Deutschland verfehlt sein Klimaziel 2026 wohl zum ersten Mal

KLIMAPOLITIK · 4. SEPTEMBER 2026

Deutschland verfehlt sein Klimaziel 2026 wohl zum ersten Mal

Die Emissionen sanken im ersten Halbjahr nur um zwei Prozent, zeigt eine Agora-Hochrechnung. Das Bittere daran: Selbst dieser magere Rückgang kommt vor allem von der Ölkrise, nicht von wirksamer Klimapolitik.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Deutschland hat bis Ende Juni 2026 rund 327 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent ausgestoßen, 7 Millionen Tonnen oder zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das zeigt eine erste Hochrechnung von Agora Energiewende auf Basis vorläufiger Daten. Hält das Tempo, sinkt der Ausstoß 2026 nur auf 635 Millionen Tonnen. Das im Klimaschutzgesetz verankerte Klimaziel 2026 erlaubt aber höchstens 625 Millionen Tonnen.

Deutschland verfehlt sein Klimaziel 2026 damit voraussichtlich zum ersten Mal seit Bestehen des Gesetzes. Und die Lücke wächst weiter: Um das Ziel für 2030 zu erreichen, muss der Ausstoß jährlich um rund 40 Millionen Tonnen sinken. Aufs Gesamtjahr hochgerechnet schafft Deutschland 2026 gerade einmal 13 Millionen Tonnen, ein Drittel des nötigen Tempos.

Balkendiagramm: Deutschlands Emissionen 2025 (648 Mio. t), Hochrechnung 2026 (635 Mio. t) und Klimaziel 2026 (625 Mio. t) im Vergleich
Zehn Millionen Tonnen über dem Limit: Die Agora-Hochrechnung im Vergleich zum gesetzlichen Klimaziel 2026. Grafik: Cleanthinking.de

Der Rückgang ist krisenbedingt, nicht klimapolitisch gewollt

Haupttreiber des Rückgangs sei die erneute fossile Energiepreiskrise, teilte Agora Energiewende mit. Auslöser ist die Blockade der Straße von Hormus durch Iran seit Ende Februar 2026. Ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen läuft durch diese Meerenge. In der Folge nahm die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe ab, der Lkw-Verkehr ging leicht zurück und der Absatz von leichtem Heizöl brach deutlich ein.

„Das erste Halbjahr 2026 steht deutlich im Zeichen der fossilen Energiepreiskrise: Erneut wird die deutsche Wirtschaft schmerzhaft von fossilen Preisschocks getroffen", sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. Gleichzeitig hätten Wärmepumpen und E-Autos neue Absatzrekorde erzielt, mit positiver Wirkung auf die Klimabilanz. Der zunehmende Wärmepumpen-Anteil erkläre, dass der Erdgasverbrauch in Gebäuden trotz kaltem Jahresbeginn und höherem Heizbedarf ungefähr konstant blieb.

Schon 2025 war die Wärmepumpe erstmals die meistverkaufte Heizungsart in Deutschland, mit rund 299.000 installierten Geräten. Im ersten Halbjahr 2026 legte der Absatz noch einmal um 40 Prozent auf 195.000 Wärmepumpen zu.

Zusatzkosten von 7,4 Milliarden Euro durch teure Öl- und Gasimporte

Die zusätzlichen Kosten für Rohöl- und Erdgasimporte seit Ausbruch des Konflikts Ende Februar beziffert Agora Energiewende auf rund 7,4 Milliarden Euro. Deutschlands Ölimporte stiegen dabei nur um zwei Prozent, die Erdgasimporte sanken sogar um elf Prozent. Höhere Ölpreise schlagen sich unmittelbar an der Tankstelle nieder. Bei Gas bestehen meist längerfristige Lieferverträge, weshalb Preissteigerungen zeitversetzt bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen, auch auf der Heizrechnung.

Als Reaktion auf die steigenden Spritpreise hatte die Bundesregierung im Mai und Juni einen Tankrabatt eingeführt. „Der Tankrabatt zeigt die Schwächen von Deutschlands Krisenantwort: Eine teure Maßnahme, die nur kurz und wenig zielgerichtet wirkt", sagt Bläsius. Schnelle Hilfen sollten stattdessen vor allem einkommensschwachen Haushalten zugutekommen, so die Direktorin. Nötig seien zugleich Maßnahmen, die das Problem an der Wurzel packten.

Nach dem Klimaziel 2026 wackelt auch das Ziel für 2030

Balkendiagramm: Erwartete CO2-Minderung 2026 von 13 Millionen Tonnen gegenüber nötigen 40 Millionen Tonnen pro Jahr für das Klimaziel 2030
13 statt 40 Millionen Tonnen: Deutschland mindert seine Emissionen 2026 nur mit einem Drittel des nötigen Tempos. Grafik: Cleanthinking.de

Seit der Novelle von 2024 zählt im Klimaschutzgesetz die Gesamtmenge der Emissionen über mehrere Jahre. Jede verpasste Tonne von 2026 muss in den Folgejahren zusätzlich eingespart werden. Wie sich Klimaschutz und Krisenantwort verbinden lassen, zeigten laut Agora Energiewende Spanien und Frankreich: Spanien treibe den Ausbau erneuerbarer Energien massiv voran, Frankreich habe einen Plan für die beschleunigte Elektrifizierung vorgelegt. Die Bundesregierung müsse Planungssicherheit für klimafreundliche Investitionen schaffen, deren Finanzierung absichern und Preissignale in Richtung Transformation ausrichten.

Die vollständige Berechnung nach Sektoren veröffentlicht Agora Energiewende in der Halbjahresbilanz 2026. Sie enthält auch einen Themenfokus zu den Folgen der fossilen Energiekrise für Deutschland. Verbindlich wird die Zielverfehlung erst mit den amtlichen Emissionsdaten des Umweltbundesamts, die üblicherweise im Frühjahr des Folgejahres vorliegen.

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