OPEC GEGEN IEA · 25. OKTOBER 2026

Wann die Welt Peak Oil bei der Nachfrage erreicht
Peak Oil hieß lange: Die Förderung stößt an geologische Grenzen. Heute fragen Analysten, ob die Welt weniger Öl verbraucht, bevor die Quellen versiegen. Internationale Energieagentur und Opec kommen zu gegensätzlichen Antworten.
Seit Mitte der 2020er-Jahre dreht sich die Frage um. Wer ein Elektroauto, einen E-Lkw oder eine Wärmepumpe kauft, braucht dafür kein Öl mehr. Die Opec erklärte im Juni 2026, bei der Nachfrage sei Peak Oil nicht in Sicht. Zwei Monate später hielt Chinas größter Ölkonzern Sinopec es für sehr wahrscheinlich, dass der Ölverbrauch der Volksrepublik 2025 seinen Gipfel überschritten hat.
Von der Antwort hängt ab, ob sich neue Ölfelder über Jahrzehnte bezahlt machen. Importländer wie Deutschland wiederum gewinnen, wenn sie weniger Öl einkaufen müssen. Förderländer, Autokonzerne und Netzbetreiber richten ihre Investitionen deshalb an der Frage nach Peak Oil aus.
Inhalt
Was M. King Hubbert 1956 über Peak Oil vorhersagte
Die Idee geht auf den US-Geologen M. King Hubbert zurück. Er sagte 1956 voraus, dass die USA Ende der 1960er- oder Anfang der 1970er-Jahre ihr Fördermaximum erreichen. Den Gipfel setzte er bei rund drei Milliarden Barrel Rohöl im Jahr an. Tatsächlich förderten die USA 1970 rund 3,2 Milliarden Barrel, so viel wie nie zuvor, wie eine Rückschau der American Association of Petroleum Geologists festhält.
Hubberts Glockenkurve wurde zur Vorlage für spätere Warnungen vor Peak Oil. Dieselbe Rückschau nennt seine Prognosen allerdings eindeutig zu pessimistisch. Mit horizontalen Bohrungen und Fracking erschlossen Ölfirmen dichte Gesteinsschichten, vor allem im Permian-Becken in Texas. 2018 förderten die USA laut US-Energiebehörde EIA im Schnitt 10,96 Millionen Barrel pro Tag und übertrafen damit erstmals den Rekord von 1970.
Peak Oil auf der Angebotsseite markiert deshalb keinen festen geologischen Punkt. Wie viel Öl als förderbar gilt, hängt von Technik und Preis ab. Selbst die Opec schätzt inzwischen, dass die US-Förderung von Schieferöl 2025 mit gut neun Millionen Barrel pro Tag ihren Höhepunkt erreicht hat. Danach erwartet sie in den USA bis 2030 nur noch geringes Wachstum und anschließend ein Plateau.
Was Peak Oil auf der Nachfrageseite bedeutet
Bei Peak Oil auf der Nachfrageseite erreicht der weltweite Ölverbrauch sein Maximum, obwohl die Lagerstätten weiter liefern könnten. Danach folgt ein langes Plateau oder ein Rückgang. Ob es so kommt, hängt an zwei Hebeln: sparsameren Motoren und dem Wechsel vom Tank zur Steckdose. Wer einen Verbrenner durch ein Elektrofahrzeug ersetzt, senkt den Bedarf für dessen gesamte Lebensdauer.
Der Ember-Stratege Kingsmill Bond begründet diesen Wechsel mit Physik, Ökonomie und Geopolitik. Elektrische Antriebe arbeiten nach seiner Rechnung rund dreimal effizienter als fossile. Die Familie aus Solarmodulen, Batterien und Elektromotoren fasst er unter dem Begriff Electrotech zusammen. Diese Technik wird mit jeder Verdopplung der Stückzahl billiger, während Öl als Brennstoff täglich neu gekauft werden muss.
Am schwersten lässt sich Öl dort ersetzen, wo es als Rohstoff dient oder hohe Energiedichte gefragt ist. Im Szenario geltender Politik sieht die Internationale Energieagentur (IEA) den Zuwachs bis 2050 deshalb vor allem bei Petrochemie, Luftfahrt und Lkw. Bei Pkw ist der Wechsel dagegen am weitesten fortgeschritten. Am Straßenverkehr lässt sich deshalb zuerst ablesen, wann der Verbrauch sinkt.
