Netzengpass Europa-Park: Wer hier wen bremst

ENERGIEWENDE · 30. AUGUST 2026

Netzengpass Europa-Park: Wer hier wen bremst

Der Ortenaukreis hat zu wenig Netzkapazität, und der Netzbetreiber Netze BW nennt Deutschlands größten Freizeitpark als einen der Gründe. Dabei erzeugt der Europa-Park seit 1975 eigenen Strom und baut diese Rolle gerade aus, während Politik und Netzbetreiber noch an der Leitung bauen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Im Ortenaukreis reicht der Strom nicht mehr für alle, die ihn wollen. Der Netzbetreiber Netze BW kann Projekte mit einem Bedarf von mehr als einem Megawatt in Teilen der Region derzeit nur eingeschränkt anschließen. Industrie und Gewerbe warten länger auf neue Anschlüsse, und der SWR berichtete am 27. August 2026, was das für den Europa-Park in Rust bedeutet.

„Als großer Wirtschaftsstandort und bedeutender Stromverbraucher ist der Europa-Park Teil einer insgesamt deutlich steigenden Leistungsnachfrage in der Region", so Netze BW, das zugleich betont, dass sich der Engpass nicht auf einen einzelnen Anschlussnehmer zurückführen lässt.

Die aktuelle Erweiterung des Parks, ein neuer Weltraum-Themenbereich, ist von dem Engpass nicht betroffen. Es geht um vorausschauende Infrastrukturplanung für einen Standort, der seit Jahrzehnten wächst und dabei eine Rolle einnimmt, die im Ortenaukreis kaum jemand sonst spielt: Neben dem Verbrauch steht seit fünf Jahrzehnten die eigene Erzeugung.

Ein Park, der seit 1975 eigenen Strom macht

Schon im Eröffnungsjahr 1975 baute die Familie Mack für den internen Fahrzeugverkehr eine eigene 1.000-Kilowatt-Trafostation und setzte Elektrofahrzeuge ein, zu einer Zeit, in der Elektromobilität außerhalb von Werkshallen kaum jemand ernst nahm. 2001 folgte eine über 300 Meter lange Photovoltaikanlage auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang, eine der frühen Freiflächenanlagen dieser Größenordnung in Deutschland überhaupt.

2009 richtete der Park ein umfassendes Energiemanagement ein, seit 2019 mit einer eigenen Abteilung, die sich auf regenerative Eigenstromerzeugung konzentriert. Parallel entstand die technische Basis: seit 2014 zwei Blockheizkraftwerke für Werkstätten und Verwaltung, 2019 zwei weitere auf der 45 Hektar großen Resort-Erweiterung um Hotel Krønasår und die Wasserwelt Rulantica. Alle vier BHKW zusammen liefern heute rund 15,5 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr.

Dazu kommt ein Wasserkraftwerk an der Elz, das je nach Wasserstand 500.000 bis 750.000 Kilowattstunden jährlich erzeugt, umgerechnet der Bedarf von 200 bis 300 Haushalten. Ein Solarcarport am Rulantica-Parkplatz mit fast 3.000 Modulen deckt rund die Hälfte der dortigen Stellplätze ab und erzeugt über eine Million Kilowattstunden pro Jahr. Nach Angaben der MACK Group produzieren mittlerweile knapp 4.600 Solarmodule am Standort bis zu 1,4 Millionen Kilowattstunden Ökostrom, das entspricht dem Bedarf von mehr als 350 Vier-Personen-Haushalten.

An mehr als 25 Standorten im Park, darunter die Hotels Bell Rock, Colosseo und Santa Isabel, laufen Grundwasser-Wärmepumpen. Die erste hat Europa-Park-Inhaber Roland Mack nach eigener Aussage vor rund 20 Jahren einbauen lassen, für ihn Teil einer familiären Haltung, die er auf ökologisches Handeln insgesamt bezieht. „Wir haben schon vor 20 Jahren die erste Wärmepumpe eingebaut, als noch keiner davon gesprochen hat", sagt Mack.

Warum ausgerechnet hier die Leitung eng wird

Der Netzengpass im Ortenaukreis hat wenig mit einem einzelnen Großverbraucher zu tun und viel mit einem Strukturwandel im Verteilnetz, den Netze BW selbst so beschreibt: Statt weniger großer Kraftwerke speisen heute viele kleine Erneuerbare-Anlagen ein, verteilt über eine Region, deren Leitungen für dieses Muster nicht gebaut wurden. Gleichzeitig steigt der Strombedarf spürbar, durch Elektromobilität, Rechenzentren und Industrie.

Wie stark, zeigt eine einzelne Zahl von Netze BW: „Allein 2025 gingen dort Neuanfragen für Strombezug ein, die rund 50 Prozent der aktuellen regionalen Spitzenleistung entsprechen." Ein Zuwachs dieser Größenordnung lässt sich nicht binnen Monaten in Trassen und Umspannwerke übersetzen. Genau das ist der Kern des Problems, das andernorts unter dem Namen Netzentgelt- und Redispatch-Debatte diskutiert wird: Nicht der Zubau von Ökostrom bremst, sondern das Tempo beim Netzausbau.

Eine Taskforce aus Netze BW, Kommunen und regionalen Akteuren soll das Problem jetzt angehen, während der Ausbau des Hochspannungsnetzes parallel läuft. Erste Verbesserungen im Raum Lahr erwartet Netze BW ab 2032, den vollständigen Ausbau erst zwischen 2035 und 2037. Bis dahin bleibt die Region auf das angewiesen, was sie selbst erzeugt.

