KLIMAPOLITIK · 21. JULI 2026
PIK/KarkowOttmar Edenhofer entkräftet die liebste Ausrede der Wirtschaftskrise
Der Chefökonom des Potsdam-Instituts ist kein Klimaaktivist, sondern ein katholisch geprägter, marktorientierter Konservativer. Im FAZ-Feuilleton widerspricht er der Erzählung, Klimaschutz koste Deutschland seinen Wohlstand. Das trifft einen wunden Punkt bei Merz und Reiche.
Sieben Uhr morgens, Garten der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am Nymphenburger Schloss in München. Ottmar Edenhofer sei Frühaufsteher, sagt er zur Begrüßung. Ungewöhnlich ist auch, wer hier mit ihm spricht: nicht das Wirtschaftsressort, sondern das Feuilleton der FAZ.
Jannis Koltermann veröffentlichte das Gespräch am 21. Juli 2026 unter einem Satz, der wie eine Kampfansage klingt: „Die Probleme der deutschen Wirtschaft haben nichts mit dem Klimaschutz zu tun." Der Satz richtet sich gegen ein Narrativ, das Friedrich Merz und Katherina Reiche seit Monaten bedienen, wonach ausgerechnet der Klimaschutz die deutsche Standortkrise verschärft habe.
Edenhofer leitet gemeinsam mit Johan Rockström das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, seit 2018 als Direktor und Chefökonom. Er zählt zu den meistzitierten Klimaökonomen der Welt, seit 2008 lehrt er zusätzlich an der TU Berlin. Von 2008 bis 2015 war er einer der Ko-Vorsitzenden der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats IPCC, zuständig für die Berichte zum Klimaschutz selbst.
Nach dem Diplom als Volkswirt in München war er von 1987 bis 1994 Mitglied des Jesuitenordens, bevor er 1999 promovierte. Seit Ende 2020 berät er als von Papst Franziskus berufenes Mitglied ein vatikanisches Dikasterium.
Diese Doppelrolle, Klimaforscher und gläubiger Katholik, ist der Grund, warum ausgerechnet das Feuilleton und nicht die Wirtschaftsredaktion der FAZ mit ihm spricht. Es geht um Haltung und Herkunft, nicht nur um Modellrechnungen.
Edenhofer argumentiert mit Marktlogik, mit CO₂-Preisen und Wettbewerbsfähigkeit. Das macht ihn ausgerechnet für das bürgerliche Publikum anschlussfähig, das Merz und Reiche derzeit mit einer fossil grundierten Rückwärtspolitik bedienen.
Der Tag des Interviews liefert genug Gegenwind: In Schottland breitet sich ein Großfeuer aus, das britische Medien „Firewave" nennen, im Pazifik baut sich ein möglicherweise rekordstarker Super-El-Niño auf, und in London senkt der neue Premierminister Andy Burnham die Mehrwertsteuer auf Strom, hält aber am Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen fest. Deutsche Zeitungen melden an diesem Morgen vor allem zwei andere Dinge: die Abschwächung des Emissionshandels ETS 1 und gekürzte Förderung für Elektrobusse.
Der Gedankenversuch, der die Ausrede entlarvt
Edenhofers Kernthese setzt genau hier an. Wer die deutsche Standortkrise dem Klimaschutz anlaste, verwechsle Symptom und Ursache, sagt er und schlägt einen Gedankenversuch vor.
„Wir müssen uns nur einmal für einen Moment alle klimapolitischen Maßnahmen wegdenken. Wären wir dann plötzlich wieder wettbewerbsfähig?" Seine Antwort darauf ist ein klares Nein.
Geringe Arbeitsproduktivität, schwache Innovationskraft, ein zäher Zugang zu Risikokapital und Hürden beim Marktzutritt neuer Unternehmen blieben bestehen, auch ohne ein einziges Klimagesetz. Diese Probleme seien strukturell und hätten mit CO₂-Preisen oder Förderprogrammen nichts zu tun.
Wer dennoch am lautesten gegen den Emissionshandel mobilisiert, zeigt nach Edenhofers Beobachtung meist ein anderes Muster: verspätetes Handeln. Teile der energieintensiven Industrie hätten sich längst auf einen steigenden CO₂-Preis eingestellt und entsprechend investiert.
„Nur diejenigen, die diesen Wandel ignoriert haben, lobbyieren nun für eine Abschwächung des Emissionshandels", sagt Edenhofer. Genau diese Abschwächung stand am Morgen des Interviews auf deutschen Titelseiten.
Cleanthinking hat dieses Muster mehrfach beschrieben, etwa in der Analyse zur Vorreiter-Falle im Emissionshandel: Wer spät oder gar nicht in CO₂-arme Prozesse investiert, macht die eigene Wettbewerbsschwäche zum Argument gegen das Instrument, das ihn zum Investieren gezwungen hätte.
Warum Klimaschutz kein Nullsummenspiel ist
Edenhofer würdigt auch die Bewegung, die den europäischen Klimaschutz vorangetrieben hat. Ohne den Straßendruck von Fridays for Future hätte es 2019 keinen europäischen Green New Deal gegeben, sagt er, die Bewegung sei „ein wichtiger Push" gewesen.
