Strom aus Erneuerbaren: FAZ macht aus guten Zahlen eine schlechte Nachricht

Ökostrom

53 Prozent Strom aus Erneuerbaren im ersten Quartal, sechs Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Die Branche feiert, die FAZ warnt. Wer den Artikel von Christian Geinitz zu Ende liest, findet darin allerdings das beste Argument für schnelleren Ausbau.

Die erneuerbaren Energien haben im ersten Quartal 2026 rund 53 Prozent des deutschen Stromverbrauchs gedeckt. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als im windschwachen Vorjahresquartal. Windenergie an Land legte um 27,5 Prozent zu, Offshore-Wind sogar um 44,4 Prozent. Die vorläufigen Berechnungen von ZSW und BDEW zeigen: Der Kapazitätsausbau der vergangenen Jahre beginnt sich in der Erzeugung niederzuschlagen.


Insgesamt lag die Bruttostromerzeugung bei 140,6 Milliarden Kilowattstunden. Das sind 5,6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Wind an Land allein steuerte 34,4 Milliarden Kilowattstunden bei und war damit der stärkste einzelne Energieträger im deutschen Strommix. Der Gesamtjahreswert von 56 Prozent Ökostrom in 2025 dürfte 2026 deutlich übertroffen werden, wenn die Photovoltaik in den Sommermonaten ihre volle Kraft entfaltet.

So weit die Fakten. Die Frage ist, was man daraus macht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte am 1. April: „Die erneuerbaren Energien sind schwächer als ihr Ruf.“ Autor Christian Geinitz räumt zwar ein, dass Wind und Sonne das Stromangebot dominieren. Aber er verschiebt den Blick sofort auf den Primärenergieverbrauch, in dem die Erneuerbaren nur 20,8 Prozent erreichen. Die Botschaft: Im Grunde sei alles noch fossile Abhängigkeit.

Die Zahlen stimmen. Die Einordnung nicht.

Strom aus Erneuerbaren: Der falsche Nenner

Der Primärenergieverbrauch misst nicht, was Deutschland an Energie nutzt. Er misst, was Deutschland an Energie einsetzt – inklusive der gewaltigen Mengen, die als Abwärme wirkungslos verpuffen. Ein Verbrennungsmotor nutzt weniger als ein Drittel der Energie im Benzin für den Vortrieb. Eine Gasheizung liefert bestenfalls 0,9 Kilowattstunden Wärme pro eingesetzter Kilowattstunde Gas. Wer diese Verluste in den Nenner packt und dann die Erneuerbaren daran misst, vergleicht Äpfel mit Dampfmaschinen.

SPIEGEL-Kolumnist und Kommunikationsprofessor Christian Stöcker bringt es auf den Punkt: 80 Prozent der „Primärenergie„, die einen Verbrenner bewegen, verpufften. „Wir müssen die 20 Prozent ersetzen, nicht die 80.“ Die Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis fünf Kilowattstunden Wärme. Das Elektroauto braucht für dieselbe Strecke ein Fünftel der Energie. Mit jeder Effizienztechnologie schrumpft der Nenner in der Primärenergierechnung — und der Anteil der Erneuerbaren steigt, ohne dass eine einzige Kilowattstunde zusätzlich erzeugt werden muss.

Geinitz‘ Artikel erwähnt diesen Zusammenhang mit keinem Wort. Dabei wäre er gerade für FAZ-Leser entscheidend: Wer eine Wärmepumpe einbaut, braucht für dieselbe Heizleistung nur ein Drittel der Primärenergie. Wer ein Elektroauto fährt, braucht ein Fünftel. Die 20,8 Prozent Erneuerbaren-Anteil im Primärenergiemix sind deshalb nicht der Beweis für Rückständigkeit, sondern ein statistisches Artefakt einer Kennzahl, die fossile Abwärmeverluste mitschleppt.

