ENERGIEWENDE · 03. JULI 2026

Pakistans Solarboom baut den Strommarkt am Netz vorbei
Kein Land der Welt importiert mehr chinesische Solarmodule als Pakistan. Eine neue Analyse von Ember und Renewables First zeigt, wie Dachanlagen, Fabrikdächer und Solar-Tubewells die Stromnachfrage in zwei Jahren um ein Fünftel steigen ließen, ganz ohne ein neues Großkraftwerk.
Pakistans Solarboom übertrifft alles: Bis zu 47 Gigawatt Solarmodule hat China nach Angaben der Denkfabrik Ember kumuliert bis zum Ende des pakistanischen Finanzjahres im Juni 2025 nach Pakistan exportiert, mehr als in jedes andere Land der Erde. Die vorsichtigere, über mehrere Methoden abgeglichene Schätzung landet bei 38 Gigawatt installierter Leistung, verteilt auf Hausdächer, Fabrikhallen, Läden und Bewässerungspumpen im ganzen Land.
Pakistanische Haushalte, Betriebe und Landwirte haben 27 dieser 38 Gigawatt in nur zwei Jahren zugebaut, überwiegend ohne staatliche Solarförderung und aus eigenem Antrieb. Das ist die Ausgangslage des neuen Berichts The solarisation of Pakistan's energy economy von Ember, Renewables First, Transition Zero und dem Policy Research Institute for Equitable Development (PRIED).
Die Hardware kommt aus China, montiert wird der Boom aber von Pakistanern selbst. Zehntausende kleine Installationsbetriebe und Elektriker verlegen die Module auf den Dächern, viele davon ursprünglich ohne Solar-Ausbildung, inzwischen ergänzt durch staatliche Qualifizierungsprogramme und Zertifizierungskurse der Wechselrichterhersteller. Ein chinesisches oder indisches Installationsunternehmen, das im großen Stil durchs Land zieht, gibt es nicht, der Ausbau ist Handwerk vor Ort.
Eine Zahl, die die offizielle Statistik nicht kennt
Anlagen hinter dem eigenen Stromzähler tauchen in keiner Netzstatistik auf, ein zentrales Register dafür gibt es in Pakistan nicht. Renewables First hat deshalb drei unabhängige Methoden übereinandergelegt: die chinesischen Zolldaten von Ember, eine Hochrechnung aus Satellitenbildern von Transition Zero (27,5 Gigawatt) und eine Befragung von 5.300 Haushalten und Betrieben durch PRIED (hochgerechnet 33 Gigawatt).

Diese Kapazität lieferte im vergangenen Finanzjahr rund 51 Terawattstunden Strom, mehr als das Dreifache der 15 Terawattstunden aus dem Finanzjahr 2023. In derselben Zeit ist die Stromerzeugung aus dem öffentlichen Netz leicht gesunken. Der Anteil von dezentralem Solar am Strommix stieg von 10 auf 28 Prozent, rechnet man Netzverluste und Diebstahl mit ein, deckt Solar heute rund 32 Prozent der tatsächlichen Versorgung.
Damit ist Pakistans gesamte Stromnachfrage zwischen den Finanzjahren 2023 und 2025 um 21 Prozent gewachsen, komplett getragen von dezentralem Solar. Ember-Chefanalyst Dave Jones ordnet die Dynamik so ein: Pakistan habe einen enormen Energiehunger, und Solaranlagen ließen sich so schnell und günstig bauen, dass sie diese Nachfrage selbst erst freisetzen. Viele andere Schwellenländer trügen einen ähnlichen Nachfrageüberhang vor sich her, gebremst von den Kosten und Problemen fossiler Energie. Pakistans Solarboom zeige, wie schnell sauberes Wachstum gehen kann und welchen Nutzen es bringt.
Warum kein Kraftwerk hätte mithalten können
Die 27 Gigawatt, die allein in den letzten zwei Jahren an Solarleistung installiert wurden, entsprechen der gesamten Kohle-, Gas- und Ölkraftwerkskapazität, die Pakistan jemals gebaut hat, heißt es im Ember-Bericht. Für ein einzelnes Großkraftwerk braucht das Land Jahre. Das Gaskraftwerk Nandipur (525 Megawatt) benötigte acht Jahre von der Genehmigung bis zum Betrieb, das Kohlekraftwerk Jamshoro (660 Megawatt) zwölf Jahre, das Wasserkraftprojekt Neelum-Jhelum (969 Megawatt) verzögerte sich um 21 Jahre.
