Erde, Luft, Feuer, Wasser: Snells Neuvermessung der Macht

REZENSION · 31. AUGUST 2026

Erde, Luft, Feuer, Wasser: Wie die Klimakrise die Weltkarte der Macht neu zeichnet

Der britische Ex-Diplomat Arthur Snell zeigt in „Erde, Luft, Feuer, Wasser“, wie die Klimakrise entscheidet, welche Staaten aufsteigen und welche verschwinden. Ein dichtes, faktenreiches Buch, das Klimakrise und Geopolitik konsequent zusammendenkt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN. LESEN


Seit dem 1. März bombardieren die USA den Iran, die Straße von Hormus ist zum geopolitischen Nadelöhr geworden, und Deutschland hat auf Bitten der Internationalen Energieagentur strategische Ölreserven freigegeben. Claudia Kemfert hat diese Gegenwart in „Kurzschluss“ als Beweis für die Macht der Fossilokratie gelesen (unsere Rezension hier).

Arthur Snell liest dieselbe Gegenwart als Endphase einer Epoche. Der Krieg beschleunige den Umstieg auf Erneuerbare, sagt er, und treibe die Ölstaaten schneller in eine Klemme, aus der es keinen Ausweg gibt: „Wir blicken wahrscheinlich auf die letzten Jahrzehnte einer vollständigen Dominanz von Kohlenwasserstoff-Energie.“

Sein Buch „Erde, Luft, Feuer, Wasser“ ist im Mai bei Goldmann erschienen, das britische Original „Elemental“ bereits im März. Es schließt eine Lücke, die in der deutschen Klimadebatte klafft: Es denkt Klimakrise und Geopolitik konsequent zusammen und stellt die Frage, die in der Erregung um Heizungen und Verbrenner untergeht. Wer gewinnt in einer wärmeren Welt, und wer verliert alles?

Der ehemalige Diplomat und heutige Buchautor Arthur Snell.
Arthur Snell. (Foto: privat)

Ein Felssturz am Grand Combin

„Erde, Luft, Feuer, Wasser“ beginnt an einer Bergflanke. 2003, Grand Combin, 4.309 Meter, Schweizer Alpen. Rekordtemperaturen hatten die Westflanke destabilisiert, tausende Tonnen Gestein lösten sich. Arthur Snell, passionierter Bergsteiger, überlebte die Tour knapp.

Bemerkenswert daran ist der Ort. Snell hatte Jahre in Afghanistan, im Irak und im Jemen gearbeitet, wo man mit Gefahr rechnet. Beinahe gestorben ist er im Urlaub.

Daraus wurde ein Gedanke, aus dem vierhundert Seiten geworden sind: Wenn physische Geografie bestimmt, wie Staaten Macht ausüben, wie die klassische Geopolitik behauptet, dann verschiebt eine sich erhitzende Erde mehr als Felsen. Snell vergleicht den Klimawandel mit aufsteigender Feuchtigkeit im Mauerwerk: "Man weiß nicht, dass sie da ist, aber sie verändert alles."

Aus seiner Zeit in Kriegsgebieten stammt die zweite Beobachtung, die das Buch trägt: „Man sieht Kriege und denkt, es geht um Spielarten des Islam oder darum, ob die USA an Öl kommen. Aber unter all dem läuft diese langsamere Sache, die immer wichtiger wird.“

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Was Sie erwartet: Dichte statt Dramatik

„Erde, Luft, Feuer, Wasser“ ist ein sehr dichtes Buch. Schon in den ersten Kapiteln zur Sahelzone breitet Arthur Snell seinen Erfahrungshorizont so weit aus, dass eine Faktenintensität entsteht, die manche Leser überfordern wird. Rund 250 Quellenangaben, Fallbeispiele von Niger bis Wladiwostok, historische Exkurse bis ins 6. Jahrhundert. Wer ein flüssiges Thesenbuch erwartet, greift besser zu einem anderen.

Diese Dichte hat einen Grund. Ein Buch, das behauptet, der Klimawandel ordne globale Machtverhältnisse neu, muss diese Behauptung an Dutzenden Fällen belegen. Snell tut genau das, und seine Sprache macht es tragbar: Er dramatisiert nie, berührt sehr viele Themen und findet für jedes die exakt richtigen Worte. Diese Nüchternheit erklärt, warum man ihm auch die unbequemen Stellen abnimmt.