Zur Ehrenrettung: Geinitz arbeitet deutlich sauberer als etwa WELT-Journalist Daniel Wetzel, der im selben Kontext nur Wind und Solar isoliert und auf „acht Prozent“ des Energieverbrauchs kommt – indem er Biomasse, Wasserkraft und andere Erneuerbare unterschlägt. Geinitz nutzt die korrekte BDEW-Gesamtzahl und lässt Gegenstimmen zu Wort kommen.

Stattdessen schreibt er, für Sonnen-, Wind- und Wasserkraft müsse „im Hintergrund immer genügend gesicherte Leistung vorgehalten werden, zumeist aus fossilen Trägern.” Das war 2018 ein valider Einwand. Im Jahr 2026, mit Batteriespeichern im Gigawattmaßstab, Demand-Response-Systemen und einem europäischen Verbundnetz, ist es bestenfalls unvollständig.

Stöcker liefert in seiner Kritik noch ein zweites Argument, das Geinitz komplett ignoriert: Die Strompreise sind im März 2026 trotz des Iran-Kriegs für Bestandskunden weitgehend stabil geblieben. Die Endkundentarife für Strom blieben laut Branchenanalysen weitgehend unverändert, weil Stadtwerke langfristige Beschaffungsstrategien fahren und der hohe Erneuerbaren-Anteil den Großhandelspreis dämpft.

Ganz anders die Lage bei fossilen Energieträgern: Die Spritpreise stiegen in den ersten zehn März-Tagen um 52 Prozent, der europäische Gaspreis kletterte zeitweise auf über 50 Euro pro Megawattstunde. Die Erklärung ist simpel: Erneuerbare Energien haben keine Brennstoffkosten. Je höher ihr Anteil, desto geringer die Verwundbarkeit durch fossile Preisschocks. Genau das, was BDEW-Vorsitzende Kerstin Andreae meint.

„Das ist gut für den Klimaschutz, doch mindestens genauso wichtig ist in der derzeitigen geopolitischen Lage, dass erneuerbare Energien die Versorgungssicherheit, Resilienz und strategische Souveränität Deutschlands stärken. In Zeiten internationaler Krisen zeigt sich noch einmal sehr deutlich: Erneuerbare leisten einen wichtigen Beitrag gegenüber fossilen Importabhängigkeiten.“

Geinitz zitiert Andreae am Ende seines Artikels. Aber er stellt ihr Argument in einen Rahmen, der es sofort relativiert: „Noch allerdings reichen sie, wie die Zahlen belegen, beim gesamten Energieverbrauch bei Weitem nicht aus.“ Das ist der Satz, der beim Leser hängenbleibt. Nicht das Souveränitätsargument.

Was Geinitz richtig sieht — und warum es gegen ihn spricht

In einem Punkt hat Geinitz allerdings Recht, und dieser Punkt wird in der Debatte zu selten ernst genommen: Die Erneuerbaren reichen in den Wintermonaten noch nicht aus. Das erste Quartal zeigt das deutlich. Die Photovoltaik lieferte fünf Prozent weniger als im Vorjahr, die Wasserkraft brach um 21 Prozent ein. Dass der Ökostromanteil trotzdem auf 53 Prozent stieg, lag fast ausschließlich am Wind. Und selbst der reichte nicht, um an das starke erste Quartal 2024 heranzukommen, als 56 Prozent erreicht wurden.

Die Schlussfolgerung, die Geinitz daraus zieht, ist jedoch genau die falsche. Er deutet die Schwankung als Beleg dafür, dass erneuerbare Energien „schwer kalkulierbar“ seien. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Deutschland braucht mehr Windkraft, nicht weniger. Mehr Onshore-Kapazität, die auch in windschwächeren Quartalen Grundlast liefert. Mehr Offshore-Anlagen, die gleichmäßiger einspeisen als Anlagen an Land. Und mehr Speicher, die Überschüsse aus starken Wochen in schwache Wochen verschieben.

Wer Geinitz‘ eigenen Artikel ernst nimmt, kommt zu dem Ergebnis: Der Ausbau muss schneller gehen, nicht langsamer.

