
Hellbrise: Warum der 13. März das Stromsystem nicht gefährdet hat – sondern sein Potenzial zeigt
OutdoorChiemgau warnt nur vor dem Blackout, wegen einer „Hellbrise“.
Am 13. März 2026 geschah etwas Bemerkenswertes im deutschen Stromnetz: Fast 74 Gigawatt aus Wind und Solar trafen auf einen Verbrauch von 66,6 Gigawatt. Ein Überangebot an erneuerbarem Strom allein von mehr als 20 Gigawatt. Für Stefan Spiegelsperger vom YouTube-Kanal „Outdoor Chiemgau“ war diese „Hellbrise“ Grund genug Blackout-Panik. In einem 13-minütigen Video warnte er seine Zuschauer vor einer „brutalen Hellbrise, wie ich sie Mitte März noch nie gesehen habe“, sprach von „gefährlichen Situationen im Stromnetz“ und zog Parallelen zum spanischen Blackout vom April 2025. Sein Fazit: „Wer sagt, wir brauchen Wind und Solar, der hat vom Stromnetz absolut keine Ahnung.“ 81.000 Menschen haben das bisher gesehen.
Heute ist der 14. März 2026. Kein Blackout. Keine Netzstörung. Kein verbreiteter Stromausfall. Das Netz hat gehalten – so wie es immer hält, wenn die Übertragungsnetzbetreiber ihre Arbeit machen. Was bleibt, ist die Frage: Was sagt uns der 13. März wirklich über das deutsche Stromsystem? Und was sagt er über die Glaubwürdigkeit eines YouTubers, der vor acht Wochen eine „unabwendbare Gasmangellage“ vorhergesagt hat, die ebenfalls nie eingetreten ist?
Der 13. März war kein Tag der Gefahr. Er war ein Tag der Chancen. Wer sich die Börsenpreise anschaut, erkennt sofort das Muster: Zwischen 11 und 12 Uhr lag der Arbeitspreis für dynamische Tarife bei knapp 19 Cent pro Kilowattstunde. Am Großhandelsmarkt notierten die Preise ab Mitternacht bei nur 9 Euro pro Megawattstunde – also unter einem Cent pro Kilowattstunde.
Gegen Mittag wurden die Preise sogar leicht negativ. Erst ab 16:30 Uhr, als der Wind nachließ und die Sonne tiefer stand, stiegen die Preise wieder deutlich: Abends um 19 Uhr lag der Arbeitspreis bei fast 40 Cent.
Was ist eine Hellbrise? Der Begriff Hellbrise beschreibt das Gegenteil der häufiger diskutierten Dunkelflaute und ähnelt begrifflich einer ins Spiel gebrachten Hellflaute – also Phasen mit besonders hoher gleichzeitiger Einspeisung aus Wind- und Solarenergie. Während eine Hellflaute Phasen mit wenig Wind und wenig Sonne bezeichnet, steht die Hellbrise für das Zusammentreffen von starkem Wind und intensiver Sonneneinstrahlung. In beiden Fällen sind Flexibilitätsoptionen gefragt: Speicher, Lastmanagement und intelligente Netzsteuerung. Die Hellbrise wird im Zuge der Energiewende immer häufiger auftreten – und ist ein zentrales Argument für den massiven Ausbau von Batteriespeichern.
Dieses Muster ist kein Systemversagen. Es ist ein Preissignal. Es sagt: Hier fehlen Speicher. 15 Stunden lang gab es Strom im Überfluss – erst reiner Windstrom in der Nacht, dann beides zusammen. Die Überschüsse von morgens bis nachmittags hätten flächig verteilte Batteriespeicher an Netzknoten aufnehmen und abends wieder abgeben können.
Das wäre kein Hexenwerk, sondern ein profitables Geschäftsmodell: Günstig laden bei negativen Preisen, teuer entladen bei 40 Cent. Die Technologie existiert.

Der Markt ruft danach. Es passiert nur zu langsam.