Seine Kritik setzt an anderer Stelle an. Für fatal hält er, dass Teile der Klimaschutzbewegung den Begriff so stark mit „Degrowth" verbanden, dem Verzicht auf Wirtschaftswachstum als Prinzip.
Populistische Parteien profitieren von genau diesem Eindruck eines Nullsummenspiels: Klima oder Wohlstand, nicht beides. Wenn Klimaschutz nur über wirtschaftlichen Rückschritt zu haben wäre, verschärfe das die gesellschaftliche Spaltung zusätzlich.
„Für mich steht Klimaschutz dem Wirtschaftswachstum nicht im Wege", sagt Edenhofer.
Die verpasste Chance der Union
Am deutlichsten wird Ottmar Edenhofer bei der CDU. Klimaschutz sei „nicht Teil der Identität der CDU geworden, obwohl es da einige Anknüpfungspunkte gegeben hätte: die Bewahrung der Schöpfung, vor allem aber die Tradition der Sozialen Marktwirtschaft", sagt er.
Eine Klimapolitik mit marktwirtschaftlichen Mitteln, die den langfristigen Wohlstand Deutschlands sichert, müsste aus seiner Sicht das Kernanliegen einer christdemokratischen Partei sein. Stattdessen verweist die Union gern auf die internationale Ebene, wenn andere Staaten weniger tun.
Das dürfe nicht heißen, sagt Edenhofer, „dass man selbst die Hände in den Schoß legt".
Wie diese Rückwärtsbewegung in der Regierungspraxis aussieht, hat Cleanthinking in der Analyse zu Merz' rückwärtsgewandter Politik nachgezeichnet.
Instrumente statt Appelle
Wo Edenhofer selbst Politik vorschlägt, bleibt es unpathetisch. Seit Anfang 2026 ist der CO₂-Grenzausgleich CBAM in Kraft, ein Klimazoll auf Importe wie Stahl, Zement oder Aluminium aus Ländern mit laxeren Klimaregeln. Er schützt die heimische Industrie und setzt zugleich Anreize außerhalb Europas: Brasilien und die Türkei planen inzwischen eigene Emissionshandelssysteme.
Im März 2026 beschlossen die EU-Staaten zudem, fünf Prozentpunkte des Klimaziels für 2040 über außereuropäische Klimagutschriften zu erfüllen. Das dämpft den erwarteten Anstieg des europäischen CO₂-Preises, ein Kompromiss, den Cleanthinking in der Einordnung zum EU-Klimaziel 2040 kritisch begleitet hat.
Ab 2028, ein Jahr später als ursprünglich geplant, erfasst der zweite Emissionshandel ETS 2 auch Gebäude und Verkehr. Er soll Öl- und Gasimporte verringern, die Weltmarktpreise für fossile Energie senken, Autokratien Einnahmen entziehen und über neue Staatseinnahmen Verbraucher entlasten.
„Auch als zunächst unilateraler Schritt ist mehr Klimaschutz also gut für Europas Wohlstand und Sicherheit", sagt Edenhofer.
Nicht jeder Fortschritt braucht denselben politischen Rahmen. Elektroautos könnten sich nach Edenhofers Einschätzung langfristig auch ohne politische Vorgaben durchsetzen. Die technische Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre dagegen hätte „ohne CO₂-Preis überhaupt keinen Sinn".
Warum setzt sich die Kombination aus Wachstum und Klimaschutz dann nicht längst von selbst durch? „Weil mächtige Eigeninteressen dagegenstehen: von Staaten, Unternehmen und Bürgern", sagt Edenhofer. Einige mächtige Akteure verlören kurzfristig, deshalb blockierten sie den langfristigen Vorteil für alle.
Eine Politik, die sich am aufgeklärten Eigeninteresse orientiere, müsste demnach Klimaschutz betreiben. Das ist für Edenhofer eine kühle Kalkulation.
Dass diese Kalkulation in der öffentlichen Wahrnehmung gerade verliert, zeigen Umfragen. 2021 zählten 34 Prozent der Deutschen Klimaschutz zu den drei wichtigsten Themen des Landes, heute sind es noch 16 Prozent. Edenhofer antwortet mit der langen Linie und einer Analogie zur Rentenpolitik: Kein Klimaschutz werde am Ende um ein Vielfaches teurer als Klimaschutz selbst.
Am Ende bleibt eine Volte, die der Debatte selten passiert. Der wirksamste Zeuge gegen das Narrativ von Merz und Reiche ist kein Aktivist, sondern ein früherer Jesuit, der den Vatikan berät und das Potsdam-Institut leitet. Seine Argumente kommen ohne moralischen Appell aus, mit CO₂-Preisen, Zöllen und Zertifikaten.
Ob die Union diesen Kronzeugen für sich entdeckt, bleibt offen. Seine Diagnose liegt seit dem 21. Juli 2026 gedruckt vor: Die Probleme der deutschen Wirtschaft haben mit dem Klimaschutz nichts zu tun.
QUELLEN
- FAZ: Ökonom Ottmar Edenhofer: „Die Probleme der deutschen Wirtschaft haben nichts mit dem Klimaschutz zu tun", Interview von Jannis Koltermann, 21.07.2026.
- PIK: Lebenslauf Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Stand Juli 2026.
- DEHSt: EU-ETS 2, Ausblick auf 2028, Stand Juli 2026.