Was der Europa-Park jetzt zusätzlich tut

„Eine langfristig leistungsfähige und zukunftssichere Energieinfrastruktur ist für die weitere Entwicklung des Standorts von großer Bedeutung. Das Thema hat für uns entsprechend hohe Priorität", heißt es aus der Unternehmenskommunikation des Europa-Park. Der Park stehe in engem Austausch mit Politik, Behörden, Netzbetreibern und Energieversorgern, um kurz- wie langfristig eine zukunftsfähige Energieversorgung für den Standort sicherzustellen.

Kurzfristig heißt das: weiterer Ausbau der eigenen Erzeugung auf Dächern und Parkplätzen, zusätzliche Blockheizkraftwerke, das bestehende Wasserkraftwerk an der Elz. Neu geprüft wird derzeit der Einsatz von Batteriespeichern, mit denen sich selbst erzeugter Strom zeitlich verschieben ließe, etwa von sonnenreichen Nachmittagen in die Abendspitze des Parkbetriebs.

Langfristig richtet sich der Blick auf genau die Akteure, die den Engpass verwalten. Der Park erwartet von Politik, Behörden und Netzbetreibern koordiniertes Handeln, um die Situation schnellstmöglich zu lösen. Roland Mack fasst die Haltung dahinter für seine Familie so zusammen: „Wir denken in Generationen, nicht in Quartalszahlen."

Kein Einzelfall in der Branche

Der Europa-Park ist mit dieser Strategie nicht allein. Der Holiday Park in Haßloch, gemessen an Besucherzahlen der zweitgrößte Freizeitpark Deutschlands, plant einen eigenen Solarpark auf der Fläche gegenüber dem Eingang mit dem Ziel, mehr als die Hälfte des eigenen Bedarfs selbst zu decken. Schon jetzt liefern Dachanlagen im Park rund 16 Prozent des Stroms.

Beide Parks liegen in Regionen mit ambitionierten Netzausbauplänen und beide setzen parallel auf eigene Erzeugung. Damit werden sie zu Prosumern, Akteuren, die Strom sowohl beziehen als auch einspeisen und einen Teil der Lösung liefern, für die das Netz sonst allein zuständig wäre.

Woran ein 20-Hektar-Solarpark scheiterte

Wie eng die Grenze zwischen Wollen und Können verläuft, zeigt ein Projekt, das es nicht bis zum Europa-Park geschafft hat. 2022 plante die Familie Mack gemeinsam mit dem Automobillogistiker Mosolf eine mehr als 20 Hektar große Photovoltaikanlage in Kippenheim bei Lahr, rund 50.000 Module, die den Park in der Sommersaison komplett mit Solarstrom versorgen sollten. Im Juli 2024 stieg Europa-Park aus dem Projekt aus.

Ausschlaggebend waren unter anderem Probleme beim Netzanschluss: Die nötige Leitung hätte eine Bundesstraße und eine Bahnstrecke queren müssen, was siebenstellige Zusatzkosten bedeutet hätte, dazu die baden-württembergische Solarpflicht. Mosolf baute die Anlage anschließend allein weiter. Laut pv-magazine.de ging der erste Bauabschnitt der mittlerweile 24-Megawatt-Anlage im April 2026 in Betrieb.

Der Fall zeigt, woran es im Ortenaukreis tatsächlich hakt. Ein Akteur mit 45 Jahren Erfahrung in Eigenerzeugung scheiterte nicht am Willen, sondern an der Leitung unter der Bundesstraße, an genehmigungsrechtlichen und finanziellen Hürden beim Netzanschluss selbst. Das trifft im Kern dieselben Akteure, die eigentlich liefern könnten.

Bis 2037 bleibt Eigenerzeugung die Antwort

Für den Ortenaukreis heißt das: Bis die Trassen stehen, entscheidet sich viel an der Frage, wie schnell Standorte wie der Europa-Park ihre eigene Erzeugung, Effizienz und Speicherkapazität ausbauen können. Zwischen 2032 und 2037 liegt der Zeitraum, in dem Netze BW echte Entlastung verspricht. Bis dahin trägt vor allem, wer schon vorher angefangen hat.

Der Europa-Park hat 1975 mit einer eigenen Trafostation begonnen und 2001 mit einer der ersten großen Parkplatz-Solaranlagen Deutschlands weitergemacht. Die Ausbaupläne, die Netze BW und der Park jetzt gemeinsam diskutieren, setzen eine Entwicklung fort, die Jahrzehnte vor dem aktuellen Engpass begann.

QUELLEN

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  1. SWR, Paulina Flad: Zu wenig Strom im Ortenaukreis: Was das für den Europa-Park bedeutet, 27.08.2026.
  2. Europa-Park-Blog: Energie sparen im Europa-Park Erlebnis-Resort.
  3. MACK Group: Pressemitteilung „Nachhaltigkeit im Europa-Park", 02.01.2025.
  4. pv magazine Deutschland: Europa-Park steigt aus Großprojekt für Parkplatz-Photovoltaik aus, 18.07.2024.
  5. pv magazine Deutschland: Mosolf nimmt ersten Abschnitt der 24-Megawatt-Photovoltaik-Parkplatz-Überdachung in Betrieb, 28.04.2026.
  6. parkerlebnis.de: Holiday Park will Solarpark für eigene Stromerzeugung bauen.
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