Denn für 2026 rechnen Analysten mit 700 bis 900 Stunden negativer Strompreise am Day-Ahead-Markt. Das sind nicht Ausnahmen – das wird Alltag. Und jede einzelne dieser Stunden ist ein potenzieller Gewinn für Batteriespeicher, die an den richtigen Stellen im Netz stehen.
Der Speicher-Tsunami kommt – wenn man ihn lässt
Die Großbatteriespeicher-Kapazität in Deutschland stieg 2025 von 2,3 auf 3,7 Gigawattstunden – ein Plus von 60 Prozent. Insgesamt sind knapp 25 Gigawattstunden Batteriespeicher installiert, der Großteil als Heimspeicher. Projekte wie das Zelos-Energy-Vorhaben in Klostermansfeld (Europas größter geplanter Batteriespeicher) zeigen, wohin die Reise geht.
Aber die Modellierungen des Fraunhofer ISE zeigen auch: Bis 2030 braucht Deutschland je nach Szenario 100 bis 170 Gigawattstunden Speicherkapazität. Das bedeutet eine Versechsfachung in vier Jahren. Das ist ambitioniert – aber machbar, wenn die Netzbetreiber den Batterie-Tsunami nicht ausbremsen.
Genau hier liegt das eigentliche Problem: Nicht zu viel Wind und Solar bedrohen das Netz, sondern zu wenig Flexibilität. Und die Flexibilität kommt nicht schnell genug, weil Netzanschlüsse für Großspeicher immer noch Monate bis Jahre dauern und der regulatorische Rahmen hinterherhinkt.
Netzbildende Wechselrichter: Die Antwort, die Spiegelsperger nicht kennt
Spiegelspergers zentrales Argument lautet: Wind- und Solaranlagen können kein Netz steuern, sie brauchen konventionelle Kraftwerke für Frequenz- und Spannungsstabilität. Er erklärt das mit einem Weißbier-Vergleich – mechanische Kraftwerke seien der gute Kellner, der die Schaumkrone perfekt hinbekommt, während Wechselrichter wie ein Roboter seien, der bei Abweichungen versagt.
Das ist eine hübsche Metapher. Und sie beschreibt die Welt von 2015.
Netzbildende Wechselrichter – englisch: Grid-Forming Inverters – stellen aktiv Spannung und Frequenz bereit und können diese stabil im Netz halten. Sie bilden die Grundlage für Inselbetrieb und Schwarzstartfähigkeit. Sie reagieren innerhalb von Millisekunden auf Frequenzabweichungen – deutlich schneller als jede rotierende Masse. SMA hat als erstes Unternehmen in Deutschland ein Einheitenzertifikat für netzbildenden Modus mit Momentanreserve erhalten.
Der Batteriespeicher in Föhren im Kreis Trier-Saarburg (21 MW, 55 MWh) ist der erste netzbildende Speicher im Verteilnetz Kontinentaleuropas. In Australien geht gerade ein 650-MWh-Speicher mit netzbildenden Wechselrichtern in die Testphase.
Und seit dem 22. Januar 2026 gibt es in Deutschland einen Markt für Momentanreserve – genau die Systemdienstleistung, die Spiegelsperger als unlösbar darstellt. Erstmals können Batteriespeicher mit netzbildenden Wechselrichtern diese Leistung erbringen und dafür vergütet werden: bis zu 888,50 Euro pro MW und Jahr im Premiumsegment.
Das Problem, das er theatralisch als existenzielle Bedrohung inszeniert, wird gerade marktbasiert gelöst.
Das Fraunhofer IEE hat im Februar 2026 ein Positionspapier zur „Grid-Forming Readiness“ veröffentlicht: Große Batteriespeicher im Mittelspannungsnetz sollen frühzeitig auf netzbildende Funktionen vorbereitet werden. Die Debatte ist also nicht „ob“, sondern „wie schnell“. Spiegelsperger redet, als gäbe es diese Technologien nicht. Seine 81.000 Zuschauer erfahren davon nichts.
