ENERGIEWENDE · KOMMENTAR · 06. SEPTEMBER 2026

Eine Billion Euro für die Energiewende: Das können wir uns leisten
Eine Billion Euro für die Energiewende: Bei zwölf Nullen stößt die Vorstellungskraft der meisten Menschen an Grenzen. Genau darauf setzt der Energiewende-Skeptiker Daniel Wetzel in seinem Artikel zum neuen McKinsey-Energiewende-Index. Dabei übersieht er wesentliche Punkte.
Die Zahl stammt aus dem neuen „Energiewende-Index" der Beratungsgesellschaft McKinsey, über den Daniel Wetzel in der WELT berichtet. Danach braucht die deutsche Energiewende bis 2035 zwischen 780 und 1.035 Milliarden Euro. Gemeint ist ausschließlich Infrastruktur: Stromerzeugung, Netze, Wärme, Wasserstoff. Was Haushalte selbst in Wärmepumpen, Solardächer oder Wallboxen stecken, ist nicht eingerechnet.
Das ist doppelt so viel wie in der vergangenen Dekade. Damals flossen rund 400 Milliarden Euro in den Umbau des Energiesystems. „Kritikern der Energiewende dürfte das nicht den Wind aus den Segeln nehmen", schreibt Wetzel. Sein Text stellt die Billion in den Mittelpunkt. Einen Maßstab, an dem sich die Summe messen ließe, nennt er nicht (mehr dazu: Was Daniel Wetzel beim Kipppunkt der Erneuerbaren übersieht).
Zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für die Energiewende
Deutschlands Bruttoinlandsprodukt lag 2025 bei 4,47 Billionen Euro, so das Statistische Bundesamt. Im selben Jahr investierten Staat und Unternehmen zusammen 907,8 Milliarden Euro in Bauten, Maschinen und Ausrüstung. Das sind die Bruttoanlageinvestitionen eines einzigen Jahres.
Auf zehn Jahre verteilt bedeutet McKinseys eine Billion Euro für die Energiewende etwa 78 bis 104 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht 1,7 bis 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Oder rund einem Zehntel dessen, was Deutschland ohnehin Jahr für Jahr investiert.
| Größe | Wert | Einordnung |
|---|---|---|
| Bruttoinlandsprodukt 2025 | 4,47 Bio. € | Wirtschaftsleistung eines Jahres |
| Bruttoanlageinvestitionen 2025 | 907,8 Mrd. € | Investitionen von Staat und Unternehmen in einem Jahr |
| Energiewende-Bedarf pro Jahr (McKinsey) | 78-104 Mrd. € | 1,7-2,3 % des BIP, rund ein Zehntel der Investitionen |
| Fossile Importe pro Jahr, Schnitt seit 2008 (KfW) | 81 Mrd. € | Konsumausgabe ohne Gegenwert |
Quellen: Statistisches Bundesamt, McKinsey (nach WELT), KfW Research.
Ein Zehntel der Investitionen umzulenken ist eine große Aufgabe. Planerisch, politisch, finanziell. Eine Volkswirtschaft mit 4,47 Billionen Euro Jahresleistung sprengt sie aber nicht. Allein die Investitionen des Staates stiegen 2025 um 16 Milliarden Euro, das stärkste Plus seit dem Jahr 2000. Die Richtung stimmt also schon, nur das Tempo fehlt (mehr dazu: Energiewende: Der Mythos von den hohen Kosten).
Wer soll das bezahlen: Staat oder Markt?
McKinseys Antwort lautet: der Markt. Die Berater wollen mehr privates Kapital für die Energieinfrastruktur mobilisieren. Vorbild ist Großbritannien, wo 54 Prozent der Infrastruktur privat finanziert werden. Und die USA, wo Energieversorger für institutionelle Anleger eine etablierte Anlageklasse sind. „Deutschland hat kein Kapitalproblem, das Problem ist der Zugang zu diesem Kapital", sagt Sebastian Overlack, Partner bei McKinsey und Co-Autor der Studie.
