Das Paradox der Solarflut: Erzeugen kostet, Verbrauchen bringt

ENERGIE · 25. MAI 2026

Das Paradox der Solarflut: Erzeugen kostet, Verbrauchen bringt

Am 1. Mai 2026 flutete Sonnenstrom das Netz, die Börsenstrompreise stürzten auf fast minus 500 Euro je Megawattstunde, und der Bundeshaushalt zahlte rund 88 Millionen Euro. Wer die Ursachen kennt, versteht auch, warum dynamische Stromtarife die richtige Antwort sind.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


30 bis 40 Euro haben einzelne Haushalte am 1. Mai 2026 verdient. Nicht durch Einspeisen, sondern durch das genaue Gegenteil: Solaranlage aus, Heimspeicher mit Netzstrom laden. Solarflut ausnutzen. Wer an diesem Tag einen dynamischen Stromtarif hatte und richtig reagierte, bekam Geld dafür, Strom zu verbrauchen, statt ihn ins Netz zu schicken.

Der Rat, den Energieexperten am 30. April auf cleanthinking.de gaben, war richtig. Was dahintersteckt, haben seitdem mehrere Experten öffentlich analysiert: Leonhard Gandhi, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg und verantwortlich für energy-charts.info, im ntv-Podcast Klimalabor; sowie Energieökonom Prof. Leon Hirth und YouTube-Produzent Andreas Schmitz im Webinar von EU-Parlamentarier Michael Bloss. Ihr gemeinsames Bild ist eindeutig.

Warum manche Erzeuger einspeisen müssen, egal was der Preis macht

Nicht jede Kilowattstunde, die an sonnigen Feiertagen ins Netz fließt, kommt von einer Solaranlage. Ein wichtiger, aber selten diskutierter Faktor sind thermische Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Diese Anlagen erzeugen gleichzeitig Strom und Wärme, die sie über Fernwärmenetze an Haushalte, Krankenhäuser oder Industriebetriebe liefern. Gandhi bringt das Prinzip auf den Punkt: „Das muss Wärme liefern und produziert Strom deshalb unabhängig vom Börsenstrompreis."

Wärme lässt sich nicht auf Knopfdruck abschalten, ohne gleichzeitig die Wärmeversorgung zu unterbrechen. Diese Kraftwerke stellen ihr Verkaufsgebot als Angebot ein und zahlen im Extremfall dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt. Sie gehören zur Kategorie der sogenannten must-run-Erzeuger. Das sind Anlagen, die aus betrieblichen oder vertraglichen Gründen nicht flexibel reagieren können.

Zu dieser Kategorie zählen auch viele Biogas-Anlagen sowie Grundlastkraftwerke wie die französischen Atommeiler, die am 1. Mai auf voller Last liefen, weil sie kurzfristig technisch nur eingeschränkt gedrosselt werden können.

Solarflut: Das buchhalterische Missverständnis

Kleine Privatanlagen mit fester Einspeisevergütung speisen unabhängig vom Börsenpreis ein, weil sie für jeden eingespeisten Strom staatlich garantiertes Geld bekommen. Das System kennt diesen Faktor. Das eigentliche Problem des 1. Mai lag woanders: bei großen gewerblichen PV-Parks und Dachanlagen, deren Strom an der Börse vermarktet wird. Gandhi: „Hier besteht tatsächlich großer Handlungsbedarf, weil die Vermarkter Geld verbrennen und Kosten für die Allgemeinheit verursachen." Diese Anlagen haben eigentlich jeden wirtschaftlichen Anreiz, bei negativen Preisen abzuregeln. Trotzdem speisten viele weiter ein.

Der Grund ist ein buchhalterisches Missverständnis, referiert Gandhi im Klimalabor. Unternehmen mit einer PV-Anlage an einem Standort und mehreren Betriebsstätten dürfen den erzeugten Solarstrom rechnerisch auf alle Standorte verteilen. In der Strombilanz sieht es dann so aus, als wäre der Strom vollständig selbst verbraucht worden: 300 Kilowattstunden in München erzeugt, virtuell auf Büros in Hamburg und Frankfurt gebucht.