Der Spanien-Vergleich: Falsch verstanden
Spiegelsperger zieht eine direkte Parallele: In Spanien lag der Wind-und-Solar-Anteil beim Blackout bei 74 Prozent, am 13. März habe Deutschland 84 Prozent gehabt. Daraus schließt er: Wenn es bei 74 Prozent in Spanien krachte, ist es bei 84 Prozent in Deutschland nur eine Frage der Zeit.
Diese Argumentation ignoriert nahezu alles, was den spanischen Blackout tatsächlich verursacht hat: einen lokalen Leitungsausfall an einem Netzknoten, unzureichende Netzreserven in einer spezifischen Region, und – das ist der Punkt – fehlende netzbildende Technologien. Spanien hatte zu diesem Zeitpunkt praktisch keine Grid-Forming-Kapazität im Netz.
Deutschland hat ein weit stärker vermaschtes Netz, vier Übertragungsnetzbetreiber mit intensiver Koordination, und baut genau die Infrastruktur auf, die Spanien fehlte. Der Vergleich „84 Prozent hier, 74 Prozent dort“ ist ungefähr so aussagekräftig wie der Vergleich von Autobahnunfällen allein anhand der Geschwindigkeit – ohne Straßenzustand, Sicherheitssysteme und Wetterbedingungen zu berücksichtigen.
„Unabwendbare Gasmangellage“ – der Track Record
Wer die Glaubwürdigkeit eines selbsternannten Energieexperten einordnen will, sollte dessen Vorhersagen prüfen. Am 20. Januar 2026 – vor acht Wochen – veröffentlichte Spiegelsperger ein Video mit der Kernbotschaft: „Eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden.“ Er rechnete die Szenarien der Initiative Energien Speichern mit eigenen Annahmen auf einen Endstand von 10 bis 12 Prozent herunter, warnte vor Industrieabschaltungen im Februar. NIUS übernahm diese Einschätzung und titelte, INES gehe davon aus, dass „zwischen März und Mai eine Gas-Mangellage entstehen wird“ – was INES so nie gesagt hat.
Ergebnis: Keine Gasmangellage. Keine Industrieabschaltungen. Die Bundesnetzagentur, der DVGW, Claudia Kemfert und praktisch jede Fachbehörde in Deutschland hatten recht – Spiegelsperger und NIUS lagen falsch. „Unabwendbar“ war gar nichts.
Das Muster wiederholt sich: Vor einem Jahr warnte der Kanal, 2025 werde „EXTREM teuer“ – die Strompreise sind gesunken. Bei der angeblichen Berliner Stromsabotage durch „Grüne“ – Verschwörungstheorie. Und jetzt die „Hellbrise“ als nächstes Blackout-Szenario, das nicht eintritt. Wer will, kann die Vorhersagen und die Realität auf Cleanthinking im Detail nachvollziehen: Unser Artikel „Outdoor Chiemgau: Angst-Narrative zerschellen an der Realität“ dokumentiert den gesamten Verlauf.
Hellbrise: Was der 13. März wirklich lehrt
Der Tag offenbart nicht die Schwäche des Stromsystems, sondern vier konkrete Handlungsfelder:
Erstens braucht Deutschland massiv mehr Batteriespeicher – verteilt an Netzknoten, gekoppelt mit netzbildenden Wechselrichtern, schnell genehmigt und angeschlossen. Die Technik ist da, der Markt ist da, die Erlösströme sind da. Was fehlt, ist Geschwindigkeit beim Netzanschluss.
Zweitens zeigt der Tag, warum Erneuerbare und Kernenergie nicht zusammenpassen. Ein Atomkraftwerk hätte am 13. März von 0 bis 16 Uhr bei negativen Börsenpreisen durchlaufen müssen – unabschaltbar, unflexibel, zusätzlich belastend. Genau deshalb hat Frankreich regelmäßig Probleme mit seiner Netzstabilität, wenn Sonne und Wind auf die starren AKW-Blöcke treffen. Erneuerbare brauchen flexible Partner: Speicher, Biogas, Demand Response – keine Grundlast-Dinosaurier.