Das klingt nach einem Finanzierungsdetail. Es ist eine politische Weichenstellung. McKinsey berät seit Jahrzehnten dort, wo öffentliche Aufgaben privatwirtschaftlich organisiert werden sollen. Bei Energie ist das eine riskante Option, wie wir in diesen Tagen durch Attacken auf Flughäfen oder Umspannwerke schmerzlich erfahren müssen.
Der Gewinn daraus bleibt überschaubar, selbst nach McKinseys eigener Rechnung. Würden die Portfolios der mehr als 900 Stadtwerke in Fonds gebündelt und alle Hebel gezogen, sänken die Kapitalkosten bis 2035 um 13 bis 16 Milliarden Euro. Pro Haushalt wären das 30 bis 35 Euro im Jahr. Die fossilen Importe kosten dagegen jeden Einwohner rund 1.000 Euro im Jahr, so KfW Research. Der große Hebel liegt also woanders.
Die Bundesregierung geht einen ähnlichen Weg. Kanzler Friedrich Merz tauschte im Juli seinen Verkehrsminister aus, Steffen Bilger ersetzte Patrick Schnieder. Der Auftrag an den Neuen: privates Kapital für die Modernisierung der Infrastruktur mobilisieren, wie t-online berichtete. Gemeint sind vor allem die Autobahnen. Sieben Jahre nach dem Scheitern der Ausländermaut vor dem Europäischen Gerichtshof steht die nutzerfinanzierte Autobahn damit wieder auf der Tagesordnung.
Private Investoren wollen Rendite. Bei Autobahnen heißt das am Ende: Maut für alle. Bei Stromnetzen und Kraftwerken hieße es: höhere Netzentgelte und Strompreise für Haushalte und Industrie. Genau die Kosten also, die die Energiewende senken soll und bei denen Photovoltaik 2025 bereits 15,7 Milliarden Euro eingespart hat.
Energieinfrastruktur entscheidet über Versorgungssicherheit, über die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und über die Unabhängigkeit von Importen. Sie gehört deshalb überwiegend in öffentliche und genossenschaftliche Hand. Privates Kapital kann ergänzen. Zur Leitlogik darf es nicht werden.
Neun von 15 Zielen: Wo die Energiewende liefert und wo nicht
Bleibt Wetzels Headline: Neun von 15 Zielen drohen zu scheitern. Der Energiewende-Index bewertet halbjährlich 15 Indikatoren. Sechs gelten laut Studie als erreichbar, vier stehen auf der Kippe, fünf sind außer Reichweite. In der Frühjahrsausgabe des Index stehen die Werte dazu im Detail. Die neuen Daten sind noch nicht öffentlich.
Erreichbar sind die Ausbauziele. Der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch lag 2025 bei 55,8 Prozent. Ihr Anteil am gesamten Endenergieverbrauch und die Senkung des Primärenergieverbrauchs liegen bei 96 Prozent des Zielpfads. Der Stromausfall je Anschluss beträgt 11,7 Minuten im Jahr, besser als das Ziel. Die Zahl der Arbeitsplätze in den Erneuerbaren übertrifft den Zielwert, die Importkapazität aus den Nachbarländern ebenfalls. Wo gebaut wird, funktioniert die Energiewende.
Auf der Kippe stehen der CO2-Ausstoß, die Reservemarge im Kraftwerkspark, der Haushaltsstrompreis und die Gesamtenergiekosten der Haushalte. Beim Strompreis zeigt der Trend nach oben: Der Abstand zum europäischen Durchschnitt schrumpft, weil die Preise hierzulande sinken, während sie im Ausland steigen, auch dank der Übernahme von Netzkosten durch den Bund.
Außer Reichweite sind fünf Ziele:
- der Ausbau der Übertragungsnetze,
- die Kosten für Netzeingriffe,
- die Elektrifizierung von Wärme und
- Verkehr und der
- neu gefasste Industrieenergiepreis.
