Energiewende

Was Katherina Reiches Investitionsbremsegesetz nicht aufhalten kann

SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker bringt auf den Punkt, was Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit ihrer Energiepolitik anrichtet. Doch die Energiewende von unten wird längst von Prosumern, Vermietern und Unternehmern gebaut, die nicht auf Berlin warten.

Christian Stöcker hat Katherina Reiches Energiepolitik diese Woche im SPIEGEL mit einem einzigen Begriff zusammengefasst, der sitzt: „Investitionsbremsegesetz”. Der Kognitionspsychologe und Kolumnist zeigt, wie die Wirtschaftsministerin systematisch privates Kapital blockiert, das in Windparks, Solaranlagen und Batteriespeicher fließen könnte. Gleichzeitig hat das Bundeskabinett ein Gebäudemodernisierungsgesetz durchgewinkt, das so schlecht ist, dass vom Handwerk über den Gewerkschaftsbund bis zum Nationalen Normenkontrollrat praktisch alle Fachleute es ablehnen ("Murks mit Ansage"). Der einzige Verband, der jubelt: der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches, der zentrale Lobbyverband der Gasbranche.


Stöckers Analyse ist präzise. Das Bundeskartellamt kritisiert öffentlich, Reiches StromVKG bevorzuge Gaskraftwerke und schließe Batteriespeicher faktisch von Ausschreibungen aus. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass ihre Pläne die Energiewende 40 Milliarden Euro teurer machen könnten. Die sogenannte „Biotreppe” im Gebäudemodernisierungsgesetz, die ab 2029 grüne Gase in fossilen Brennstoff beimischen soll, wird nach Einschätzung aller relevanten Verbände teuer, knapp und schwer verfügbar bleiben. Selbst im Gesetzestext steht: Eine belastbare Kostenabschätzung sei „derzeit nicht möglich”.

So weit die Diagnose. Doch wer nur nach Berlin schaut, verpasst, was im Land passiert. Denn während die Bundesregierung Verunsicherung produziert, schaffen Hunderttausende Eigenheimbesitzer*innen, Vermieter*innen, Mieter*innen und Unternehmer*innen längst Fakten. Sie investieren eigenes Geld in die Energiewende von unten, erzeugen eigenen Strom, senken ihre Kosten und machen sich unabhängig von den fossilen Preisschwankungen, die Reiches Politik zementieren will. Das ist keine Theorie. Es sind echte Mutmacher mit echten Zahlen.

Die Eigenheimbesitzer*innen, die nicht auf Planungssicherheit warten

Judith und Thomas leben in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg, in einem Haus aus den 1970er-Jahren. Am Schattenhang, keine idealen PV-Bedingungen. Sie haben 17.500 Euro investiert: Splitklimaanlage statt Elektroheizung, Photovoltaik auf dem Dach. Das Ergebnis: 40 Prozent weniger Heizkosten. Keine Förderprogramme, keine Berater, keine Diskussion. Einfach gemacht. In ihrem Dorf sind sie nicht die Einzigen. Haus für Haus verschwinden die fossilen Heizungen. Hier gibt es ihre Geschichte.

Nabil aus Südhessen hat einen anderen Weg genommen. Er hat sein Eigenheim Schritt für Schritt elektrifiziert, mit gebrauchten E-Autos, die den Einstieg bezahlbar machen, und einer PV-Anlage auf dem Dach. Was bei ihm auffällt: die Sektorenkopplung funktioniert auch mit kleinem Budget. Wer Solar, Speicher, Wärmepumpe und E-Auto intelligent verbindet, optimiert nicht ein System, sondern vier gleichzeitig. Mehr dazu hier.

Svenja aus Nordrhein-Westfalen hat einen Altbau von 1932 in die Electrotech-Ära geholt. Ihr Antrieb war persönlich: „Wir wollten keinen Krieg mitfinanzieren.” Diese drei Geschichten aus der Mutmacher-Serie von Cleanthinking zeigen ein Muster. Die Prosumer-Bewegung wächst nicht trotz fehlender Planungssicherheit. Sie wächst, weil die Rechnung stimmt, unabhängig davon, was Berlin beschließt oder unterlässt.

