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Zwillingsschocks: Warum die Energiekrise der 2020er anders endet als die der 1970er
Electrotech-Perspektive
Ember-Analyst Kingsmill Bond zeigt: Die Parallelen zwischen den Ölschocks 1973/1979 und den fossilen Krisen 2022/2026 sind frappierend. Der Unterschied liegt in den Alternativen – und er ist entscheidend.
Die Zwillingsschocks der 2020er haben das globale Energiesystem erschüttert. 2022 fiel Russland als größter fossiler Exporteur aus seinem größten Absatzmarkt. 2026 wurde mit der Straße von Hormus die wichtigste Öl- und LNG-Handelsroute der Welt gesperrt. Kingsmill Bond hat zusammen mit Sam Butler-Sloss, Daan Walter und Antoine Issac von der Denkfabrik Ember eine Analyse veröffentlicht, die diese Doppelkrise in einen historischen Rahmen stellt.
Ihre These: Die 2020er wiederholen die 1970er – aber mit einem Ausgang, der das fossile System diesmal nicht überleben wird.
Am 28. Februar 2026 wurde die Straße von Hormus geschlossen. Mehr als zehn Millionen Barrel Öl pro Tag fielen über Nacht aus – die größte Angebotsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarkts. Sechs Wochen später ist selbst eine sofortige Wiedereröffnung Monate von Normalität entfernt. Über 60 beschädigte Energieanlagen am Golf müssen repariert werden. Das Risikoaufgeld für die Durchquerung der Meerenge wird noch Jahre nachwirken.
Vier Jahre zuvor hatte Russlands Invasion der Ukraine den größten fossilen Exporteur der Welt von seinem größten Absatzmarkt abgeschnitten. Damals traf es Europa. Diesmal trifft es Asien, wo 40 Prozent des Öls durch die Straße von Hormus fließen.
Bond und seine Mitautoren formulieren es nüchtern: Ein Schock ist ein Ereignis. Zwei Schocks sind ein Muster.
Der größere Befund: Der fossile Handel war noch nie so riskant. Die Welt ist instabiler – die Zahl bewaffneter Konflikte liegt auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten. Und die Waffen, die eine Meerenge schließen können, waren nie billiger. Eine 20.000-Dollar-Drohne kann einen 150-Millionen-Dollar-Tanker stoppen.
Gleichzeitig sind die USA seit 2019 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg zum fossilen Nettoexporteur geworden. Für die drei Viertel der Weltbevölkerung, die in fossilen Importländern leben, bedeutet das: Der Garant der Sicherheit zieht sich zurück – im schlimmsten Fall wechselt er die Seite.
Was die 1970er lehrten
Die Parallele ist nicht zufällig gewählt. 1973 und 1979 – die beiden Ölschocks des 20. Jahrhunderts – haben die Welt verändert. Nicht durch gute Absichten, sondern durch ökonomischen Druck. Bond und sein Team rekonstruieren das mit Daten, die eine bemerkenswerte Geschichte erzählen.

Vor 1973 galt der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch als Naturgesetz. Die Schocks sprengten ihn. Das jährliche Wachstum des Primärenergieverbrauchs fiel von knapp 5 Prozent in den Jahren 1960 bis 1973 auf 2 Prozent bis 1985. Die Energieproduktivität in den OECD-Staaten verbesserte sich um den Faktor zehn. Effizienz wurde über Nacht vom akademischen Konzept zur ökonomischen Kraft.
Und die Schocks trafen nicht alle Energieträger gleich. Fossile Brennstoffe wurden bestraft, Elektrizität belohnt. Die Elektrifizierung gewann Momentum – Jahrzehnte bevor jemand sie als Klimapolitik verstand.
Die prägnanteste Zahl: Der globale Ölverbrauch pro Kopf erreichte 1979 seinen Höhepunkt. Er hat sich seitdem nie erholt. Der erste Schock verlangsamte das Wachstum. Der zweite stieß es über die Klippe. Bond schreibt: „One shock gives you pause. Two gives you wisdom.“
Auch die Substitution war real. Öl war 1973 noch für ein Viertel der globalen Stromerzeugung verantwortlich. Zwei Jahrzehnte später für ein Zehntel. Heute für rund 2 Prozent. Atomkraft wuchs in den 1970ern mit über 20 Prozent pro Jahr und stieg von 3 auf 17 Prozent der Stromerzeugung. Die Schocks trafen die schwächsten Glieder am härtesten.
Warum der Rollback kam
Aber die 1970er waren auch eine Geschichte der Grenzen. Als die Ölpreise in den 1980ern wieder fielen, fiel auch der Druck zu handeln. Der fossile Handel, der während der Schocks stagniert hatte, wuchs ab Mitte der 1980er wieder mit knapp 3 Prozent pro Jahr – bis 2022. Die Alternativen von damals – Atomkraft, Nordsee-Öl, Effizienz – waren teuer, langsam und deckten nur einen Bruchteil der fossilen Nachfrage ab. Sobald billiges Öl zurückkam, war der Reformdruck weg.
Die Atomenergie stagnierte, als die Kosten stiegen und Unfälle ihren Ruf zerstörten. Und das Öl im Verkehr? Autos wurden effizienter, aber die Welt fuhr mehr davon. Effizienz streckte den Brennstoff, ersetzte ihn aber nicht.

Die Lehre der 1970er ist deshalb doppelbödig: Selbst teure und langsame Alternativen konnten das Energiesystem eines Jahrzehnts umbauen. Aber sie waren nicht gut genug, um den Rollback zu verhindern. Die Frage ist: Was können schnelle, billige, brennstofffreie Alternativen anrichten?
Warum es diesmal keinen Rollback gibt
Bond und sein Team arbeiten den entscheidenden Unterschied zu heute heraus: Electrotech ist billiger, schneller, größer und sicherer als alles, was 1979 zur Verfügung stand.
Billiger. Solar plus Speicher kostet global unter 60 Dollar pro Megawattstunde. LNG-Strom in Asien liegt bei über 160 Dollar – fast das Dreifache. Im Verkehr: Damit ein Verbrenner in China mit einem E-Auto konkurrieren kann, müsste Rohöl unter 15 Dollar pro Barrel fallen. Das ist kein Wettbewerb mehr. Das ist eine Einbahnstraße.
Größer. In den 1970ern war Öl in der Stromerzeugung ein Zehntel der Ölnachfrage – ein kleines Ziel. Heute sind die verwundbaren Sektoren riesig: Straßentransport macht fast die Hälfte der Ölnachfrage aus, Stromerzeugung ein Drittel der LNG-Nachfrage. Und die Alternativen starten nicht mehr klein. Solar und Wind sind heute relativ gesehen fünfmal größer als Atomkraft es…

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.