WIRTSCHAFTSWEISE AUS PARIS UND BERLIN · 5. OKTOBER 2026
H-stt (Wikimedia Commons) / CC BY-SA 4.0Ökonomen lehnen pauschale Zölle gegen China ab
Der Sachverständigenrat Wirtschaft und der französische Conseil d'analyse économique (CAE) raten Europa davon ab, pauschale Zölle gegen China zu verhängen. Die EU solle dort ansetzen, wo sie bei einzelnen Produkten von nur einem Lieferanten abhängt.
„Pauschalzölle sind eine kostspielige und wenig passgenaue Antwort auf die chinesische Wirtschaftsmacht”, sagt Gabriel Felbermayr, Mitglied des Sachverständigenrats. Allgemeine „Buy European”-Vorgaben seien nach Ansicht der beiden Räte ebenfalls zu teuer und zu wenig zielgenau. Die EU verfüge bereits über ein umfangreiches Instrumentarium. Sie müsse es schneller und abgestimmter einsetzen.
Sieben Ökonom*innen beider Räte legen die Empfehlungen gemeinsam als Deutsch-Französischer Rat der Wirtschaftsexperten vor. Das Gremium beruht auf dem Aachener Vertrag und berichtet den Finanz- und Wirtschaftsministern sowie den Notenbankchefs beider Länder. Den Vorsitz teilen sich Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats, und Xavier Jaravel.
China dominiert Batteriematerial und Seltene Erden
China beherrsche die Verarbeitung Seltener Erden, Batteriematerialien und mehrere Technologien für saubere Energie, schreiben die Autor*innen. Pekings Exportbeschränkungen für Gallium, Germanium, Graphit und Produkte aus Seltenen Erden hätten gezeigt, wie aus Marktmacht geopolitischer Einfluss werde. Die Stellungnahme verweist auf eine Auswertung von 350 Produkten, bei denen die EU als abhängig gilt. Rund die Hälfte davon stamme überwiegend aus China.
Europäische Hersteller lösen einzelne dieser Abhängigkeiten bereits technisch. Der Antriebsspezialist Flender hat einen Generator für große Windturbinen ohne Seltene Erden vorgestellt, der ohne Permanentmagnete auskommt.
2019 lag das Handelsdefizit der EU mit China bei 164 Milliarden Euro. In den zwölf Monaten bis Mai 2026 sei es auf 382 Milliarden Euro gestiegen, rechnen die Ökonom*innen vor. Das entspreche rund zwei Prozent der Wirtschaftsleistung der EU. Für das Gesamtjahr 2026 erwarten sie etwa 400 Milliarden Euro. Chinesische Unternehmen hätten von 2005 bis 2024 im Schnitt drei- bis achtmal so viel staatliche Unterstützung erhalten wie Unternehmen in OECD-Staaten.

Die EU soll Zölle gegen China gezielter einsetzen
Die Ausgleichszölle der EU auf batterieelektrische Autos aus China hätten die Nachfrage wohl zu Plug-in-Hybriden verschoben, schreiben die Ökonom*innen. Diese Fahrzeuge fallen nicht unter die Zölle, obwohl dieselben Hersteller sie anbieten. Künftige Untersuchungen sollten deshalb eng austauschbare Produkte gemeinsam prüfen, wenn dieselben Subventionen beide begünstigen.
Kurzfristig solle die EU bestehende Zölle gegen China schneller und passgenauer verhängen, also Antidumpingzölle gegen Waren unter Wert, Ausgleichszölle gegen subventionierte Waren und Schutzmaßnahmen. Dafür brauche es einfachere Verfahren und mehr Mittel für Untersuchungen. Eine gemeinsame Position Frankreichs und Deutschlands könne die Einigung in der EU erleichtern. Emmanuel Macron und Friedrich Merz hatten im Sommer einen gemeinsamen Fahrplan gegen unfaire chinesische Handelspraktiken angekündigt.
Für die Förderpolitik ziehen die Ökonom*innen eine Lehre aus der Solarbranche. Die Solarförderung Ende der 2000er und Anfang der 2010er Jahre hätte an breiter gestreute Einkäufe von Modulen geknüpft werden sollen. Die geförderte Nachfrage bedienten überwiegend chinesische Hersteller, während die deutsche Solarindustrie schrumpfte. Ähnliche Auflagen seien bei der Förderung von Elektroautos und Erneuerbaren denkbar, abgewogen gegen höhere Kosten.
Vorgaben zu europäischen Anteilen, wie sie der vorgeschlagene Industrial Accelerator Act der EU vorsieht, halten die Autor*innen für teuer. In den USA hätten „Buy American”-Regeln mehr als 100.000 US-Dollar, rund 85.000 Euro, je zusätzlichem Arbeitsplatz gekostet. Bei Kaufprämien für Elektroautos müsse der Nutzen gegen die Mehrkosten abgewogen werden und gegen die Folgen für andere Ziele wie die Verbreitung sauberer Technologien.
Europa soll liefern, worauf Partner angewiesen sind
Offensiv empfehlen die Ökonom*innen eine Industrie- und Innovationspolitik für Bereiche, in denen die EU wichtiger globaler Lieferant sein kann. Öffentliche Aufträge sollen innovativen europäischen Produkten einen ersten Markt verschaffen. Ein wachsender europäischer Binnenmarkt stärke die Verhandlungsposition der EU, weil der Zugang zu ihm für Handelspartner wertvoller werde.
Langfristig solle die EU Handel und Investitionen mit Staaten vertiefen, die kritische Rohstoffe und Güter liefern können. Als Vorbilder bei Energie und Rohstoffen nennen die Autor*innen die Abkommen mit Chile, Mexiko, Australien und dem Mercosur. Für engere Zusammenarbeit kämen Kanada bei kritischen Rohstoffen und Südkorea bei Batterien infrage.
QUELLEN
- Sachverständigenrat Wirtschaft / CAE: Europas China-Wirtschaftspolitik: Eine gezielte Strategie für eine neue Balance der Abhängigkeiten, 5. Oktober 2026.
- Deutsch-Französischer Rat der Wirtschaftsexperten: Europe's Economic Policy towards China: a Targeted Strategy to Rebalance Interdependence, Oktober 2026.