Physikalisch ist das falsch. Der überschüssige Strom in München fließt ins Netz. Hamburg und Frankfurt beziehen ihren Strom aus dem lokalen Netz, das ihn von anderswo bezieht. Das Unternehmen denkt, es verbrauche seinen Solarstrom selbst. In Wahrheit speist es ins überlastete Netz ein und verliert dabei Geld.

Dazu kommt ein strukturelles Marktzugangsproblem. Andreas Schmitz, bekannt als Akku-Doktor mit über 130.000 YouTube-Abonnenten, hat eine Solaranlage, einen Smart Meter und die Technik, um seine Anlage selbst am Markt zu vermarkten. Im Bloss-Webinar schildert er seine Erfahrungen: „Ich versuche schon wirklich seit einem halben Jahr, in die Direktvermarktung reinzukommen - und ich darf einfach nicht."

Sein Netzbetreiber lehnt ab. Das zeigt: Selbst gut ausgestattete und gut informierte Prosumer scheitern an bürokratischen Hürden.

88 Millionen Euro: Was die Zahl bedeutet und was sie nicht sagt

Prof. Hirth beziffert die Gesamtkosten des 1. Mai auf rund 88 Millionen Euro für den Bundeshaushalt. Die Zahl braucht Einordnung. Sie setzt sich zusammen aus drei Komponenten: den Einspeisevergütungen, die Altanlagen auch bei negativen Preisen kassieren; den Kosten, die anfallen, weil Netzbetreiber überschüssigen Strom zu Negativpreisen vermarkten mussten; und einem paradoxen technischen Effekt in der Marktprämien-Berechnung, durch den selbst Windanlagen, die an diesem Tag abgeregelt wurden und gar nicht einspeisten, trotzdem Fördergelder erhielten.

Diese Zahl wird kleiner werden. Das noch unter Habeck beschlossene Solarspitzengesetz greift bei neuen Anlagen. Wachsende Batteriespeicherkapazitäten nehmen Überschüsse auf. Viele alte 20-Jahres-EEG-Verträge laufen in den kommenden Jahren aus. Und wenn das buchhalterische Missverständnis bei großen PV-Parks behoben wird, entfällt ein weiterer Kostentreiber. Die 88 Millionen Euro sind keine Anklage gegen die Energiewende. Sie sind der Preis dafür, dass Marktregeln, die für fossile Grundlastkraftwerke entwickelt wurden, noch nicht zu einer Stromwirtschaft passen, die mittags im Überfluss Solarstrom produziert.

Das sollte nicht vergessen werden: An diesem 1. Mai musste Deutschland kaum fossilen Strom importieren. Die erneuerbaren Energien lieferten so viel, dass Strom in die Nachbarländer exportiert wurde. Das ist nicht das Scheitern der Energiewende, das ist ihr Erfolg. Bloss sieht die Lage klar: „Da wäre es schnell vorbei mit der Energiewende", wenn ein Blackout durch zu viel Einspeisung die öffentliche Debatte kippen würde. Deswegen müssen die strukturellen Probleme gelöst werden, nicht aus Gegnerschaft zur Photovoltaik, sondern um sie zu schützen.

Wie der Strommarkt das Überangebot verwaltet

Strom wird in Europa an zwei Handelsplätzen gehandelt. Die EEX in Leipzig betreibt den Terminmarkt, auf dem Versorger und Unternehmen Strom Monate oder Jahre im Voraus sichern. Das ist die Grundlage für Jahresverträge mit Preisgarantie. Die EPEX SPOT in Paris ist der Spotmarkt für den kurzfristigen Handel, und dort entstehen die negativen Preise.

Am Day-Ahead-Markt wird Strom einen Tag vor Lieferung gehandelt. Wettermodelle sind entscheidend: Sonneneinstrahlung und Windprognosen bestimmen, wie viel Erneuerbare morgen einspeisen werden. An sonnigen Feiertagen trifft hohes Solarangebot auf halbierten Verbrauch, weil Betriebe stillstehen, und der Preis fällt. Die technische Untergrenze liegt bei minus 500 Euro je Megawattstunde. Hirth zum Rekordwert des 1. Mai: „Wir waren einen Cent vor dem absoluten Minimum."

