ENERGIEWENDE · 22. MAI 2026
Milliarden stehen auf dem Spiel: Offshore-Windkraft als Geisel der Ölmultis
TotalEnergies und BP haben 2023 Milliarden für Offshore-Windkraft-Flächen geboten, die sie jetzt nicht mehr entwickeln wollen. Der Branchenverband sucht einen Ausstiegsmechanismus. Und mitten in der Debatte dreht das fossile Lager die Erzählung so, dass die Konzerne fast wie Opfer aussehen.
Cleanthinking / KI-generiertIm Juni 2023 überraschten zwei Ölkonzerne die gesamte Windenergiebranche mit Rekordgeboten für Offshore-Windkraft. TotalEnergies und BP zahlten zusammen fast 7,5 Milliarden Euro, nur um Windparkflächen in der deutschen Nord- und Ostsee nutzen zu dürfen. Ohne garantierte Einspeisevergütung, ohne staatliche Absicherung, auf eigenes Risiko.
Drei Jahre später ist die Stimmung eine andere. TotalEnergies dringt in internen Sitzungen des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO) auf eine Möglichkeit zur freiwilligen Rückgabe der Flächen. BP hat sein Hamburger Büro laut Brancheninsidern weitgehend aufgelöst. NDR und Süddeutsche Zeitung haben die Entwicklung mit internen Dokumenten belegt.
Was auf den ersten Blick wie ein wirtschaftlicher Irrtum aussieht, ist in Wirklichkeit ein politisches Manöver. Die Ölmultis spielen Erpressung mit der deutschen Offshore-Windkraft. Und das Erschreckende ist: Es könnte funktionieren.
Kein Pech. Ein Muster.
Wer verstehen will, was hier passiert, muss auf die Aktionärsstrukturen der beteiligten Konzerne blicken. Bei BP haben Anteilseigner im vergangenen Jahr einen radikalen Kurswechsel durchgesetzt: weg von erneuerbaren Energien, zurück zu Öl und Gas. Die Aktie hatte gegenüber den Konkurrenten Exxon und Shell massiv nachgegeben. Das Offshore-Windkraft-Projekt in der Nordsee war damit aktionärspolitisch erledigt, bevor auch nur ein einziger Meilenstein verfehlt wurde.
TotalEnergies folgt demselben Drehbuch. Der Konzern gibt nach außen an, an den Projekten festzuhalten, und dringt intern auf einen Ausstiegsmechanismus. Beides gleichzeitig. Das ist keine Zerrissenheit, das ist Verhandlungsstrategie.
Zur Begründung wird auf Verzögerungen beim Netzausbau verwiesen. Die sind real: TenneT und andere Netzbetreiber kommen nicht in dem Tempo voran, das ursprünglich geplant war. Unter anderem mussten Stromtrassen neu geplant werden, weil die Bundesmarine einen Artillerieschießplatz in einem angrenzenden Seegebiet eingerichtet hat. Nur: Diese Planung war bereits 2023 bekannt, als TotalEnergies und BP ihre Milliardengebo te abgaben.
Jeder vorsichtige Kaufmann kalkuliert mit Puffern. Jeder Auktions-Stratege weiß, dass zwischen Gebot und finaler Investitionsentscheidung Jahre vergehen und sich Rahmenbedingungen verändern. Wer ohne Förderung und ohne Preisabsicherung Milliarden bietet, trägt dieses Risiko bewusst. Das WindSeeG sagt das unmissverständlich. Der Rückzug ist kein Unglück. Er ist eine Entscheidung.
Offshore-Windkraft: Sieben Milliarden Euro, die fehlen werden
Der finanzielle Schaden, der droht, ist konkret berechenbar. Die 12,6 Milliarden Euro aus der Offshore-Auktion 2023 sollten zu 90 Prozent in den Ausbau der Stromnetze und der Konverterstationen zur See fließen. Was die Konzerne nicht zahlen, müssen die Stromkunden über eine Offshore-Umlage ausgleichen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat bereits durchgerechnet, was auf dem Spiel steht: mehr als sieben Milliarden Euro, die für die Netzentgeltdeckelung eingeplant waren und schlicht fehlen würden.
