FIRMENPORTRÄT

Solar Foods

Protein aus CO₂, Wasserstoff und Strom – ohne Ackerboden, ohne Sonne, ohne Tierhaltung

Vogelperspektive auf die Solar Foods Factory 01 in Vantaa – Bioreaktoren und Rohrleitungen der weltweit ersten kommerziellen Solein-Produktionsanlage
Factory 01 in Vantaa, Finnland. Foto: Solar Foods

Solar Foods ist ein finnisches Cleantech-Unternehmen, das mit einem Verfahren namens Gasfermentation ein neuartiges Protein namens Solein herstellt. Bakterien verwandeln CO₂, Wasserstoff und Mineralien in proteinreiche Biomasse – ohne Ackerboden, ohne Photosynthese, unabhängig vom Klima. Factory 01 in Vantaa ist die weltweit erste kommerzielle Anlage dieser Art.


Technologie: Protein aus Luft

Solar Foods hat ein Verfahren kommerzialisiert, das jahrzehntelang nur im Labor funktionierte. Der Ausgangsstoff ist CO₂ - aus der Luft abgeschieden oder als Nebenprodukt industrieller Prozesse. Hinzu kommen Wasserstoff, der per Elektrolyse aus Wasser gewonnen wird, sowie Stickstoff und Spurenmineralien. Diese Gasmischung gelangt in einen Bioreaktor, in dem Einzeller-Bakterien der Gattung Xanthobacter und verwandte Stämme die Gase als Energiequelle nutzen.

Der Prozess heißt Gasfermentation. Die Bakterien wachsen, vermehren sich und reichern dabei Protein an - ähnlich wie Hefe in einem Gärtank, aber ohne Zucker und ohne pflanzliche Rohmaterialien. Nach der Ernte werden die Zellen filtriert und getrocknet. Das Ergebnis ist ein gelbliches Pulver: Solein.

Solein besteht zu rund 65 Prozent aus Protein und enthält alle neun essentiellen Aminosäuren. Der Geschmack ist neutral bis leicht umami. Die Ökobilanz ist außergewöhnlich: Für ein Kilogramm Solein werden lediglich zehn Liter Wasser benötigt. Ein Kilogramm Soja-Protein erfordert rund 2.500 Liter, tierisches Protein bis zu 15.000 Liter. Der CO₂-Fußabdruck liegt nach Unternehmensangaben rund 100-mal unter dem von tierischem Protein und rund zehnmal unter dem von pflanzlichem Protein.

Der entscheidende Vorteil: Das Verfahren ist standortunabhängig. Eine Factory von Solar Foods kann theoretisch überall gebaut werden - in der Wüste, in der Arktis, auf einem Industriegelände in der Stadt. Ackerboden wird nicht benötigt, Sonnenlicht auch nicht. Der einzige kritische Input ist Strom. Je sauberer der Energiemix, desto besser die Ökobilanz. Solar Foods setzt auf erneuerbare Energien. Rund 90 Prozent des CO₂-Fußabdrucks von Solein entfallen auf den Strombedarf des Fermenters.

Die Grundidee ist nicht neu: NASA-Forscher*innen beschäftigten sich bereits in den 1960er-Jahren damit, Nahrung aus Elektronen und CO₂ herzustellen - für Langzeitmissionen im Weltraum. Was Solar Foods leistet, ist die Übersetzung dieser Grundlagenforschung in einen reproduzierbaren, skalierbaren Industrieprozess. Factory 01 in Vantaa ist der erste Beweis, dass das funktioniert.

Anwendungen und Grenzen

Der erste Markt ist Sport- und Leistungsernährung. In Singapur kam Solein 2022 erstmals in Konsumentenprodukten auf den Markt - der Stadtstaat erteilte als erste Jurisdiktion weltweit die Novel-Food-Zulassung. In den USA bietet Ambrosia Collective seit Anfang 2026 unter der Marke Planta ein Proteinpulver mit Solein an. Es liefert 20 Gramm Protein pro Portion ohne Zucker und ist online sowie über Amazon erhältlich.

Mittelfristig sieht Solar Foods Anwendungen in der gesamten Lebensmittelindustrie: als Zutat in Backwaren, Fleischalternativen, Milchalternativen und Babynahrung. Das Forschungsprojekt HYDROCOW zielt darauf ab, mithilfe modifizierter Bakterien das Milchprotein β-Lactoglobulin herzustellen - ohne Kühe. Das Konsortium erhielt dafür 2023 eine EU-Förderung von 5,5 Millionen Euro.

