VERTEILNETZE · 22. MAI 2026
Netzausbau beschleunigen und Flexibilität jetzt: Was Deutschland von Utrecht lernen kann
EnBW meldet Netzengpässe in Mittelbaden, Hamburg schafft das Windhundprinzip ab, Utrecht stoppt neue Anschlüsse. Drei Meldungen in einer Woche, die alle auf dasselbe Problem zeigen. Die Lösung liegt nicht in der Bremse, sondern in mehr Tempo und mehr Flexibilität. Beides könnte Wirtschaftsministerin Reiche sofort anstoßen.
Netzausbau beschleunigen - SymbolbildEs klingt zunächst wie eine Verwaltungsmitteilung. Der niederländische Netzbetreiber Stedin kündigt eine „zeitlich befristete Pause, um das Stromnetz sicher zu halten“ an. Doch dahinter steckt ein Präzedenzfall: Ab 1. Juli werden im Großraum Utrecht keine neuen Stromanschlüsse mehr vergeben. Netzüberlastung. Der „Telegraaf“ brachte es auf den Punkt: Eine neue Küche oder Wärmepumpe könne für manche Haushalte unmöglich werden.
Zur selben Zeit, Anfang dieser Woche in Deutschland: EnBW-Vorstand Dirk Güsewell warnt im Interview mit der Stuttgarter Zeitung vor Netzengpässen in Baden-Württemberg. Einen Tag später verkünden die Hamburger Energienetze, dass sie das bisherige „First Come, First Serve“-Prinzip bei Netzanschlüssen abschaffen. Dass drei Netzbetreiber aus drei verschiedenen Ländern und Städten innerhalb einer Woche dieselbe Diagnose stellen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Electrotech-Revolution, die das Verteilnetz schneller trifft als alle Prognosen erwartet haben.
Was die Zahlen sagen
Die Dimension des Problems zeigt sich an konkreten Zahlen. Bei der EnBW-Tochter Netze BW gingen 2025 allein 75.000 Anträge für Anschlüsse erneuerbarer Energiequellen ein, dreimal so viele wie noch 2021. In der Region Mittelbaden entsprechen die seit Jahresbeginn eingegangenen Anschlusswünsche bereits der Hälfte des gesamten heutigen regionalen Spitzenbedarfs. „Diese Entwicklung liegt deutlich über den ursprünglichen Erwartungen“, sagt Güsewell.
In einzelnen Regionen Baden-Württembergs machen die Anschlusswünsche bereits 50 bis 60 Prozent der bestehenden Netzkapazität aus. Der Netzausbau kommt nicht hinterher: Neue Umspannwerke benötigen fünf Jahre Vorlaufzeit, der Bau neuer Hochspannungsleitungen kann bis zu 20 Jahre dauern. Jeroen Dijsselbloem, früherer niederländischer Finanzminister und heute Bürgermeister von Eindhoven, kennt das Problem aus eigener Anschauung: Er schätzt, dass die Niederlande mehr als 100 mittelgroße und 4.000 kleine Umspannwerke zusätzlich brauchen. Für Deutschland dürfte die Dimension ähnlich sein.
Bei den deutschen Übertragungsnetzbetreibern lagen schon Anfang 2025 Anschlussanträge im Umfang von 226 Gigawatt vor, weit mehr als die verfügbare Kapazität. Das ist kein regionales Engpass-Problem eines einzelnen Bundeslandes, sondern ein strukturelles Mismatch zwischen der Geschwindigkeit der Elektrifizierung und der Planungslogik der Infrastruktur.
Utrecht zeigt den Weg, nicht die Kapitulation
Das Beispiel Utrecht ist jedoch nicht nur Warnung, es ist auch Wegweiser. Im Wohnpark Ijsselstijn, ebenfalls in Utrecht, hat der Baukonzern Heijmans eine Antwort gebaut: Solaranlagen auf den Dächern, Batteriespeicher für laststarke Zeiten, KI-gestützte Netzsteuerung. Energiespezialist Maarten Kookshoorn erklärt das Prinzip: „So können wir rechtzeitig erkennen, wenn es eng wird im Netz.“ Kein externer Netzausbau nötig, sondern eine lokale Lösung durch Flexibilität und Intelligenz.
Es geht, wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Analyse des Utrecht-Falls festhält, nicht um Erneuerbare gegen ein sicheres Stromnetz, sondern um den klugen Umgang mit grünem Strom. Rund ein Drittel der Häuser in den Niederlanden ist bereits mit Photovoltaik ausgestattet. Die Elektrifizierung geht trotz der Netzprobleme voran, weil priorisiert und flexibilisiert wird. Deutschland hat alle technologischen Bausteine dafür, aber der regulatorische Rahmen fehlt.
Die Hamburger Energienetze machen einen ersten Schritt. Mit dem neuen Fair Grid-Projekt werden Netzkapazitäten für Anschlüsse über 1,5 Megavoltampere künftig in einem transparenten Repartierungsverfahren vergeben, nicht mehr nach Antragsdatum. Geschäftsführer Peter Wolffram nennt das Ziel: „Wir schaffen für unsere Netzkunden eine solide und gerechte Übergangslösung, die Planungssicherheit schafft.“ Ähnliche Verfahren gibt es bereits in Berlin, Frankfurt, Bremen und Duisburg.