Drittens wird Bioenergie falsch eingesetzt. Statt Biogasanlagen in 4.000 Stunden pro Jahr konstant „Grundlast“ liefern zu lassen, sollten sie flexibel als Spitzenlastkraftwerke fahren – weniger Stunden, höhere Leistung. Das hätte in der Nacht zum 14. März, als der Wind nachließ, genau die Lücke gefüllt, die sonst Gaskraftwerke schließen müssen.
Viertens belegt selbst dieser Märztag, dass Gaskraftwerke perspektivisch vom Markt verdrängt werden. Wer glaubt, Deutschland brauche „grundlastfähige Gaskraftwerke en masse“ – wie Kanzler Merz es formuliert hat –, der hat RWE zugehört und es blind nachgeplappert. Der Gaspreis an der europäischen Energiebörse ist seit Beginn des Iran-Konflikts zeitweise auf rund 59 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Wer jetzt auf Gas setzt, sitzt in der fossilen Kostenfalle – ausgerechnet an einem Tag, an dem Erneuerbare den Strom quasi verschenken.
Was es wirklich braucht
Der Weg zum stabilen erneuerbaren Stromsystem ist kein Geheimnis. Er besteht aus vier Elementen: Mehr Speicher auf allen Ebenen – von Heimspeichern über Großbatterien bis zur strategischen Langzeitreserve aus grünem Wasserstoff. Reverion-Anlagen, die Erneuerbare flexibel in chemische Energieträger umwandeln und wieder zurück. Konsequente Flexibilisierung durch bidirektionales Laden, Smart Meter, Demand Response und virtuelle Kraftwerke. Und erst dann, wenn nach Kohleausstieg tatsächlich Residuallast übrig bleibt: Wasserstoffkraftwerke statt Gaskraftwerke.
Was es nicht braucht, sind Panikvideos eines gelernten Energieanlagenelektronikers, der bei NIUS als „Energieexperte“ gehandelt wird, beim AfD-Windkraft-Symposium im Bundestag auf dem Podium sitzt, bei Kettner Edelmetalle Krisenvorsorge verkauft – und dessen zentrale Vorhersagen sich zuverlässig nicht bewahrheiten. 81.000 Menschen verdienen bessere Informationen als das.
Die Hellbrise vom 13. März war kein Problem. Sie war ein Versprechen: Das Stromsystem der Zukunft hat längst mehr Energie, als wir brauchen. Jetzt müssen wir lernen, sie zu nutzen.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Die Batteriespeicher sind zwar eine Lösung und in Verbindung mit Netzbildenden Wechselrichtern haben wir sie nicht!
Unser Netz ist wohl besser als das spanische Netz es war. Aber wir bauen fleißig Windkraft und Solaranlagen, so daß die Diffenrenz zu erzeugten und verbrauchten Strom höher ausfällt und es uns somit schon erwischen könnte.
Ist bekannt wie hoch die Differenz sein darf, die das Netz ausregeln kann?
Oder wissen wir das erst, wenn es passiert ist!
Hallo Alfred,
danke für den Kommentar. Aber der zentrale Satz stimmt so nicht: „In Verbindung mit netzbildenden Wechselrichtern haben wir sie nicht.“
Doch, haben wir. Der Batteriespeicher in Föhren (Kreis Trier-Saarburg, 21 MW/55 MWh) ist der erste netzbildende Speicher im Verteilnetz Kontinentaleuropas, bereits in Betrieb. SMA hat als erstes Unternehmen in Deutschland ein Einheitenzertifikat für den netzbildenden Modus mit Momentanreserve erhalten. Und seit dem 22. Januar 2026 gibt es in Deutschland einen eigenen Markt für Momentanreserve, in dem genau diese Speicher vergütet werden.
Dazu kommen STATCOM-Anlagen, die unabhängig von Kraftwerken Blindleistung bereitstellen und Spannung stabilisieren. Die Übertragungsnetzbetreiber installieren diese Systeme an neuralgischen Netzknoten. Zusammen mit netzbildenden Wechselrichtern und intelligentem Blindleistungsmanagement entsteht ein System, das Frequenz und Spannung ohne rotierende Massen halten kann. Das ist keine Theorie, das wird gerade gebaut.