Die Grenzen sind real. Die Produktionskosten liegen derzeit noch deutlich über denen von Soja- oder Erbsenprotein. Factory 01 produziert 160 Tonnen pro Jahr - der globale Protein-Markt bewegt sich in Millionen Tonnen. Solein kann in absehbarer Zeit kein Massenprodukt direkt ersetzen, sondern zunächst Premiumsegmente bedienen. In der EU und im Vereinigten Königreich steht die Novel-Food-Zulassung noch aus; sie wird für 2026 erwartet.

Wer hinter Solar Foods steckt

Solar Foods entstand 2017 als Ausgründung aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt des VTT Technical Research Centre of Finland und der LUT University. Sechs Gründer*innen brachten das Unternehmen auf den Weg: Pasi Vainikka (CEO), Juha-Pekka Pitkänen (Chief Scientific Officer), Sami Holmström, Jero Ahola, Jari Tuovinen und Janne Mäkelä.

Vainikka und Pitkänen sind promovierte Ingenieure und die öffentlichen Gesichter des Unternehmens. Vainikka vertritt Solar Foods auf internationalen Konferenzen und gegenüber Investor*innen. Pitkänen verantwortet die wissenschaftliche Entwicklung. Das akademisch geprägte Gründerteam spiegelt den Charakter des Unternehmens wider: Solein ist ein technologiegetriebenes Produkt, das auf jahrelanger Grundlagenforschung beruht.

Zwei Mitarbeitende von Solar Foods in der Factory 01 in Vantaa – Blick auf die Produktionshalle mit Bioreaktoren, Rohrleitungen und blauem Hallenboden
In der Factory 01 in Vantaa. Foto: Solar Foods

Marktposition und Finanzierung

Solar Foods ist das einzige Unternehmen weltweit, das Protein per Gasfermentation in einer kommerziell betriebenen Anlage herstellt. Die Konkurrenz - Air Protein (USA), Deep Branch Biotech (UK), Calysta (USA) und Arkeon Biotechnologies (Österreich) - verfolgt ähnliche Ansätze, ist bei der Kommerzialisierung aber deutlich weiter zurück. Deep Branch und Calysta fokussieren zudem auf Tierfutter, nicht auf Humanernährung.

Das Unternehmen ist seit September 2024 an der Nasdaq First North Growth Market Finland notiert. Die Gesamtfinanzierung beläuft sich auf rund 83 Millionen Euro aus Eigenkapital und Fremdkapital. Frühe Geldgeber waren Lifeline Ventures, VTT Ventures und Green Campus Innovations. Business Finland hat ein staatliches Fördervolumen von bis zu 110 Millionen Euro bereitgestellt; im März 2025 flossen 10 Millionen Euro für Forschung und Marktentwicklung.

Factory 02 in Lappeenranta soll 6.400 Tonnen Solein pro Jahr produzieren - vierzigmal mehr als Factory 01. Der finale Investitionsentscheid ist für 2026 geplant, die erste Produktionsphase für 2028. Solar Foods hat Absichtserklärungen mit vier internationalen Kunden für ein Jahresvolumen von 6.500 bis 7.650 Tonnen unterzeichnet. In den USA läuft seit September 2025 das GRAS-Verfahren bei der FDA; ein „No Questions"-Bescheid wird bis Ende 2026 erwartet.

Der US-Markt für Gesundheits- und Leistungsernährung wird auf rund zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Fertige Proteinpulver sind eine wachsende Unterkategorie - angetrieben durch den Gesundheitstrend und die zunehmende Verwendung jenseits des Fitnessstudios. Für Solar Foods ist das der strategische Einstiegspunkt, bevor breitere Lebensmittelkategorien erschlossen werden.

Einordnung: Warum Solar Foods relevant ist

Solein ist nicht ein weiteres pflanzliches Protein. Es ist eine neue Klasse von Nahrungsmitteln - eine, die sich vollständig von Photosynthese und Ackerbau entkoppelt. Das ist kein gradueller Fortschritt. Es ist ein Systembruch.

