PHILIPP SCHRÖDER IM NTV KLIMALABOR · 8. OKTOBER 2026
Christoph Neumann"Da kriege ich Herzrasen und möchte ausrasten"
CDU-Mitglied Philipp Schröder hat sich entschieden, laut zu sein. Der 1KOMMA5°-Chef wirft E.ON vor, das Stromnetz dumm zu halten. Da kriege er Herzrasen, weil er wisse, was kommen werde. Und er sagt voraus, dass die geplante Wirkleistungsbegrenzung (50 %) „krachend“ aus der EEG-Novelle fliegt. Seine Lösung heißt Elektrostaat, mit Netzbetreibern, die an Intelligenz verdienen dürfen.
Vor zwei Jahren klang das noch ganz anders. Ende 2024, Anfang 2025 trat Philipp Schröder gemeinsam mit E.ON-Chef Leonhard Birnbaum in Podcasts und auf Bühnen auf. Ihre Vision war nahezu deckungsgleich: ein Stromsystem, so günstig, dass E-Auto und elektrisches Heizen „ein No-Brainer“ werden. Heute sagt Schröder im ntv-Podcast Klimalabor, es gebe Einzelakteure, die „massiv daran arbeiten, genau dieses System zu verhindern“. Gemeint ist vor allem E.ON.
"Eigentlich habe ich gar nichts gegen E.ON„, schickt er voraus. Er habe etwas gegen die zunehmende Einflussnahme, gegen Einseitigkeit “und auch grundlegend falsche Entscheidungen„. Viele Innovationsgedanken, die E.ON vor sich hertrage, dienten vor allem dazu, “die Monopolsituation im Netz abzusichern. Und diese Absicherung geht zu Lasten eines klügeren, besseren, effizienteren Systems."
Das Geschäftsmodell heißt Kupfer
Schröders Erklärung ist simpel. E.ON ist über Töchter wie Bayernwerk und Westnetz Europas größter Netzbetreiber, nach Schröders Angaben stammen rund 80 Prozent des Gewinns aus dem Netzgeschäft. "Man verlegt Kupfer, dieses Kupfer wird vergütet über die Netzentgelte, das ist wie die GEZ eine staatlich definierte Abgabe, und die wird immer höher, desto mehr Kupfer ich verlege." Ob das Kupfer intelligent genutzt wird, spiele für die Rendite keine Rolle.
Netze zu bauen, die niemand braucht, will er E.ON ausdrücklich nicht unterstellen. Aber: "E.ON hat ein Interesse daran, viel Kupfer zu verlegen. Das, finde ich, kann man seriös sagen. Und wenn sie viel Kupfer verlegen, bekommen sie darauf eine gesetzlich abgesicherte Rendite. Und das müssen wir alle zahlen, ob wir wollen oder nicht."
Was fehlt, ist Intelligenz im Netz: Smart Meter, dynamische Netzentgelte, die Steuerbarkeit nach Paragraf 14a. Alles verzögert, nach Schröders Darstellung "auch auf Druck von E.ON".
Tür 1 oder Tür 2
Schröder beschreibt zwei Wege. Tür 1: weiter Kupfer verlegen, die Netzentgelte steigen, die Rendite ist sicher. "Diese Tür 1 ist super, da muss man gar nichts machen und sichert seine Rendite ab, aber die Downside ist, dass volkswirtschaftlich diese Kosten Ewigkeitskosten sind." In manchen Regionen liegen die Netzentgelte laut Schröder schon heute bei über 20 Cent pro Kilowattstunde, bevor Strompreis und Abgaben überhaupt dazukommen.
Tür 2 ist der Elektrostaat: ein vernetztes System, in dem mehr Strom durch dieselben Leitungen fließt und die Kosten pro Kilowattstunde sinken. Sein Beispiel: Weht im Norden viel Wind, springen in Hamburg und Schleswig-Holstein Wärmepumpen, E-Autos, Speicher und die Waschmaschine mit Timer an. Der Strom muss weder abgeregelt noch nach Österreich in Pumpspeicher gebracht und am nächsten Tag zurückgekauft werden. Um diese Tür "müssen wir kämpfen, weil sie definiert die volkswirtschaftlichen Stromkosten für die nächsten Dekaden".
Herzrasen und das ISDN der Energiewende
Dann zieht er den Vergleich, der ihn sichtlich umtreibt. "Die Telekom hat sich politisch durchgesetzt und hat gesagt, lass mal das Kupfer weiter benutzen, wir nennen das ISDN, damit haben sie ihre Profite abgesichert. Deutschland hat Jahrzehnte verpasst beim Internetanschluss. Und das Gleiche passiert jetzt auf der Stromnetzebene.„ Und weiter: “Für jemanden wie mich, der so tief drin ist, ich kriege da Herzrasen und möchte ausrasten, weil wir ja sehen, was da kommt."
