität in Deutschland, 2026
- Greenpeace / Gaswende: Rechtsgutachten zur Verfassungsmäßigkeit der GEG-Absenkung, 2026