Wer seinen Strom am Day-Ahead nicht losgeworden ist, kann am Liefertag selbst noch den Intraday-Markt nutzen. Das ist jedoch ein Risiko: Die Preisuntergrenze liegt im Intraday-Handel bei minus 10.000 Euro je Megawattstunde, zwanzigmal tiefer als am Day-Ahead. Wer dort einspeist und scheitert, zahlt zehn Euro pro Kilowattstunde. Erst wenn auch das versagt, greifen die Netzbetreiber direkt ein. Als letztes Mittel fahren alle Wechselrichter in Deutschland bei zu hoher Netzfrequenz automatisch herunter, auch nachgerüstete Altanlagen.

Das Solarspitzengesetz: Drei Hebel und ihre Grenzen

Die Ampel-Koalition hatte kurz vor ihrem Ende reagiert. Das Solarspitzengesetz gilt seit Februar 2025. Neuen Solaranlagen wird die Einspeisevergütung gestrichen, sobald der Börsenstrompreis negativ ist. Der wirtschaftliche Anreiz, bei Überangebot trotzdem einzuspeisen, entfällt damit für alle nach dem Stichtag installierten Anlagen. Neue Anlagen ohne Steuerbox dürfen zudem maximal 60 Prozent ihrer Nennleistung einspeisen, als Mindestschutz für den Netzbetrieb.

Der dritte Hebel steht allen offen: Wer gegenüber dem Netzbetreiber erklärt, auf die Vergütung bei negativen Preisen freiwillig zu verzichten, erhält dafür an normalen Tagen eine leicht erhöhte Grundvergütung. Gandhi: „Seit dem Solarspitzengesetz kann man gegenüber dem Netzbetreiber erklären, dass man auf die Vergütung bei negativen Strompreisen verzichtet. An anderen Tagen bekommt man dann eine leicht erhöhte Einspeisevergütung." Das lohnt sich besonders für Anlagen, die sowieso schon netzdienlich konfiguriert sind.

Was das Gesetz nicht löst: die Vermarktungslogik großer gewerblicher PV-Parks, das KWK-Problem und die Direktvermarktungssperren für kleine Prosumer. Diese strukturellen Baustellen brauchen eigene Lösungen.

Was Prosumer mit dynamischem Tarif jetzt richtigmachen können

Für Haushalte mit dynamischem Stromtarif sind negative Preise keine Bedrohung. Sie sind eine Einnahmequelle. Wer seine Solaranlage abschaltet und stattdessen Netzstrom kauft, vermeidet eigene Einspeiseverluste und bezieht günstigsten oder kostenfreien Strom. Berichten zufolge verdienten einzelne Haushalte am 1. Mai allein durch das Laden ihres Speichers 30 bis 40 Euro.

Dabei gibt es einen Zusatztipp aus dem Bloss-Webinar: Viele Heimspeicher laden morgens die ersten Sonnenstunden ein und sind zur Mittagszeit bereits voll. Wenn die Solarspitze dann um 13 oder 14 Uhr kommt, fehlt die Kapazität, und die Anlage speist trotzdem ins Netz ein. Wer seinen Speicher so konfiguriert, dass er sich bevorzugt mittags aus dem Netz lädt, wenn der Preis am tiefsten ist, schöpft den vollen Vorteil aus und entlastet das Netz genau dann, wenn es am meisten gebraucht wird.

Gandhi bringt es auf den Punkt: „Man kann die Hausautomatisierung so programmieren, dass in solchen Fällen selbst verbraucht, eingespeichert oder notfalls abgeregelt wird, aber nicht eingespeist. Das ist nicht kompliziert." Wer die freiwillige Solarspitzengesetz-Option nutzt, sichert sich an normalen Tagen zusätzlich eine leicht erhöhte Grundvergütung.

Gandhi macht für die Zukunft Mut: „Es drohen trotzdem keine Blackouts. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren nicht einmal dramatisch verschärfen, auch wenn immer mehr Solaranlagen in Betrieb genommen werden." Wer die Technik hat und netzdienlich handeln will, wird dafür belohnt.

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