Wann IEA, Opec und bp den Höhepunkt erwarten
Die IEA rechnet im World Energy Outlook vom November 2025 mit zwei Pfaden. Im Szenario erklärter Politik (STEPS) pendelt sich der Ölverbrauch um 2030 bei 102 Millionen Barrel pro Tag ein und sinkt danach langsam. Schreibt man nur die bereits geltende Politik fort, wächst er bis 2050 auf 113 Millionen Barrel. Der Unterschied liegt vor allem beim Elektroauto. Im ersten Pfad stellen E-Autos 2035 mehr als die Hälfte der Neuwagen, im zweiten verharrt ihr Anteil nach 2035 bei rund 40 Prozent.
Im mittelfristigen Marktbericht Oil 2025 erwartet die IEA ein Plateau von rund 105,5 Millionen Barrel pro Tag gegen Ende des Jahrzehnts. Die Nachfrage nach Raffinerieprodukten wie Benzin und Diesel erreicht dort schon 2027 ihren Höhepunkt. Gleichzeitig wächst die weltweite Förderkapazität bis 2030 um 5,1 auf 114,7 Millionen Barrel pro Tag. Die Förderkapazität läge damit rund neun Millionen Barrel pro Tag über dem erwarteten Verbrauch. Nach Peak Oil folgt in dieser Rechnung zunächst ein langes Plateau.
Die Opec hält dagegen. Ihr World Oil Outlook 2026 sieht den Verbrauch bis 2030 auf 113,3 und bis 2050 auf 124,1 Millionen Barrel pro Tag steigen. Den Zuwachs erwartet das Kartell außerhalb der Industriestaaten, dort um 26,9 Millionen Barrel bis 2050. Indien allein legt um 8,1 Millionen Barrel zu, während die OECD-Staaten fast acht Millionen Barrel weniger verbrauchen. Verbrenner stellen nach Opec-Rechnung 2050 noch rund 73 Prozent der weltweiten Fahrzeugflotte.
Opec-Generalsekretär Haitham Al Ghais erinnerte bei der Vorstellung im Juni 2026 selbst an die Grenzen solcher Ausblicke. Die erste Ausgabe von 2007 hatte für 2025 rund 110 Millionen Barrel pro Tag erwartet, tatsächlich waren es gut 105 Millionen.
Der britische Ölkonzern bp sieht im Energy Outlook 2025 den Verbrauch in diesem Jahrzehnt auf ein Plateau zulaufen und danach sinken. Die IEA in ihrem Szenario erklärter Politik und bp verorten Peak Oil damit um 2030, die Opec sieht ihn bis 2050 nicht.
| Ausblick und Szenario | Erwarteter Verlauf | 2030 | 2050 |
|---|---|---|---|
| IEA, erklärte Politik (STEPS) | Plateau um 2030, danach langsamer Rückgang | rund 102 | k. A. |
| IEA, geltende Politik (CPS) | Wachstum bis 2050 | k. A. | 113 |
| IEA, Oil 2025 (mittelfristig) | Plateau zum Ende des Jahrzehnts | rund 105,5 | k. A. |
| Opec, World Oil Outlook 2026 | kein Höhepunkt in Sicht | 113,3 | 124,1 |
| bp, Current Trajectory | Plateau in diesem Jahrzehnt, danach Rückgang | k. A. | knapp unter 85 |
| bp, Below 2° | früherer und steilerer Rückgang | k. A. | knapp unter 35 |
Warum Sinopec Peak Oil in China schon 2025 verortet
Einen frühen Hinweis liefert ausgerechnet ein Konzern, der vom Öl lebt. Sinopec meldete Ende August 2026 in seinen Halbjahreszahlen, dass Chinas Verbrauch an Raffinerieprodukten im ersten Halbjahr um 8,6 Prozent gesunken ist. Benzin verlor 7,9 Prozent, Diesel 11,5 Prozent. Als Grund nennt der Staatskonzern die beschleunigte Verdrängung durch neue Energien.
Konzernchef Hou Qijun hält es laut Semafor für sehr wahrscheinlich, dass Chinas Ölnachfrage 2025 ihren Höhepunkt erreicht hat. Selbst wenn sich der Konflikt zwischen den USA und Iran entspanne, werde der Verbrauch 2027 das Niveau von 2025 nicht erreichen. Das sagte er bei der Ergebnisvorstellung in Hongkong. Peking will den Öl- und Kohleverbrauch innerhalb des laufenden Fünfjahresplans bis 2030 deckeln. Sinopec setzt Peak Oil in China damit deutlich früher an als die Regierung.
