ENERGIEWENDE · 03. JULI 2026
KI-generiertDie Grünen wollen die Stromgebotszone teilen, Neubaur nicht
Als erste deutsche Partei haben die Grünen die Aufteilung der einheitlichen Stromgebotszone in ihr Programm geschrieben. Minuten nach dem Beschluss widerspricht die eigene NRW-Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubaur. Der Konflikt testet, ob die Energiewende Preise verträgt, die zeigen, wo Strom tatsächlich entsteht.
Bündnis 90/Die Grünen haben beim Länderrat auf Rügen beschlossen, sich für eine Aufteilung der einheitlichen deutschen Stromgebotszone einzusetzen. Ein Akt, den das Handelsblatt als „historisch“ wertete. Eingebracht hat den Antrag Sven Giegold, Staatssekretär a. D. und einer der wirtschaftspolitischen Köpfe der Partei. Der Bundesvorstand nahm ihn an, damit haben die Grünen als erste deutsche Partei ein Thema in ihre Programmatik aufgenommen, das Ökonomen seit Jahren fordern und das auf Bundesebene bislang keine Regierungspartei anfassen wollte.
Die Reaktion kam prompt, und sie kam aus den eigenen Reihen. NRW-Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubaur lehnte die Aufteilung ab, weil sie höhere Strompreise für die Industrie an Rhein und Ruhr befürchtet - eine Position, die auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir teilt. Zwei grüne Landesregierungen stellen sich damit gegen einen frisch gefassten Bundesbeschluss ihrer eigenen Partei.
Deutschland ist bis heute eine einzige Stromgebotszone. Ob eine Kilowattstunde in Flensburg oder in Freiburg gehandelt wird, der Börsenpreis ist derselbe, unabhängig davon, wo der Strom erzeugt wird und wo die Leitungen an ihre Grenzen stoßen. Genau das steht jetzt zur Debatte.
Warum verzerrt der einheitliche Strompreis den Markt?
Der Norden und Osten Deutschlands produzieren mehr Windstrom, als ihre Leitungen abtransportieren können. Der Süden und Westen verbrauchen mehr, vor allem durch Industrie, spüren aber keinen Preisvorteil aus dem Überangebot im eigenen Land, weil die einheitliche Gebotszone die Preise bundesweit glättet. Weht viel Wind, sinkt der Börsenpreis überall gleich, egal ob die Anlage nebenan steht oder 600 Kilometer entfernt.
„Der Markt ist das beste Mittel, Ressourcen effizient zu verteilen", schreibt Handelsblatt-Kolumnist Julian Olk in seinem Kommentar zum Grünen-Beschluss. Beim Strom funktioniere genau das wegen der einheitlichen Gebotszone nicht. Ein Markt, der überall denselben Preis zeigt, obwohl Erzeugung und Nachfrage geografisch auseinanderfallen, sendet kein brauchbares Signal mehr.
Die Folge ist ein teurer Umweg: Weil der Preis keine Ansiedlungsanreize für Industrie in Windregionen setzt, muss der überschüssige Strom stattdessen über zusätzliche Leitungen in den Süden transportiert werden. Wo das nicht reicht, greifen die Netzbetreiber zum sogenannten Redispatch, sie schalten Windräder ab und fahren stattdessen Reservekraftwerke im Süden hoch, gegen Entschädigung. Bezahlt wird das über die Netzentgelte, von allen Verbraucher*innen.
Wie teuer dieser Umweg tatsächlich ist, hat Cleanthinking bereits im eigenen Faktencheck zu den Redispatch-Kosten eingeordnet. Für 2025 meldet die Bundesnetzagentur rund 3,1 Milliarden Euro Gesamtkosten für das Netzengpassmanagement, ein Plus von vier Prozent zum Vorjahr. Den größten Einzelposten macht mit gut 1,2 Milliarden Euro der konventionelle Redispatch aus, dazu kommen 1,4 Milliarden Euro für Reservekraftwerke und 102 Millionen Euro für sogenanntes Countertrading.
Stromgebotszonen: Was eine Aufteilung laut Netzbetreibern und Regulierer bringt
Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber haben im April 2025 ihre gemeinsame Bidding-Zone-Studie vorgelegt. Für die Region Mitteleuropa liefert demnach eine Aufteilung von Deutschland und Luxemburg in fünf Gebotszonen den höchsten wirtschaftlichen Nutzen gegenüber dem heutigen Zustand, geschätzt zwischen 251 und 339 Millionen Euro pro Jahr. Der EU-Regulierer ACER hält diese Schätzung für zu vorsichtig gerechnet und beziffert den jährlichen Nutzen auf 450 bis 540 Millionen Euro, rund 70 Prozent mehr als die Netzbetreiber selbst ansetzen.
