Größtes virtuelles Kraftwerk der USA: Tesla und Sunrun bündeln 16 Gigawatt

Sunrun, Tesla und Renew Home wollen mehr als 16 Gigawatt flexible Leistung aus Heimspeichern und smarten Thermostaten bereitstellen. Damit soll der Stromhunger der KI-Rechenzentren abgefedert werden, ohne die Netze zu überlasten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN

Die führenden US-Anbieter von Dachsolaranlagen, Heimspeichern und netzdienlichen Thermostaten spannen zusammen. Sunrun, Tesla und Renew Home haben am Mittwoch eine Vereinbarung angekündigt, gemeinsam mehr als 16 Gigawatt flexible Leistung für Technologiekonzerne und Versorger in den gesamten USA bereitzustellen. Nach Angaben der Partner reicht das, um in Spitzenzeiten den Bedarf von 17 großen Rechenzentren zu decken. Es wäre das bislang größte virtuelle Kraftwerk des Landes, genauer: eine Vielzahl solcher Kraftwerke in den Hotspots der Rechenzentren.


Die Leistung stammt aus Hunderttausenden Heimspeichern, die Sunrun und Tesla steuern, sowie aus mehr als acht Millionen smarten Thermostaten und Geräten in rund sechs Millionen Haushalten, die Renew Home verwaltet. Diese Anlagen sind bereits installiert. Ein Teil ist schon in Versorgerprogramme eingebunden, die Speicher zur Einspeisung oder Thermostate zur Drosselung auffordern, wenn die Netzlast für wenige Stunden im Jahr ihren Spitzenwert erreicht.

Der Vorteil gegenüber neuen Kraftwerken liegt im Tempo. Mary Powell, Chefin von Sunrun und früher selbst Versorgerin in Vermont, verweist darauf, dass der Bau von Anlagen im Versorgermaßstab Jahre dauere. Die nötigen Lösungen seien dagegen längst vorhanden: „Wir sitzen bereits auf den Lösungen.”

Antwort auf den Stromhunger der KI-Rechenzentren

Hintergrund der Initiative sind die steigenden Energiekosten und die Netzengpässe in den USA. Technologiekonzerne wie Amazon, Google, Meta, Microsoft und Oracle bauen massiv Rechenzentren für ihre KI-Ambitionen. Die herkömmliche Netzsteuerung kommt mit dieser Nachfrage nicht mehr hinterher. In einigen Bundesstaaten treiben die Rechenzentren die Strompreise bereits spürbar nach oben, weshalb Gesetzgeber und Regulierer von den Betreibern verlangen, ihre eigene Stromversorgung zu finanzieren, statt die Kosten auf normale Verbraucher abzuwälzen.

Das Prinzip ist einfach: Per Software lassen sich Tausende Heimspeicher anweisen, sich zu laden, wenn Solarstrom im Überfluss vorhanden ist, und die Energie nach Sonnenuntergang wieder abzugeben. So steht abends, wenn die Nachfrage steigt, mehr Leistung bereit. Thermostate lassen sich um ein bis zwei Grad nachjustieren, um den Verbrauch je nach Netzlage zu senken oder anzuheben. Heimspeicher und Thermostate könnten Rechenzentren zwar nicht rund um die Uhr versorgen, betont Sunrun-Manager Paul Dickson, lösten aber elegant den Spitzenlastbedarf, der den Engpass beim Netzanschluss bilde.

Das Potenzial ist erheblich. Die gebündelte Kapazität aus Batterien, smarten Thermostaten, Ladepunkten und steuerbaren Geräten wie Warmwasserboilern könnte bis 2030 zwischen 80 und 160 Gigawatt erreichen, schätzt das US-Energieministerium. Das wäre das Drei- bis Fünffache der heute verfügbaren rund 37,5 Gigawatt. Ein Ausbau in dieser Größenordnung könnte US-Stromkunden jährlich etwa zehn Milliarden Dollar an Netzkosten ersparen.

Paradigmenwechsel im Netzbetrieb

Modelle wie das geplante laufen in Kalifornien bereits. Das kalifornische Programm liefert nach Einschätzung von Leah Stokes, Energie- und Umweltpolitik-Forscherin an der University of California in Santa Barbara, die Kapazität eines Atomkraftwerks, genug für ein großes Rechenzentrum. Die private Partnerschaft von Sunrun, Tesla und Renew Home könnte das Sechzehnfache davon landesweit bereitstellen, in Spitzenzeiten und binnen weniger Monate. Stokes spricht von einem grundlegenden Umbau: „Das ist wirklich ein Paradigmenwechsel im Betrieb des Stromsystems.”

Dass Haushalte für ihre Hilfe bezahlt werden, dürfte auch den Widerstand gegen Rechenzentren dämpfen. Teilnehmer erhalten Geldzahlungen oder Gutschriften auf der Stromrechnung. Im vergangenen Jahr zahlten Sunrun und Renew Home zusammen rund 67 Millionen Dollar an Privatkunden aus. In einigen Landesteilen haben Behörden den Bau neuer Rechenzentren, Solarparks und Großspeicher bereits verboten oder stark eingeschränkt.

Auch die Regulierung bewegt sich. Vergangene Woche legte die US-Energieaufsicht Leitlinien vor, nach denen Rechenzentren schneller ans Netz dürfen, wenn sie ihren Verbrauch bei Netzstress senken. Zugleich sollen strengere Offenlegungspflichten zu den Kosten neuer Netzinvestitionen die Verbraucher vor steigenden Rechnungen schützen.

Wo das virtuelle Kraftwerk in den USA ansetzt

Sunrun und Tesla betreiben bereits Speicher-Kraftwerke mit mehreren Hundert Megawatt, unter anderem in Kalifornien, Neuengland, Texas und Puerto Rico. Im vergangenen Juni steuerte Sunrun bei hoher Nachfrage etwa die Hälfte der Kapazität aus 130.000 angeschlossenen Solar- und Speichersystemen in die Netze von Kalifornien, New York, Massachusetts, Rhode Island und Puerto Rico. Renew Home, ein Spin-off von Google Nests Thermostat-Dienst Nest Renew und dem Start-up OhmConnect, hat mit dem Energieanbieter NRG Energy in Texas ein Gigawatt flexible Leistung gebündelt und arbeitet mit Versorgern in Arizona zusammen.

Die Partner setzen gezielt auf Schlüsselmärkte. In Nordvirginias „Data Center Alley”, wo der Ausbau die Netze an die Grenze bringt, halten sie nach eigenen Angaben mehr als 300 Megawatt sofort abrufbarer Leistung bereit, die bis 2030 auf mindestens 500 Megawatt wachsen soll. Auch im größten US-Strommarkt PJM Interconnection wollen sie Kapazität in die geplante Reliability-Backstop-Beschaffung einbringen, mit der Rechenzentrumsbetreiber zur Finanzierung neuer Ressourcen bewegt werden sollen.

Nach den Berechnungen der Partner können sie das Netz für jeweils rund zwei Stunden um etwa 4,7 Gigawatt in Kalifornien, rund 1,7 Gigawatt in Texas und rund ein Gigawatt in Illinois und Ohio entlasten. Die Zahl der nutzbaren Anlagen wächst laut Dickson täglich: „Anders als ein klassisches Kraftwerk wird diese Zahl jeden Tag größer.”

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