Kein zentral geplantes Kraftwerksprojekt hätte die aufgestaute Nachfrage in der Geschwindigkeit bedienen können, mit der Millionen einzelner Kaufentscheidungen das taten. Dezentrales Solar hat damit nicht einfach Netzstrom ersetzt, sondern eine Nachfrage geweckt, die vorher durch hohe Preise und unzuverlässige Versorgung erstickt wurde.
Der Effekt zeigt sich auch bei der Elektrifizierungsrate, dem Anteil von Strom am gesamten Endenergieverbrauch eines Landes. Sie stieg in Pakistan von 17 auf 21,7 Prozent, nahe am globalen Durchschnitt von 22 Prozent. Der weltweite Durchschnittswert legte im selben Zeitraum nur um 0,8 Prozentpunkte zu. Pakistan hat mit einem improvisierten, konsumentengetriebenen Umbau in zwei Jahren aufgeholt, wofür andere Länder ein Jahrzehnt Infrastrukturpolitik einplanen.
Vier Sektoren, vier verschiedene Geschichten
Wer die 38 Gigawatt aufschlüsselt, findet keinen einheitlichen Boom, sondern vier unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Ausgangslage. Private Haushalte stellen mit 44 Prozent den größten Block: Etwa 7 von 40 Millionen Haushalten, gut 18 Prozent, haben inzwischen eigene Module. Auffällig ist die Verteilung, denn 73 Prozent der Solarhaushalte liegen auf dem Land, obwohl nur 60 Prozent der Bevölkerung dort leben. Es sind die Haushalte mit den unzuverlässigsten Netzanschlüssen, die zuerst investiert haben.
Bei den Privathaushalten deckt Solarstrom überwiegend neue Nachfrage, allen voran Klimaanlagen. Pakistans Markt für Klimageräte wuchs von 5,8 auf 7,4 Prozent jährlich, seit billiger Solarstrom Kühlung erschwinglich macht, die bei Netzpreisen für viele Familien schlicht unbezahlbar wäre. Kochen und Heizen laufen dagegen weiter fast ausschließlich über Gas und Biomasse, Solar hat diesen Bereich bislang kaum erreicht.
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Die Industrie, 26 Prozent der Kapazität, folgt einer anderen Logik: Sie füllt die Lücke, die wegfallendes Gas und wegfallende Kohle hinterlassen. Am aggressivsten rüstet die Textilbranche um, die über die Hälfte von Pakistans Exporten stellt und den CO2-Fußabdruck ihrer Ware senken muss, um international konkurrenzfähig zu bleiben.
In der Landwirtschaft hat sich die komplette Bewässerungslogik verschoben: Solarbetriebene Tubewells, also Tiefbrunnenpumpen, stiegen zwischen 2022 und 2025 von nahe null auf 61 Prozent aller Anlagen, während Dieselpumpen von 79 auf 28 Prozent fielen. Das spart nach Berechnung der Studienautoren rund 1,9 Milliarden Liter Diesel im Jahr, hat aber auch eine Kehrseite: Weil Pumpen jetzt billiger laufen, fördern Bauern mehr Grundwasser, ein Risiko für ohnehin sinkende Grundwasserspiegel, das nur mit besserem Wassermanagement beherrschbar bleibt.
Am schnellsten wächst die Stromnachfrage im Gewerbe, plus 39 Prozent in zwei Jahren, weil Tageslastprofile von Büros und Läden fast perfekt zur Solarerzeugung passen. Ein blinder Fleck bleibt der Verkehr: Ladestrom für Elektrofahrzeuge wird in der Statistik fälschlich unter Gewerbe oder Wohnen verbucht, echte Verkehrselektrifizierung hat gerade erst begonnen und gilt im Bericht als nächste Front der Solarisierung.
Der Preis entscheidet, nicht die Ideologie
Hinter dem Tempo steckt eine einfache Rechnung. Wohn-Solar mit Batteriespeicher erzeugt Strom für umgerechnet rund 20 pakistanische Rupien pro Kilowattstunde, das ist halb so teuer wie Netzstrom mit rund 40 Rupien. Industriestrom aus eigener Solaranlage liegt 10 bis 20 Prozent unter dem Netzpreis. Wer stattdessen einen Dieselgenerator betreibt, zahlt umgerechnet rund 120 Rupien pro Kilowattstunde, das Sechsfache von Solarstrom.