Beim Netzausbau liegt das Tempo mit 500 Kilometern im Halbjahr auf Rekordniveau, Anfang 2025 waren es noch rund 300. Bei den E-Autos stiegen die Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2026 auf 500.000, zweieinhalbmal so viele wie 2023. Beides ist noch zu langsam, beides beschleunigt.
Und der Industrieenergiepreis? McKinsey hat den Indikator neu definiert. Verglichen wird jetzt mit der EU, den USA und China, und Gas zählt mit. Der Wert liegt bei 175 Prozent, also 75 Prozent über den Wettbewerbern. „Haupttreiber dahinter sind die Gaspreise, die hierzulande um den Faktor 4 höher waren als in den USA", heißt es in der Studie. „Dagegen ist Strom nur um rund 50 Prozent teurer." Das wichtigste verfehlte Ziel scheitert am importierten Gas.
Was Deutschland heute schon zahlt, jedes Jahr
In Wetzels Rechnung fehlt die andere Seite der Bilanz. Deutschland gibt Jahr für Jahr Milliarden für Öl, Gas und Kohle aus dem Ausland aus. KfW Research beziffert die fossilen Importe für 2024 auf 76 Milliarden Euro. Der langjährige Schnitt seit 2008 liegt bei 81 Milliarden. 2023 waren es 90 Milliarden, im Krisenjahr 2022 sogar 146 Milliarden Euro.
Auf zehn Jahre gerechnet ergibt allein der Schnitt rund 810 Milliarden Euro. Das ist fast exakt die Summe, die McKinsey für die Energiewende veranschlagt. Nur bleibt von diesem Geld nichts übrig.
Fossile Importe sind eine Konsumausgabe. Das Geld kauft Rohstoffe, die verbrannt werden. Danach sind sie weg, und im nächsten Jahr ist die Rechnung erneut fällig. Die Energiewende-Billion dagegen baut Netze, Windparks, Solaranlagen und Speicher. Das sind Anlagen mit einer Nutzungsdauer von Jahrzehnten. Sie stehen in der Bilanz als Vermögen, während die Importrechnung verpufft.
2022 hat gezeigt, was diese Abhängigkeit kostet, wenn die Märkte kippen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine flossen in einem einzigen Jahr 146 Milliarden Euro ab, fast das Doppelte eines normalen Jahres. Wind und Sonne stellen keine solche Rechnung. Ihr Preis steigt nicht über Nacht, weil ein Lieferant den Hahn zudreht.
Zum ersten Mal hat Deutschland die Technik, diese Dauerausgabe zu beenden. Wind, Sonne, Speicher und Elektrifizierung sind da und bezahlbar. Die EU hat den Ausstieg aus Öl und Gas bereits geplant (mehr dazu: Wie die EU raus aus Öl und Gas will). Was fehlt, ist die Entscheidung, das Geld einmal in Anlagen zu stecken, statt es jedes Jahr zu verbrennen. Eine Billion Euro für die Energiewende in zehn Jahren ist der Preis dafür. Deutschland kann ihn zahlen.
Es zahlt ihn heute schon, nur für konsumtive Ausgaben, die stets wiederkehren - nicht für Investitionen, die über Jahrzehnte Rendite bringen.
QUELLEN
- WELT: Eine Billion Euro für die Energiewende, doch 9 von 15 Zielen drohen zu scheitern, Daniel Wetzel, 06.09.2026.
- McKinsey & Company: Energiewende-Index, zitiert nach der WELT-Berichterstattung.
- McKinsey & Company: Energiewende-Index März 2026: Vier Jahre nach der Gaskrise, März 2026.
- KfW Research: Jedes Jahr importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von rund 80 Milliarden Euro, Volkswirtschaft Kompakt Nr. 251, April 2025.
- Statistisches Bundesamt: Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen, Januar 2026.
- Statistisches Bundesamt: Höchster Anstieg seit 2000: Bruttoinvestitionen des Staates 2025 gegenüber 2024 um 12,3 % gestiegen, Juni 2026.
- t-online: Kabinett-Umbau nach Spahn-Rücktritt: Merz tauscht Verkehrsminister aus, Juli 2026.
Sehr guter Beitrag 🙂