Ursache für den Blackout in Spanien: Abschlussbericht entlastet Solarenergie

Bericht der ENTSO-E nennt Spannungskontrolle, Oszillationen und fehlende Blindleistung als Gründe für iberischen Stromausfall

„Viele der Aussagen kurz nach dem Stromausfall waren grundlegend falsch.“ So fasst Energieexperte Leonhard Gandhi zusammen, was der heute veröffentlichte Abschlussbericht der ENTSO-E auf 472 Seiten belegt. Die offizielle Ursache für den Blackout in Spanien am 28. April 2025 war nicht zu viel Solarstrom, sondern ein Versagen der Spannungskontrolle im Übertragungsnetz. 49 Experten, knapp ein Jahr Untersuchung, 17 Empfehlungen. Keine davon: weniger Solarenergie.

Der 28. April 2025 war ein typischer Frühlingstag auf der iberischen Halbinsel. Milde Temperaturen, Sonnenschein, moderate Windverhältnisse. Um 12:33 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit brach das Stromnetz in Spanien und Portugal zusammen. Innerhalb von fünf Sekunden fielen rund 15 Gigawatt Leistung weg. Es war der schwerste Blackout in Europa seit 20 Jahren. Eine erste Ursachen-Anlyse gab es im Juni 2025.


Was in den Stunden und Tagen danach folgte, war ein Lehrstück dafür, wie fossile Interessengruppen technische Krisen für ihre Agenda instrumentalisieren. Solarenergie, so das Narrativ, habe das Netz destabilisiert. Der Abschlussbericht des von der ENTSO-E eingesetzten Expertenpanels, veröffentlicht am 20. März 2026, stellt die tatsächlichen Zusammenhänge klar.

Was am 28. April 2025 wirklich geschah

Bereits am Vormittag des 28. April zeigte sich eine zunehmend instabile Spannungshaltung im spanischen Netz. Ab 12:03 Uhr traten Oszillationen innerhalb der iberischen Halbinsel auf, ab 12:19 Uhr großflächige Schwingungen zwischen der iberischen Halbinsel und dem restlichen europäischen Verbundnetz. Die Reaktionen der Netzbetreiber zur Dämpfung dieser Inter-area-Oszillationen führten zu einer weiteren Verschlechterung der Spannungshaltung.

Ab 12:32 Uhr stieg die Spannung im Süden Spaniens dann rapide an. Kraftwerke schalteten sich automatisch ab, um Schäden zu vermeiden. Jede Abschaltung entzog dem Netz weitere Blindleistung, die Spannung stieg weiter. Eine Kaskade begann, die auch durch Lastabwurf nicht mehr zu stoppen war.

Um 12:33:19 Uhr verloren Spanien und Portugal den Gleichlauf mit dem restlichen europäischen Verbundnetz. Zwei Sekunden später trennten Schutzeinrichtungen die Wechselstromleitungen zwischen Frankreich und Spanien. Um 12:33:24 Uhr war die Trennung komplett. Das gesamte iberische Stromnetz kollabierte.

Dr. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE beschreibt die Dynamik:

Die tatsächlichen Ursachen: Ein Zusammenspiel vieler Faktoren

Der Abschlussbericht der ENTSO-E enthält einen sogenannten Root Cause Tree, eine grafische Darstellung aller Ursachen und ihrer Zusammenhänge. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung formuliert das Expertenpanel unmissverständlich: Das Schlüsselphänomen des Vorfalls war die Unwirksamkeit der Spannungskontrolle im spanischen Stromnetz.

Ursache für den Blackout in Spanien - Root Cuase Tree, ENTSO-E Abschlussbericht

Hinter diesem Befund steht ein Bündel konkreter Faktoren. Die Blindleistung konventioneller Kraftwerke entsprach nicht den Vorgaben des Netzbetreibers Red Eléctrica. Erneuerbare-Energien-Anlagen arbeiteten mit einem festen Leistungsfaktor und reagierten deshalb nicht auf Spannungsschwankungen. Drosselspulen, die Spannung hätten senken können, wurden manuell geschaltet, was wertvolle Reaktionszeit kostete. Einige waren zuvor wegen niedriger Spannungen während der Oszillationsepisoden abgeschaltet worden und standen nicht zur Verfügung.