Parallel dazu baut TenneT Konverterstationen und Seekabel, die die künftigen Windparks ans deutsche Festlandsnetz anbinden sollen. Diese milliardenschwere Infrastruktur wird errichtet, ob die Windräder kommen oder nicht. Wenn die Windparks jahrelang fehlen, stehen die Plattformen brach. TenneT hat das Risiko ausdrücklich benannt: Sollte keine Klarheit entstehen, könnten bereits fertiggestellte Netzanbindungen über Jahre ungenutzt bleiben.
Hinzu kommt der Zeitverlust für das Ausbauziel. Deutschland will bis 2030 rund 30 Gigawatt Offshore-Kapazität installiert haben. Aktuell sind es 10,5 Gigawatt. Die Projekte von TotalEnergies und BP allein steuern 7,5 Gigawatt bei. Dieses Ziel ist bereits unter optimalen Bedingungen nicht zu erreichen. Mit einem mehrjährigen Neustart der Flächenvergabe wird es unerreichbar.
Wie das fossile Lager die Windenergie-Erzählung dreht
In dieser Gemengelage kommt es darauf an, das Narrativ zu benennen, das gerade gesetzt wird. In einigen Wirtschaftsmedien lautet die Erzählung, die Ölmultis hätten sich bei ihren Milliardengeboten schlicht „verzockt“. Sie hätten die Risiken unterschätzt, jetzt leide die gesamte Energiewende. Eine Art tragisches Missgeschick.
Dieses Framing ist nicht falsch - es ist strategisch unvollständig. Es macht aus aktionärspolitischen Entscheidungen ein schicksalhaftes Scheitern. Es unterschlägt, dass BP-Aktionäre aktiv für den Rückzug aus erneuerbaren Energien gestimmt haben. Und es legt nahe, der Staat solle den Konzernen nun möglichst unkompliziert den Weg freimachen, damit nicht noch Schlimmeres passiert. Das ist fossile Panik in ihrer reinsten Form: ein echtes Problem wird genutzt, um Druck auf die Politik aufzubauen und die Kosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
Das Wirtschaftsministerium hat bisher kühl reagiert. Ein Sprecher verwies darauf, dass das Wind-See-Gesetz „eindeutig“ regele, dass ein Zuschlag nicht zurückgegeben werden darf. Derzeit habe man keinen Grund, an der Realisierung zu zweifeln. Das ist die einzig richtige Haltung, solange die Konzerne keine Meilensteine verfehlt haben. Die erste echte Bewährungsprobe kommt frühestens im Herbst 2027.
Was der BWO-Kompromiss kann - und was er nicht kann
Der Bundesverband Windenergie Offshore hat in dieser Woche einen Kompromissvorschlag zur Abstimmung gestellt. Der Kern: Bieter sollen Flächen zurückgeben dürfen. Sie verlieren dabei die bereits gezahlten zehn Prozent der Gebotssumme, also die knapp 1,3 Milliarden Euro, die schon an den Bund geflossen sind. Auf die restlichen 90 Prozent verzichtet der Bund. Wer zurückgibt, darf nicht erneut auf dieselbe Fläche bieten. Die Flächen sollen so schnell wie möglich neu ausgeschrieben werden.
Dieser Vorschlag ist pragmatisch. Eine mehrjährige Blockade durch Konzerne, die nicht bauen wollen und juristisch noch nicht müssen, ist schlechter als ein geordneter Neustart. Juristin Yvonne Kerth von der Stiftung Umweltenergierecht macht klar, dass für eine geordnete Rückgabe zwingend eine gesetzliche Grundlage gebraucht wird. Das WindSeeG sieht das derzeit nicht vor.