Hinter diesen Einzelgeschichten steht eine ökonomische Logik, die kein Gesetz außer Kraft setzen kann. Die Lernkurve bei Photovoltaik und Batteriespeichern läuft weiter: Jeder Preisrückgang erweitert den adressierbaren Markt, macht neue Dächer wirtschaftlich, neue Anwendungsfälle möglich. Eine PV-Anlage mit Speicher amortisiert sich je nach Standort in acht bis zwölf Jahren. Wer danach noch 15 Jahre Strom produziert, für den sind die Grenzkosten nahe null. Das ist eine betriebswirtschaftliche Realität, keine politische Hoffnung. Und sie erklärt, warum die Nachfrage nicht einbricht, obwohl die Bundesregierung alles tut, um Verunsicherung zu streuen.

Warum Mieter*innen längst mehr Optionen haben, als die Debatte glaubt

Das stärkste Argument gegen die Energiewende war jahrelang: Was ist mit den Mietern? Das Argument war berechtigt, denn Mieter*innen konnten sich weder Dach noch Heizung aussuchen. Doch 2026 hat sich die Lage grundlegend verändert. Es gibt inzwischen drei funktionierende Modelle, die Mieter*innen in Mehrfamilienhäusern Zugang zu günstigem Solarstrom verschaffen: den klassischen Mieterstrom mit EEG-Zuschlag, die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung seit 2024 und ab Juni 2026 das Energy Sharing, bei dem Strom auch über Grundstücksgrenzen hinweg geteilt werden kann.

Das „Hamburger Modell” zeigt besonders gut, wie Mieterstrom ohne Bürokratie funktioniert. In Hamburg-Ohlsdorf erhalten 32 Mietparteien jeweils eigene Solarmodule auf dem Dach, verbunden mit einem Kellerspeicher. Die Mieter*innen zahlen 50 Prozent ihrer Stromersparnis als Dachpacht, der Rest bleibt bei ihnen. Kein Messstellenbetreiber, kein Energieversorgerstatus, keine komplexen Abrechnungsmodelle.

Dazu kommen Balkonkraftwerke, die für 300 bis 600 Euro die Stromrechnung sofort senken, und Systeme wie der Heartbeat von 1Komma5°, die Strom aus dem Netz laden, wenn er billig ist, und abgeben, wenn er teuer ist. Das funktioniert in der Mietwohnung, ohne Dach und ohne Balkon.

Was das in der Praxis bedeutet, demonstriert Dominic aus dem Thurgau in der Schweiz. Er hat ein Mehrfamilienhaus von 1952 komplett fossilfrei umgebaut: Grundwasserwärmepumpe seit über zehn Jahren, 45 kWp Photovoltaik, 44 kWh Speicher, acht Ladestationen in der Tiefgarage. Ergebnis: stabile Nebenkosten, weil kein fossiler Brennstoffpreis mehr durchschlägt. Im Sommer kühlt die Wärmepumpe die Wohnungen ohne Klimaanlage. Dominics Mieter*innen profitieren von einer Investitionsentscheidung, die ihr Vermieter vor Jahren getroffen hat. Während die deutsche Debatte sich noch an der Frage aufhängt, ob man Mietern die Energiewende „zumuten” kann, zeigt ein Vermieter im Thurgau, dass sie den Mietern nützt.

Die Zahlen hinter diesen Beispielen verdeutlichen das Ausmaß der verpassten Chance. Auf Deutschlands 3,1 Millionen Mehrfamilienhäusern schlummert nach einer Ariadne-Studie ein theoretisches PV-Potenzial von 60 Gigawatt. Das entspricht 28 Prozent des gesamten Ausbauziels bis 2030, genug, um 20 Millionen Wohnungen mit Solarstrom zu versorgen. Bisher sind lediglich 0,5 Prozent dieser Gebäude mit Photovoltaik ausgestattet. Hier liegt kein Mangel an Technologie oder Wirtschaftlichkeit vor, sondern ein Mangel an politischem Willen, die regulatorischen Hürden zu beseitigen. Das Gebäudemodernisierungsgesetz hätte die Chance gehabt, genau diese Hürden abzubauen. Stattdessen hat die Bundesregierung ein Gesetz vorgelegt, das der Nationale Normenkontrollrat als „eines der handwerklich schwächsten Vorhaben” der vergangenen Jahre bezeichnet.