Zur Frage, wie hoch die Differenz sein darf: Die ÜNB wissen das sehr genau. Am 13. März hatten wir über 20 GW Überschuss aus Erneuerbaren bei 66,6 GW Verbrauch. Kein Blackout, keine Netzstörung. Das Netz hat gehalten, weil dafür Werkzeuge existieren: Redispatch, Einspeisemanagement, Interkonnektoren ins europäische Verbundnetz. Das passiert nicht zufällig, sondern wird in Echtzeit gesteuert.
Was fehlt, sind nicht die Technologien. Was fehlt, ist Geschwindigkeit: mehr Großspeicher an Netzknoten, schnellere Netzanschlüsse, konsequente Flexibilisierung. Steht alles im Artikel.
Herzliche Grüße,
Martin Jendrischik
Ich halte die Aussage für etwas unterkomplex, das die Netzbetreiber diejenigen sind die den „Batterie-Tsunami“ bremsen. Es spielen viele Faktoren mit unterschiedlichen Ausprägungen eine größere Rolle. Um nur ein Beispiel zu nennen sind die benötigten Rohstoffe für die von Ihnen proklamierten 100-170 Gigawattstunden Speicherkapazität bis 2030. Wegen der steigenden Komplexität der Steuerung der einzelnen Netzbereiche, bei immer mehr Beteiligten Stromerzeugern (z.T. ungeregelt) am Stromnetz, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Systemversagens. Ein Indikator dafür sind für mich z.B. die massiv gestiegenen Redispatch Eingriffe. Ich halte den Ausbau von Erneuerbaren Energien für absolut sinnvoll. Nur wie so vieles im Leben ist nicht alles, was gut gemeint ist auch gut gemacht.
Danke, Manfred. Berechtigte Punkte, die eine differenzierte Antwort verdienen.
Zur Formulierung „Netzbetreiber bremsen den Batterie-Tsunami“: Ja, das ist verkürzt. Gemeint ist der Netzanschlussprozess generell. Zwischen Projektgenehmigung und tatsächlichem Netzanschluss vergehen bei Großspeichern oft Monate bis Jahre. Das ist einer von mehreren Flaschenhälsen, nicht der einzige.
Zum Rohstoffargument: Berechtigt, aber die Engpasslage verschiebt sich gerade. LFP-Zellen ohne Kobalt und Nickel dominieren den Speichermarkt zunehmend, Natrium-Ionen-Batterien stehen vor dem Markthochlauf. CATL, BYD und europäische Hersteller skalieren massiv. Die 100 bis 170 GWh bis 2030 sind ambitioniert, aber die Lieferketten entwickeln sich schneller als viele annehmen.
Zum Redispatch: Steigende Eingriffe sind kein Indikator für drohendes Systemversagen, sondern dafür, dass der Netzausbau dem Erzeugungsausbau hinterherhinkt. Das ist ein Infrastrukturproblem, kein Systemproblem. Redispatch ist genau das Werkzeug, mit dem die ÜNB verhindern, dass aus Engpässen Störungen werden. Solange Redispatch funktioniert, ist er Beweis für ein funktionierendes Sicherheitsnetz, nicht für ein versagendes System.
Zur Komplexität: Ja, mehr dezentrale Erzeuger erhöhen die Steuerungskomplexität. Aber genau dafür werden STATCOM-Anlagen, netzbildende Wechselrichter und digitale Netzsteuerung ausgebaut. Und zunehmend übernimmt KI die Steuerung dieser komplexen Systeme: Mustererkennung, Lastprognosen, Echtzeit-Optimierung von Speichern und Einspeisern, Erkennung von Netzanomalien, bevor sie kritisch werden. KI kann Millionen dezentrale Erzeuger und Verbraucher in Millisekunden koordinieren, was kein menschlicher Dispatcher je leisten könnte. Mehr Komplexität ist also kein Argument gegen dezentrale Erzeuger, sondern für intelligentere Steuerung. Und die wird gerade in hohem Tempo aufgebaut, es wird nur kaum berichtet.
