traceless materials ©Jonas WalterNEUE INDUSTRIE
traceless materials eröffnet weltweit erste Fabrik für natürlichen Plastikersatz
In Hamburg-Harburg produziert das Bioökonomie-Scaleup jetzt 3.000 Tonnen Naturpolymer-Granulat pro Jahr.
Das Hamburger Cleantech-Unternehmen traceless materials hat am 13. Mai 2026 seine erste industrielle Produktionsanlage eröffnet. In einer ehemaligen Großbäckerei in Hamburg-Harburg verarbeitet die vollautomatische Anlage pflanzliche Reststoffe der Agrarindustrie zu einem Granulat, das konventionellen Kunststoff ersetzen kann. Es ist die weltweit erste Fabrik, die thermoplastische Naturpolymere im großtechnischen Maßstab produziert.
Das Investitionsvolumen liegt bei mehr als 20 Millionen Euro, davon gut 5,1 Millionen Euro Förderung aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundes.
Die Zahlen hinter dem Plastik-Problem, das traceless lösen will, sind gewaltig: Auf die Herstellung von Plastik entfallen 3,4 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Jede Minute landet eine Lkw-Ladung Kunststoff in den Ozeanen. Das patentierte Extraktionsverfahren von traceless gewinnt Naturpolymere aus Getreideresten, ohne deren chemische Struktur zu verändern.
Das Ergebnis: ein Granulat, das biobasiert und per Definition kein Plastik ist. Im Vergleich zu herkömmlichem Kunststoff spart die Herstellung und Entsorgung laut Lebenszyklusanalyse 91 Prozent CO₂-Emissionen.
Vom Kuchenteig zum Industrieprodukt
Der Weg zur industriellen Reife war lang. Wie mühsam die Entwicklung tatsächlich war, brachte Marko Bill Schuster, Produktionschef des Verpackungsherstellers Mondi, bei der Eröffnung auf den Punkt: Nach zwei Jahren habe man erstmals das Gefühl gehabt, es könne klappen. Vorher sei das Material eher wie ein Kuchenteig gewesen. Ein weiteres Jahr habe es gedauert, bis die Haftung zwischen dem Polymer und Papier funktioniert habe. Mittlerweile bestätige er eine sehr hohe Reife für die Industrieproduktion.
Das entscheidende Merkmal der Technologie: Die thermoplastischen Eigenschaften des Granulats erlauben eine Weiterverarbeitung auf existierenden Standardmaschinen der Kunststoffindustrie. Verpackungshersteller müssen keine neuen Anlagen kaufen. Traceless zielt auf Anwendungen, in denen technisches Recycling schwierig ist oder Produkte leicht in die Umwelt gelangen: Einwegbesteck, Papierbeschichtungen für Tiefkühlkartons, flexible Folien für Lebensmittelverpackungen.
Der Onlinehändler OTTO kooperiert bereits bei Textiltüten, der Distributionspartner Biesterfeld nimmt das Granulat ins Sortiment.
Das Material verhält sich nach dem Gebrauch wie eine Orangenschale: Es zersetzt sich in natürlicher Umgebung innerhalb weniger Wochen, ohne Rückstände zu hinterlassen. Das begrenzt den Einsatz. Eine Ketchup-Flasche sei nicht der perfekte Anwendungsfall, räumt Gründerin Anne Lamp ein, weil der dauerhafte Kontakt mit Wasser zum Abbau führe. Riesiges Potenzial sieht das Unternehmen dagegen in Kaffeebechern, die heute noch mit konventionellem Kunststoff beschichtet werden und sich kaum recyceln lassen.
Schneiders Appell an die Banken
Zur Eröffnung reiste Bundesumweltminister Carsten Schneider nach Hamburg-Harburg und richtete einen bemerkenswert direkten Appell an die anwesenden Bankenvertreter: „Finanziert das!" Das Problem dahinter kennt jedes Deeptech-Startup in Europa: Wer weltweit erstmals eine Technologie in den industriellen Maßstab bringt, findet kaum klassische Bankkredite, weil es keine vergleichbaren Referenzanlagen gibt.
Die sogenannte FOAK-Lücke (First of a Kind) zwingt Gründer*innen dazu, Finanzierungen aus Venture Capital, öffentlicher Förderung und mutigen Bankpartnern zusammenzustückeln.
Traceless hat diese Hürde mit einer Kombination überwunden: 2023 schloss das Unternehmen eine Series-A-Runde über 36 Millionen Euro ab, angeführt von UB FIGG und SWEN Blue Ocean Fund. Dazu kamen Finanzierungspartner wie die GLS Bank und die Hamburger Sparkasse. Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank erinnerte bei der Eröffnung daran, dass sie der Gründerin Anne Lamp einst als Wissenschaftssenatorin einen 30.000-Euro-Scheck des Programms „Call for Transfer" überreicht habe. Ihr heutiges Versprechen an das Unternehmen: „Und ja, ich weiß, ihr braucht Strom."
Dreierspitze und prominenter Beirat
Die operative Führung von traceless liegt heute bei einer dreiköpfigen Geschäftsführung: Gründerin Dr. Anne Lamp als CEO sowie Sina Spingler und Jakob Röskamp. Mitgründerin Johanna Baare ist im vergangenen Jahr aus dem operativen Geschäft ausgeschieden. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile rund 120 Mitarbeitende. Als neue Beiratsvorsitzende konnte traceless Katrin Suder gewinnen, die zugleich Aufsichtsratsvorsitzende der DHL Group ist. Die Anlagentechnik wurde vollständig intern entwickelt, die seit 2022 betriebene Pilotanlage im niedersächsischen Buchholz soll an den neuen Standort umziehen.
Nächster Schritt: Bis zu 60.000 Tonnen bis 2030
Die 3.000 Tonnen Jahreskapazität der neuen Anlage sind angesichts von weltweit mehr als 500 Millionen Tonnen Plastikproduktion noch ein kleiner Beitrag. Traceless behandelt die Fabrik am Großmoorbogen deshalb als Demonstrationsanlage, in der die Großproduktion erprobt wird. In der Theorie sollen täglich zehn Tonnen Material vom Hof gefahren werden. Die Planung für den nächsten Schritt läuft bereits: Bis 2030 soll eine Anlage mit 40.000 bis 60.000 Tonnen Kapazität in Betrieb gehen. Regulatorischer Rückenwind kommt durch die Verschärfung des Verpackungsgesetzes im August 2026 und die laufende Debatte über eine Plastiksteuer in Deutschland.
Anne Lamp fasste bei der Eröffnung zusammen, was der Moment für sie bedeutet: „Wir geben den Startschuss für eine neue Materialindustrie." Ob das Versprechen in der Breite eingelöst werden kann, hängt vom erfolgreichen Hochfahren der Produktion in den kommenden Monaten ab. Die Pionierkunden stehen bereit, die Technologie ist industriell erprobt, die Folgeanlage in Planung. Traceless gehört damit zu den (wenigen) europäischen Deeptech-Startups, die den härtesten Schritt tatsächlich gegangen sind.