Flexibilität ist keine Notlösung, sondern die Lösung
Das Repartierungsverfahren löst das Verteilungsproblem, aber nicht das Kapazitätsproblem. Dafür braucht es zwei Hebel gleichzeitig: schnelleren Ausbau und konsequente Flexibilisierung. Güsewell skizziert das Flexibilitätsprinzip am Beispiel eines Industriekunden: Wer Kapazität nur nachts nutzt, in einen Batteriespeicher lädt und sein Werk tagsüber daraus versorgt, entlastet das Netz erheblich.
Flexible Netzanschlussvereinbarungen sind deshalb kein Kompromiss für die Übergangszeit, sondern dauerhafter Bestandteil eines modernen Netzsystems.
Doch im deutschen Reifegradverfahren, das seit 2026 Netzanschlüsse vergibt, konkurrieren Batteriespeicher, Rechenzentren, Wasserstofferzeugung und Industrieanlagen ohne Differenzierung nach systemischem Nutzen um Kapazität. Dabei könnten Speicher, die Systemdienstleistungen wie Frequenzhaltung, Blindleistungsbereitstellung oder Schwarzstartfähigkeit erbringen, das Netz aktiv stabilisieren, wenn sie bevorzugt angeschlossen würden. Dieser Hebel bleibt bislang ungenutzt.
Hinzu kommt das Thema Überbauung. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) fordert seit Monaten, dass die gemeinsame Nutzung von Netzverknüpfungspunkten durch verschiedene Erzeugungsarten und Speicher, das sogenannte Cable Pooling plus Speicher, direkt im EEG verankert wird. Bisher findet sich diese Möglichkeit im Gesetzestext nicht. Rund 200 Branchenakteure haben ihre Zustimmung zu diesen Vorschlägen bereits signalisiert, die politische Reaktion blieb aus.
Netzausbau beschleunigen? Reiche bremst, was sie braucht
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat das Netzthema zur Chefsache erklärt, in ihren Dunkelflauten-Debatten und in ihren Plädoyers für Gaskraftwerke als Rückversicherung. Was sie dabei ausblendet: Die Technologie, die sowohl Netzflexibilität als auch Speicherkapazität liefern kann, sind Batteriespeicher. Und genau diese Technologie hat ihr Ministerium immer wieder regulatorisch geschwächt.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie nahm im Dezember 2025 Großbatteriespeicher aus der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) heraus, ohne eine Übergangslösung zu schaffen. Der BEE sprach von einem Schnellschuss und forderte stattdessen einen transparenten Priorisierungsmechanismus, der Projekte nach Systemdienlichkeit und Realisierungswahrscheinlichkeit bewertet. Speicherprojekte mit hohem systemischem Nutzen müssten priorisiert werden, nicht nach Antragsdatum, sondern nach ihrem Beitrag zur Netzstabilität. An dieser Forderung hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert.
Wer die Versorgungssicherheit beschwört und gleichzeitig die schnellste und flexibelste Antwort auf Netzengpässe regulatorisch schwächt, handelt widersprüchlich. Güsewell benennt das Kernproblem direkt: „Der Netzanschluss wird zum kritischen Standortfaktor.“ Standortfaktor bedeutet: Investitionen wandern dorthin, wo der Anschluss schneller kommt.
Was jetzt gebraucht wird
Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Speicher müssen im Reifegradverfahren bevorzugt werden, wenn sie nachweislich Systemdienstleistungen erbringen. Cable Pooling mit Speicherbeteiligung muss ins EEG. Flexible Netzanschlussvereinbarungen müssen als Pflichtangebot der Verteilnetzbetreiber verankert werden, nicht als Kulanz im Einzelfall. Und die Genehmigungsbeschleunigung für Umspannwerke muss bundesweit greifen, nicht nur als Taskforce auf Landesebene in Baden-Württemberg. Alle vier Maßnahmen könnten mit bestehenden Instrumenten umgesetzt werden, wenn der politische Wille vorhanden wäre.
Güsewell begrüßt immerhin die im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung vorgesehene ressortübergreifende Taskforce zur Genehmigungsbeschleunigung. Das ist ein Schritt, aber ein regionaler für ein bundesweites Problem, und er adressiert nur den Ausbau, nicht die Flexibilität. Belgien und die Niederlande haben bereits gezeigt, dass flexible Zugangsregelungen im Verteilnetz keine theoretische Option sind, sondern praktizierte Realität in Ländern, die Deutschland beim Umbau der Netzinfrastruktur inzwischen voraus sind.
Utrecht hat gezeigt, dass der Anschluss-Stopp kein unausweichliches Schicksal ist. Ijsselstijn hat gezeigt, was die Alternative aussieht: lokale Batteriespeicher, Solaranlagen und KI-Steuerung, die das Netz intelligent nutzen, statt auf den nächsten Umspannwerks-Neubau zu warten. Die Hamburger Energienetze kalkulieren mit einer Verdreifachung des Leistungsbedarfs in den kommenden 20 Jahren. Gasheizungen weichen Wärmepumpen, der Nahverkehr elektrifiziert sich, neue Rechenzentren kommen hinzu. Das ist der Rahmen, in dem Netzpolitik heute entschieden werden muss.
Deutschland hat alle Voraussetzungen für den nächsten Schritt. Was fehlt, sind drei Paragrafen im EEG, ein funktionierendes Reifegradverfahren für Speicher und eine Wirtschaftsministerin, die Netzausbau beschleunigen wirklich will.
QUELLEN
- Frankfurter Rundschau Wegen Überlastung: Region in den Niederlanden verweigert Stromanschluss
- Stuttgarter Nachrichten EnBW schlägt Alarm wegen überlastetem Stromnetz
- Hamburger Energienetze Faire Verteilung von Kapazitäten für große Netzanschlüsse