Zu denen gehört seine Selbstkritik als Diplomat: "Wir Diplomaten pflegten von 'schwachen Regierungen' und von 'ethnischen Auseinandersetzungen' zu sprechen und die zugrunde liegenden Trends zu ignorieren, die durch das sich schnell erwärmende Klima vorangetrieben werden."

Paris ist verloren, und genau da fängt Snell an

Arthur Snell ist weder Klimaforscher noch Aktivist, und er sagt das selbst. Er begründet zügig, warum das Pariser Abkommen nicht mehr einzuhalten ist, statt die Fiktion zu pflegen: „Die Aufheizung unseres Planeten ist nicht zu stoppen und lässt sich noch viel weniger umkehren. Das bedeutet, dass sich unsere Welt tiefgreifend verändern wird, und zwar noch während der Lebenszeit vieler Leserinnen und Leser dieses Buches.“

Wer das für Kapitulation hält, hat den zweiten Teil überlesen. Aus dem verfehlten Ziel folgt für Snell eine doppelte Anstrengung: Der exponentielle Ausbau der Erneuerbaren bleibt Pflicht, die Anpassung kommt dazu. Dass 1,5 Grad verfehlt werden, heiße keineswegs, vier Grad seien hinnehmbar. Das wäre katastrophal.

Ebenso deutlich weist er den Fatalismus zurück: „Die Leute sagen: Ach, wir sind sowieso alle tot. Nun, sind wir nicht. Ich habe Kinder, die bis zum Ende dieses Jahrhunderts leben werden.“

Die Frage lautet für Snell deshalb, wie man eine Welt mit zwei, zweieinhalb oder drei Grad regiert. Das ist die Hauptbotschaft von „Erde, Luft, Feuer, Wasser“, und sie zielt auf die geopolitischen Verschiebungen, weit über Deiche und Hitzeaktionspläne hinaus.

Erde: Wer den Boden verliert, verliert die Regierung

Snell beginnt im Sahel, wo er selbst gearbeitet hat. Allein in Niger gingen jedes Jahr 100.000 Hektar Ackerland verloren, die Wüste verwandelte nutzbares Land in "ein gewelltes Dünenmeer. Wunderschön, aber leblos„. Die Tuareg verloren ihre Weidegründe, ihr Aufstand destabilisierte Niger und Mali, die Landkonkurrenz erzeugte neue Konflikte, und in diese Lücke stieß Al-Qaida. Snells Befund: “Die Klimakrise hatte die Sahelzone, ein riesiges Landareal auf der Schwelle zu Europa, unregierbar gemacht."

Darüber liegt eine zweite Schicht, die erklärt, warum sich Großmächte für die Region interessieren. Die größte Lithiummine Afrikas steht in Mali und wird von China kontrolliert. Die Uranmine in Niger, jahrzehntelang französisch, ist heute in russischer Hand. Von einem Weltmarktführer für zivile Nukleartechnik zum anderen, wie Snell trocken anmerkt. Über die russischen Söldner, die dort für Ordnung sorgen sollten, urteilt er: „Inkompetent und brutal zugleich, aber mit dieser lästigen Ausdauer: Sie geben nicht leicht auf.“

Luft: Warum Populisten Klimaleugner werden müssen

Die Weltbank rechnet bis 2050 mit 200 Millionen Klimamigranten. Snell dämpft die europäische Panikvariante: Die meisten Migranten überqueren keine Kontinente, sie ziehen in die nächste Stadt oder ins Nachbarland. Aber selbst kleine Zahlen destabilisieren Regierungen, die ohnehin unter Druck stehen.

Der stärkste Abschnitt dieses Teils erklärt, warum Populismus und Klimaleugnung fast überall zusammenfallen. Snell argumentiert über Wahrnehmung: Wir können CO2-Konzentrationen nicht sehen. Wir sind auf Fachleute angewiesen, die uns sagen, dass etwas geschieht, und die uns danach erklären, dass unser Leben teurer und unbequemer wird. Damit liegt die Vorlage bereit: Diese Leute sind gekommen, um dir dein Leben zu verderben.

