WASSERSTOFF · 23. AUGUST 2026
BASF InfraService & Solutions Lausitz GmbHSOEC-Elektrolyse: Warum Sunfire baut und Nucera aussteigt
Am 12. August erklärt thyssenkrupp Nucera aus Dortmund das Ende seiner Serienfertigung für Hochtemperatur-Elektrolyse. Eine Woche später, am 19. August, setzt Sunfire aus Dresden mit BASF den Spatenstich für genau diese Technologie in Schwarzheide. Zwei deutsche Hersteller, dieselbe Nische, gegenläufige Wetten.
SOEC steht für Solid Oxide Electrolysis Cell, eine Elektrolyse bei rund 850 Grad, die Wasserdampf statt Wasser spaltet und dafür deutlich weniger Strom braucht als die etablierte alkalische oder PEM-Elektrolyse. Der Nachteil: Sie ist teuer in der Fertigung und bislang nirgendwo in Serie gebaut. Genau an dieser Schwelle zwischen Pilotanlage und Serienreife trennen sich seit dieser Woche die Wege zweier deutscher Vorzeigefirmen.
Thyssenkrupp Nucera hatte im März 2024 eine Lizenz für die SOEC-Stacktechnologie des Fraunhofer IKTS gesichert und im Mai 2025 gemeinsam mit dem Institut eine Pilotfertigung in Arnstadt eröffnet. Ziel war eine Kapazität von 8 Megawatt pro Jahr als Vorstufe einer vollautomatisierten Großserie. Nach knapp 15 Monaten ist damit Schluss.
Der Ausstieg: zu wenige Kunden bestellen
Nucera begründet den Rückzug mit einer „sorgfältigen strategischen Bewertung der Marktreife, des Investitionsbedarfs und der wirtschaftlichen Perspektiven". Der verzögerte Markthochlauf habe die erwartete Nachfrage deutlich beeinträchtigt. Im Klartext: Es bestellen zu wenige Kunden Hochtemperatur-Elektrolyseure, um eine eigene Serienfertigung zu rechtfertigen.
Der Schnitt kostet rund 30 Millionen Euro, überwiegend Abschreibungen auf die Pilotanlage und aktivierte Entwicklungsleistungen. Von den 27 Beschäftigten in Arnstadt verlieren 9 betriebsbedingt ihre Stelle, 2 gehen freiwillig, 16 bleiben in Forschung und Entwicklung. Was aus dem Standort wird, prüft Nucera noch.
Für Nucera ist der SOEC-Ausstieg keine Existenzfrage, sondern eine Priorisierung. Das Unternehmen konzentriert sich künftig auf sein Kerngeschäft: die klassische Chlor-Alkali-Elektrolyse, die alkalische Wasserelektrolyse unter der Marke Scalum in 20-Megawatt-Einheiten sowie demnächst eine Hochdruck-Variante. Dort läuft es gut. Der Auftragseingang im Segment Grüner Wasserstoff stieg in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres von 23 auf 184 Millionen Euro, getragen vor allem von einem 300-Megawatt-Auftrag für das Moeve-Projekt in Südspanien, ebenfalls auf Basis alkalischer Elektrolyse.
Sunfire baut genau dort weiter, wo Nucera aufgibt
Sunfire aus Dresden ist die zweite deutsche SOEC-Adresse, und dort fiel die Entscheidung entgegengesetzt. Zusammen mit BASF InfraService & Solutions Lausitz setzte das Unternehmen am 19. August im Industriepark Lausitz in Schwarzheide den Spatenstich für eine SOEC-Testanlage. Angekündigt worden war das Projekt bereits im Mai, jetzt hat der Bau tatsächlich begonnen.
Die geplante Anlage soll 1,3 Megawatt leisten und 36,5 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde produzieren, bei einem Wirkungsgrad von bis zu 89 Prozent. Das wäre die dritte Sunfire-Produktgeneration, bislang nur als Erwartungswert genannt, nicht nachgewiesen. Belegt ist bisher ein Wirkungsgrad von 84 Prozent, erzielt 2022 mit der ersten Generation im EU-geförderten Projekt GrInHy2.0 beim Stahlkonzern Salzgitter, mit dem Sunfire seit 2016 an der Hochtemperatur-Elektrolyse arbeitet.
„Mit der Validierung unter realen Industriebedingungen schließen wir die letzten Schritte vor der Umsetzung erster kommerzieller Anwendungen ab", sagt Sunfire-CTO Christian von Olshausen. Ein festes Datum für die Inbetriebnahme nennt Sunfire nicht, der Bau ist angelaufen, mehr lässt sich derzeit nicht seriös sagen.
Finanziert wird das Projekt laut früheren Unternehmensangaben im höheren einstelligen Millionenbereich, mit einem Darlehen der Europäischen Investitionsbank. Parallel plant Sunfire im Rahmen des IPCEI-Vorhabens „Sunfire 1500+", das Bund und Länder 2023 mit 169 Millionen Euro bezuschusst haben, eine SOEC-Serienfertigung mit 500 Megawatt Jahreskapazität. Standort und Zeitpunkt dafür lässt das Unternehmen bislang offen.