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet, 50Hertz, Amprion und TransnetBW hielten die Ergebnisse dieses EU-Verfahrens allerdings für keine geeignete Entscheidungsgrundlage. Giegold verweist zugleich auf eine Stellungnahme der Netzbetreiber im Lobbyregister des Bundestags vom Dezember 2025, wonach das Stromsystem ohne grundlegende Reform des Marktdesigns immer schwerer stabil zu halten sei.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Redispatch-/Netzengpasskosten Deutschland 2025 | rund 3,1 Mrd. Euro (+4 % ggü. Vorjahr) | Bundesnetzagentur |
| davon konventioneller Redispatch | über 1,2 Mrd. Euro | Bundesnetzagentur |
| davon Reservekraftwerke | 1,4 Mrd. Euro | Bundesnetzagentur |
| Abregelung Erneuerbarer an der Gesamterzeugung | 3,5 % | Bundesnetzagentur |
| Geschätzter Jahresnutzen 5-Zonen-Split (TSO-Studie) | 251 bis 339 Mio. Euro | ENTSO-E-Bidding-Zone-Studie, April 2025 |
| Geschätzter Jahresnutzen 5-Zonen-Split (ACER-Bewertung) | 450 bis 540 Mio. Euro | ACER-Opinion zur Bidding Zone Review |
Die Bundesregierung hat ihre Antwort auf dieses Verfahren bereits gegeben. Am 15. Dezember 2025 übermittelte das Bundeswirtschaftsministerium den „Aktionsplan Gebotszone" an die EU-Kommission, verbunden mit der Entscheidung, die einheitliche Zone zu erhalten und stattdessen Netzengpässe abzubauen. Der Grünen-Beschluss stellt sich damit offen gegen die geltende Linie der Bundesregierung und des Koalitionsvertrags.
Der Norden prescht mit Dänemark bereits vor
Wie weit die Debatte inzwischen ist, zeigt ein Vorstoß aus dem Norden: Schleswig-Holstein und Hamburg wollen gemeinsam mit Westdänemark eine eigene grenzüberschreitende Strompreiszone bilden, die „Nordic Twin Sea Zone". Cleanthinking hat das Konzept, das die IHK Schleswig-Holstein im Juni in Brüssel vorgestellt hat, im Beitrag zur grenzüberschreitenden Strompreiszone analysiert. Das Fraunhofer IEE hält die Pläne für grundsätzlich umsetzbar, technisch soll die Zone ab 2030 einsatzbereit sein.
Die Initiatoren versprechen sich davon vor allem einen Schub für den Hochlauf der Wasserstoffproduktion, weil in einer Zone mit mindestens 90 Prozent Ökostrom die aufwändigen EU-Nachweispflichten für grünen Wasserstoff entfallen. Bemerkenswert ist, wer dahintersteht: In Kiel regiert Schwarz-Grün, in Hamburg Rot-Grün. CDU und SPD arbeiten im Norden also längst an dem, was ihre Bundesparteien ablehnen.
Gerechtigkeitsfrage statt Kartenzeichnen
Giegold betont in seinem Newsletter zum Beschluss, dass es den Grünen nicht um eine grobe Nord-Süd-Teilung geht. Ziel seien möglichst dezentrale, aber ausreichend liquide lokale Strommärkte, ergänzt um dynamische Netzentgelte. Das ist ein wichtiger Unterschied zu dem Bild, das in der öffentlichen Debatte oft gezeichnet wird: Den Grünen schweben mehrere, fein geschnittene Zonen vor.
Dahinter steht ein Akzeptanz-Argument, das über reine Marktökonomie hinausgeht. Menschen in Windregionen, vor allem im Osten und Norden, tragen die sichtbaren Nachteile der Energiewende: Windräder vor der Haustür, veränderte Landschaftsbilder, Bauprozesse.
Bezahlen sie am Ende denselben Strompreis wie jemand, der keine einzige Anlage vor der Tür hat, und gehört die Anlage dazu noch einem auswärtigen Fonds, entsteht ein Gefühl von Fremdbestimmung. „Die Energiewende mit Einheitspreis wird teurer für alle", schreibt Giegold.
Für Verbraucher*innen in Erneuerbaren-Regionen wäre eine Aufteilung spürbar: niedrigere Preise, wenn vor Ort viel Windstrom fließt, verbunden mit dynamischen Netzentgelten, die genau diese Zeiten zusätzlich attraktiv machen. Wer in Schleswig-Holstein oder Brandenburg lebt, könnte künftig direkter von der eigenen Energiewende profitieren.
Die Ironie der Fronten
Die eigentliche Konkurrenz der deutschen Industrie sitzt im Ausland, argumentiert Olk. Dann sei es besser, wenn wenigstens die Hälfte Deutschlands bei den Stromkosten international konkurrenzfähig ist, als das ganze Land gar nicht. Eine Aufteilung würde Regionen mit viel Erneuerbaren-Strom einen echten Standortvorteil verschaffen, den heute niemand nutzen kann, weil der Preis überall gleich bleibt.
Die Konfliktlinie verläuft dabei weniger zwischen Parteien als zwischen Landesprofilen. Bayern und Baden-Württemberg haben wenig Windkraft und eine starke Industrie, bei einer Teilung drohen ihnen höhere Preise. Nordrhein-Westfalen vereint beides, viel Windkraft und viel Industrie: Neubaurs Nein folgt dem Landesinteresse, während Kiel und Hamburg quer durch die Parteifarben für regionale Preise werben.