Ihr Schlusssatz trifft es: Gut gemeint reicht nicht. Aber die Lösung liegt nicht in weniger Ausbau, sondern in besserem Systemdesign. Und genau das passiert gerade, schneller als die meisten mitbekommen.
Herzlichst grüßt,
Martin Jendrischik
Danke Herr Jendrischik, für ihr Rückmeldung.
Sie zeigen auf, dass der Netzanschlussprozess der Netzbetreiber im Zusammenhang mit der Zeitspanne der Projektgenehmigung ein Problem ist. Ich gehe davon aus, da Sie dieses Argument aufführen, das neben anderen Faktoren/Flaschenhälsen für Sie das immenteste Problem darstellt. Häufig ist wohl kaum de Prozess ein Hindernis als vielmehr der fehlende Netzausbau bzw. Netzkapazität. Denn, wenn ein Netz lokal ausgelastet ist, hilft auch kein schnellerer Prozess.
Ihre optimistischen Aussagen zum Rohstoffargument möchte ich konterkarieren. LFP-Zellen vermeiden Kobalt/Nickel, aber benötigen weiterhin als kritische Komponente Lithium. Ebenso ist das häufig verwendete Graphit ein Engpass. Da dieses Graphit oft aus China stammt und somit ein geopolitisches Risiko für die Produktion in Europa bleibt. Auf Grund der geringeren Energiedichte als NMC/NCA Akkus wird ein größerer Einsatz der Rohstoffe benötigt, was wiederum die Wirtschaftlichkeit schmälert. Natrium-Ionen haben im Vergleich zur LFP eine noch geringere Energiedichte als LFP Akkus. Sowie eine kürzere Lebensdauer, je nach eingesetzter Chemie. Trotz Fortschritten bei den Natrium-Ionen Akkus könnte es auf Grund von kaum erprobten Großserienproduktionen ein Markthochlauf langsamer verlaufen. Ebenso sind die makroökonomischen Faktoren nicht zu unterschätzen. Gerade bei den von Ihnen propagierten und ambitionierten Mengen an zusätzlicher Speicherkapazität wird häufig die durch die Skalierung der Produktion verringerte Herstellkosten durch den Mechanismus der Preisbildung am Markt aufgefressen.
Bezüglich Redispatch stimme ich Ihnen zu, das es ein Indiz für ein Strukturproblem im Ausbau der Stromnetze aufzeigt. Jedoch widerspreche ich Ihnen, das es kein Indikator für ein mögliches Systemversagen ist. Mir geht es wie im ursprünglichen Text geschrieben, um die Wahrscheinlichkeit. Es ist logisch nachvollziehbar, dass wenn massiv mehr Eingriffe in das Netz vorgenommen werden müssen, es perspektivisch zu einem wahrscheinlicherem Fehleingriff kommen kann.
Zum Bereich Komplexität möchte ich entgegnen das z.B. der Ausbau von Smart-Meter Gateways eklatant hinterher hingt. Es fehlen somit die Notwendigen Daten für eine Steuerung durch KI. Die Vision von einem Smart Grid ist schön, aber der reale Weg dorthin ist teuer und zeitaufwändig. Es gibt auch Berichte zu den Höchstspannungsnetzen das es für dort identifizierte Probleme/Risiken noch keine Lösungsansätze gibt.
Um auf ihren ursprünglichen Artikel Bezug zu nehmen, sage ich, dass es einer wertvollen Diskussion nicht zuträglich ist mit ad hominem Argumenten zu agieren. Beispiel: „Und was sagt er über die Glaubwürdigkeit eines YouTubers, der vor acht Wochen eine „unabwendbare Gasmangellage“ vorhergesagt hat, die ebenfalls nie eingetreten ist?“
Manfred, die Glaubwürdigkeit einer Quelle anhand nachweislich falscher Vorhersagen zu hinterfragen, ist kein ad hominem. Das ist Quellenkritik.
Wer vor acht Wochen eine „unabwendbare Gasmangellage“ vorhergesagt hat, die nie eingetreten ist, muss sich die Frage gefallen lassen, warum man ihm beim nächsten Mal glauben sollte. Das gilt für jeden, der öffentlich Prognosen aufstellt.