Die IEA hatte in Oil 2025 bereits einen chinesischen Höhepunkt in diesem Jahrzehnt erwartet, mit einem Verbrauch 2030 nur knapp über dem Wert von 2024. Die Opec rechnet anders: In ihrem Ausblick steigt Chinas Bedarf von 16,9 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2025 auf 18,9 Millionen im Jahr 2035. Erst danach sinkt er bis 2050 auf 18,0 Millionen Barrel. In den Opec-Zahlen liegt Chinas Höchstwert damit um 2035, rund ein Jahrzehnt nach der Sinopec-Einschätzung.
Weltweit drückt der Iran-Krieg 2026 den Verbrauch. Die IEA erwartet in ihrem Ölmarktbericht vom Oktober 2026, dass der Verbrauch 2026 um 2,6 auf 102,4 Millionen Barrel pro Tag fällt. Als Gründe nennt sie knappe Ölprodukte, stark gestiegene Kraftstoffpreise und eine schwächere Wirtschaft. Auch nach einer Erholung liegt der Verbrauch 2027 nach IEA-Prognose noch 0,6 Prozent unter dem Wert von 2025.
Ob 2025 damit auch weltweit das Jahr von Peak Oil war, lässt sich erst in einigen Jahren beurteilen. Die Ölnachfrage 2026 schrumpft damit erstmals seit dem Coronajahr 2020. Nach früheren Krisen stieg der Verbrauch jeweils wieder an. Im Ölpreisschock 2026 wichen in China jedoch viele Pendler auf Elektrobusse, U-Bahnen und Elektrotaxis aus. Wer in der Krise ein Elektroauto kauft, braucht auch danach kein Benzin mehr.
Wie viel Öl sich mit Elektroautos und E-Lkw ersetzen lässt
Weltweit kauften Kundinnen und Kunden 2025 laut Global EV Outlook 2026 der IEA mehr als 20 Millionen Elektroautos, ein Viertel aller Neuwagen. In China lag der Anteil bei fast 55 Prozent. Weil weltweit inzwischen viele Millionen Elektrofahrzeuge fahren, verbrauchte die Welt 2025 rund 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag weniger. Bis 2030 dürfte sich dieser Wert laut IEA auf rund fünf Millionen Barrel verdreifachen.
Beim Diesel zählt der Güterverkehr. Hersteller verkauften 2025 mehr als doppelt so viele E-Lkw wie im Vorjahr, ihr Anteil am weltweiten Lkw-Absatz erreichte neun Prozent. In China war bereits jeder vierte neu verkaufte Lkw elektrisch. Nach geltender Politik erwartet die IEA 2035 weltweit mindestens 20 Prozent E-Lkw bei den Verkäufen, in China 60 Prozent. Wie Spediteure auf teuren Diesel mit E-Lkw antworten, zeigt der Rekordabsatz 2026.
Für Peak Oil zählen damit weniger die Bohrtürme als die Batteriefabriken. Die Prüfgesellschaft DNV rechnet damit, dass sich die Ölnachfrage im Verkehr bis 2050 halbiert. In Preiskrisen steigen Käufer schneller um, so auch beim Ölpreis von 100 Dollar, als E-Autos und Wärmepumpen spürbar gefragter wurden.
Ob Peak Oil um 2030 kommt oder erst Jahrzehnte später, hängt vor allem an Indien, dem übrigen Asien, dem Nahen Osten und Afrika. Zusammen legen diese Regionen in der Opec-Rechnung bis 2050 um gut 22 Millionen Barrel pro Tag zu. Den größten Einzelposten stellt in der Opec-Rechnung weltweit der Straßenverkehr mit 5,7 Millionen Barrel pro Tag Zuwachs bis 2050. Je billiger chinesische Batterien und Elektromotoren werden, desto öfter fällt die Wahl der Käufer dort auf ein elektrisches Fahrzeug.
QUELLEN
- Opec: Launch of the World Oil Outlook 2026, Rede von Generalsekretär Haitham Al Ghais, 18. Juni 2026.
- Opec: OPEC launches World Oil Outlook 2026 and sees global oil demand reaching 124 mb/d by 2050, 18. Juni 2026.