Fossile Panik am Netz: Warum der Mythos Grundlast die Wende bremst

ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION · 24. JUNI 2026

Der heißeste Siebenschläfer und der Mythos Grundlast

Der Siebenschläfertag am Samstag, 27. Juni 2026, könnte der heißeste der Messgeschichte werden. Während Hitze, Dürre und Waldbrandgefahr das Tempo der Erderwärmung belegen, antwortet die deutsche Politik mit neuen Gaskraftwerken und dem alten Mythos Grundlast. Das dreht die Beweislast um.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit


Am kommenden Samstag ist Siebenschläfertag. Die Bauernregel besagt, dass das Wetter um den 27. Juni herum die folgenden sieben Wochen prägt. In diesem Jahr droht der Tag der Siebenschläfer als heißester der Wetteraufzeichnungen in die Statistik einzugehen. Im Südwesten und Osten Deutschlands nähern sich die Temperaturen der 40-Grad-Marke, die in einem deutschen Juni noch nie erreicht wurde. Der bisherige Rekord lag bei 39,6 Grad im Juni 2019.

Meteorologe Dominik Jung warnt vor einem Albtraum-Szenario mit einer ausgeprägten Dürrekomponente, weil nennenswerter Regen ausbleibt. Die Hitze, die Trockenheit und die wachsende Waldbrandgefahr sind die sichtbare Seite einer Erwärmung, die schneller voranschreitet als die politische Reaktion darauf.

Ausgerechnet in dieser Siebenschläfer-Lage verschiebt sich die deutsche Energiedebatte in die falsche Richtung. Statt das Tempo der Transformation zu erhöhen, plant die Bundesregierung neue fossile Kraftwerke. Begründet wird das mit einem Begriff, den die Wissenschaft längst zerlegt hat: der Grundlast.

Wenn die Bauernregel zur Klimabilanz wird

Die aktuelle Hitzewelle ist die dritte des Jahres und betrifft den halben Kontinent. Spanien und Portugal steuerten auf 44 Grad zu, in Pinhão und Andújar wurden am 21. Juni 42,7 Grad gemessen. In Großbritannien fielen rund 38 Grad und damit der bisherige Juni-Rekord von 35,6 Grad aus dem Jahr 1976. Für das Ende des Junis lagen die Temperaturen vielerorts 14 bis 18 Grad über dem langjährigen Mittel.

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Diese Werte sind kein Zufallsprodukt. Nach Einschätzung der Attributionsforschung sind solche Extreme durch den menschengemachten Klimawandel mindestens fünfmal wahrscheinlicher geworden. Europa ist der am schnellsten warmwerdende Kontinent und heizt sich rund doppelt so schnell auf wie der globale Durchschnitt. Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ordnete die Junihitze öffentlich genau in diesen Zusammenhang ein. Wetterlagen, die früher Sommerhitze brachten, liefern heute auf einem höheren Ausgangsniveau schärfere Spitzen, und sie kommen früher im Jahr.

Hinzu kommt die Trockenheit. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt zunehmende Defizite in der Bodenfeuchte, und bei ausbleibendem Niederschlag steigt die Waldbrandgefahr rasch an. Die Bauernregel vom Siebenschläfer bekommt so eine neue, unbeabsichtigte Bedeutung. Was als Faustformel für stabile Sommerlagen gedacht war, wird zum Symbol dafür, wie die Erwärmung die vertraute Statistik überholt.

Der Stresstest, den das System längst bestanden hat

Die gute Nachricht geht in der Hitzedebatte meist unter. Das Stromsystem hält der Belastung stand, und zwar ausgerechnet mit den Erneuerbaren. Im Hitzesommer 2025 lieferte Photovoltaik in den Spitzentagen in Deutschland bis zu 50 Gigawatt und deckte damit 33 bis 39 Prozent des Stroms. EU-weit erreichte die Solarerzeugung im Juni 2025 mit 45 Terawattstunden einen Rekord. Der Thinktank Ember führt die stabile Versorgung tagsüber maßgeblich auf diese Einspeisung zurück. Zugleich trieben Ausfälle thermischer Kraftwerke und die hohe Last die Großhandelspreise zeitweise auf das Zwei- bis Dreifache.

Dahinter steckt eine einfache Logik. Die Kühllast steigt genau dann, wenn die Sonne am stärksten scheint, und genau dann produziert Solar am meisten. Thermische Großkraftwerke geraten bei Hitze dagegen unter Druck, weil das Kühlwasser knapp oder zu warm wird. Die Erwärmung trifft die fossile Erzeugung also an einer Schwachstelle, an der die verteilte Solarerzeugung robust ist.

Ein Selbstläufer ist das nicht. Kritisch bleiben die Abend- und Nachtstunden, wenn die Klimaanlagen in tropischen Nächten weiterlaufen, die Solarerzeugung aber wegfällt. Hier entscheiden Batteriespeicher, flexible Nachfrage und der Netzausbau über die Versorgungssicherheit. Deutschland verfügte 2025 bereits über rund 14 Gigawatt Batterie- und 10 Gigawatt Pumpspeicherleistung, und der Zubau großer Speicher erreicht 2026 neue Rekordwerte. Die Aufgabe liegt also nicht in der Erzeugung, sondern in der Flexibilität.