Diese Differenz erklärt, warum sich Solar in Pakistan ohne breite Förderkulisse durchgesetzt hat: Es war schlicht die günstigste verfügbare Option gegen tägliche Stromausfälle. Das Land hatte in den vergangenen Jahren zeitweise rund ein Zehntel seines Bruttoinlandsprodukts für fossile Energieimporte aufgewendet, ein Betrag, der über Wechselkurs und Inflation direkt auf die Bevölkerung durchschlägt. Nach Berechnungen des Berichts hat Pakistan dadurch bis Februar 2026 mehr als 12 Milliarden US-Dollar an Öl- und Gasimporten eingespart, mit weiterem Einsparpotenzial von geschätzt 6,3 Milliarden Dollar bis Jahresende.
Diese Rolle als Puffer zeigte sich zuletzt konkret: Während der Krise um die Straße von Hormus musste Pakistan abends wieder Lastabwürfe verhängen, weil importiertes Gas knapp und teuer wurde. Tagsüber deckte dezentrales Solar die Nachfrage weitgehend ab, unabhängig von der Importlage am Golf. Der eigene Erfolg schafft dabei ein neues Problem: Weil Solar die Tagesnachfrage deckt, verschiebt sich die Lastspitze zunehmend in den Abend, gerade dann, wenn die Sonne fehlt. Ohne Batteriespeicher oder Anreize für mehr Tagesverbrauch bleibt dieser Engpass bestehen.
Die Regierung will die Nachfrage zurück ins Netz holen
Der Erfolg von Solar erzeugt für die Versorger ein Finanzproblem. Sinkende Stromverkäufe bedeuten laut Regierungsangaben rund 101 Milliarden Rupien zusätzliche Last, die auf die verbleibenden Netzkunden verteilt werden muss. Als Reaktion hat die Regierung das bisherige Net-Metering, bei dem eingespeister Solarstrom mit Netzbezug verrechnet wird, auf ein monatliches Net-Billing umgestellt und die Rückkaufpreise nach IEEFA-Zahlen von 27 auf 10 Rupien pro Kilowattstunde gekürzt. Im Februar 2026 erließ die Regulierungsbehörde NEPRA dazu ergänzend die sogenannten Prosumer Regulations 2026.
Die Studienautoren zweifeln daran, dass diese Rechnung aufgeht. Die meisten Anlagen sind ohnehin hinter dem Zähler installiert und speisen gar nicht ins Netz ein, für sie ändert sich an den Anreizen wenig. Wo Rückkaufpreise sinken, ist die wahrscheinlichere Reaktion der Ausbau eigener Batteriespeicher, nicht die Rückkehr zum Netzstrom. Die Regierung könnte damit einen Prosumer-Markt regulieren, dessen physische Logik längst außerhalb ihrer Anreizsysteme funktioniert.
Pakistans Solarboom: Was von der Statistik übrig bleibt
Pakistans Pro-Kopf-Energieverbrauch liegt bei weniger als einem Viertel des globalen Durchschnitts. Das eigentliche Wachstum steht also noch bevor, nicht hinter dem Land. Ob daraus dauerhaft günstige, verlässliche Elektrifizierung wird, hängt nach Einschätzung der Studienautoren an drei Punkten: bezahlbaren Batterien für die Stunden ohne Sonne, ausreichend Dachfläche (aktuell erst 17 Prozent des geschätzten Potenzials von 310 Terawattstunden genutzt) und Netzinvestitionen, damit auch neue Industriebetriebe schnell angeschlossen werden können.
Was in der offiziellen Statistik als kleine Randnotiz zu Pakistans Solarboom auftaucht, hat in der Realität eine Volkswirtschaft umgebaut: Millionen einzelner Kaufentscheidungen für ein Solarpaket, addiert zu einer Kapazität, die kein staatlicher Fünfjahresplan in derselben Zeit hätte hinstellen können. Andere Länder mit ähnlich brüchigen Stromnetzen, darunter auch Indien mit seinem eigenen, deutlich anders gelagerten Solarweg, werden genau beobachten, was aus diesem Fall wird.
QUELLEN
- Ember/Renewables First/Transition Zero/PRIED: The solarisation of Pakistan's energy economy, 25. Juni 2026.
- Renewables First: Customer-Owned Renewable Electrification (CORE) Finance Mapping, 2026.
- Ember: Electric Asia, 2026.