Sachsen stoppt die Windkraft? Was an der BILD-Schlagzeile nicht stimmt

WINDKRAFT · 1. OKTOBER 2026

Wer die Windkraft in Sachsen bremst, verliert die Steuerung

BILD Dresden meldet, Sachsen stoppe als erstes Bundesland den Windkraft-Ausbau, 42.000 Bürger seien gegen neue Windräder. Geplant ist eine befristete Pause, und die gab es anderswo schon. Wer die Windplanung jetzt bremst, riskiert nach 2027 Windräder an Orten, die keine Gemeinde ausgewählt hat.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


„Sachsen stoppt als erstes Bundesland Windkraft-Ausbau”, titelt BILD Dresden Ende September, darüber die Dachzeile „42.000 Bürger gegen neue Windräder”. Die Redaktion spielte den Artikel zusätzlich über die Facebook-Seiten von BILD Dresden und BILD Leipzig aus. Wer nur die Schlagzeile liest, muss annehmen, die Windkraft in Sachsen sei am Ende.

Der Screenshot zeigt die Aufmachung. Das große Foto zeigt Windräder im sächsischen Klipphausen bei Dresden, die Bildunterschrift spricht von „Probleme mit der Akzeptanz”. Im Lead darunter schwächt die BILD ihre eigene Schlagzeile schon ab: Sachsen „könnte” als erstes Bundesland die Notbremse ziehen.

Screenshot der BILD-Schlagzeile „Sachsen stoppt als erstes Bundesland Windkraft-Ausbau“
Schlagzeile und Dachzeile der BILD vom 29. September 2026. QUELLE: SCREENSHOT BILD.DE

Stimmt die Schlagzeile? Sie ist gleich doppelt falsch. Gestoppt ist nichts, die Minderheitsregierung aus CDU und SPD plant ein Moratorium und hat es noch nicht erlassen. Sachsen wäre auch nicht das erste Land. In Schleswig-Holstein waren raumbedeutsame Windräder ab 2015 im gesamten Landesgebiet vorläufig unzulässig, Genehmigungen gab es nur als Ausnahme.

Auslöser war ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Schleswig, das 2015 die Regionalpläne für Windenergie kippte. Der Landtag hielt den Ausbau daraufhin per Landesplanungsgesetz an und verlängerte die Pause mehrfach, zuletzt bis Ende 2020. Bis dahin sollten neue Pläne stehen. Im Februar 2020 bestätigte dasselbe Gericht, dass das Moratorium mit der Verfassung vereinbar ist.

Was hinter den 42.000 Unterschriften steckt

Auch die Dachzeile hält der Prüfung nicht stand. Aus einer Unterschriftensammlung macht sie „42.000 Bürger gegen neue Windräder”. Die Zahl stammt von den Initiatoren eines Volksantrags, der seit gut einem Vierteljahr Unterschriften sammelt. Geprüft ist sie nicht. Erst ab Oktober wird kontrolliert, ob die Adressen stimmen und niemand doppelt unterschrieben hat. Nötig sind 40.000 gültige Unterschriften, dann muss sich der Landtag mit dem Antrag befassen. Mehr bewirkt diese Hürde nicht.

Gemessen an Sachsen ist die Zahl klein. Bei der Landtagswahl 2024 waren rund 3,18 Millionen Menschen wahlberechtigt, 42.000 entsprechen etwa 1,3 Prozent. Für den nächsten Schritt, ein Volksbegehren, bräuchten die Initiatoren 450.000 Unterschriften in sechs Monaten, mehr als das Zehnfache. Bundesweit befürworten 70 Prozent der Bevölkerung den Ausbau der Windenergie, etwas weniger als in den Vorjahren. Das ergab eine forsa-Umfrage für die Fachagentur Wind und Solar im Herbst 2025.

Zur Wahrheit gehört auch: 42.000 Unterschriften sind kein Randphänomen. In Sachsen haben sich fast flächendeckend Bürgerinitiativen gegen Windräder formiert. Sie fürchten Eingriffe in die Natur, Lärm, Gesundheitsschäden und den Wertverlust ihrer Häuser. Diese Sorgen verdienen Antworten. Eine Dachzeile, die daraus eine Front von Bürgern gegen Windräder macht, gibt keine.

Was Sachsens Regierung tatsächlich plant

Das Moratorium soll nach Berichten von Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung per Erlass kommen und wäre damit fast sofort wirksam. Es betrifft neue Windräder außerhalb der Gebiete, die für Windenergie ausgewiesen oder vorgesehen sind. Gelten soll es, bis die Regionalpläne fortgeschrieben sind, nach Angaben der Grünen bis Ende 2027.

Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) will den Ausbau damit vorübergehend anhalten, beenden will er ihn ausdrücklich nicht. Er strebt ein geordnetes Verfahren an, das sich an den gesetzlichen Flächenzielen orientiert und die Anwohner*innen im Blick behält. „Niemand soll überfordert werden”, zitiert ihn die Sächsische Zeitung.

Hinter der Pause steht eine Lücke in der Planung. Das Wind-an-Land-Gesetz des Bundes verpflichtet Sachsen, bis Ende 2027 1,3 Prozent und bis 2032 zwei Prozent der Landesfläche für Windräder auszuweisen. Zuständig sind vier Regionale Planungsverbände. Keiner hat seinen Windplan bisher beschlossen, zwei haben einen Entwurf vorgelegt. Allein in Leipzig-Westsachsen gingen dazu rund 7.400 Stellungnahmen von Bürger*innen ein.

Solange die Pläne fehlen, können Projektierer Windräder fast überall beantragen. Binnen eines Jahres genehmigten die Behörden in Sachsen 80 neue Anlagen, für 398 weitere laufen Verfahren. Gegen solche Anträge außerhalb der künftigen Windflächen richtet sich der geplante Erlass.

Weiter gehen die Gegner*innen der Windkraft. Ihr Volksantrag verlangt einen Ausbau-Stopp bis zu den fertigen Regionalplänen und mehr Schutz für Wohnhäuser, Wälder und Landschaften. Neue Windflächen sollen nur noch mit Zweidrittelmehrheit im Stadt- oder Gemeinderat entstehen dürfen. Das wäre ein Vetorecht für jeden Gemeinderat.

Frühestens Mitte Dezember berät der Landtag. Ein Gesetz käme bestenfalls vor der Sommerpause 2027 und gälte dann nur wenige Monate bis Ende 2027. Selbst die Initiatoren räumen ein, dass ihr Volksantrag das Bundesgesetz nicht ändern kann, denn Bundesrecht steht über Landesrecht.

Die BILD widerspricht ihrem eigenen Text

Der Fließtext der BILD ist fairer als ihre Schlagzeile. Weiter unten zitiert sie Panter mit dem Plan, den Ausbau nur vorübergehend anzuhalten, bis die Regionalpläne im kommenden Jahr fertig sind. Auch die Grünen kommen zu Wort. Über diesem Text steht trotzdem das Wort „stoppt”.

Was die BILD-Leser*innen nicht erfahren, wiegt schwerer. Weist Sachsen bis Ende 2027 nicht genug Fläche aus, könnte Windenergie nahezu im ganzen Land als privilegiert gelten. Behörden müssten Windräder dann bevorzugt zulassen, auch dort, wo kein Regionalplan sie vorsieht. Wer die Planung verzögert, arbeitet damit gegen das Anliegen vieler Unterzeichner*innen.

Ebenso fehlt, wer hinter dem Volksantrag steht. Mitinitiiert hat ihn ein Politiker jener Partei, die den Widerstand gegen Windräder seit Monaten im Landtag kanalisiert. Ihr eigener Antrag für einen Ausbau-Stopp fand Mitte September im Landtag keine Mehrheit. Ein ähnlicher Vorstoß gegen die Windkraft lief in Sachsen-Anhalt.

Den Rest erledigt die Aufmachung. Neben der Bildunterschrift zur Akzeptanz, die keine Zahl stützt, bettet die BILD einen Teaser zur Insolvenz eines deutschen Windkraftpioniers ein. Mit Sachsen hat diese Pleite nichts zu tun. Im Schlussabschnitt heißt es, in vielen Regionen Deutschlands wachse der Widerstand gegen neue Windparks, ohne Zahl und ohne Quelle.

Sachsen hängt beim Windausbau hinterher

Sachsen liegt beim Ausbau der Windkraft bundesweit auf Platz zwölf. Rund 850 Windräder stehen im Land, planungsrechtlich gesichert sind etwa 0,3 Prozent der Landesfläche. Für Ende 2027 verlangt der Bund mehr als das Vierfache.

Die CDU regiert Sachsen seit 1990 und hat die Windkraft in diesen 36 Jahren immer wieder kritisiert und gebremst. Aus ihren Reihen stammt der Kampfbegriff „Vogelschreddermaschinen”. Ministerpräsident Michael Kretschmer stellte im September 2025 beim Ost-Gipfel in Weimar mit den ostdeutschen Regierungschef*innen das bundesweite Zwei-Prozent-Flächenziel infrage. In der „Welt” fragte er, ob statt 100 Prozent nicht auch 90 oder 80 Prozent reichten und statt 2045 auch 2050.