Ausgerechnet CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche verteidigt den Einheitspreis, ihr Ministerium hat dessen Erhalt im Dezember gegenüber Brüssel festgezurrt. Eine Partei, der man selten Marktradikalismus vorwirft, tritt dagegen für mehr Preiswettbewerb zwischen Regionen ein.
CDU/CSU und SPD haben eine Reform bisher blockiert, aus Rücksicht auf die Süd-Länder und auf NRW. Dass jetzt die Grünen selbst an dieser Blockade zerren, verändert die Statik der Debatte.
Giegold reklamiert für seine Position außerdem die europäische Perspektive. Nachbarländer wie Polen und die Niederlande kritisieren seit Jahren, dass der deutsche Einheitspreis falsche Preissignale in ihre eigenen Strommärkte trägt. Eine Aufteilung, so das Argument, wäre ein Baustein auf dem Weg zu einer europäischen Energieunion mit stimmigeren Marktzonen, statt eines deutschen Sonderwegs, den die Nachbarn mitkalkulieren müssen.
Was für Kommunen und Industrie auf dem Spiel steht
Für Kommunen und Unternehmen in Erneuerbaren-Regionen wäre eine Aufteilung ein industriepolitischer Hebel. Giegold setzt auf dieselbe 90-Prozent-Schwelle wie das Nord-Konzept: Netzstrom aus solchen Zonen ließe sich unbürokratisch zu grünem Wasserstoff verarbeiten, der Zusatzaufwand für Herkunftsnachweise entfiele.
In Teilen Ost- und Norddeutschlands wäre diese Schwelle schon heute oder in absehbarer Zeit erreichbar, sobald die Zonen entsprechend geschnitten sind. Das wäre ein konkreter Ansiedlungsanreiz für Elektrolyseure.
Für bestehende energieintensive Industrie im Süden und Westen, die Neubaur und Özdemir im Blick haben, verspricht Giegold einen Schutzmechanismus: einen Industriestrompreis, finanziert aus genau den Effizienzgewinnen, die eine Aufteilung laut TSO- und ACER-Schätzung erst freisetzt. Ob dieser Mechanismus tatsächlich in der Praxis trägt oder am Ende zur nächsten Subventionsdebatte wird, ist offen, das ist der Punkt, an dem sich die innerparteiliche Kontroverse festmacht.
Für die Electrotech-Revolution hängt an der Antwort viel: Skaliert die Energiewende schneller, wenn Preise die Realität der Erzeugung abbilden, oder bremst eine Aufteilung genau die Standorte aus, die ihren Strom heute exportieren müssen. Davon hängt ab, wie schnell sich Erneuerbaren-Überschüsse in Wertschöpfung vor Ort verwandeln, statt in Abregelung und Redispatch-Rechnungen zu verpuffen.
Der Grünen-Beschluss verschiebt eine Debatte, die bislang vor allem Ökonomen und Netzbetreiber führten, in die Parteiprogrammatik. Das allein macht sie noch nicht zur Bundespolitik, dafür braucht es Mehrheiten, die CDU/CSU und SPD bislang verweigert haben. Der Riss zwischen Bundespartei und Landesregierungen zeigt trotzdem, wie konkret der Konflikt geworden ist.
Offen bleibt, ob die von Giegold in Aussicht gestellten Effizienzgewinne den Industriestrompreis für den Süden tatsächlich tragen. Und ob die EU-Kommission den deutschen Aktionsplan auf Dauer akzeptiert oder die Zonen-Frage von sich aus wieder aufmacht.
Wichtig ist der Grünen-Vorstoß gerade deshalb: Er lenkt die Debatte in eine neue Richtung. Mit dem Parteibeschluss, dem Nord-Vorstoß und den Warnungen der Netzbetreiber wächst die Zahl derer, die unterschiedliche Strompreiszonen für den besseren Weg halten. Der einheitliche Strompreis hat seine Selbstverständlichkeit verloren, in dem Moment, in dem ausgerechnet die Grünen ihn zur Disposition stellen.
QUELLEN
- Handelsblatt: Schluss mit dem einheitlichen Strompreis in Deutschland, 29. Juni 2026.
- Sven Giegold: Newsletter zum Länderratsbeschluss über die Stromgebotszone, Juni 2026.
- Bundeswirtschaftsministerium: Erhalt der einheitlichen Stromgebotszone - BMWE veröffentlicht „Aktionsplan Gebotszone", 15. Dezember 2025.
- ENTSO-E: Bidding Zone Study, 28. April 2025.
- ACER: Opinion zur Bidding Zone Review, 2025.
- Cleanthinking: Faktencheck: Wird wirklich elektrische Energie für 3 Milliarden Euro jährlich weggeschmissen?, März 2026.
- Cleanthinking: Norden will eigene grenzüberschreitende Strompreiszone, 12. Juni 2026.