Dazu kommt eine Falle. Ausgerechnet die Extremwetterereignisse, an denen die Krise sichtbar wird, liefern dem Populismus neues Material, über Verschwörungserzählungen zur Wettersteuerung und über die Instrumentalisierung von Katastrophenhilfe. In Großbritannien, wo offene Leugnung schwer durchzuhalten ist, sagt Nigel Farage deshalb, Netto-Null sei unbezahlbar. Donald Trump nennt die Klimakrise schlicht einen „Schwindel des Jahrhunderts“.

Eine Zahl aus diesem Teil trägt weit: In einer chinesischen Region leben 100 Millionen Menschen, die in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts im Sommer in Lebensgefahr geraten, weil Hitze und Luftfeuchte gemeinsam das Abkühlen durch Schwitzen verhindern.

Feuer: Vision 2030 ist gescheitert

Hier liegt die härteste Substanz von „Erde, Luft, Feuer, Wasser“. Snell nimmt sich Saudi-Arabien vor und stellt fest, dass die Diversifizierung gescheitert ist. Die ehrgeizigen Ziele der „Vision 2030“ sind kassiert, die Wüstenstadt Neom kommt nicht, das Skiresort und die geplanten Winterspiele auch nicht. Newcastle United und ein Golfturnier haben den Umbau ebenfalls nicht getragen.

Was bleibt, ist eine Doppelfalle: "Die Golfstaaten stehen vor der Katastrophe, weil ihr Wirtschaftsmodell endet und weil zugleich die Bewohnbarkeit ihrer Region endet." Bei über 60 Grad ist Arbeit im Freien unmöglich. Die Hadsch fiel zuletzt in den Mai, mit hunderten Hitzetoten. Wohlhabende Saudis verbringen den Sommer inzwischen in Europa.

Der Zeithorizont ist die politisch bösartigste Zahl des Buches: "Wir können von 20 bis 30 Jahren sprechen. Das ist lang genug, dass jeder normale Politiker denken kann: nicht mein Problem. Aber es ist nicht lang genug, dass jemand unter 60 es ignorieren könnte.„ Mohammed bin Salman rechnet anders, weil er nie zur Wiederwahl steht. Er wird die gesamte Transformation durchregieren, anders als ein britischer Premier, dem Snell spöttisch “zwei, drei Wochen, wenn er Glück hat" zubilligt.

Parallel dazu bricht eine historische Kopplung. Bisher war die größte Industriemacht der Welt automatisch der größte Emittent: erst Großbritannien, dann die USA, kurz Deutschland, dann China. Jetzt wächst Chinas Wirtschaft weiter, während die Emissionen fallen. Snell verklärt China dabei nirgends. Es baue weiter Kohlekraftwerke und sei „nicht Finnland“. Aber der Vorsprung bei Erneuerbaren sei real und strategisch erarbeitet.

Am eindrücklichsten ist die Energiewende von unten, die Snell aus Nigeria kennt, wo staatlicher Strom ein paar Stunden am Tag kommt. Früher hatte der Wohlhabende einen Generator, heute schraubt sich jeder Solarmodule aufs Dach, weil China sie so billig produziert. Den Haken benennt Snell gleich mit: Es ist ein Mietmodell. China will, dass die Welt diese Technik kauft, weil sie dann dafür zahlt.

Wasser: Verträge sind häufiger als Kriege

Wer die Quellen der Flüsse kontrolliert, kontrolliert das Schicksal aller, die an ihren Ufern leben. Deshalb wird China Tibet nicht loslassen, wo Gelber Fluss und Jangtse entspringen. Dazu kommen Städte, denen buchstäblich das Wasser ausgeht, und ein Meeresspiegel, der Staaten löscht.