Die sächsischen Industrie- und Handelskammern widersprachen Anfang Oktober 2025. Ständige Änderungen der politischen Rahmenbedingungen verunsicherten Unternehmen und hemmten Investitionen, schrieben sie, und sie „gefährden die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts”. Die Grünen im Landtag argumentieren heute ähnlich. Ihr energiepolitischer Sprecher Thomas Löser wirft CDU und SPD vor, Sachsens Chancen auf günstigere Energiepreise und neue Ansiedlungen auszubremsen.

Nützt ein Ausbau-Stopp den Bürger*innen

Ist es im Sinne der Bürger*innen, wenn Parteien den Widerstand gegen Windräder schüren? Für die Gemeinden lässt sich ausrechnen, was die Windkraft in Sachsen wert ist. Das sächsische Ertragsbeteiligungsgesetz verpflichtet Betreiber, Gemeinden im Umkreis von 2.500 Metern um ein Windrad am Ertrag zu beteiligen. Für Anlagen, die ab 2026 genehmigt werden, liegt der Mindestsatz bei 0,3 Cent je Kilowattstunde.

Nach einem Rechenbeispiel des Freistaats bringt ein Windrad mit 16,5 Gigawattstunden Jahresertrag den umliegenden Gemeinden 49.500 Euro im Jahr. Jede Anlage, die nicht gebaut wird, kostet sie also rund 50.000 Euro jährlich.

In Neißeaue bei Görlitz, der östlichsten Gemeinde Deutschlands mit rund 1.700 Einwohner*innen, zahlt der Betreiber Qualitas Energy der Gemeinde rund 30.000 Euro im Jahr. Nach dem geplanten Repowering mit drei neuen Anlagen und zusammen 21,6 Megawatt sollen es rund 100.000 Euro werden, berichtete das Fachportal Windmesse. Bürgermeister Per Wiesner nannte die zugrunde liegende Gesetzesänderung des Bundes „eine attraktive Sache”.

Die Sorgen der Anwohner*innen verdienen eine ernsthafte Antwort, auch die um ihre Gesundheit. In einem Versuch von Fiona Crichton und Keith Petrie sahen die Teilnehmenden zunächst negative Medienberichte über Gesundheitsrisiken von Windrädern. Danach meldeten sie Beschwerden, während sie Infraschall ausgesetzt waren, also tiefem Schall unterhalb der Hörschwelle. Wem die Forschenden anschließend den Nocebo-Effekt erklärten, dessen Symptome gingen auf das Ausgangsniveau zurück.

Nocebo heißt: Schon die Erwartung eines Schadens löst echte Beschwerden aus. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Infraschall und Symptomen belegen die bisherigen Daten nicht, halten die Autor*innen in ihrer Studie in der Fachzeitschrift Environmental Research fest. Wer Angst vor Windrädern schürt, schadet also genau den Menschen, die er zu schützen vorgibt.

Sachsen braucht Gestalter der sauberen Zukunft, in der Staatsregierung, in den Planungsverbänden und in den Rathäusern. Länder, Regionen und Kommunen, die die Transformation nicht selbst vorantreiben, werden abgehängt. Wer Bürger*innen gegen das Windrad vor der eigenen Haustür aufbringt, gefährdet Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Landes.

Schleswig-Holstein stellte in den Jahren seines Moratoriums neue Regionalpläne auf. Heute steht das Land mit rund 9.600 Megawatt installierter Windleistung an Land auf Platz zwei der Bundesländer. Ob ein Land nach einer Pause vorn liegt, hängt davon ab, was seine Regierung in der Pause tut. Sachsen hat dafür noch 15 Monate.

QUELLEN

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  1. Bündnisgrüne Landtagsfraktion Sachsen: Staatsregierung bremst Erneuerbare, 28.09.2026 (Pressemitteilung).
  2. ESV: OVG Schleswig: Moratorium zur Sicherung der Windkraftplanung des Landes ist verfassungskonform, 12.03.2020.
  3. Windbranche.de: Windenergie Markt in den Bundesländern, Stand Ende 2025.
  4. Fachagentur Wind und Solar: Umfrage zur Akzeptanz der Windenergie an Land, Herbst 2025, Dezember 2025.
  5. Windkraft-Journal: Umfrage 2025: 70 % Akzeptanz gegenüber Windenergie, 19.12.2025.
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