Industriewärme elektrifizieren: Was der Flumroc-Ofen beweist

PRODUKTION · 21. JULI 2026

Industriewärme elektrifizieren: Was der Flumroc-Ofen beweist

Wer wissen will, ob sich Industriewärme elektrifizieren lässt, sollte ins Sarganserland schauen: Flumroc hat über 100 Millionen Franken in den weltweit größten Elektroschmelzofen für Steinwolle investiert, mitten in einem der teuersten Strommärkte Europas. Den Ausschlag gab nicht der Preis, sondern die Grundlast der Wasserkraft. Daraus lässt sich für Deutschland einiges lernen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Ab 2022 hat der Dämmstoffhersteller Flumroc am Standort Flums den nach eigenen Angaben weltweit größten Elektroschmelzofen für Steinwolle gebaut. Das Aggregat verarbeitet Gestein bei rund 1.500 Grad zu jener Schmelze, aus der später Dämmplatten entstehen. Es ersetzt einen kohlebefeuerten Kupolofen, einen Schachtofen, der Koks als Brennstoff nutzt.

Über 100 Millionen Franken hat Flumroc investiert, bei zwei Jahren Bauzeit und zwei Produktionslinien mit einer Kapazität von 150 Tonnen Gestein pro Tag. Die CO₂-Emissionen im Schmelzprozess sinken um rund 80 Prozent. Das entspricht 25.000 bis 28.000 Tonnen CO₂ pro Jahr, ungefähr dem jährlichen Ausstoß von 20.000 Autos.

Bemerkenswert ist der Ort dieser Investition. Die Schweiz hat laut einer Studie der Denkfabrik Avenir Suisse vom April 2026 mit umgerechnet 19 Rappen pro Kilowattstunde den zweithöchsten Industriestrompreis Europas, nur britische Unternehmen zahlen mehr. Billiger Strom kann das Motiv für den Umbau also nicht gewesen sein.

Grundlast schlägt Preis

Der Begriff, um den sich die Flumroc-Investition tatsächlich dreht, heißt Grundlast: die Fähigkeit, konstant und rund um die Uhr Strom zu liefern, unabhängig von Wetter und Tageszeit. Wind- und Solarstrom leisten das allein nicht. Wasserkraft dagegen schon, ein Fluss- oder Speicherkraftwerk läuft, solange Wasser fließt, ohne zusätzliche Speicher oder Ausgleichsverträge.

Flumroc bezieht den Strom für den neuen Ofen vollständig aus Schweizer Wasserkraft. Zu welchen Konditionen das Unternehmen einkauft, ob über eine Beteiligung an einem Kraftwerk oder über einen Langfristvertrag, macht es nicht öffentlich.

Was sich aus der Avenir-Suisse-Studie und Auswertungen des Branchenverbands Swissmem ablesen lässt: Einen Preisvorteil hatte Flumroc nicht. Der reine Energiepreis an der Börse lag 2025 in der Schweiz auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland, wo der Industriestrompreis rund 23,3 Cent pro Kilowattstunde erreicht. Den Unterschied machen fast vollständig die Netzkosten aus, die sich für bestimmte Schweizer Großkunden seit 2011 um mehr als 50 Prozent verteuert haben.

Wer Flumroc als Blaupause verstehen will, sollte diesen Punkt nicht überlesen. Die Investition trägt, weil der Strom zuverlässig und CO₂-arm rund um die Uhr fließt, nicht weil er billig wäre.

Rückschlag im Herbst, Neustart im Winter

Im Mai 2024 feierte Flumroc die Fertigstellung des Ofens, unter anderem mit Bundesrat Albert Rösti als Gast. Zu diesem Zeitpunkt war die Anlage technisch errichtet, der volle Produktionsbetrieb lief in den folgenden eineinhalb Jahren an.

Am 9. Oktober 2025 kam es zu einem Störfall. Ein Auslass am Elektroschmelzofen schloss nicht wie vorgesehen, rund 1.500 Grad heiße Schmelze trat aus und floss über mehrere Stockwerke. Feuerwehren mehrerer Gemeinden rückten aus, die Bevölkerung wurde vorsorglich per Sirene gewarnt, Entwarnung gab es wenige Stunden später.

Das Wichtigste ist, dass niemand verletzt wurde”, sagte Flumroc-Geschäftsführer Damian Gort damals.

Der Schaden ging in die Millionen, die Produktion stand rund dreieinhalb Monate still. Ende Januar 2026 lief der Ofen nach internen und externen Untersuchungen wieder an, seit Anfang Februar beliefert Flumroc wieder Kund*innen. Für eine Erstanlage dieser Größenordnung ist ein solcher Rückschlag kein Ausschlusskriterium, entscheidend ist der zuverlässige Weg zurück in den Regelbetrieb, und der ist Flumroc nach eigenen Angaben gelungen.

Kein Schweizer Sonderfall

Flumroc steht mit dem Umbau nicht allein da. Der finnische Wettbewerber Paroc elektrifiziert seine Schmelzöfen in Finnland und Polen bereits, eine neue Linie in Schweden ist im Aufbau. In Polen sichert sich Paroc Windstrom über einen langfristigen Liefervertrag, in Finnland und Schweden ist der Strommix ohnehin bereits kohlenstoffarm.

