NETZAUSBAU · 18. AUGUST 2026
StaatskanzleiSuedLink Elbtunnel durch: Meyer attackiert Reiche
In Wischhafen (Niedersachsen) haben Ministerpräsident Daniel Günther, Energieminister Christian Meyer und Tennet-COO Ina Kamps am Montag den symbolischen Tunneldurchschlag beim SuedLink Elbtunnel vollzogen. Der 5,2 Kilometer lange Tunnel zwischen Wewelsfleth (SH) und Wischhafen ist die anspruchsvollste Teilstrecke der Stromautobahn SuedLink. Meyer nutzte den Termin für einen Angriff auf Bundesenergieministerin Katherina Reiche.
Der eigentliche Durchbruch liegt schon Wochen zurück. Die Tunnelbohrmaschine „Elsa“ erreichte den Zielschacht in Wischhafen bereits am 22. Juni 2026, früher als geplant, weil sich der Baugrund auf den letzten 400 Metern deutlich verbesserte. In der besten Woche schaffte die Maschine 158,7 Meter, unter normalen Bedingungen kam sie auf rund zehn Meter pro Tag. Der Montagstermin war die politische Feier dazu.
Gebaut hat den Vortrieb die ARGE Tunnel ElbX, ein Zusammenschluss der österreichischen PORR und von Wayss & Freytag Ingenieurbau, im Auftrag von Tennet. Den Gesamtauftrag für die Elbquerung inklusive Schachtbauwerken und Betriebsgebäuden auf beiden Ufern trägt PORR. Die Planungen reichen bis 2017 zurück, der Spatenstich fiel im September 2023 in Wewelsfleth.
Meyer stellt sich gegen den Freileitungs-Kurs des Bundes
Die politisch interessanteste Passage des Tages stand nicht im Tunnel, sondern in der Pressemitteilung des niedersächsischen Energieministeriums. Meyer verteidigt dort die vollständige Erdverkabelung des SuedLink als niedersächsische Forderung und als Erfolgsmodell.
„Die vollständige Erdverkabelung war der richtige Weg. Sie schafft Akzeptanz vor Ort, schützt die berechtigten Interessen der Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer und trägt dazu bei, große Infrastrukturvorhaben schneller umzusetzen“, so der Grünen-Politiker. Und weiter: „Der Ausbau der Stromnetze ist deshalb genauso wichtig wie der Ausbau der Wind- und Solarenergie. Nur wenn beides gemeinsam vorankommt, gelingt die Energiewende dauerhaft und bezahlbar. Ein Ausbremsen des Netzausbaus durch Bundesenergieministerin Reiche wäre daher fatal.“
Das zielt auf den Kurswechsel der Bundesregierung. Das Kabinett hat im April 2026 einen Entwurf zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes beschlossen, der den Erdkabelvorrang für neue Gleichstromtrassen aufhebt und künftig die Freileitung bevorzugt. Der Bundestag hat das Gesetz im Juni in erster Lesung beraten und an die Ausschüsse überwiesen, beschlossen ist es nicht. Reiche selbst hatte beim SuedLink-Baustart in Bayern eingeräumt, Erdkabel hätten geholfen, „die Akzeptanz vor Ort besser in den Griff zu bekommen“, zugleich aber die Kosten getrieben. Wie umkämpft das Terrain ist, zeigt die aktuelle Debatte um das Ausbautempo.
Der Streit hat einen realen Kern: Erdkabel kosten laut aktuellen Kostenanalysen etwa 8 bis 10 Millionen Euro pro Kilometer, Freileitungen 2 bis 3 Millionen. Der Gegenwert ist die Akzeptanz, ohne die Trassen jahrelang in Klageverfahren feststecken. SuedLink ist genau deshalb das Referenzprojekt beider Seiten: Es ist teurer geworden, und es wird gebaut.
SuedLink Elbtunnel: Was die Trasse technisch leistet
SuedLink besteht aus zwei parallelen Gleichstromverbindungen, Wilster-Bergrheinfeld/West und Brunsbüttel-Großgartach, die auf rund 700 Kilometern komplett unterirdisch verlegt werden. Sie sollen Windstrom aus Schleswig-Holstein in die Industriezentren im Süden bringen und umgekehrt Solarstrom aus Süddeutschland nach Norden transportieren. Zusammen kommen sie auf eine Übertragungsleistung von 4 Gigawatt, nach Angaben von TransnetBW etwa die Leistung von vier Kernkraftwerken bei voller Auslastung.
Rechnerisch reicht diese Leistung für zehn Millionen Einfamilienhaushalte. Die Zahl folgt aus der Kapazität der Leitung, sie ist keine Zusage an eine bestimmte Zahl von Haushalten.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Länge SuedLink gesamt | rund 700 km |
| Davon in Niedersachsen | 320 km |
| Elbtunnel Wewelsfleth-Wischhafen | 5,2 km |
| Innendurchmesser Tunnel | 4 m |
| Tiefe der Schächte | 25 m |
| Kabel im Tunnel | 6 × 525 kV |
| Bewegtes Erdreich (gesamt) | 8,5 Mio. m³ |
| Übertragungsleistung | 4 GW |
| Rechnerisch versorgte Haushalte | 10 Mio. |
| Investitionsvolumen | rund 10 Mrd. € |
| Kabeleinzug Elbtunnel | ab Ende 2027 |
| Inbetriebnahme gesamte Trasse | Ende 2028 |
Meyer rechnet den Nutzen über die Kostenseite vor: „Teure fossile Reservekraftwerke, die mit Kohle oder Gas betrieben werden, werden durch günstigen und überschüssigen Windstrom aus dem Norden ersetzt. Damit sparen wir Milliarden und entlasten die Strompreise für alle dauerhaft.“ Gemeint sind vor allem die Redispatch-Kosten, die entstehen, wenn Windräder im Norden abgeregelt werden müssen, weil die Leitungen zum Verbraucher fehlen.
