Öko-Anarchisten: Warum die mutmaßlichen Saboteure keine Klimaschützer sind

Der Berliner Sabotage-Akt offenbart eine öko-anarchistische Ideologie, die Smart Grids genauso hasst wie Gaskraftwerke. Die Energietransformation Verbündete, keine militanten Öko-Anarchisten.

Der mutmaßlich von Öko-Anarchisten verübte Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde am 3. Januar 2026 hat fast 40.000 Haushalte tagelang von Strom und Heizung abgeschnitten – mitten im Winter bei zweistelligen Minusgraden. Die selbsternannte „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“ bekannte sich in mehreren anonymen Schreiben zur Tat – und verspottet darin die „sogenannte Energiewende.“ Während Politik und Medien reflexartig von „Linksterrorismus“ sprechen, spekulieren manche Linke über russische Drahtzieher oder eine False-Flag-Aktion. Doch beides greift zu kurz – und verstellt den Blick auf das eigentliche Problem.

Diese Vulkangruppe ist weder ernsthafter Teil der Klimabewegung noch Instrument ausländischer Mächte. Sie gehört zu einer öko-anarchistischen Strömung, die moderne Infrastruktur als solche ablehnt – ob fossil oder erneuerbar, ob Gaskraftwerk oder Smart Grid.

Die Klimakrise ist real – und sie erfordert radikale Lösungen. Aber diese Lösungen müssen die Menschen mitnehmen, nicht gegen sie kämpfen. Wer die Energiewende sabotiert, schadet genau denen, die am meisten unter der Klimakatastrophe leiden.

Warum die Täter die Energiewende verachten

Ein Satz aus dem Bekennerschreiben vom 3. Januar irritierte viele Beobachter: Die Täter schreiben von der „sogenannten Energiewende„. Der grüne Landtagsabgeordnete Michael Joukov twitterte, er kenne niemanden aus dem linksgrünen Spektrum, der so formuliere.

Doch Joukov verkennt, dass die Öko-Anarchisten ihre Wortwahl ausführlich begründen: Stromnetz Berlin investiere in den „Ausbau der Berliner Netzinfrastruktur“ und kassiere dafür 380 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank. Ihr Urteil:

„Die ‚Energiewende‘ ist eine Nebelkerze, die verschleiert, dass es um Energie ohne Wende und ohne wenn und aber geht. Hauptsache Energie, nachhaltig oder nicht. […] Ziel sei ein ‚modernes‘ digitalisiertes Stromnetz.“

Bekennerschreiben vom 3. Januar 2026

Wer die Texte vollständig liest, erkennt: Hier spricht keine Klimabewegung, sondern technologische Fundamentalopposition – auch gegen die Netze, ohne die eine erneuerbare Energieversorgung unmöglich ist.

Ideologische Kernpositionen: Anti-Digitalisierung als Programm

Im offenen Brief vom 8. Januar wird die Stoßrichtung noch deutlicher. Die Parolen am Ende lauten:

„Switch Off für fossile Wirtschaft, KI, Smart Citys und Herrschaft“

„Smart City Berlin sabotieren“

Und im ersten Bekennerschreiben heißt es:

„Wir sind Gefangene in einem digitalen System, das uns mehr und mehr die Existenzberechtigung entzieht, wenn wir uns nicht den Spielregeln unterwerfen.“

Die Täter kritisieren sogar, dass in BVG-Bussen kein Bargeld mehr akzeptiert wird. Sie verspotten eine Gesellschaft, „die es uns nicht mal mehr erlaubt, einen Rollladen händisch hochzuziehen„. Das ist keine Klimapolitik. Das ist Technologie-Feindlichkeit. Die Berliner Grünen schreiben auf ihrer Website, sie wollten „Digitalisierung zur Chef*innensache machen„. Die Vulkangruppe würde auch deren Projekte angreifen.

Distanz zu allen Parteien – auch zu Grünen und Linken

Die ideologische Distanz zur Klimabewegung und zu linken Parteien ist explizit:

„Komm uns bitte nicht mit den Parteien. Komm uns bitte nicht mit den braunen Alternativen in Nadelstreifenanzügen und Kostümen. Und auch nicht mit den Grünen oder den Linken. Komm uns nicht mit der Wirtschaft, deren freier Markt das Problem schon regeln wird. Wirtschaft und Politik dealen täglich mit dem Tod.“

Die FAZ-Analyse von Konstantin Petry ordnet diese Haltung historisch ein: Die Gruppe steht in der Tradition des Anarchismus, der sich seit dem Haymarket-Aufstand 1886 in Chicago sowohl von der Sozialdemokratie als auch vom autoritären Kommunismus abgrenzt. Sie praktiziert „Direkte Aktion“ im Sinne des französischen Anarchisten Émile Pouget: Sabotage als „Guerilla im sozialen Krieg“, die den Kapitalismus „von der Flanke aus attackiert“.

Von der Straßenblockade zur Sabotage: Eine gefährliche Logik

Im offenen Brief vom 8. Januar findet sich die zentrale Selbstrechtfertigung der Täter:

„Die Strafen sind zum Teil unfassbar hoch. Die Gründe für den Widerstand aber sind nicht weniger geworden. Folgerichtig stellt sich für den Widerstand gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch Klimawandel und Krieg die militante Option.“

Diese Argumentation ist gefährlich und falsch: Weil legaler Protest kriminalisiert werde, bleibe nur noch anonyme Sabotage.

In Wahrheit gilt das Gegenteil: Ziviler Ungehorsam lebt von der Bereitschaft, persönlich für seine Überzeugungen einzustehen – mit Gesicht und Namen. Die anonyme Sabotage im Schutz der Dunkelheit ist kein „nächster Schritt“, sondern ein Bruch mit allem, was gewaltfreien Widerstand ausmacht.