Wie aus Netzstress ein Argument für Gas wird

Statt diese Flexibilität konsequent auszubauen, setzt die Bundesregierung auf neue fossile Kapazität. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich im Januar 2026 mit der EU-Kommission auf eine Kraftwerksstrategie geeinigt, die noch in diesem Jahr 12 Gigawatt ausschreiben soll. Davon sollen 10 Gigawatt über längere Zeiträume gesichert Strom liefern, vorgesehen sind vor allem neue Gaskraftwerke. Sie sollen bis spätestens 2031 ans Netz gehen, wasserstofffähig sein und bis 2045 dekarbonisiert werden. Ursprünglich wollte Reiche sogar 20 Gigawatt durchsetzen.

Die Begründung folgt einem bekannten Muster. Am Anfang steht ein reales Faktum, nämlich dass in wind- und sonnenarmen Phasen gesicherte Leistung gebraucht wird. Im nächsten Schritt wird der Kontext weggelassen, dass es für diese gesicherte Leistung längst günstigere Wege gibt. Daraus folgt der falsche Schluss, nur fossile Grundlast könne die Versorgung sichern. Und am Ende steht die politische Forderung nach einem zweistelligen Gaskraftwerksprogramm. So wird der Stress an heißen Tagen zum Hebel für genau die Technologie umgedeutet, die im Stresstest schwächelt.

Bemerkenswert ist dabei eine stille Verschiebung der Begründung. Die Sorge um gesicherte Leistung zielt eigentlich auf die Dunkelflaute, also auf windstille und sonnenarme Phasen im Winter. Mit der Sommerhitze hat das wenig zu tun, im Gegenteil liefert die Sonne dann im Überfluss. Wenn Bilder überlasteter Netze an Hitzetagen die Kulisse für ein Gaskraftwerksprogramm liefern, werden zwei verschiedene Probleme vermengt, deren Lösungen unterschiedlich aussehen. Die Hitze liefert die Emotion, die winterliche Versorgungslücke das eigentliche Argument.

Dass selbst die reduzierten 12 Gigawatt umstritten sind, zeigt die Reaktion der Verbände. Die Deutsche Umwelthilfe wertete die Einigung als Schlappe für die Ministerin, weil aus den geplanten 20 Gigawatt nur ein Teil wurde. Kritiker fassen die Strategie als Entscheidung für Gaskraftwerke statt Batteriespeicher zusammen. Der Begriff Grundlast dient dabei als rhetorischer Anker, der eine fossile Antwort auf ein Problem plausibel erscheinen lässt, das sich anders lösen ließe.

Hinzu kommt ein praktisches Problem mit der zeitlichen Logik. Weltweit sind Gasturbinen knapp, was die Baukosten neuer Kraftwerke treibt und die Inbetriebnahme verzögert. Die Hitze ist heute Realität, die neuen Blöcke aber sollen erst bis 2031 ans Netz gehen. Als kurzfristige Antwort auf den Netzstress dieser Sommer taugen sie damit ohnehin nicht, während Batteriespeicher in Monaten statt Jahren errichtet werden.

Was die nächsten Wochen wirklich entscheiden

Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bezeichnet die Grundlast seit Jahren als Mythos. Gesicherte Leistung lasse sich über Speicher, flexible Biogasanlagen, steuerbare Nachfrage, den europäischen Strommarkt und perspektivisch grünen Wasserstoff bereitstellen. Ein breit angelegter Gasausbau drohe dagegen, neue fossile Abhängigkeiten und hohe Kapazitätskosten zu zementieren.

Die Zahlen stützen ihre Position. Eine Studie vom April 2026 zeigt, dass Langzeit-Batteriespeicher günstiger als Gaskraftwerke zur Versorgungssicherheit beitragen können. Würden 2 Gigawatt Gasleistung durch Speicher mit 18 Stunden Kapazität ersetzt, ließen sich rund 90 Millionen Euro Förderung pro Jahr sparen. Der Förderbedarf von Batteriespeichern liegt bei etwa 31 Euro pro Kilowatt und Jahr, der von Gaskraftwerken bei rund 100 Euro.

Der Markt zieht bereits an. Im März 2026 verzeichnete das Marktstammdatenregister knapp eine Gigawattstunde neu installierter Batteriespeicher, mehr als 60 Prozent davon Großspeicher, ein klarer Rekord. Über die Hälfte des gesamten Zubaus dieses Jahres entfällt bislang auf große Anlagen. Anders als die geplanten Gaskraftwerke entsteht dieser Ausbau weitgehend marktgetrieben und in kurzen Bauzeiten. Die günstige Flexibilität ist damit keine ferne Zukunftshoffnung, sie läuft bereits hoch.

Eine weitere Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Batteriespeicher Gaskraftwerke bis 2035 nicht vollständig ersetzen können. Die Frage ist keine Glaubensfrage zwischen Speicher und Gas. Es geht um Reihenfolge und Dimensionierung. Erst die günstigen Flexibilitätsoptionen ausreizen, dazu der europäische Strommarkt und steuerbare Nachfrage, dann fossile Reserve nur in dem Maß und befristet bauen, das wirklich gebraucht wird. Wer es umgekehrt macht und mit dem teuersten Baustein beginnt, verschiebt Kapital von der Beschleunigung in den Erhalt.

Genau hier schließt sich der Kreis zur Hitze. Die Erwärmung verlangt mehr Tempo, nicht weniger, und jeder überdimensionierte fossile Lock-in bindet Geld, das beim Ausbau von Erneuerbaren, Netzen und Speichern fehlt.

Der Bauernregel vom Siebenschläfer zufolge bestimmen die kommenden Wochen den Sommer. Energiepolitisch entscheiden die Weichenstellungen dieser Legislatur, ob Deutschland das Tempo der Transformation hält oder sich an Kapazitäten bindet, die es bei nüchterner Rechnung in dieser Höhe nicht braucht.

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