Günther betonte die sicherheitspolitische Seite: „Jede Kilowattstunde erneuerbarer Energie, die wir im eigenen Land erzeugen und nutzen können, macht uns unabhängiger von Energieimporten und damit weniger verwundbar.“ Die Leitung werde die Netze entlasten und die Versorgungssicherheit stärken. „Damit wird die Abregelung von erneuerbarem Strom in unserem Land weiter sinken“, sagte der Ministerpräsident.
Interessanter als die Sicherheitsrhetorik ist Günthers zweites Argument. Er rechnet den Netzausbau als Standortpolitik: Mit der verbesserten Infrastruktur könne Schleswig-Holstein Unternehmen, Rechenzentren und Batteriespeicher gezielt an Umspannwerke anbinden und so weitere Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien ermöglichen. „Ein gut ausgebautes Stromnetz ist ein entscheidender Standortfaktor für Investitionen“, so Günther.
Das ist die Ansage, auf die es ankommt. Ein Netzanschluss ist inzwischen das knappe Gut, um das Rechenzentren, Elektrolyseure und Großspeicher konkurrieren. Wer ihn anbieten kann, holt die Investitionen. Die Trasse ist damit nicht nur Transportweg für Windstrom aus dem Norden, sondern auch das Argument, mit dem der Norden Industrie im eigenen Land halten will.
Lauenburger Ton, Findlinge und 4,8 bar Druckluft
Die eigentliche Leistung unter der Elbe lag nicht im Tempo, sondern im Baugrund. Statt gleichförmiger Schichten wechselten sich Ton, Klei, Torf, Sand, Kies und Findlinge ab. Unter der Fahrrinne waren Arbeiten unter Druckluft von bis zu 4,8 bar nötig, was die Zeit am Schneidrad auf rund 50 Minuten pro Schicht begrenzte. Kurz vor Weihnachten 2023 musste beim Schachtbau ein Granit-Gneis-Findling aus 27 Metern Tiefe geborgen werden.
„Elsa“ war ein eigens gefertigtes Mixschild von Herrenknecht: 190 Meter lang, rund 700 Tonnen schwer, Schneidrad mit 4,94 Metern Durchmesser. Der Name ist ein Akronym für „ElbX lässt SuedLink-Strom ankommen“. Die Maschine trug den Boden nicht nur ab, sondern setzte zugleich die Betonsegmente, die die Röhre auskleiden.
Durch den fertigen Tunnel laufen später sechs Gleichstromkabel mit 525 Kilovolt, davon zwei als Reserve. Dazu kommen Sicherheits-, Steuerungs- und Überwachungstechnik sowie Schienen für Wartungsfahrzeuge. Eine offene Bauweise durch den schiffbaren Fluss war ausgeschlossen.
Sechs Jahre Verzögerung, aber der Bau läuft
Die Fertigstellung des Elbtunnels ist für Sommer 2027 vorgesehen, der Kabeleinzug beginnt gegen Ende 2027. Der erste Stromfluss auf ganzer Länge ist für Ende 2028 geplant, sechs Jahre später als ursprünglich vorgesehen. Zuständig ist Tennet für Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit Ausnahme von Südniedersachsen, für den südlichen Teil TransnetBW.
Das nach dpa-Angaben mit rund 10 Milliarden Euro veranschlagte Projekt zieht sich quer durch die Republik. In Niedersachsen beginnt die Trasse nach der Elbquerung, südlich von Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Sie führt über Scheeßel westlich der Lüneburger Heide nach Hannover und von dort über Elze bei Hildesheim durch Südniedersachsen bis Friedland kurz vor der hessischen Grenze. Von den 700 Kilometern liegen 320 Kilometer in Niedersachsen, fast die Hälfte der Gesamtstrecke.
Bürgerinitiativen entlang der Trasse halten dagegen: Eine Vier-Gigawatt-Leitung dieser Dimension sei ökologisch unsinnig und unwirtschaftlich, die Kosten trage am Ende der Verbraucher. Der Streit um Trassenführung und Preis begleitet SuedLink seit Jahren und ist Teil der größeren Debatte, wie sich der Netzausbau beschleunigen lässt, ohne die Akzeptanz vor Ort zu verlieren.
Bis zur Inbetriebnahme bleibt der Elbtunnel ein Rohbau. Kabel liegen erst ab Ende 2027 darin, Strom fließt frühestens Ende 2028. Mit dem Durchschlag liegt aber die schwierigste Teilstrecke von SuedLink hinter den Bauherren.
QUELLEN
- Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz: Pressemitteilung zum Tunneldurchschlag der SuedLink-Elbquerung, 17.08.2026.
- NDR: SuedLink quert Elbe: „Zentraler Baustein für Energiewende“, 17.08.2026.
- dpa-AFX via onvista: ROUNDUP 2: Suedlink quert die Elbe - 700 Kilometer Kabel in den Süden, 17.08.2026.
- SOLID: 5,2 Kilometer unter der Elbe: PORR erreicht den SuedLink-Durchschlag, 02.07.2026.
- Herrenknecht: ElbX - Elbe River crossing of HVDC transmission line SuedLink.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Bundesregierung treibt bedarfsgerechten und kosteneffizienten Ausbau der Übertragungsnetze voran, 29.04.2026.
- TenneT: SuedLink-Projektseite.