Ein Riesentauchsieder reicht nicht

ENERGIEWENDE · 31. AUGUST 2026

Power-to-Heat Leuna: Ein Riesentauchsieder reicht nicht

In Leuna heizt ein 17 Meter hoher Elektrodenkessel jetzt mit Ökostrom, den sonst niemand braucht. 60 Kilometer weiter, in Piesteritz, hilft dieselbe Idee nicht. Zwei Chemiestandorte, ein Gasproblem, zwei ganz verschiedene Antworten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit


Im Chemiepark Leuna steht seit Mittwoch ein 33 Tonnen schwerer Elektrodenkessel, 17 Meter hoch. Betreiber Infraleuna nennt ihn Power-to-Heat-Anlage. Das Prinzip ist ein Tauchsieder im XXL-Format: Strom fließt durch Elektroden, das Wasser drumherum wird zu Dampf. Bis zu 45 Tonnen pro Stunde, bis zu 320 Grad heiß. „Eine solche Anlage gibt es bisher in Europa nicht", sagt Infraleuna-Geschäftsführer Christof Günther. Die Investition lag bei 13 Millionen Euro.

Der Grund für den Bau liegt im Stromnetz. Im Gebiet des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz kommen inzwischen 80 Prozent des Stroms aus Wind und Sonne. An sonnigen, windreichen Tagen fällt der Preis an der Leipziger Strombörse EEX regelmäßig unter null. Dann schaltet 50 Hertz sogar Windräder und Solaranlagen ab und zahlt den Betreibern eine Entschädigung, damit das Netz stabil bleibt. Warum Deutschland immer häufiger Ökostrom abschaltet, statt ihn zu nutzen, ist ein wachsendes Problem. Bundesweit kostete das die Bundesnetzagentur zufolge im vergangenen Jahr 433 Millionen Euro. Wie diese Zahl zustande kommt und warum sie regelmaessig falsch zitiert wird, haben wir im Faktencheck zu den Redispatch-Kosten aufgedröselt.

50-Hertz-Chef Stefan Kapferer nennt das eine „volkswirtschaftliche Geisterfahrt": Strom wird weggeworfen, während die Chemie nebenan teures Gas verbrennt, um Dampf zu erzeugen. Genau da setzt Leuna an. „Ein Teil des Überschussstroms wird jetzt in Leuna sinnvoll verwendet", sagt Kapferer.

Warum Power-to-Heat Leuna hilft

Power-to-Heat heißt: Strom wird direkt in Wärme umgewandelt, ohne Umweg über einen Kessel, der Gas verbrennt. Der Wirkungsgrad liegt nahe 100 Prozent, kaum Energie geht verloren. Für Infraleuna zahlt sich das doppelt aus: Der Strom ist an der Börse günstig, teils sogar negativ bepreist, und er ersetzt Gas aus dem eigenen Kraftwerk.

Günther rechnet damit, künftig 20 Prozent des Dampfbedarfs am Standort über die neue Anlage zu decken, den Rest weiter aus dem Gaskraftwerk. Kapferer geht von einer Amortisation innerhalb von fünf Jahren aus, weil sich in dieser Höhe Redispatch-Kosten einsparen lassen. In Ostdeutschland gibt es laut Kapferer bereits 16 ähnliche Anlagen, bisher aber nur zur Fernwärmeversorgung von Städten. Eine der größten mit 45 Megawatt betreibt der hallesche Versorger EVH. Leuna ist die erste, die ein Industriegebiet beliefert.

Der Grund, warum die Anlage sich überhaupt lohnt, liegt im Gaspreis. Der habe sich seit Beginn des Ukraine-Kriegs vervierfacht, sagt Günther. Ein großer Teil der Probleme der deutschen Chemieindustrie hänge damit zusammen.

60 Kilometer weiter: gleiche Gaspreise, anderes Problem

In Wittenberg steht SKW Piesteritz, Deutschlands größter Düngemittelhersteller und größter industrieller Erdgasverbraucher, rund 860 Beschäftigte. Geschäftsführer Carsten Franzke begann hier 1982 seine Lehre. Auch er klagt über die Gaspreise. Aber sein Erdgas heizt keinen Kessel. Es ist Rohstoff: In einem chemischen Prozess wird es zu Ammoniak umgewandelt, dem Grundstoff für Dünger. Das Gas steckt am Ende im Produkt.

Deshalb hilft Power-to-Heat hier nicht. Strom kann Wärme ersetzen, aber keinen Rohstoff. SKW investiert trotzdem, 120 Millionen Euro, freigegeben von der tschechischen Muttergesellschaft Agrofert, Teil eines größeren 400-Millionen-Programms zur Effizienzsteigerung. „Wir planen, die Effizienz einer der beiden Ammoniakanlagen zu erhöhen", sagt Franzke. Das soll den Gaseinsatz senken und 100.000 Tonnen CO₂ im Jahr einsparen, so viel wie 10.000 Bürger im Jahr verursachen.

Grüner Wasserstoff wäre die naheliegende Alternative zum fossilen Erdgas als Rohstoff. Franzke winkt ab: Es fehle sowohl an Infrastruktur als auch an Menge, und die vorhandenen Mengen seien nach seinen Angaben etwa viermal so teuer wie Erdgas. „Im kommenden Jahrzehnt wird grüner Wasserstoff das Erdgas nicht ersetzen können", sagt er.

Die Förderlücke

Der Bund fördert Klimaschutz in der Industrie unter anderem über Klimaschutzverträge. Bedingung dafür ist eine CO₂-Minderung von 85 Prozent. SKW Piesteritz erreicht nach eigenen Angaben rund 7 Prozent, weil die Chemie hinter der Ammoniakproduktion physikalisch keine größeren Sprünge zulässt, solange kein bezahlbarer grüner Wasserstoff verfügbar ist. Das Unternehmen hat öffentlich erklärt, dass die Klimaschutzverträge für einen Betrieb dieser Größenordnung nicht funktionieren, das Budget sei nicht dafür ausgelegt.

Leuna und Piesteritz haben also dasselbe Problem, hohe Gaspreise, und dieselbe Förderlogik über sich. Aber die Physik dahinter ist verschieden. Wo Gas nur verbrennt, um Wärme zu machen, ersetzt Strom es fast verlustfrei, wie in Leuna. Wo Gas Rohstoff ist und im Produkt landet, braucht es eine andere Lösung, die es heute in bezahlbarer Form noch nicht gibt.

Franzke bleibt trotzdem am Standort. „Die jetzt geplanten Investitionen sind daher ein starkes Bekenntnis zum Standort und dessen Zukunft", sagt er. Sachsen-Anhalts Staatssekretär Jürgen Ude lobt die Leuna-Anlage als Verbindung von Industrie und Klimaschutz. Für Piesteritz braucht es einen anderen Satz. Eine Förderung, die Wärmeprozesse und Rohstoffprozesse gleich behandelt, wird den zweiten Fall auf Dauer nicht lösen.

QUELLEN

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  1. Mitteldeutsche Zeitung: Riesentauchsieder in Leuna, 27.08.2026 (Steffen Höhne).
  2. Mitteldeutsche Zeitung: SKW spart viel CO2 ein, 28.08.2026 (Steffen Höhne).
  3. Bundesnetzagentur: Redispatch-Kosten, 433 Millionen Euro im Vorjahr (zitiert nach MZ).
  4. Bauernzeitung: SKW Piesteritz zu Klimaschutzverträgen, 2025.
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