Jeder Dritte hält Atomstrom für billiger als Wind und Sonne

CIVEY-UMFRAGE ZUR DEMO VOR DEM BUNDESTAG · 9. OKTOBER 2026

Neun von zehn Deutschen wollen unabhängig von Energieimporten werden

88 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass Deutschland unabhängig von Energieimporten wird. Das ergibt eine Civey-Umfrage für Green Planet Energy. Bei Jobs und Kosten der Erneuerbaren liegen viele daneben.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. LESEN


Fast zwei Drittel, 64 Prozent, halten es sogar für sehr wichtig, unabhängig von Energieimporten zu werden. Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat dafür am 5. und 6. Oktober online 5.000 Bundesbürger*innen ab 18 Jahren befragt. Auftraggeber ist Green Planet Energy, die 1999 von Greenpeace gegründete Energiegenossenschaft aus Hamburg mit mehr als 50.000 Mitgliedern.

Die Genossenschaft veröffentlicht die Zahlen zur Demonstration „Erneuerbare Energien: Ausbauen statt Ausbremsen!“, die am Freitagnachmittag auf der Reichstagswiese in Berlin stattfindet. Fast 300 Unternehmen und Verbände rufen dazu auf, darunter der Bundesverband Erneuerbare Energie, Campact und Green Planet Energy selbst. Sie fordern die Abgeordneten auf, die geplanten Gesetze so zu ändern, dass sie dem Ausbau nicht schaden. Im Mittelpunkt stehen die EEG-Novelle und das Netzpaket. Der Bundestag soll beide Gesetze in der kommenden Woche beschließen.

„Wind und Sonne müssen wir nicht importieren“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand von Green Planet Energy. Jede Kilowattstunde aus heimischer Wind- und Solarenergie ersetze Energieimporte und mache Deutschland krisenfester. Für Öl und Gas fließen dagegen jedes Jahr 81 Milliarden Euro ins Ausland, häufig an autoritäre Regime.

Mehr als die Hälfte unterschätzt die Zahl der Beschäftigten

Weniger klar sehen die Befragten, was die Erneuerbaren für den Arbeitsmarkt bedeuten. 54 Prozent schätzen die Zahl der Beschäftigten auf höchstens 400.000. 29 Prozent wissen es nicht. Tatsächlich arbeiteten 2025 rund 436.000 Menschen in Deutschland für die erneuerbaren Energien, Herstellung und Einbau von Wärmepumpen eingeschlossen. Das hat die Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung errechnet.

Grafik zur Civey-Umfrage: 54 Prozent schätzen die Zahl der Beschäftigten in den Erneuerbaren auf höchstens 400.000
Unterschätzt: Die meisten Befragten vermuten deutlich weniger Beschäftigte, als es tatsächlich gibt. QUELLE: CIVEY-UMFRAGE IM AUFTRAG VON GREEN PLANET ENERGY

Dieselbe Analyse rechnet bis 2035 zwei Szenarien durch. Erreicht Deutschland seine Ausbauziele für Wind und Solar, wächst die Branche auf rund 706.000 Beschäftigte. Im Szenario „aktueller Politikkurs“ sind es nur 519.500. Für diesen Pfad unterstellen die Forschenden, dass kurzfristig geänderte Förderregeln und verzögerte Netzanschlüsse Projekte bremsen. Als Auslöser nennt die Studie unter anderem die EEG-Novelle von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und das Netzpaket.

Tangermann verweist auf die Arbeitsplätze in Mittelstand, Handwerk, Industrie, Planung und Service. Vor zehn Jahren habe die Politik Wind und Solar schon einmal mit dem Kostenargument gebremst. Die Folge seien verlorene Arbeitsplätze, der Niedergang der deutschen Solarindustrie und ein großer Vorsprung Chinas gewesen.

35 Prozent halten Atomkraftwerke für die günstigste Stromquelle

Bei den Kosten der Stromerzeugung liegen Solarenergie und Atomkraft in der Umfrage fast gleichauf. 36 Prozent der Befragten nennen die Sonne als günstigste Quelle, 35 Prozent Kernkraftwerke. Windenergie halten nur 17 Prozent für am günstigsten, Gas- und Kohlekraftwerke sechs Prozent.

Grafik zur Civey-Umfrage: 36 Prozent halten Solarenergie, 35 Prozent Atomkraft für die günstigste Stromquelle
Kostenfrage: Solarenergie und Atomkraft liegen in der Umfrage fast gleichauf. QUELLE: CIVEY-UMFRAGE IM AUFTRAG VON GREEN PLANET ENERGY

Die Stromgestehungskosten, also die Kosten einer Kilowattstunde über die gesamte Lebensdauer einer Anlage, zeigen ein anderes Bild. Neue Solarparks und Windparks an Land erzeugen Strom für 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Neue Atomkraftwerke kommen auf 13,6 bis 49 Cent, die Kosten der Endlagerung noch nicht eingerechnet. Das ergab die Stromgestehungskosten-Studie des Fraunhofer ISE von 2024.

Tangermann zufolge unterschätzt die Öffentlichkeit bei der Atomkraft vor allem die hohen Investitionskosten, die jahrzehntelangen Bauzeiten sowie die Kosten für Rückbau und Atommüll. Ende September hatte eine europäische Umfrage unter Bürger*innen und Führungskräften ergeben, dass 65 Prozent der Deutschen die Energiewende als Wettbewerbsvorteil für Europa sehen. Unter deutschen Führungskräften waren es 74 Prozent.

QUELLEN

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  1. Green Planet Energy: Umfrage: Neun von zehn Menschen wollen mehr Energie-Unabhängigkeit, Pressemitteilung, 9. Oktober 2026.
  2. Bundesverband Erneuerbare Energie: Presseeinladung zur Demonstration „Erneuerbare Energien: Ausbauen statt Ausbremsen!“, 6. Oktober 2026.
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