Der Machtschauplatz dieses Teils ist die Arktis. Neue Routen über den russischen Norden nehmen tausende Kilometer aus der Verbindung zwischen Ostasien, Europa und Nordamerika. Am Nordpol treffen Russland und die USA direkt aufeinander, dort grenzt Russland an Nato-Mitglieder, dort liegen seine Atom-U-Boote, die für eine Bedrohung der amerikanischen Küste Grönland passieren müssen. Snell erwartet, dass die Spannungen in der europäischen Arktis zunehmen, weil Russland die neu geöffneten Seerouten dominieren will. Dazu notiert er ein Paradox: Ein Präsident, der den Klimawandel für einen Schwindel erklärt, interessiert sich brennend für ein auftauendes Meer.


Wenn Sie dieser Gedanke nicht loslässt: Robert Habecks "Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt„ erscheint am 1. Oktober 2026 bei Kiepenheuer & Witsch und behandelt auf 416 Seiten, was bei Snell ein Kapitel ist: den amerikanischen Anspruch auf Grönland, Russlands Rückkehr zur “Roten Arktis„, Chinas Griff nach der “Polaren Seidenstraße".
Wir haben das Buch noch nicht gelesen, werden es aber hier besprechen. Wer nicht warten will, kann es bei Amazon vorbestellen (Werbung).


Der überraschendste Befund des Buches steht am anderen Ende dieses Kapitels. Zum Schlagwort Wasserkriege sagt Snell: Es gebe Datenbanken mit tausenden solcher Konflikte, aber ebenso viele Fälle, in denen Staaten gerade wegen der Fundamentalität von Wasser zurückgetreten sind. Der Indus-Vertrag zwischen Indien und Pakistan hält seit Jahrzehnten, obwohl beide Länder mehrfach Krieg geführt haben und, wie Snell hinzufügt, wieder Krieg führen werden. Auch am Nil, wo Äthiopien flussaufwärts einen gewaltigen Staudamm gebaut hat, tun alle Beteiligten viel, um den Krieg zu vermeiden.

Snells Verallgemeinerung: "Ziemlich oft erkennen Länder, dass Zusammenarbeit in ihrem Interesse liegt. Und ziemlich oft tun sie das, nachdem sie den Konflikt versucht haben und gemerkt haben, dass er nicht funktioniert."

Die neue Landkarte der Macht

Snell betont, keine Vorhersagen zu machen. Was er anbietet, sind Wahrscheinlichkeiten, und sie ergeben eine Karte, die vielen Lesern quer zur Intuition liegen wird.

WerWarum
GewinntRussland, KanadaAuftauende Böden werden Ackerland, „vor allem in Russland und Kanada ein Segen“
GewinntChinaVorsprung bei Erneuerbaren, Kontrolle kritischer Mineralien
GewinntNordafrika, besonders MarokkoSahara-Sonne, Nähe zu Europa
VerliertGolfstaaten, allen voran Saudi-ArabienWegbrechende Ölnachfrage bei endender Bewohnbarkeit
VerliertUSAFossile Machtbasis erodiert, Agrarkernland getroffen
VerliertBangladesch, Pazifikinseln, Teile Indiens und ChinasMeeresspiegel und Hitze-Feuchte-Grenzen

Ein Vorbehalt, den Snell selbst anbringt und der in Zusammenfassungen meist verlorengeht: Den russischen Staat hält er trotz allem für keinen Gewinner. Hochgradig kohlenwasserstoffabhängig, demografisch schrumpfend, zunehmend ein wirtschaftlicher Vasall Chinas. Das Territorium gewinnt, das Regime hat davon wenig.

Die Bewegung, die daraus folgt, braucht keinen Krieg. Chinesische Firmen betreiben in Ostsibirien längst Farmen, die agrarisch nutzbare Zone wandert jährlich nordwärts, und auf chinesischen Karten sind Teile dieser Region als chinesisches Gebiet markiert, im 19. Jahrhundert an Russland verloren. „Ich glaube nicht, dass sie einmarschieren müssen“, sagt Snell.

Nahrung schlägt Energie

Die Prognose, die am längsten nachhallt: Wo Energie das 20. Jahrhundert bestimmt hat, wird Nahrung das 21. bestimmen. Der Druck kommt von zwei Seiten, denn der Klimawandel erschwert die Ernte und wirbelt gleichzeitig ganze Regionen durcheinander.