Rund ein Drittel aller globalen Treibhausgasemissionen entfällt auf das Ernährungssystem. Der größte Hebel ist die Tierhaltung - und ihr liegt im Kern eine hochgradig ineffiziente Proteinkette zugrunde. Solein greift genau diese Kette an. Nicht durch eine bessere Pflanze, sondern durch ein komplett anderes Herstellungsprinzip.

Solar Foods steht exemplarisch für einen Typ von Cleantech, der in der öffentlichen Wahrnehmung noch unterrepräsentiert ist: Bioökonomie-Lösungen, die auf Energie basieren statt auf Biomasse. Elektrizität als Rohstoff für Nahrung - das ist die Logik der Energiewende, angewendet auf das Ernährungssystem. Wer verstehen will, wo die Energiewende über Strom und Wärme hinausgehen kann, sollte sich dieses Unternehmen anschauen.

Der Zeitplan ist ambitioniert. Factory 02 muss gebaut, finanziert und betrieben werden, bevor das Unternehmen profitabel wird. Zulassungsrisiken in der EU sind real. Die Kostenkurve muss noch deutlich flacher werden. Solar Foods ist kein risikofreies Investment - aber es ist eines der wenigen Unternehmen, das an einer Technologie mit echter systemischer Hebelwirkung arbeitet.

Meilensteine

HORIZONTAL SCROLLEN ›

  1. 2017

    Gründung als Spinoff aus VTT Technical Research Centre und LUT University

  2. 2019

    Erste Solein-Proben öffentlich präsentiert

  3. 2022

    Novel-Food-Zulassung in Singapur – weltweit erste Jurisdiktion

  4. APRIL 2024

    Factory 01 in Vantaa eröffnet – weltweit erste kommerzielle Solein-Anlage (160 t/Jahr)

  5. SEPT. 2024

    Börsennotierung an der Nasdaq First North Growth Market Finland

  6. 2025

    Factory 01 erreicht Zielproduktion; FDA GRAS-Notification eingereicht; 10 Mio. Euro von Business Finland

  7. 2026 GEPLANT

    EU- und UK-Novel-Food-Zulassung erwartet; Investitionsentscheid für Factory 02 in Lappeenranta

  8. 2028 GEPLANT

    Factory 02 in Lappeenranta in Betrieb – 6.400 Tonnen Solein pro Jahr

Häufige Fragen

Was ist Solein?

Solein ist ein Einzeller-Protein, das Solar Foods durch Gasfermentation herstellt. Bakterien verwandeln CO₂, Wasserstoff und Mineralien in proteinreiche Biomasse. Das Ergebnis ist ein Pulver mit rund 65 Prozent Proteingehalt und allen neun essentiellen Aminosäuren.

Wird Solein aus Ackerpflanzen hergestellt?

Nein. Solein benötigt keine landwirtschaftlichen Rohstoffe. Als Kohlenstoffquelle dient CO₂, als Energiequelle Wasserstoff aus der Elektrolyse. Ackerboden und Sonnenlicht spielen keine Rolle.

Ist Solein vegan?

Ja. Der Herstellungsprozess kommt ohne tierische Zutaten aus. Solein ist zertifiziert vegan.

Wo kann man Solein-Produkte kaufen?

Derzeit sind Produkte mit Solein in den USA (Ambrosia Collective / Planta Proteinpulver, online und bei Amazon) sowie in Singapur erhältlich. In der EU steht die Novel-Food-Zulassung noch aus.

Was unterscheidet Solein von Soja- oder Erbsenprotein?

Der Herstellungsprozess ist grundlegend anders: kein Ackerbau, kein Pestizideinsatz, kein Saisonbetrieb. Der Wasserbedarf liegt bei rund zehn Litern pro Kilogramm – bei Soja bei etwa 2.500 Litern. Der CO₂-Fußabdruck ist nach Unternehmensangaben rund zehnmal geringer als bei pflanzlichem Protein.

Wie groß ist Solar Foods heute?

Factory 01 in Vantaa produziert 160 Tonnen Solein pro Jahr und hat Ende 2025 ihre Zielparameter erreicht. Factory 02 in Lappeenranta mit 6.400 Tonnen Jahreskapazität ist für 2028 geplant.

Wie kann ein Unternehmen Solein als Zutat einkaufen?

Solar Foods beliefert Lebensmittelhersteller mit Solein als B2B-Zutat. Interessierte Unternehmen wenden sich über solarfoods.com direkt an das Unternehmen.

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