Wenn ein Eismacher vormacht, was die Bundesregierung unterlässt

Das Gebäudemodernisierungsgesetz sorgt für Verunsicherung bei Unternehmen, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund festgestellt. Doch es gibt Unternehmer*innen, die sich von dieser Verunsicherung nicht bremsen lassen. Olaf Höhn, Gründer von Florida Eis green, hat die Eisproduktion in Berlin-Spandau bereits CO₂-neutral gemacht. Sein nächstes Projekt ist größer: eine weltweit einzigartige, CO₂-freie Eisfabrik in Schönebeck bei Magdeburg. Im August 2026 soll der Bau beginnen, bis zu 100 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Höhn hat für die wissenschaftliche Begleitung Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber und das Fraunhofer-Institut gewonnen. Die Fabrik soll sich selbst mit Energie versorgen und auch architektonisch ein Zeichen setzen. Was Höhn antreibt, ist nicht staatliche Förderung, sondern unternehmerische Überzeugung: eine Fabrik, die beweist, dass industrielle Produktion und Klimaschutz keine Gegensätze sind.

Florida Eis green steht stellvertretend für eine wachsende Zahl von Unternehmen, die die Electrotech-Perspektive nicht als Belastung begreifen, sondern als Geschäftsmodell. Während die Bundesregierung mit der „Biotreppe” ein fossiles Geschäftsmodell konserviert, dessen Kosten niemand beziffern kann, schaffen Unternehmer*innen wie Höhn Fakten. Der Unterschied: Seine Investition erzeugt Arbeitsplätze. Reiches Investitionsbremse verhindert sie.

Fazit und Ausblick: Warum das Investitionsbremsegesetz nicht gewinnen wird

Christian Stöcker hat recht: Katherina Reiches Investitionsbremsegesetze werden die Strompreise hochhalten und Deutschland Milliardenstrafzahlungen einbringen. Das Gebäudemodernisierungsgesetz könnte vor dem Bundesverfassungsgericht landen, weil es fossile Heizungen auch nach 2045 erlaubt, während Deutschland CO₂-neutral sein will. Die „Technologieoffenheit”, die Reiche propagiert, ist eine Chiffre für die Bevorzugung fossiler Geschäftsmodelle, wie das Kartellamt bestätigt.

In Dänemark ist der Einbau fossiler Heizungen bereits seit 2013 verboten. Das Bundesverfassungsgericht hat schon 2021 entschieden, dass der Schutz künftiger Freiheit verlangt, den Übergang zur Klimaneutralität rechtzeitig einzuleiten. Reiches Gesetze tun das Gegenteil. Doch die Prosumer, Vermieter*innen und Unternehmer*innen, die in diesem Text vorkommen, warten nicht auf Karlsruhe. Sie handeln, weil sie verstanden haben, dass die fossile Ära zu Ende geht.

Doch die Energiewende von unten lässt sich nicht per Gesetz aufhalten. Die Wirtschaftlichkeit von PV und Speichern verbessert sich mit jeder Produktionscharge. Auf den Dächern von 3,1 Millionen Mehrfamilienhäusern schlummert ein Potenzial von 60 Gigawatt, das 20 Millionen Wohnungen versorgen könnte. Energy Sharing ab Juli 2026 wird Solarstrom über Grundstücksgrenzen hinweg teilbar machen.

Energiewende von unten statt Investitionsbremsegesetz: Die Mutmacher-Geschichten zeigen, wie Prosumer und andere Investoren den Wandel durchziehen - trotz Reiche und Merz. Und die Familien, Vermieter*innen und Unternehmer*innen, die bereits investiert haben, liefern den Beweis, den kein Gesetz entkräften kann: Die saubere Zukunft rechnet sich. Wer sie gestalten will, braucht (derzeit) keine Erlaubnis aus Berlin.

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Mal ein Rat. Mit all der neuen Werbung hier erscheint das geschriebene unglaubwürdig und keiner tut sich das lange an.

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