Der Schaden entstehe schon heute: Gewerbegebiete, Rechenzentren und günstige Erzeuger warten auf ihren Netzanschluss. Statt das Problem anzugehen, werde die Schuld umgedeutet. "Man hat sich darauf geeinigt, die Solaranlage ist natürlich an allem schuld. Was kompletter Nonsens ist. Man hat nur dumme Netze und muss deswegen leider den kostenfreien Strom ins Ausland verschenken.„ Die heimische Stromerzeugung im Überfluss werde “zum Problem karikiert, während die Netzkosten weiter hochgehen".
Markt statt Planwirtschaft
Wie es anders geht, zeigen nach Schröders Worten die USA. Dort wird Netzanschlussleistung handelbar. Wer zusagt, einen Teil seines Anschlusses zu bestimmten Zeiten nicht zu nutzen, gibt Kapazität frei, etwa für ein Rechenzentrum. "In Amerika zahlen die Datencenterbetreiber 180.000 Dollar im Jahr für ein Megawatt, das jemand bereit ist, an Netzanschlussleistung, die schon da ist, zu bestimmten Zeiten zu reduzieren. Das muss ja niemand. Das ist ein Marktmodell. Wir machen Planwirtschaft."
In Deutschland werde dagegen überlegt, die Industrie per Vorgabe an- und abzuschalten, weil das Netz keine andere Flexibilität hergibt. Für Schröder "eine richtig dumme Idee„. Er will das Gegenteil: Bei Stromüberschuss sollen möglichst viele Anlagen um den günstigen Strom konkurrieren, “jeder Heimspeicher, jede Wärmepumpe, jedes E-Auto, jeder Großspeicher. Egal welche Technologie."
Den Netzbetreibern will er dabei nichts wegnehmen, sondern ihr Geschäftsmodell erweitern: "Aus meiner Sicht muss der Verteilnetzbetreiber verdienen dürfen an Intelligenz."
Die Regulierungsbehörde sei längst so weit. "Die Politik muss die Tür 2 liefern, und das ist volkswirtschaftlich richtig, und die Bundesnetzagentur hat alle Vorgaben dafür längst gemacht. Die Bundesnetzagentur will das und sie wird aufgehalten.„ Dass er sich mit einem mächtigen Gegner anlegt, weiß Schröder: “Willst du dich mit E.ON anlegen? Die sind super mächtig, ohne E.ON geht gar nichts. Muss man sich nichts vormachen."
„Die wird rausfliegen“
Am konkretesten wird Schröder bei der Wirkleistungsbegrenzung. Nach Paragraf 9 der EEG-Novelle 2027 sollen neue Solaranlagen unter 100 Kilowatt dauerhaft nur noch 50 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz einspeisen, auch Heimspeicher und bidirektional ladende E-Autos sind betroffen. Für Schröder ist hier die Grenze überschritten: "Wenn ich das aber sabotiere, also nicht nur die Netze dumm halte, sondern on top die Assets, die ich habe, künstlich aus dem Markt halte, dann ist es einfach nur noch Sabotage."
Mitten in der fossilen Energiekrise per Gesetz auf private Dächer, Garagen und Keller zuzugreifen, nachdem man Habecks „Heizungshammer“ so bekämpft habe? "Wie dämlich kann man sein„, fragt das CDU-Mitglied. Die Regel sei “ein gieriger, hinterhältiger Versuch", Wettbewerb aus dem Markt zu halten. Seine Prognose ist entsprechend deutlich: Die Wirkleistungsbegrenzung fliege raus, "und zwar krachend". Gegen die Regel stehen Autoindustrie und Solarbranche, selbst E.ONs Vertrieb hat sich kritisch geäußert.
Viel Zeit bleibt nicht mehr. Nach dem bisherigen Zeitplan sollen EEG-Novelle und Netzpaket in der kommenden Sitzungswoche in zweiter und dritter Lesung verabschiedet werden, der Bundesrat würde direkt danach entscheiden. Weil die Positionen von Union und SPD weit auseinanderliegen, rechnet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) beim EEG mit einer Verschiebung um eine Sitzungswoche.
Dann wäre der Bundesrat erst am 20. November an der Reihe. Das ist knapp, weil Teile der Novelle noch beihilferechtlich von der EU-Kommission genehmigt werden müssen. Im Gespräch ist deshalb auch, die Pakete aufzuteilen und die zeitkritischen Teile vorzuziehen.
QUELLEN
- n-tv Klimalabor: 1Komma5°-Chef Schröder: „Die Pläne des Wirtschaftsministeriums sind ein Angriff auf privates Eigentum“, Oktober 2026.
- Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE): Pressekonferenz in Berlin, 7. Oktober 2026.