Novocarbo stoppt Bochum und plant Carbon Removal Park in Dessau

Carbon Removal mit Pflanzenkohle: Wo Novocarbo nach dem Aus für Bochum steht

Das Hamburger Cleantech-Unternehmen Novocarbo holt mit Pyrolyseanlagen CO2 aus der Atmosphäre, speichert den Kohlenstoff in Pflanzenkohle und verkauft die Abwärme an Stadtwerke. Im März 2024 sammelte es 25 Millionen Euro beim französischen Investor SWEN Capital Partners ein. Den geplanten Park in Bochum hat Novocarbo inzwischen gestoppt, der nächste Standort entsteht in Dessau.

Das Geld von SWEN Capital Partners (SWEN CP) stammt aus dem „SWEN Impact Fund for Transition 2“. Novocarbo kündigte damals an, bis 2033 rund 200 Carbon Removal Parks in Europa zu errichten. Die Vermögensverwaltung gehört Ofi Invest, Crédit Mutuel Arkéa und zum Teil ihren Mitarbeitern. Auf der Website von Novocarbo steht SWEN CP neben Hevella Capital weiterhin als Gesellschafter (Stand September 2026).

Warum Novocarbo den Park in Bochum nicht baut

Auf dem Gelände des Umweltservice Bochum sollte ab Mitte 2025 der bis dahin größte Park des Unternehmens entstehen. Geplant waren vier Pyrolyseanlagen für rund 14 Millionen Euro. Pro Jahr sollten sie 6.000 Tonnen CO2 entnehmen, 15.000 Megawattstunden Wärme ins Fernwärmenetz der Stadtwerke Bochum liefern und 3.300 Tonnen Pflanzenkohle erzeugen.


Im Januar 2026 teilte Novocarbo mit, der Park werde „in seiner ursprünglichen Form nicht weiterverfolgt“. Als Grund nennt das Unternehmen veränderte Finanzierungsbedingungen und einen gestiegenen Investitionsbedarf. Bochum hätte eine neue technische Ausstattung und ein neues Genehmigungsverfahren gebraucht. Novocarbo konzentriert seine Mittel deshalb auf Standorte, die unter stabileren Rahmenbedingungen vorankommen.

Welche Carbon Removal Parks heute laufen

Novocarbo: Pyrolyseanlage für Pflanzenkohle

In Betrieb sind laut der Standortübersicht von Novocarbo zwei Parks (Stand September 2026). In Dörth am Rhein arbeitet seit 2018 die erste Anlage. Sie liefert rund 1.000 Tonnen CO2-Entnahmezertifikate im Jahr und ist bei der Zertifizierungsplattform Puro.earth registriert.

Der größte Standort ist der Carbon Removal Park Baltic Sea in Grevesmühlen, eröffnet im Oktober 2023. Zwei Pyrolyseanlagen binden dort jährlich etwa 3.200 Tonnen CO2. Sie speisen 6.600 Megawattstunden Wärme ins Netz der Stadtwerke Grevesmühlen und erzeugen 1.700 Tonnen Pflanzenkohle. Im Juni 2025 testete Novocarbo dort mit Hansa Asphalt eine Asphaltdeckschicht mit drei Prozent Pflanzenkohle. Rund 17,5 Tonnen CO2-Äquivalente sind so dauerhaft im Straßenbelag gebunden.

Dessau wird der nächste Standort

Im April 2026 unterzeichneten Novocarbo und die Stadtwerke Dessau einen Wärmeliefervertrag über bis zu 13,5 Gigawattstunden im Jahr, die Laufzeit beträgt 15 Jahre. Der Park soll spätestens zum 1. Januar 2028 in Betrieb gehen. Zwei weitere Standorte plant Novocarbo in den kommenden zwei Jahren, Orte nennt das Unternehmen noch nicht.

Das Ziel von 200 Parks bis 2033 taucht in den aktuellen Unternehmenstexten nicht mehr auf. Stattdessen nennt Novocarbo eine Gigatonne CO2-Entnahme bis 2050. Auch an der Spitze gab es einen Wechsel: Seit August 2025 führt Dr. Karl Reinhard Kolmsee die Geschäfte, Gründer Caspar von Ziegner ist laut Handelsregister nicht mehr Geschäftsführer.

So funktioniert Biochar Carbon Removal

Die Carbon Removal Parks kombinieren drei Klimaschutzleistungen: Sie entziehen der Atmosphäre CO2, liefern Wärme und erzeugen Pflanzenkohle (Biochar). In der Pyrolyse erhitzen die Anlagen Biomasse wie Holzhackschnitzel unter Luftabschluss auf 600 bis 700 Grad. Der Kohlenstoff, den die Pflanzen beim Wachsen aufgenommen haben, bleibt in der Pflanzenkohle gebunden. Auf eine vergleichbare Lösung setzt das finnische Cleantech-Startup Nextfuel.

Die Pflanzenkohle findet Abnehmer in der Landwirtschaft, im Bau oder, wie in Grevesmühlen, im Straßenbau. Die Abwärme verkauft Novocarbo als „Heat-as-a-Service“ an Unternehmen und Stadtwerke, die damit ihre Wärmeversorgung dekarbonisieren. Die dauerhaft gebundene CO2-Menge verkauft das Unternehmen als Entnahmezertifikate, sogenannte Carbon Removal Credits.

CDR-Technologien laut IPCC unumgänglich

Obwohl die Verringerung der Treibhausgasemissionen der wirksamste Weg bleibt, um den Klimawandel zu verlangsamen, hält der Weltklimarat (IPCC) CO2-Entnahme für unumgänglich. Nur so lassen sich schwer vermeidbare Restemissionen ausgleichen und Netto-Null-Emissionen erreichen. Mit dem Zertifizierungsrahmen für CO2-Entnahmen (CRCF) hat die EU 2024 einheitliche Regeln für solche Zertifikate beschlossen.

Swiss Re und Watershed kaufen Entnahmezertifikate

Zu den Abnehmern der CO2-Entnahmezertifikate zählen laut Novocarbo unter anderem Swiss Re, Watershed, Cloverly, Patch und Anthesis Climate Neutral Group (Stand September 2026). Mit der Climate Neutral Group schloss das Unternehmen im März 2024 einen mehrjährigen Abnahmevertrag über mehrere Tausend Tonnen. Im November 2024 erhielt Novocarbo den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Unternehmen 2025 in der Kategorie Chemische Industrie.

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