HAMBURG FEHLEN 16 TRAFOS · 30. SEPTEMBER 2026
50HertzHamburg und Schleswig-Holstein halten an der Stromzone Nord fest
Hamburgs rot-grüner Senat und Schleswig-Holsteins schwarz-grüne Landesregierung werben weiter für eine Stromzone Nord mit Skandinavien. Bei ihrer gemeinsamen Kabinettssitzung verlangten sie am Dienstag auch mehr Tempo beim Ausbau großer Umspannwerke.
„Eigentlich ist das der Job der Übertragungsnetzbetreiber", sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Rathaus. Die Betreiber der großen Stromautobahnen kämen beim Ausbau der Umspannwerke nicht schnell genug voran. Das werde zum Risiko für Energiewende und Klimaschutz in Hamburg, deshalb mischten sich beide Länder jetzt ein. Sie gründeten eine Arbeitsgruppe, die die Stromnetze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein enger verflechten soll.
Tschentscher warf dem Bund und dem Bundeswirtschaftsministerium Trägheit vor. Er will Übertragungsnetzbetreiber, Metropolen und Industriestandorte selbst an einen Tisch holen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) erwartet, dass der Strombedarf eher steigen als sinken werde. Berlin dürfe den Ausbau der Erneuerbaren mit den geplanten Reformen auf keinen Fall ausbremsen. Im Juli hat das Bundeskabinett das Netzpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beschlossen.
Hamburgs Netzbetreiber warten auf Transformatoren
Die Hamburger Energienetze haben 2.000 Kilometer neue Kabel verlegt. Sie sollen künftige Großverbraucher versorgen: Rechenzentren mit ihren Kühlanlagen, große Batteriespeicher und Schwerindustrie. Der Strom kommt oft von der Küste. In den Umspannwerken bringen Transformatoren ihn auf die Spannung des Hamburger Netzes. „Uns fehlen konkret 16 Trafos", sagte Tschentscher dem ZDF.
„Wir brauchen diese Trafos, und das zeitnah", sagt Peter Wolffram, Geschäftsführer der Hamburger Energienetze. Er arbeite mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz daran, den Ausbau zu beschleunigen. 50Hertz will bis 2035 rund 800 Millionen Euro für zusätzliche Kapazitäten in Hamburg ausgeben. Das Unternehmen verweist auf Flächensuche, Genehmigungen und den Einbau bei laufendem Betrieb. Laut ZDF kann es bis zu sieben Jahre dauern, einen Trafo aufzustellen.
Weil die Kapazität knapp ist, verteilen Netzbetreiber Anschlüsse inzwischen per Zuteilungsverfahren. Die Hamburger Energienetze geben laut ZDF ab 1. November das Windhundprinzip auf, bei dem der früheste Antrag gewinnt. Im Projekt „Fair Grid" sammeln sie Anträge für Anschlüsse über 1,5 Megavoltampere bis zu einem Stichtag. Reicht die Kapazität nicht, teilen sie anteilig zu. Haushalte, Wärmepumpen und Wallboxen betrifft das nicht.
Die Hamburger Energienetze erwarten, dass sich der Leistungsbedarf der Stadt in 20 Jahren verdreifacht. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW vergeben Anschlüsse für Batteriespeicher und Großverbraucher ab 100 Megawatt seit dem Frühjahr im Reifegradverfahren. Dort kommt zuerst zum Zug, wer sein Projekt am weitesten vorangetrieben hat.
Beide Länder wollen die Stromzone Nord mit Skandinavien
Bislang bildet Deutschland eine einzige Gebotszone, also ein Marktgebiet mit einem gemeinsamen Börsenstrompreis, gleich wo der Strom entsteht. „Das wäre marktgerechter und würde Synergien entwickeln im Sinne der Energiewende", sagte Tschentscher über die Stromzone Nord. Er wisse, dass andere Länder, vor allem im Süden, eher Nachteile sähen. Die EU-Kommission setze aber auf Wettbewerb.
Günther sieht Deutschland mit der Einheitszone als eines der wenigen Länder, die hier nicht auf Marktwirtschaft setzen. Das ärgere zunehmend auch die europäische Ebene. Über Verbindungen wie die Stromleitung NordLink nach Norwegen bekämen die Skandinavier plötzlich deutlich höhere Kosten, wenn der Strom aus dem Süden komme. Wüssten die Menschen, dass eine Windkraftanlage ihnen niedrigere Strompreise bringt, „hätte das noch mal einen ganz anderen Run auch für erneuerbare Energien", sagte Günther.
Im Juni hatte die IHK Schleswig-Holstein in Brüssel eine grenzüberschreitende Strompreiszone für Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark vorgestellt, die „Nordic Twin Sea Zone". Das Fraunhofer IEE hält das Konzept für grundsätzlich umsetzbar. Nach Rechnung der IHK flössen dann fünf Terawattstunden weniger Strom über die Elbe.
Fraunhofer IEE und Fraunhofer ISI haben für das Kopernikus-Projekt Ariadne durchgerechnet, was eine Teilung für die Preise bedeutet. Bei neun bis 22 Marktgebieten lägen die Börsenstrompreise im Norden im Modelljahr 2024 um etwa 20 bis 30 Prozent unter dem Einheitspreis. Im Süden stiegen sie meist um weniger als zehn Prozent, im Mittel bliebe das Preisniveau in derselben Größenordnung. Elektrolyseure im Norden kämen auf bis zu rund 3.700 Stunden unter Volllast statt etwa 1.900. Die Autoren raten zu einer ausreichend kleinteiligen Teilung, damit später kein weiterer Schnitt nötig wird.
Die Bundesregierung will die einheitliche Gebotszone behalten, so steht es im Koalitionsvertrag. Im Dezember 2025 schickte das Bundeswirtschaftsministerium der EU-Kommission einen neuen Aktionsplan, in dem es schnelleren Netzausbau und besseres Engpassmanagement ankündigt. Die Grünen haben im Juli eine Teilung der Stromgebotszone beschlossen, NRW-Vizeministerpräsidentin Mona Neubaur und Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir aus den eigenen Reihen lehnen sie ab.
QUELLEN
- NDR: Ausbau der Stromnetze: Hamburg und Schleswig-Holstein wollen Druck machen, 30.09.2026.
- dpa: Hamburg und Schleswig-Holstein weiter für Stromzone Nord, 29.09.2026.
- dpa: Hamburg und Schleswig-Holstein einig bei Stromausbau, 29.09.2026.