Die Vulkangruppe selbst liefert im offenen Brief das Täterwissen, das die Authentizität ihres Bekenntnisses belegt:

„Wir haben den Brand um ungefähr 06:30 Uhr gezündet. Die vier verwendeten Stangen für den Kurzschluss teilen sich am oberen Ende der Stangen. Sie waren zwischen den Röhren unter der Kabelbrücke verkeilt.“

Ideengeschichte: Von Kaczynski zu Malm

Die FAZ-Analyse verortet die Vulkangruppe in einer Strömung, die vom „Unabomber“ Ted Kaczynski bis zum schwedischen Autor Andreas Malm reicht. Kaczynski schrieb in seinem Manifest, es gebe keinen Weg, „das System zu reformieren oder so zu modifizieren, dass es aufhören würde, die Menschen ihrer Würde und Autonomie zu berauben“.

Malm hat diese Ideen in seinem Buch „How To Blow Up A Pipeline“ (2021) popularisiert und die Sabotage als legitimes Mittel der Klimabewegung dargestellt. Die Vulkangruppe setzt diese Theorie in die Praxis um – allerdings mit einer Konsequenz, die auch erneuerbare Infrastruktur nicht verschont.

Kontraproduktiv: Warum Sabotage der Transformation schadet

Die Ironie ist bitter: Menschen, die vorgeben, den Planeten retten zu wollen, sabotieren genau die Infrastruktur, die wir für eine klimaneutrale Zukunft brauchen. Erneuerbare Energien sind auf intelligente, stabile Netze angewiesen – genau das, was die Vulkangruppe als „Smart City“ bekämpft.

Großflächige Stromausfälle schüren Angst und liefern Munition für fossile Bremser, die vor der „unsicheren“ Energiewende warnen. Sabotage trifft nicht die Konzerne, sondern die Bevölkerung – genau die Menschen, deren Rückhalt die Transformation braucht.

Im offenen Brief gestehen die Täter selbst ein:

„Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen für Teile der Bevölkerung, hätten wir diese Aktion in eine warme Jahreszeit verlegt.“

Das ist kein Zeichen von Verantwortung. Das ist das Eingeständnis, dass ihnen die Konsequenzen ihres Handelns vorher egal waren.

Alternativen: Disruption ohne Zerstörung

Die Vulkangruppe hat recht: Die Energiewende darf nicht nur ein Projekt der Konzerne sein. Aber der Weg führt nicht über Sabotage, sondern über echte Demokratisierung. Bürgerenergiegenossenschaften, Energy-Sharing und offene Smart-Grid-Lösungen zeigen, wie es anders geht – ohne Blackouts und ohne Repression.

Die Verzweiflung über die Klimakrise ist real. Die Frage ist: Was folgt daraus? Die militanten Öko-Anarchisten setzen auf Zerstörung von Infrastruktur. Das Ergebnis: frierende Menschen, gesellschaftliche Spaltung, Munition für fossile Interessen.

Die Klimakrise erfordert radikale Lösungen – aber nicht durch Brandstiftung, sondern durch:

  • Jede Solaranlage auf einem Bürgerdach (Unabhängigkeit von Konzernen)
  • Jede Wärmepumpe, jedes E-Auto, jeder Batteriespeicher (Fossile Geschäftsmodelle obsolet machen)
  • Jede kommunale Energiegenossenschaft (Demokratische Kontrolle statt Konzernherrschaft)

Das ist die Sabotage, die wirklich wirkt – ohne Blackouts, ohne Repression, ohne Rückschritte.

Es gibt weitere Ansätze, die bereits funktionieren:

  • Open Source statt Konzernkontrolle: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther hat das in seinem Bundesland umgesetzt. Der Umstieg auf Open-Source-Software in der Verwaltung ist weit fortgeschritten. Das ist echte Systemkritik mit Wirkung – ohne dass jemand friert.
  • Bürger-Energiewende statt Blackout: Über 1.000 Energiegenossenschaften in Deutschland zeigen, dass dezentrale, demokratische Energieversorgung möglich ist. Jede Solaranlage auf einem Bürgerdach ist ein Stück Unabhängigkeit von Konzernen.
  • Disruption durch Adoption: Jede Wärmepumpe, jedes E-Auto, jeder Batteriespeicher macht fossile Geschäftsmodelle obsolet. Das ist die Sabotage, die wirklich wirkt – legal, sichtbar, ansteckend.

Wer die „imperiale Lebensweise“ beenden will, braucht den Rückhalt der Bevölkerung. Man gewinnt ihn nicht, indem man Menschen im Januar frieren lässt.

Fazit: Techno-Anarchismus ist keine Klimapolitik

Dieser Öko-Anarchismus ist keine „radikale Vorhut“ der Klimabewegung. Sie ist Ausdruck einer techno-anarchistischen Strömung, die moderne Infrastruktur als Feind betrachtet – auch die Infrastruktur, ohne die eine erneuerbare Energiewelt unmöglich ist.

Die FAZ hat recht: Mangelnder Klimaschutz kann zum Problem für die innere Sicherheit werden. Aber die Antwort darauf ist nicht, Saboteure zu entschuldigen. Die Antwort ist eine Energietransformation, die so schnell, so dezentral und so demokratisch ist, dass sie den Menschen Hoffnung gibt statt Verzweiflung.

Wer Freiheit und Klima retten will, muss Netze bauen – und diese nicht in Sabotageakten in Brand stecken.

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Quelle Der Spiegel DIE ZEIT
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