Hinzu kam eine spanische Besonderheit: Das 400-kV-Netz wurde in einem deutlich weiteren Spannungsbereich betrieben als im Rest Europas. Die zulässige Betriebsspannung lag bei bis zu 435 Kilovolt, während Generatoren sich bei 435 oder 440 Kilovolt abschalten durften. Der Sicherheitsabstand zwischen normalem Betrieb und Abschaltung war damit minimal oder gar nicht vorhanden.

„Wenn jemand auf der Suche nach einer einfachen Erklärung ist, um ohne Faktengrundlage seine Agenda zu verteilen, empfehle ich einen Blick auf den Root Cause Tree“, schreibt Gandhi auf LinkedIn. Wer diesen Blick wagt, findet dort keine einzige Verknüpfung, die auf „zu viel Solarstrom“ als Ursache für den Blackout in Spanien hinweist.

Kleine PV-Anlagen: Opfer der Überspannung, nicht Auslöser

Was der Bericht allerdings dokumentiert: Kleine Photovoltaik-Anlagen unter einem Megawatt Leistung schalteten sich während der Spannungsspitzen ab. Ihre Wechselrichter lösten Überspannungsschutz aus. Das ist ein relevanter Befund, aber er dreht die Kausalität nicht um. Die kleinen PV-Anlagen reagierten auf die Überspannung im Netz. Sie verursachten sie nicht.

Der Bericht zeigt eine Korrelation zwischen steigender Spannung auf der Übertragungsnetzebene und der Abschaltquote kleiner Wechselrichter. Ihre Abschaltung verschärfte das Problem, weil sie zusätzlichen Leistungsverlust bedeutete und die Last im Verteilnetz erhöhte. Deshalb enthält der Bericht auch eine Empfehlung, Typ-A-Erzeugungsanlagen mit einer Hochspannungs-Durchfahrfähigkeit auszustatten, um unnötige Abschaltungen künftig zu vermeiden.

Aber diese Empfehlung zielt auf eine technische Verbesserung, nicht auf eine Schuldzuweisung. Der entscheidende Punkt bleibt: Hätte die Spannungskontrolle im Übertragungsnetz funktioniert, wären die kleinen PV-Anlagen nie in den Überspannungsbereich geraten.

Fossile Panik: Wie falsche Narrative den Diskurs vergifteten

Kaum war das Licht in Madrid und Lissabon ausgegangen, begann in sozialen Medien die Schuldzuweisung an die Erneuerbaren. Solarenergie habe 60 Prozent der Stromerzeugung ausgemacht, das Netz sei instabil geworden. Kernkraft-Befürworter sahen sich bestätigt. Fossile Lobbygruppen nutzten die Krise, um den Erneuerbaren-Ausbau grundsätzlich infrage zu stellen.

Gandhi kritisiert diesen Umgang mit dem Ereignis auf LinkedIn scharf: „Die Argumente waren schon zum damaligen Zeitpunkt erkennbar nicht nachvollziehbar.“ Auch die etablierten Medien kommen nicht ungeschoren davon. „Auch vielfach geteilte Meldungen der Tagesschau zu einem angeblichen Fehler in einem Umspannwerk beruhten schlicht auf einem Übersetzungsfehler“, stellt Gandhi fest. Die spanische Präposition für „an“ und „in“ sei dasselbe Wort, was zu einer Falschmeldung führte, die sich breit verbreitete.

Die Frage, die Gandhi daraus ableitet, ist berechtigt: „Hier würde ich mir eine breite Aufarbeitung wünschen, wem wann und wie Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wie machen wir das beim nächsten Mal besser?“ Eine Frage, die nicht nur für den Journalismus gilt, sondern auch für die politische Debatte über Energiepolitik.

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17 Empfehlungen: Netzmodernisierung statt Erneuerbaren-Rückbau

Das Expertenpanel formuliert 17 Empfehlungen, aufgeteilt in solche, die direkt mit den identifizierten Ursachen zusammenhängen, und solche, die darüber hinausgehen. Die mit höchster Priorität eingestuften Empfehlungen zielen auf vier Bereiche: Spannungsregelung durch Generatoren im Spannungskontrollmodus statt fester Leistungsfaktor, Harmonisierung des Spannungsbereichs im 400-kV-Netz auf den europäischen Standard von 380 bis 420 Kilovolt, ein europäischer Rahmen für die Dämpfung von Inter-area-Oszillationen sowie verbesserte dynamische Überwachung und Oszillationserkennung.

