Köln erhält Europas größte Flusswasser-Wärmepumpe

KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · 10. JUNI 2026

Flusswasser-Wärmepumpe: Köln erhält die größte Anlage Europas

In Köln-Niehl hat die Hauptbauphase für eine 150-Megawatt-Wärmepumpe begonnen, die dem Rhein Wärme für 50.000 Haushalte entzieht. Hinter dem Projekt von RheinEnergie steht mit Everllence die frühere MAN Energy Solutions. Es zeigt: Die kommunale Wärmeplanung schreitet gut voran - insbesondere in den deutschen Metropolen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Köln bekommt die größte Flusswasser-Wärmepumpe Europas: Am Kraftwerksstandort Niehl haben die Hauptbauarbeiten für die 150-Megawatt-Anlage begonnen, wie Generalunternehmer Everllence heute mitteilt. Ab 2028 soll sie rund 50.000 Haushalte mit klimaneutraler Fernwärme versorgen und dabei jährlich etwa 100.000 Tonnen CO₂ einsparen. Auftraggeber ist der Kölner Versorger RheinEnergie, der damit das bislang ehrgeizigste Einzelprojekt seiner Wärmewende umsetzt.

Während in Niehl nun Gebäude und technische Infrastruktur entstehen, läuft die Fertigung der Kernkomponenten bereits auf Hochtouren: Die Getriebe entstehen in Berlin, gebaut und montiert werden die drei Getriebekompressoren in Oberhausen. Alle wesentlichen Genehmigungen liegen nach Unternehmensangaben vor.

So funktioniert die Flusswasser-Wärmepumpe am Rhein

Das Prinzip gleicht der Wärmepumpe im Eigenheim, nur um Größenordnungen skaliert: Die Anlage entzieht dem Rheinwasser Wärme und hebt sie mit Strom auf das Temperaturniveau des Fernwärmenetzes. Der Fluss ist dafür eine nahezu unerschöpfliche Quelle, denn selbst im Winter transportiert der Rhein gewaltige Mengen thermischer Energie an Köln vorbei. Aus jeder eingesetzten Kilowattstunde Strom wird so ein Mehrfaches an nutzbarer Wärme.

Technisch besteht das System aus drei Großwärmepumpen-Modulen mit jeweils 50 Megawatt Heizleistung. Als Kältemittel zirkuliert Ammoniak in einem geschlossenen Kreislauf, ein natürlicher Stoff ohne Treibhauspotenzial, der synthetische F-Gase überflüssig macht. Herzstück jedes Moduls ist ein Getriebekompressor aus deutscher Fertigung. Ein digitales Servicepaket überwacht die Betriebsdaten in Echtzeit und soll die Anlage über Jahrzehnte effizient halten.

Everllence: Neuer Name, 250 Jahre Industriegeschichte

Hinter dem sperrigen Namen Everllence verbirgt sich ein Konzern, den in Deutschland jeder kennt: die frühere MAN Energy Solutions, bis 2018 MAN Diesel & Turbo. Das Augsburger Unternehmen mit rund 15.000 Beschäftigten, eine Volkswagen-Tochter, baute Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit Rudolf Diesel den ersten Dieselmotor der Welt. Seit Juni 2025 firmiert es unter dem Kunstnamen aus „ever" und „excellence", weil Schiffsmotoren längst nicht mehr das einzige Geschäft sind: Großwärmepumpen, CO₂-Abscheidung und Elektrolyseure sollen die Zukunft tragen.

Bei Großwärmepumpen können die Augsburger liefern, was in dieser Liga selten ist: Referenzen. Im dänischen Esbjerg versorgt eine Meerwasser-Wärmepumpe von Everllence bereits rund 100.000 Einwohner mit Fernwärme, in Aalborg entsteht derzeit eine noch größere Anlage mit 177 Megawatt. In Köln tritt das Unternehmen als Generalunternehmer auf und verantwortet das Projekt von der Planung bis zur Inbetriebnahme, rund 180 Beschäftigte haben bislang daran mitgewirkt.

Fernwärme ist der Hebel für den Gebäudebestand

Das Kölner Projekt trifft einen Nerv, den die heutigen Destatis-Zahlen zum Heizen im Neubau offenlegen: Während neue Einfamilienhäuser fast flächendeckend auf die eigene Wärmepumpe setzen, braucht der Geschosswohnungsbau und vor allem der Gebäudebestand andere Lösungen. Genau dort spielt klimaneutrale Fernwärme ihre Stärke aus, denn sie dekarbonisiert tausende Wohnungen auf einen Schlag, ohne dass Eigentümer einzeln investieren müssen.

Köln markiert dabei einen Maßstabssprung: Die Flusswärmepumpe in Mannheim, beim Start 2023 Deutschlands größte, leistet 20 Megawatt, auch Hamburgs große Abwasserwärmepumpe bleibt deutlich darunter. Mit 150 Megawatt zeigt Köln-Niehl, dass Flusswärme den Sprung vom Pilotprojekt zur Versorgungsinfrastruktur schafft.

Und die nächsten Großprojekte stehen bereits in der Pipeline, vor allem im Norden: Flensburg baut an der Förde eine 60-Megawatt-Meerwasser-Wärmepumpe, die 2027 ans Netz gehen und bis 2031 auf rund 120 Megawatt ausgebaut werden soll. Die Stadtwerke Kiel prüfen eine 30-Megawatt-Anlage am Küstenkraftwerk, und Hamburg plant Flusswärmepumpen als Baustein für den Ersatz des Kohlekraftwerks Tiefstack. Der Wettlauf um die Wärme aus Flüssen, Förden und Meeren hat begonnen, und der Rhein fließt schließlich auch an Düsseldorf, Duisburg und Mainz vorbei.

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