Aiwanger gegen Reiche: Der Windkampf aus Bayern

Dass ausgerechnet Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger diesen Punkt deutlicher macht als die meisten Grünen-Politiker, gehört zu den Ironien der deutschen Energiepolitik. Aiwanger spricht von einer „Vollbremsung“, die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche mit ihrem Netzpaket beim Ausbau von Wind- und Solarenergie einlege.

Der Freistaat hat eine Bundesratsinitiative für eine Sonderausschreibung von 5.000 Megawatt Windenergie durchgebracht. Der Bundesrat hat zugestimmt.

Der Hintergrund: Alle vier Wind-Ausschreibungsrunden der Bundesnetzagentur waren 2025 überzeichnet. Die November-Auktion brach Rekorde – auf 3.450 Megawatt Ausschreibungsvolumen bewarben sich Projekte mit 8.155 Megawatt. Es gibt also genügend Projekte, die gebaut werden wollen. Was fehlt, sind Zuschläge und Investitionssicherheit.

Reiches geplanter Redispatch-Vorbehalt würde nach einer Kurzstudie des Beratungsunternehmens Enervis mindestens 90 Landkreise betreffen. In Bayern wären nahezu alle Landkreise betroffen – ein Totalstopp für neue Wind- und Solarparks.

CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek warnt, Reiches Pläne würden die bayerische Energiepolitik der vergangenen Jahre „konterkarieren“. Die Deutsche Umwelthilfe unterstützt ausdrücklich Aiwangers Initiative. Und Bayerns SPD nennt Reiches Pläne „brandgefährlich für den Klimaschutz“. Wenn sich CSU, Freie Wähler, SPD und DUH in Bayern einig sind, dass der Erneuerbaren-Ausbau schneller gehen muss statt langsamer, sollte das zu denken geben.

Geinitz‘ eigene Zahlen liefern die Begründung. Deutschland importiert weiterhin Öl, Gas und Kohle im Wert von rund 80 Milliarden Euro pro Jahr. Jede Kilowattstunde aus Wind und Sonne, die eine Kilowattstunde Gas ersetzt, reduziert diese Abhängigkeit. Die 53 Prozent Ökostrom im ersten Quartal sind kein Grund für Ernüchterung. Sie sind ein Beweis dafür, dass der Ausbau wirkt. Und ein Argument dafür, ihn zu beschleunigen – nicht zu bremsen.

Die Zahlen sprechen für sich

73,4 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom in drei Monaten. Windenergie an Land als stärkster einzelner Energieträger im deutschen Strommix mit 24,5 Prozent. Offshore-Wind mit einem Zuwachs von 44,4 Prozent. Das sind keine Zahlen, die „schwächer als ihr Ruf“ klingen. Das sind Zahlen, die belegen, dass die Energiewende in der Stromerzeugung funktioniert.

Die Herausforderung liegt nicht im Strom, sondern in der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme – also genau in den Sektoren, in denen der Primärenergieverbrauch durch Effizienzgewinne am stärksten sinken wird. Jede Wärmepumpe, jedes Elektroauto macht die Primärenergie-Kennzahl, mit der Geinitz argumentiert, ein Stück irrelevanter. 

Der relevante Maßstab heißt Nutzenergie – die Energie, die tatsächlich Häuser wärmt, Autos bewegt und Maschinen antreibt. Auf dieser Basis liegt der Beitrag der Erneuerbaren längst deutlich höher als 20,8 Prozent. Das zu verschweigen ist kein Journalismus, der seine Leser ernst nimmt.

Frithjof Staiß vom ZSW fasst es so zusammen: Nur eine auf erneuerbaren Energien basierende Energieversorgung schaffe die notwendige Resilienz für die Industrie und trage langfristig zum Erhalt des Wohlstands bei. Wer im April 2026, mitten im Iran-Krieg, mit stabilen Strompreisen durch den Monat kommt, während die Spritpreise explodieren, erlebt diesen Satz als Realität.

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