Der Mutterkonzern Rockwool nennt Flumroc ausdrücklich als Vorbild für die eigene Dekarbonisierungsstrategie, verbunden mit einer wichtigen Einschränkung: Die Technologie eigne sich vor allem für Länder, deren Stromnetz bereits kohlenstoffarm ist. Für Standorte in Ländern mit hohem Kohle- oder Gasanteil im Netz bringt ein Elektroschmelzofen klimapolitisch deutlich weniger.

Die Lehre für Deutschland

Deutschland hat keine mit der Schweiz vergleichbare Wasserkraft-Grundlast. Was es gibt, sind langfristige Stromlieferverträge, sogenannte Power Purchase Agreements oder PPA, mit denen sich Industrieunternehmen erneuerbaren Strom über Jahre sichern können. Wie nah ein deutsches PPA an die Zuverlässigkeit von Schweizer Wasserkraft herankommt, hat die Beratungsgesellschaft Enervis 2025 durchgerechnet.

PPA-Modell Stündliche Deckung Preisaufschlag
Baseload73 %8 %
Pooled (Wind und Solar)90 bis 95 %26 %
Mit Batteriespeicher100 %161 %
Laufwasserkraft100 %16 %

Quelle: Enervis-Studie, zitiert nach pv magazine, 31. Januar 2025

Nur ein PPA auf Basis von Laufwasserkraft kommt demnach nahe an Flumrocs Ausgangslage heran, mit voller stündlicher Deckung bei moderatem Preisaufschlag. Wind- und Solar-PPA sind ohne zusätzliche Batteriespeicher deutlich unzuverlässiger, mit Speicher wiederum erheblich teurer. Zudem zählt nur ein physisches PPA mit realer Stromlieferung, ein rein virtuelles PPA ist ein Finanzkontrakt und liefert keinen tatsächlichen Grünstrom im jeweiligen Zeitfenster.

Die eigentliche Hürde für deutsche Unternehmen liegt ohnehin woanders. Laut einer Kurzstudie der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) von Februar 2026 ist Strom für Industriebetriebe derzeit 40 bis 120 Prozent teurer als Erdgas. Das mindert die Wirtschaftlichkeit jeder Elektrifizierung von Prozesswärme, solange die Preisbildung nach dem Merit-Order-Prinzip Strom verteuert und der versprochene Industriestrompreis auf sich warten lässt.

Eine öffentliche Ankündigung, einen deutschen Rockwool-Standort auf einen Elektroschmelzofen umzustellen, gibt es bisher nicht. Die jüngste deutsche Rockwool-Investition, rund 16 Millionen Euro am Standort Flechtingen in Sachsen-Anhalt, betraf 2026 ausschließlich die Weiterverarbeitung der Dämmplatten, nicht den Schmelzofen.

Die Flumroc-Geschichte zeigt trotzdem, wohin die Reise geht. Die Technik für elektrische Hochtemperatur-Schmelzprozesse ist ausgereift und im industriellen Maßstab erprobt, das belegen Flumroc und Paroc gemeinsam, und die EU treibt die Elektrifizierung der Industrie mit ihrem Electrification Action Plan zusätzlich an. Für deutsche Unternehmen heißt das: in grundlastfähige Lieferverträge investieren und ergänzend den 2026 gestarteten Bundesförderaufruf für Industrie-Wärmepumpen und thermische Speicher nutzen. Der schnellste Weg zur klimaneutralen Industriewärme führt über die verlässlichste Stromquelle.

Häufige Fragen zur Elektrifizierung von Industriewärme

Was ist ein Elektroschmelzofen für Steinwolle?

Ein Elektroschmelzofen erhitzt Gestein mit Strom statt mit Koks auf rund 1.500 Grad, bis es zu Schmelze wird. Aus der Schmelze entstehen anschließend Dämmplatten aus Steinwolle. Flumroc betreibt in Flums den nach eigenen Angaben weltweit größten Ofen dieser Art.

Wie hoch ist der Industriestrompreis in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland?

Die Schweiz hatte laut Avenir-Suisse-Studie 2025 einen Industriestrompreis von rund 19 Rappen pro Kilowattstunde, den zweithöchsten in Europa nach dem Vereinigten Königreich. Deutschland lag mit rund 23,3 Cent pro Kilowattstunde ebenfalls hoch, aber unter dem Schweizer Wert.

Seit wann ist der Flumroc-Elektroschmelzofen wieder in Betrieb?

Nach einem Störfall am 9. Oktober 2025 mit ausgetretener Schmelze stand die Produktion rund dreieinhalb Monate still. Seit Ende Januar 2026 läuft der Ofen wieder, seit Anfang Februar 2026 beliefert Flumroc wieder Kundinnen und Kunden.

Können deutsche Unternehmen einen ähnlichen Grundlastvorteil wie Flumroc bekommen?

Am nächsten kommt dem ein Power Purchase Agreement auf Basis von Laufwasserkraft, das laut einer Enervis-Studie 100 Prozent stündliche Deckung bei etwa 16 Prozent Preisaufschlag erreicht. Wind- und Solar-PPA sind ohne Batteriespeicher weniger zuverlässig oder mit Speicher deutlich teurer.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x