KLIMAWANDEL · 17. SEPTEMBER 2026
Foto: © UNICEF/UN0914644/GautamKlimawandel im Himalaya schwächte den Hang am Langtang Lirung in Nepal
Am 26. August 2026 begrub eine Fels-Eis-Lawine vom Langtang Lirung in Nepal ganze Orte unter sich. Mehr als 1.300 Menschen starben, Tausende werden vermisst. Eine neue Studie ordnet ein, welche Rolle der Klimawandel im Himalaya dabei spielte.
Um 8:37 Uhr Ortszeit brach am 26. August 2026 auf 5.150 Metern Höhe eine Felswand an der Nordseite des Langtang Lirung ab und riss den darüberliegenden Gletscher mit. Rund 110 Millionen Kubikmeter Fels und Eis stürzten über 1.400 Höhenmeter in die Tiefe, auf einer Fläche von etwa 2,2 Quadratkilometern. Der Aufprall setzte so viel Energie frei wie ein Erdbeben der Stärke 5,2 und wurde von Seismometern zunächst dafür gehalten.
Am Talboden riss die Lawine weiteres Material und bis zu 30 Millionen Kubikmeter vergrabenes Gletschereis mit. Aus der Fels-Eis-Lawine wurde eine Schuttflut. Sie raste mit 170 bis 188 Kilometern pro Stunde talwärts und erreichte den 20 bis 22 Kilometer entfernten Grenzübergang Rasuwagadhi nach sieben bis acht Minuten. Sie löschte die Grenzanlagen, den Ort Timure und den Marktort Syabrubesi binnen einer Viertelstunde aus. Getroffen wurden Pilger, Grenzpersonal und Arbeiter von Wasserkraftprojekten.
88 Kilometer flussabwärts bei Glachi stieg der Pegel des Trishuli um 8,5 Meter, stellenweise um bis zu neun Meter in etwa 30 Minuten. In unter sieben Stunden legte die Flut 200 Kilometer bis Devghat zurück. Entlang des Korridors lagerten sich 30,5 Millionen Kubikmeter Schutt und Sediment ab und begruben Felder, Siedlungen und Wasserkraftwerke.
Tausende Vermisste, Familien ohne Gewissheit
Nepals nationale Katastrophenbehörde NDRRMA zählte Mitte September mehr als 1.300 bestätigte Tote. Mehr als 5.000 Menschen werden weiterhin vermisst, über 13.000 wurden gerettet. In den Notunterkünften leben noch mehrere tausend Menschen, darunter mehr als hundert Waisen und mehrere hundert von ihren Familien getrennte Kinder.
In 21 Krankenhäusern liegen nicht identifizierte Leichen. Familien suchen zwischen Krankenhauslisten, Notunterkünften und Flussufern nach Angehörigen, ohne Gewissheit und ohne die Möglichkeit, Bestattungsriten zu vollziehen. Ein Überlebender beschrieb sich gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press als „heimatlos mit unserer Kultur und Tradition". Klöster in der Region wurden zerstört, Mönche mit örtlichem Wissen sind tot.
Rund 84.000 Menschen in 17 Kommunen der sechs Distrikte Rasuwa, Nuwakot, Dhading, Gorkha, Chitwan und Tanahu sind betroffen. Wie oft Klimafolgen Menschen dauerhaft aus ihrer Heimat treiben, zeigt die Entwicklung der Klimamigration innerhalb der eigenen Länder.
Besonders hart trifft es die Kinder. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF sind mehr als 17.000 Kinder in den Distrikten Rasuwa, Nuwakot und Dhading auf humanitäre Hilfe angewiesen. 18 Schulen wurden vollständig zerstört, 20 weitere beschädigt, dazu mindestens vier Gesundheitseinrichtungen. Rund 10.000 Schulkinder brauchen Unterstützung, um überhaupt weiterlernen zu können.

„Kinder in Rasuwa und Dhading mussten zusehen, wie ihre Lebenswelt innerhalb kürzester Zeit buchstäblich weggespült wurde", sagt Alice Akunga, UNICEF-Leiterin in Nepal. Für die überlebenden Kinder steige nun das Risiko von Krankheiten, Mangelernährung, Gewalt und Ausbeutung. UNICEF sucht nach vermissten und von ihren Familien getrennten Kindern, bringt Hilfsgüter in die abgeschnittenen Gemeinden und ruft für Nothilfe und ersten Wiederaufbau zu 17,2 Millionen US-Dollar auf.
Der wirtschaftliche Gesamtschaden liegt laut NDRRMA bei 2,7 Milliarden US-Dollar, der Wiederaufbaubedarf bei 4,8 Milliarden. Dreizehn Wasserkraftprojekte mit zusammen 759 Megawatt wurden getroffen, rund zwölf Prozent der laufenden nepalesischen Wasserkrafterzeugung fielen aus.
Was die Studie zum Klimawandel im Himalaya belegt
World Weather Attribution veröffentlichte am 17. September 2026 eine Untersuchung zur Katastrophe. Geleitet hat sie Ben Clarke vom Centre for Environmental Policy am Imperial College London. Beteiligt waren Glaziologen, Hydrologen, Klimaforscher, Seismologen und Sozialwissenschaftler aus zehn Ländern, darunter Nepal, Pakistan und Großbritannien.
Die Studie ist keine klassische Attributionsstudie zu einem einzelnen Wetterereignis. Die Forscher schreiben ausdrücklich, sie hätten nicht untersucht, ob diese Fels-Eis-Lawine ohne menschengemachten Klimawandel ausgeblieben wäre.