Das strukturelle Problem am Kompromissvorschlag: Er erzeugt ein moralisches Risiko für künftige Auktionen. Wenn bekannt ist, dass sich aus einem Gewinnerlot wieder aussteigen lässt, werden Mondgebote attraktiver, nicht unattraktiver. Zukünftige Bieter wissen dann: Man kann hoch pokern und hat im Zweifel einen geordneten Ausweg. BWO-Chefin Irina Lucke hat das Problem selbst angesprochen: „Die Rahmenbedingungen haben sich deutlich verschlechtert“ - aber das darf kein Blankofreifahrtschein werden.
Die Chance, die die Krise bietet
Es gibt einen Ausweg aus dem strukturellen Dilemma, und er liegt in der WindSeeG-Novelle, an der das Bundeswirtschaftsministerium gerade arbeitet. Das ist die einzige politische Gelegenheit der nächsten Jahre, das kaputte Ausschreibungsdesign zu reparieren. Wenn sie verpasst wird, folgt die nächste Krise dieser Art mit einiger Sicherheit.
Iberdrola-Deutschland-Chef Felipe Montero hat das Kernproblem klar beschrieben: Von der Auktionierung bis zur finalen Investitionsentscheidung vergehen nach geltendem Recht fünf Jahre. In diesem Fenster können sich Kapitalkosten, Lieferkettenpreise und Stromerträge massiv verschieben. Wer verantwortungsvoll bietet und Risikopuffer einkalkuliert, verliert die Auktion gegen Konzerne, die höher pokern. Das System belohnt also genau das Verhalten, das jetzt zum Problem geworden ist.
Das Beratungsunternehmen Nera hat in einem Gutachten für Iberdrola modelliert, was hilft: staatliche Vorentwicklung der Flächen kombiniert mit deutlich kürzeren Abständen zwischen Gebot und Investitionsentscheidung. Beides zusammen kann die Gebotshöhen spürbar senken und die Wahrscheinlichkeit von Projektabbrüchen reduzieren. Das ist kein radikaler Systemwechsel. Es ist internationaler Standard.
Der BWO schlägt zusätzlich vor, künftige Vergütungen als „indexierte Differenzverträge“ zu gestalten. Die Vergütung steigt mit der Inflation. Gewinne oberhalb einer Schwelle fließen teilweise zurück an den Staat. Der Steuerzahler steht dafür als Puffer bereit, wenn Verluste entstehen. Das ist im Kern das britische CfD-Modell, das in Europa als Vorbild gilt und stabile Ausschreibungen ermöglicht, ohne auf fossile Glücksspieler angewiesen zu sein.
Die 49.000 Arbeitsplätze in der deutschen Offshore-Lieferkette stehen auf dem Spiel, wenn die Projektentwicklung über Jahre stockt. Das ist nicht abstrakt. Vestas, Siemens Gamesa und ihre Zulieferer können keine Fertigungskapazitäten freihalten, wenn Aufträge auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
Offshore-Windkraft ist nicht verloren. Die globale Energietransformation wirkt - aktuelle Klimaszenarien zeigen, dass selbst das schlimmste Emissionsszenario unwahrscheinlicher wird. Aber das setzt voraus, dass Schlüsselprojekte wie die deutsche Offshore-Windkraft nicht auf der Strecke bleiben. Die Bundesregierung muss jetzt zwei Dinge gleichzeitig tun: den geordneten Ausstieg der Ölmultis ermöglichen, ohne ihnen einen Freifahrtschein für künftige Erpressungen zu geben. Und das Ausschreibungssystem so umbauen, dass es nicht mehr erpressbar ist.
TotalEnergies und BP haben demonstriert, was passiert, wenn Ölkonzerne in die Energiewende eingeladen werden, ohne die Spielregeln wasserdicht zu machen. Die nächsten Bieter kommen bereits. Die Frage ist, ob das System dann besser designt ist.
QUELLEN
- Süddeutsche Zeitung Ölkonzerne verlieren Interesse an Offshore-Windpark
- Tagesschau Riesigen Offshore-Projekten droht das Aus
- Handelsblatt So könnten die Offshore-Windkraft-Projekte gerettet werden