Reis, die weltweit meistkonsumierte Kalorie, verträgt Hitze schlecht. Snells eigene Verblüffung darüber ist die sympathischste Stelle in „Erde, Luft, Feuer, Wasser“: Er habe Reis immer für eine Pflanze heißer Länder gehalten, tatsächlich sei sie empfindlich. In Oxford wird an robusteren Sorten gearbeitet, Snell hat ein Labor besucht und dämpft die Erwartung: Wir seien es gewohnt, dass Wissenschaft im Impfstofftempo liefert. Pflanzenzüchtung funktioniert so nicht.

Dass Nahrung Kriege auslöst, belegt der Historiker Snell mit Gegenwart und Tiefenschärfe. Russland habe gezielt auf die besten Ackerböden der Ukraine gezielt, nach der Besetzung seien große Flächen an Oligarchen verteilt worden. Sein Bild dafür: Wilhelm der Eroberer, der das eroberte England unter seinen Leuten aufteilt. Im Sudan unterstützen die Vereinigten Arabischen Emirate die RSF auch deshalb, weil sie Zugriff auf Agrarland brauchen, das sie selbst nicht haben.

Die Gegenrichtung gehört zum Argument dazu: Nahrung motiviert Krieg im Fall Russland und Ukraine, und sie verhindert ihn im Fall China und Taiwan.

Wer Arthur Snell ist: sechzehn Jahre in zerfallenden Staaten

Die Autorität von „Elemental“ kommt aus Zuständigkeit. Arthur Snell, Jahrgang 1976, studierte Geschichte in Oxford und trat 1998 in den britischen auswärtigen Dienst ein. Sechzehn Jahre arbeitete er an Orten, an denen sich Staatlichkeit auflöst: Jemen, Irak, Afghanistan, Nigeria, Niger, Karibik. 2010 leitete er stellvertretend das Provincial Reconstruction Team in Helmand, der Taliban-Hochburg, die nach schweren Kämpfen wiederaufgebaut werden sollte. Er lebte dort zeitweise in einem Schiffscontainer.

Sein letzter Posten führte ihn als High Commissioner nach Trinidad und Tobago, was weniger glamourös war, als es klingt. Nach Jahren der Budgetkürzungen reinigte er vor Empfängen die Dachrinnen der Residenz selbst. „Hat mich nicht gestört, ich bin nicht zu fein dafür.“ Er dachte allerdings, seine Zeit ließe sich besser nutzen.

2014 verließ er den Dienst, teils aus familiären Gründen, teils aus Ernüchterung. Der Zusammenarbeit mit den Amerikanern im Irak und in Helmand verdankt er ein zerstörtes Ideal: Die USA sähen Großbritannien als nützlichen Partner mit bestimmten Fähigkeiten, mehr aber auch nicht. Die „special relationship“ nennt er eine Illusion, an der aus Nostalgie festgehalten werde. Sein erstes Buch, „How Britain Broke the World“ (2022), handelt von den britischen Fehlern im Nahen Osten.

Heute arbeitet Snell als geopolitischer Berater, betreibt den Podcast „Behind the Lines“ und beriet bis vor kurzem die ukrainische Regierung. Er ist verheiratet mit einer Ärztin und hat zwei Kinder, die in seinen Antworten auffällig oft auftauchen, wenn es um die zweite Hälfte des Jahrhunderts geht. Seinen Newsletter hat er „Not All Doom“ genannt. Nicht alles ist Untergang. Das ist die Kurzfassung seiner Position.

Was „Erde, Luft, Feuer, Wasser“ leistet und was nicht

Das Buch leistet etwas, das in der deutschen Debatte fehlt: die Verzahnung von Klimawissenschaft, Geopolitik, Ökonomie und Geschichte in einem Band, getragen von eigener Anschauung an Orten, über die andere aus zweiter Hand schreiben. Wer verstehen will, warum die Energiefrage inzwischen eine Sicherheitsfrage ist, findet hier die Begründung.

Es leistet außerdem etwas Selteneres: eine Bestandsaufnahme, die ihre eigenen schlechten Nachrichten aushält, ohne in Fatalismus zu kippen. Arthur Snell nimmt die Diagnose ernst genug, dass man ihm die Zuversicht glaubt. Diese Zuversicht stützt sich auf Befunde: Zusammenarbeit kommt häufiger vor, als die Kriegsprognosen nahelegen. Erneuerbare sind inzwischen die billigste Stromquelle. Die Kopplung von Industriemacht und Emissionen bricht gerade.