Stattdessen trugen sie zusammen, was über bekannte und mögliche Auslöser von Hangversagen im Hochgebirge bekannt ist, und prüften, wie sich diese Auslöser in einem wärmeren Klima verändert haben. Ihr zentraler Befund: Die geologische Struktur des Bergs kontrollierte, wo und wie der Hang brach. Der Klimawandel wirkt als destabilisierender Faktor auf eine vorbestehende geologische Veranlagung, nicht als Grundursache des Versagens.
Belegt ist laut Studie die Erwärmung selbst. Im weiteren Himalaya-Gebiet sind die wärmsten Monate Juli und August durch menschlichen Einfluss rund 1,5 Grad wärmer geworden, die Jahresmitteltemperatur rund 2,0 Grad. In unmittelbarer Nähe der Abbruchstelle liegen die Werte ähnlich: Juli und August rund 1,5 Grad, das Jahresmittel rund 1,9 Grad wärmer. Die Region erwärmt sich damit mit dem Ein- bis Anderthalbfachen der globalen Mitteltemperatur, die kühlen Wintermonate sogar zwei- bis dreimal so schnell.
August 2026 war am Berg anhaltend warm. Am 24. und 25. August erreichten die Tagesmittel rund 5,3 bis 5,4 Grad, üblich sind dort 2,7 bis 2,8 Grad. Die Tageshöchstwerte kletterten auf 11,3 bis 12,6 Grad statt der sonst üblichen 5,5 bis 6,0 Grad. Vom 12. bis 26. August blieben sämtliche gemessenen Stundenwerte über dem Gefrierpunkt. Ungewöhnlicher Niederschlag war laut Studie wahrscheinlich kein wesentlicher Auslöser, weder der Monsun 2026 noch der Winter davor fielen beim Niederschlag aus dem Rahmen.
Vier Mechanismen schwächen den Hang

Die Studie beschreibt vier Wege, über die Wärme Felshänge im Hochgebirge destabilisiert. Gefrorenes Gestein hält deutlich mehr aus als dasselbe Gestein bei höheren Temperaturen, denn Eis in Felsspalten wirkt wie Klebstoff und Verzahnung. Nähert sich die Temperatur dem Nullpunkt und schmilzt das Eis, fällt dieser Halt weg. An über 90 Prozent der Messstellen im Hochgebirge Asiens ist die sommerliche Auftauschicht bereits dicker geworden.
Dazu kommt der Gletscherschwund: Der Langtang-Lirung-Gletscher verlor zwei Jahrhunderte lang jährlich 0,5 Prozent seiner Masse, seit 2010 sind es 1 bis 2,3 Prozent. Wie stark die Kryosphäre der Region insgesamt unter Druck steht, zeigte bereits der Snow Update Report zum schwindenden Schnee im Hindu Kush Himalaya. Dünner werdendes Eis verändert die Spannungsverhältnisse in der angrenzenden Felswand.
Schmelzwasser transportiert zusätzlich Wärme tief ins Gestein und ersetzt Spalteneis. Der steigende Wasserdruck senkt die Reibung, die einen Hang hält. Mit steigenden Temperaturen wandert außerdem die Grenze zwischen Schnee und Regen nach oben: Regen liefert sofort flüssiges Wasser an den Hang, während Schnee es zunächst speichert.
Eine mögliche Vorschädigung reicht bis 2015 zurück. Das Gorkha-Beben der Stärke 7,8 löste damals über 25.000 Hangrutschungen in Zentralnepal aus. Eine davon ging als Fels-Eis-Lawine an der Südseite desselben Bergs nieder, verschüttete das Dorf Langtang und tötete bis zu 400 Menschen. Seither steigen die Rutschungsraten an beiden Flanken des Langtang Lirung weiter, Ende 2018 lagen sie höher als am Tag nach dem Beben. Ob die Erschütterung von 2015 genau den Hang vorschädigte, der im August 2026 brach, lässt sich nach Angaben der Studie noch nicht belegen.
Frühwarnung erreicht ihre Grenze
Nepals Frühwarnsysteme decken Regen- und Flusshochwasser sowie Gletscherseeausbrüche ab. Für einen Felssturz dieser Art gab es keine Überwachung. Die Flutwelle erreichte den Grenzbereich sieben Minuten nach dem Abbruch. Die erste Warn-SMS der Hochwasser-Vorhersageabteilung ging rund 38 Minuten nach dem Abbruch heraus. Für Rasuwagadhi, Timure und Syabrubesi war die Vorwarnzeit damit rechnerisch negativ, für Betrawati und Trishuli Bazaar betrug sie wenige Minuten.
Mehrere Pegel weiter oben wurden von der Flut selbst zerstört und sendeten nicht mehr, bevor Warnschwellen erreicht waren.
Die Studie ordnet das als erreichte Grenze der Anpassung ein: Ereignisse dieser Größe übersteigen, was Frühwarnung leisten kann. In den 17 betroffenen Kommunen lebten laut Studie 76 Prozent der Menschen in Gebieten, die verwundbarer sind als der Landesdurchschnitt. 67,4 Prozent arbeiteten in der Landwirtschaft, landesweit sind es 57 Prozent. Die Forscher halten fest, dass Gletscherschwund und Permafrost-Degradation im Himalaya sich selbst ohne weitere Erwärmung fortsetzen, ein Teil der Folgen der bisherigen Erwärmung steht also noch aus.
QUELLEN
- World Weather Attribution: Rapid Warming in the Himalaya Exacerbates Geohazard Cascades Beyond Adaptation Limits, 17.09.2026.
- NDRRMA: Lagebericht 419, 12.09.2026.
- Center for Hydrology and Water Resources Research: Report on Rasuwa Bhotekoshi Flood Incident, 2026.
- UNICEF: Sturzfluten in Nepal: Mehr als 17.000 Kinder dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen, 27.08.2026.
- The Stimson Center: A Cascading Disaster on the China-Nepal Border, 2026.