Anders als Nucera fährt Sunfire die Hochtemperatur-Elektrolyse nicht als isolierte Wette, sondern als zweites Standbein neben der Druck-Alkali-Elektrolyse, die bereits in Großprojekten läuft, etwa 100-Megawatt-Anlagen für Repsol und RWE. Die SOEC ist dabei die Wette auf den Effizienzvorsprung von morgen, gestützt durch 162 Millionen Euro Bundesförderung und eine Beteiligung des Amazon Climate Pledge Fund.
Der SOEC-Rückzug ist kein Einzelfall
Nucera ist nicht der einzige Hersteller, der bei der Hochtemperatur-Elektrolyse zurückrudert. Der dänische Konzern Topsoe hat im Mai 2026 noch radikaler gekürzt: Die erst im Oktober 2025 in Herning eröffnete Fabrik, ausgelegt auf 500 Megawatt Jahreskapazität und mit 94 Millionen Euro EU-Förderung gebaut, wird nach einer Validierungsphase in eine Art Winterschlaf versetzt, bis die Nachfrage anzieht. Eine geplante zweite Fabrik in den USA ist komplett gestrichen.
Der Rückzug reiht sich in eine breitere Konsolidierung des gesamten Elektrolyseur-Markts ein. Die Internationale Energieagentur zählt in ihrem aktuellen Global Hydrogen Review weltweit 58 Gigawatt Fertigungskapazität pro Jahr, denen eine tatsächliche Produktion von unter 5 Gigawatt gegenübersteht. Die Investitionsentscheidungen für neue Elektrolyse-Projekte sanken 2025 um rund 30 Prozent, der US-Konzern Cummins hat den Elektrolyseur-Verkauf komplett eingestellt.
Der SOEC-Weltmarkt selbst ist mit rund 200 Millionen US-Dollar Umsatz 2025 winzig, eine Nische neben der etablierten alkalischen Elektrolyse, die von chinesischen Herstellern dominiert wird. Und selbst dort spielt Hochtemperatur-Elektrolyse kaum eine Rolle: Von mehr als 35 Gigawatt Fertigungskapazität in China entfallen laut IEA nur 0,1 Gigawatt auf SOEC. 2025 meldete kein einziger chinesischer Hersteller einen bestätigten SOEC-Auftrag.
Zwei rationale Entscheidungen, keine Systementscheidung
Der Nucera-Ausstieg ist damit kein Beleg dafür, dass SOEC als Technologie gescheitert ist. Sunfire baut aktiv weiter, mit zehn Jahren Praxiserfahrung im Rücken und öffentlicher Kofinanzierung. Was der Doppelbefund zeigt, ist etwas Nüchterneres: Die Technologie steckt an der Bruchstelle zwischen Pilotprojekt und Serienreife, und dieser Markthochlauf harzt derzeit über alle Elektrolyse-Verfahren hinweg, nicht nur bei SOEC. Das PIK hat früh dafür plädiert, Wasserstoff nur dort einzusetzen, wo direkte Elektrifizierung nicht funktioniert. An dieser Sortierfrage, wer wann bestellt, entscheidet sich derzeit, wer investiert und wer sich zurückzieht.
Für Nucera ist der Ausstieg aus der SOEC-Serienfertigung eine Frage der Kapitaldisziplin: Das margenstarke Chlor-Alkali-Geschäft und die etablierte alkalische Elektrolyse liefern, das Geld für eine unbestellte Nischentechnologie bindet Kapazität, die anderswo fehlt. Für Sunfire ist die Rechnung umgekehrt: Der Effizienzvorteil der SOEC, bis zu 30 Prozent weniger Strombedarf durch die Nutzung industrieller Abwärme, ist real und an Industriestandorten wie Schwarzheide unmittelbar nutzbar, solange ein Partner wie BASF und öffentliche Förderung das Risiko mittragen.
Beide Unternehmen ziehen aus derselben Marktlage einen unterschiedlichen Schluss, und beide Schlüsse sind aus ihrer jeweiligen Position heraus nachvollziehbar. Die eigentliche Geschichte dieser Woche ist deshalb weniger, wer von beiden richtig liegt, sondern dass eine junge Technologie erst dann zeigt, ob sie trägt, wenn genug Kunden bereit sind, sie zu bestellen. Bis dahin bleibt Schwarzheide der Ort, an dem sich das für die Hochtemperatur-Elektrolyse entscheidet.
QUELLEN
- ingenieur.de: Wasserstoff aus Hochtemperatur-Elektrolyse: Nucera steigt aus, Sunfire baut weiter, 20.08.2026.
- PV Magazine: Sunfire baut Hochtemperatur-Elektrolyseur in der Lausitz, 20.08.2026.
- thyssenkrupp Nucera: Quartalsmitteilung 3. Quartal Geschäftsjahr 2025/2026, 12.08.2026.