Weitere Empfehlungen betreffen die automatische Steuerung von Blindleistungsanlagen wie Drosselspulen, eine Hochspannungs-Durchfahrfähigkeit für kleine Erzeugungsanlagen und die regelmäßige Überprüfung der Schutzeinstellungen von Generatoren und Netzkomponenten. Der Bericht betont ausdrücklich: Die Empfehlungen richten sich an alle europäischen Netzbetreiber, nicht nur an die vom Vorfall betroffenen.

Der rote Faden durch alle Empfehlungen ist eindeutig: Mehr Technik, bessere Koordination, intelligentere Regelung. Nirgendwo steht, dass der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst werden sollte.

Spaniens Energiewende besteht den Stresstest der Nahostkrise

Während die fossile Lobby den Blackout als Argument gegen Erneuerbare nutzte, zeigt sich die Stärke von Spaniens Energiewende ausgerechnet in einer anderen Krise. Seit der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten Ende Februar 2026 und der Schließung der Straße von Hormus sind die europäischen Gaspreise um rund 50 Prozent gestiegen. Die Kosten für gasbefeuerte Stromerzeugung stiegen in nur zehn Tagen um mehr als 50 Prozent.

Doch die Auswirkungen verteilen sich höchst ungleich. Eine Analyse des Think Tanks Ember vom 13. März 2026 zeigt: In Spanien bestimmte Gas den Strompreis in nur 15 Prozent der Stunden seit Jahresbeginn 2026. In Italien waren es 89 Prozent. Spanien hat damit eine strukturelle Entkopplung von Gas- und Strompreis erreicht, die anderen europäischen Ländern noch bevorsteht.

Die Financial Times bezeichnete Spanien am 19. März 2026 als Vorbild: Der schnelle Ausbau der Erneuerbaren habe einen Deckel auf die Stromrechnungen gesetzt. Der prognostizierte Durchschnittsstrompreis für den Rest des Jahres 2026 liege bei rund 66 Euro pro Megawattstunde, etwa die Hälfte des italienischen Niveaus. Kernkraft liefere eine verlässliche Grundlast, während die Kombination aus Solar, Wind und Wasserkraft zu verschiedenen Tageszeiten und Jahreszeiten Deckung biete.

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Die EU zahlte in den ersten zehn Tagen des Konflikts 2,5 Milliarden Euro Mehrkosten für fossile Importe. Die Gesamtrechnung der vorherigen fossilen Krise, ausgelöst durch Russlands Invasion in der Ukraine, belief sich auf fast eine Billion Euro an inflationsbedingten Mehrkosten. Die Ember-Analyse bringt es auf den Punkt: Nur Erneuerbare, Batterien, Nachfrageflexibilität und Elektrifizierung können Resilienz gegen künftige fossile Preisschocks aufbauen.

Was Deutschland aus dem Blackout lernen kann

Gandhi ordnet die Übertragbarkeit auf Deutschland nüchtern ein: „Die direkten Auswirkungen auf Deutschland lassen sich nur eingeschränkt übertragen.“ Deutschland liege zentral im europäischen Verbundnetz, nicht an dessen Rand wie die iberische Halbinsel. Das Übertragungsnetz werde in der Regel mit größeren Sicherheitsabständen zur maximal zulässigen Spannung betrieben. Zudem sei Deutschland dichter besiedelt und die Netzinfrastruktur stärker ausgebaut.

Dennoch erwartet Gandhi Anpassungen: „Dennoch ist davon auszugehen, dass Anpassungen im Bereich der Systemstabilität erfolgen werden, insbesondere bei der Spannungsregelung.“ Ein Schwerpunkt dürfte auf der Überprüfung liegen, ob Systemdienstleistungen von den Netzbetreibern tatsächlich wie vorgesehen bereitgestellt werden.

Der ENTSO-E-Bericht zeigt, dass die Energiewende kein Sicherheitsproblem ist, sondern ein Modernisierungsprojekt. Die Ursache für den Blackout in Spanien lag nicht im hohen Anteil erneuerbarer Energien, sondern in einem Regelungsrahmen und einer Netzsteuerung, die nicht mit der Geschwindigkeit des Umbaus Schritt gehalten haben. Wer daraus den Schluss zieht, den Umbau zu bremsen, hat den Bericht nicht gelesen. Wer daraus den Schluss zieht, Netze schneller zu modernisieren, hat ihn verstanden.

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