Was das Buch offenlässt, sollte man vor dem Kauf wissen. Einen Maßnahmenkatalog gibt es nicht, Snell beschreibt, worauf wir uns vorbereiten müssen, und überlässt die politische Durchsetzung anderen. Die Fülle der Fallbeispiele wird stellenweise zur Zumutung, „Erde, Luft, Feuer, Wasser“ verlangt Konzentration. Und die Gliederung nach vier Elementen ist ein Erzählgerüst, kein analytisches Raster, Themen wandern zwischen den Teilen.

Am Ende steht ein Appell, den man sich notieren sollte:

"Wir sind gefragt, uns zu entscheiden, in welcher Zukunft wir leben wollen, aber wir sollten akzeptieren, dass die Klimakrise unsere Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern wird. Und darauf müssen wir uns jetzt vorbereiten."

Snell verlangt an keiner Stelle, die verlorenen Jahrzehnte zu betrauern. Was verspielt wurde, ist verspielt. Interessant ist nur noch, was von hier aus geht. Drei Verben, in dieser Reihenfolge: entscheiden, akzeptieren, vorbereiten. Wer sich vorbereitet, hat sich schon entschieden.

Erde, Luft, Feuer, Wasser von Arthur Snell kaufen

„Erde, Luft, Feuer, Wasser. Wie der Klimawandel die geopolitischen Machtverhältnisse neu ordnet“ erschien im Mai 2026 im Goldmann Verlag, übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Das britische Original „Elemental. The New Geography of Climate Change and How We Survive It“ kam im März 2026 bei Wildfire heraus. Die gebundene Ausgabe umfasst 384 Seiten und kostet 24 Euro, das E-Book für Kindle und andere Reader 20,99 Euro.

Arthur Snells Buch eignet sich für alle, die Klimaentwicklung als Machtfrage verstehen wollen und Faktendichte nicht scheuen. Für alle, die wissen möchten, warum ausgerechnet Saudi-Arabien mehr zu verlieren hat als Bangladesch. Und für alle, die eine belastbare Grundlage suchen, um in der nächsten Diskussion über Netto-Null Argumente zu haben statt nur eine Haltung.

Weitere Bücher-Empfehlungen in unserer Übersicht Klimabücher: die besten Empfehlungen.

Häufige Fragen zu Erde, Luft, Feuer, Wasser

Worum geht es in „Erde, Luft, Feuer, Wasser“ von Arthur Snell?
Das Buch untersucht, wie der Klimawandel die geopolitischen Machtverhältnisse verschiebt. In vier Teilen, benannt nach den klassischen Elementen, verbindet Snell Reportage, Analyse und Gespräche mit Fachleuten und Politikern. Die Leitfrage: Welche Staaten steigen in einer wärmeren Welt auf, welche ab?

Ist „Erde, Luft, Feuer, Wasser“ pessimistisch?
Nein, auch wenn die Faktenlast diesen Eindruck erzeugen kann. Snell hält den Klimawandel für nicht mehr umkehrbar und das Pariser Ziel für verfehlt, wendet sich aber ausdrücklich gegen Fatalismus. Sein Fokus liegt auf Anpassung und Schadensbegrenzung.

Welche Staaten sind laut Snell die Gewinner des Klimawandels?
Vor allem Russland und Kanada durch auftauende Anbauflächen, China durch seinen Vorsprung bei Erneuerbaren und kritischen Rohstoffen sowie Nordafrika durch Solarpotenzial. Als größte Verlierer nennt er die Golfstaaten und die USA. Beim russischen Staat schränkt er ein: Das Territorium gewinnt, das Regime hat davon wenig.

Wie heißt das Original von „Erde, Luft, Feuer, Wasser“?
„Elemental. The New Geography of Climate Change and How We Survive It“, erschienen im März 2026 bei Wildfire (Hachette) in London. Die deutsche Ausgabe folgte im Mai 2026 bei Goldmann.

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