Wie wäre es, einmal zu hinterfragen, ob diese YouTuber und Experten an einer „wertvollen Diskussion“ interessiert sind – oder vielleicht doch andere Motive haben? Wie ist Ihre Einschätzung dazu?
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Sehr geehrter Herr Jendrischik,
Die Aussagen/Argumente eines anderen bzgl. Stromnetze nicht direkt zu widerlegen sondern die Person zu diskreditieren ist ein ad hominem, auch wenn sie das euphemistisch als Quellenkritik bezeichnen. Ich kenne einen Teil der Youtube Videos von Herrn Spiegelberger. Ich ziehe aus diesen Videos die vorgebrachten Argumente die sich für mich logisch nachvollziehbar sind bzw. ich nachrecherchieren kann. Die aufgestellten Thesen und Meinungen des Protagonisten sind für mich nur peripher relevant. Ich begrüße es auch wenn, wie in diesem Fall, ich auf ihren Internetauftritt aufmerksam gemacht werde.
Grundsätzlich sind Youtube Videos für mich nur ein Mosaikstein um mir meine Meinung zu bilden. Die Platform Youtube ist vom Grundmodell her etwas, das die neue Währung „attention minute“ konsumiert und massiv fördert. Somit werden die Beiträge von den meisten Erstellern präferiert angefertigt. Es wird gerne und oft mit Superlativen gearbeitet. Ist aber leider nicht nur ein Phänomen von Youtube. Diese Hang zur Übertreibung durchzieht unsere gesamte Medienlandschaft und ist der o.a. neuen Währung geschuldet.
Da Sie sich nur auf den letzten Abschnitt meiner letzten Antwort referieren, gehe ich davon aus, das Sie die von mir vorgebrachten Argumente zustimmen.
Viele Grüße
Manfred Schröder
Manfred – nein, ich stimme Ihrer Argumentation nicht zu. Meine Ansichten sind in meinen Artikeln nachhaltig und nachvollziehbar dargelegt. Für „Dauerndes-Im-Kreis-Drehen“ bin ich nicht zu haben.
Ihre wiederholte Falschinterpretation eines „Ad hominem“ macht die Sache nicht besser. Die implizite Behauptung, ich hätte mich mit den Inhalten von „OutdoorChiemgau“ nicht auseinandergesetzt, ist hanebüchen. Und das wissen Sie auch.
Als erfahrener Medienschaffender ist mir die Funktionsweise von YouTube-Algorithmen bekannt. Es gibt aber trotzdem Grenzen, die von den genannten YouTubern definitiv überschritten werden. Das ist keine „Übertreibung“, sondern mindestens „Irreführung“. Gut, dass Sie sich nur teilweise darauf stützen.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Akkus produzieren keinen Strom, sondern speichern ihn mit Verlust. Und halten maximal 10 Jahre und sind teuer. Strom aus Wind und Sonne produziert nicht bedarfsgerecht und erfordert immer eine teure Zweitstromquelle im Hintergrund. Die nie eingepreist wird bei den Kosten von Wind und Sonne. Zudem gestalten sich Lieferungen für EE derzeit schwierig.
Lieber Michael,
das ist gleich auf mehreren Ebenen reine Desinformation.
– Akkus dienen dazu, nicht gebrauchte Energie zeitlich in Zeiten zu verschieben, in denen das Stromangebot knapper ist.
– Die Verluste bei Speicherung in Akkus sind marginal. Zumal beim Vergleich mit bisherigem fossilen Energiesystem. Und: Die Grenzkosten der zusätzlichen Kilowattstunde sind 0. Es wird kein Brennstoff gebraucht.
– Zweitstromquelle: Jedes Kraftwerk kann ausfallen und braucht systemisch ein „Backup“.
– Ein „Backup“ wird bei Atomkraft ebenfalls „nie eingepreist“.
– Nein, „Lieferungen für EE“ gestalten sich nicht schwierig.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Düngemittel, Metalle, GFK, etc. steigen derzeit auch im Preis. Ebenso Akkus. Und werden knapp und teuer.
Das muss man alles einpreisen.