Reiche baut die nächste Energiefalle

KLIMAPOLITIK · MEINUNG · 28. MAI 2026

Katherina Reiche baut die nächste Energiefalle

Mit einem LNG-Deal, der bis Mitte der 2050er Jahre laufen soll, zementiert die Bundeswirtschaftsministerin Deutschlands Abhängigkeit von Flüssiggas aus Nordamerika - weit über alle Klimaziele hinaus und mit exakt der Sprache, die wir zwanzig Jahre lang für Gazprom gehört haben.


KOMMENTAR VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Ich lese das Zitat zur Energiefalle von Katherina Reiche und bin fassungslos. „Diese Vereinbarung ist mehr als ein weiterer Liefervertrag - sie ist Ausdruck einer strategischen Partnerschaft zwischen Deutschland und Kanada im Bereich der Energieversorgung. Deutschland und Kanada verbindet eine enge Partnerschaft, die auf gemeinsamen Werten und gegenseitigem Vertrauen basiert."

Diese Sätze kenne ich. Ich habe sie jahrzehntelang gehört. Nur hieß der Partner damals nicht Kanada, sondern Russland.

Die bundeseigene SEFE hat am 27. Mai eine Absichtserklärung mit dem kanadischen Unternehmen Ksi Lisims LNG unterzeichnet: eine Million Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr, Lieferbeginn Anfang der 2030er Jahre, Laufzeit bis zu 20 Jahre. Lieferungen also bis Mitte der 2050er - weit über Deutschlands Klimaneutralitätsziel 2045 und den europäischen Green Deal 2050 hinaus.

Was Reiche nicht erwähnt: Ksi Lisims LNG existiert noch nicht. Das Terminal an der Nordwestküste British Columbias ist ein Entwicklungsprojekt der Nisga'a Nation, Rockies LNG und Western LNG - primär für den Asienmarkt geplant. Deutschland kauft sich in ein nicht gebautes Terminal ein, das eigentlich nach Japan und Korea liefern soll.

Die Zahlen, die Reiche nicht nennt

Am 13. Mai veröffentlichte das Institute for Energy Economics and Financial Analysis seinen aktualisierten European LNG Tracker. Ergebnis: Europa bezieht 2026 bereits zwei Drittel seiner LNG-Importe aus den USA. Bei diesem Tempo erreicht die EU laut IEEFA bis 2028 oder 2029 einen Anteil von 80 Prozent - von einem einzigen Land, dessen Regierung Energielieferungen als geopolitisches Druckmittel einsetzt.

Der SEFE-Deal ist nur der jüngste in einer langen deutschen Reihe. BASF, EnBW, RWE, Sempra, Uniper - alle haben langfristige US-LNG-Verträge unterzeichnet. Addiert man die Mengen, kommt man auf grob 17 bis 18 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, gebunden bis tief in die 2040er Jahre.

Von Gazprom zu Trump - dasselbe Muster

Reiche war Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, dann Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen, dann CEO von Westenergie. Sie weiß, was ein Vertrag bedeutet, der bis Mitte der 2050er läuft. Sie unterschreibt trotzdem.

Das Muster ist bekannt: Damals hieß es Wandel durch Handel, strategische Partnerschaft, Stabilität durch gegenseitige Abhängigkeit. Heute heißt es Diversifizierung, strategische Partnerschaft mit Kanada, Resilienz gegenüber globalen Risiken. Die Rhetorik ist dieselbe. Nur die Flagge auf dem Tanker hat gewechselt.

Auf Nachfrage von Malte Kreutzfeldt von Table.Media erklärte das Ministerium:

(Auf Rückfrage teilt mir das BMWE dazu mit: "Das LNG ist ja nicht unbedingt nur für den deutschen Markt.")

Malte Kreutzfeldt (@mkreutzfeldt.bsky.social) 2026-05-27T14:12:29.618Z

Deutschland als Drehscheibe für nordamerikanisches Gas Richtung Afrika also. Dass Afrika die besten Solarressourcen der Welt hat und LNG-Infrastruktur sich dort kaum rechnet, bleibt unerwähnt. Es ist Absatzpolitik für US-Exporteure, verkleidet als Entwicklungspolitik.

Reiches Energiefalle: Teuer, überkapazitär, klimaschädlich

US-LNG ist das teuerste LNG für europäische Abnehmer, stellt IEEFA ausdrücklich fest. Gleichzeitig prognostiziert das Institut, dass Europas LNG-Nachfrage bis 2030 um 23 Prozent sinkt - während die Regasifizierungskapazität auf das Dreifache des Bedarfs steigt. Terminals, die nicht ausgelastet sein werden, aber trotzdem bedient werden müssen.

IEEFA-Analystin Ana Maria Jaller-Makarewicz fasst es direkt zusammen: „LNG has become the Achilles' heel of Europe's energy security strategy, leaving the continent exposed to high gas prices and to new forms of supply disruption." Reiche handelt trotzdem so, als wäre das kein Problem.

Die Pressemitteilung erwähnt als Vorzug des Projekts, dass die Verflüssigungsanlagen elektrisch mit Wasserkraft betrieben werden - „lower carbon LNG" heißt das auf der Projektwebsite. Als würde das Gas sauberer werden, weil der Kompressor grünen Strom nutzt. Wenn es verbrannt wird, bläst es dieselbe Menge CO₂ in die Atmosphäre wie jedes andere Erdgas. Und obendrein geht es bei LNG vor allem um das Methan-Problem. Die passende EU-Methanverordnung wird gerade kastriert.

Ein Vertrag bis Mitte der 2050er ist eine Wette gegen das Klima - egal welche Farbe der Strom hat, der das Gas verflüssigt. Deutschland hat aus der russischen Abhängigkeit keine Lehre gezogen. Es hat nur den Lieferanten gewechselt und sitzt weiterhin in der Energiefalle, die man getrost als fossiles Casino bezeichnen kann.

QUELLEN

ce1478c96338417b9822c64ea1c15781
  1. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 27. Mai 2026 SEFE und Ksi Lisims LNG unterzeichnen Absichtserklärung
  2. IEEFA, Januar 2026 EU risks new energy dependence
  3. IEEFA, 13. Mai 2026 Europe to source two-thirds of its LNG imports from US in 2026
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x