ENERGIEWENDE · 20. JULI 2026
Oliver BetkeClaudia Kemfert fordert neue Energiearchitektur für Deutschland
In einem aktuellen Gastbeitrag für das Schweizer Magazin fokus.swiss beschreibt die Energieökonomin Claudia Kemfert eine erneuerbare, dezentrale und speicherstarke Energiearchitektur für den Industriestandort Deutschland.
„Die Transformation des Energiesystems ist nicht nur Krisenreaktion, sondern ein Modernisierungsprogramm für die Volkswirtschaft", schreibt Claudia Kemfert in ihrem Gastbeitrag „Sauber, sicher, souverän: Die neue Energiearchitektur für den Industriestandort Deutschland". Die Energieökonomin leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin und lehrt an der Leuphana-Universität Lüneburg. Ihr Text entwirft ein System aus vier Eigenschaften: erneuerbar, dezentral, digital und speicherstark.
Der Beitrag aus der aktuellen Smart-Media-Publikation, die unter anderem dem Handelsblatt beiliegt, fällt mitten in eine aufgeheizte Debatte, in der zwei Professoren zuletzt in der WELT am Sonntag ein Moratorium für den Ausbau von Wind- und Solarenergie forderten. Kemfert selbst wurde von WELT-Autoren wegen ihrer Einordnung der sogenannten Dunkelflauten scharf angegriffen. Ihr Gastbeitrag liest sich wie das positive Gegenprogramm: bauen statt bremsen.
Claudia Kemferts Rezept: Batteriespeicher als strategische Infrastruktur
„Die eigentliche Standortgefahr liegt nicht in zu viel Transformation, sondern in zu wenig Tempo", schreibt Kemfert. Batteriespeicher reagierten in Sekunden, kappten Lastspitzen und stabilisierten das Netz. Für Kemfert sind sie damit strategische Infrastruktur, kein Zubehör der Energiewende.
Kemfert skizziert daraus eine neue Wertschöpfungskette: Batterieproduktion, Leistungselektronik, Recycling und Kreislaufwirtschaft. „Batterien sind keine Wegwerfprodukte, sondern Rohstoffspeicher", schreibt sie. Bidirektionales Laden mache aus Millionen Elektroautos perspektivisch mobile Speicher.
Technologieklarheit statt fossiler Lock-in-Effekte
Für die Übergangsphase fordert Kemfert Technologieklarheit: Erneuerbare als Rückgrat des Systems, Elektrifizierung dort, wo sie effizient ist, grüner Wasserstoff gezielt in den Sektoren ohne Alternative. Flexibilität soll zum Grundprinzip des gesamten Systems werden. Eine aktuelle Systemstudie des Fraunhofer-Instituts zum kostenoptimalen Energiesystem 2045 stützt genau diese Kombination aus Erneuerbaren, Speichern und Flexibilität.
„Ein Zurück in fossile Abhängigkeiten wäre ein energiepolitischer Kurzschluss", schreibt Kemfert, eine Formulierung, die auf den Titel ihres aktuellen Buchs anspielt. Die Regulierung müsse Speicher, Lastmanagement, flexible Tarife und dynamische Netzentgelte ermöglichen statt ausbremsen, fordert sie.
„Diesen fossilen Kapitalismus gilt es zu überwinden"
Wie grundsätzlich Kemfert die Lage analysiert, zeigt ein aktuelles Interview im Energiewende-Magazin der Elektrizitätswerke Schönau. „Die fossile Wirtschaft kämpft nicht mehr um ihre Zukunft, sie kämpft um lebensverlängernde Maßnahmen", sagt sie dort. Die Politik dürfe diesen Todeskampf nicht künstlich verlängern, sie müsse Menschen und Unternehmen aus den fossilen Kostenfallen befreien.
„Das ist kein Verzichts-Narrativ, sondern ein Modernisierungs-Narrativ", beschreibt Kemfert im selben Gespräch eine Wirtschaft, die mit weniger fossiler Energie mehr Wertschöpfung erzielt. Wohlstand bedeute künftig mehr Lebensqualität, Unabhängigkeit und Gesundheit statt mehr Rohstoffverbrauch. Die Angst-Erzählungen gegen Wärmepumpe und Elektroauto verfingen nur, weil sie einfache Antworten lieferten.
„Die Fossilwirtschaft ist immer noch mächtig, aber sie ist nicht mehr zukunftsfähig", sagt Kemfert. Anlass für Resignation sieht sie trotz aller Rückschläge nicht: Gerade jetzt gelte es, die Energiewende aktiv mitzugestalten.
Von Oldenburg nach Stanford
Schon 2009, im Gründungsjahr von Cleanthinking, erschien Kemferts Buch „Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression", das die Redaktion damals besprach. Die Botschaft von heute klingt 17 Jahre später fast wortgleich: ein Modernisierungsprogramm statt einer Krisenreaktion. Aus der jungen Umweltökonomin ist Deutschlands bekannteste Energieökonomin geworden.
Wie sie zu ihrem Fach fand, erzählte Kemfert einst in einem Porträt der Zeitschrift Brigitte: Als 25-jährige VWL-Studentin aus Oldenburg hielt sie in Japan einen Vortrag. Ein älterer Herr sprach sie danach an, er wollte alles über Oldenburger Pferde wissen, weil er gerade das Polospiel für sich entdeckt hatte. Es war Alan Manne von der Stanford University, einer der ersten Ökonomen, die volkswirtschaftliche Klimaschäden berechneten, und er holte sie später nach Stanford.
Privat lebte Kemfert schon damals bemerkenswert konsequent, notierte das Porträt: jeden Morgen mit dem Rad zur S-Bahn, die Öko-Kiste vom Bauern vor der Tür, beruflich geflogene Kilometer kompensierte sie aus der eigenen Tasche. Eine Schwäche gestand sie allerdings ein, die aufgedrehte Heizung an kalten Tagen. „Das tut ja die Richtige", frotzelten damals ihre Freunde.
Kemfert wuchs in Delmenhorst auf und wurde später Deutschlands erste, jüngste und bislang einzige Professorin für Umweltökonomik. Heute leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin und lehrt in Lüneburg. Ihr aktuelles Buch „Kurzschluss" steht in unserer Bücherliste zur Erderwärmung ganz oben.
QUELLEN
- fokus.swiss (Smart Media): „Sauber, sicher, souverän: Die neue Energiearchitektur für den Industriestandort Deutschland", Gastbeitrag von Claudia Kemfert, 16.07.2026
- EWS Schönau, Energiewende-Magazin Nr. 22/2026: „Energiepolitik ist kein neutrales technisches Thema", Interview mit Claudia Kemfert (Mai 2026)
- Claudia Kemfert Biografie
- Brigitte „Wie lebt die Frau, die alles weiß?"