Netzbetreiber fangen Großstörungen mit Reserven und Lastabwurf ab

STROMAUSFALL ODER BLACKOUT? · 4. OKTOBER 2026

Wie ein großer Blackout Deutschland treffen kann

Deutsche Stromkunden saßen 2024 im Schnitt 11,7 Minuten ohne Strom, kürzer als in den meisten Ländern Europas. Übertragungsnetzbetreiber halten mehrere Schutzstufen gegen einen Zusammenbruch vor. Spanien und Portugal verloren im April 2025 trotzdem binnen Sekunden ihr Netz.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Die Frage, ob ein Blackout Deutschland droht, kehrt nach jeder großen Störung in Europa zurück. Die Antwort hängt davon ab, was gemeint ist. Örtliche Stromausfälle gehören zum Alltag der Netzbetreiber: Für 2024 meldeten 830 von ihnen der Bundesnetzagentur 164.645 Unterbrechungen in der Nieder- und Mittelspannung. Mit Blackout bezeichnen Fachleute dagegen den großflächigen, lang andauernden und unkontrollierten Ausfall, der ganze Regionen oder Länder vom Netz nimmt.

Wie hart ein Blackout Deutschland träfe, hat das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag durchgespielt. Die Folgen eines großräumigen und tagelangen Ausfalls könnten laut dem TAB-Bericht aus dem Jahr 2011 „einer nationalen Katastrophe zumindest nahekommen“. Wasserwerke, Kliniken, Mobilfunk und Zahlungsverkehr hängen am Strom.

Wahrscheinlich ist ein solches Szenario nicht. Im europäischen Verbundnetz gab es mehrere Großstörungen, ohne dass Deutschland flächendeckend ausfiel, und die wichtigsten Schutzstufen laufen automatisch in Sekundenbruchteilen ab. Ausgeschlossen ist es ebenso wenig: Auf der iberischen Halbinsel fiel 2025 ein modernes Netz in einer Kaskade komplett aus.

Was unterscheidet einen Blackout von einem Stromausfall

Ein Stromausfall bleibt örtlich begrenzt, das übrige Netz läuft weiter. Bei einem Blackout bricht die Versorgung in einem ganzen Netzgebiet zusammen, und die Betreiber müssen es aus dem Stillstand Schritt für Schritt wieder aufbauen.

Den örtlichen Ausfall misst die Bundesnetzagentur mit dem SAIDI, der durchschnittlichen Unterbrechungsdauer je Letztverbraucher und Jahr. Sie zählt dafür ungeplante Unterbrechungen, die länger als drei Minuten dauern und auf Wetter, Eingriffe Dritter oder Störungen beim Netzbetreiber zurückgehen. Geplante Abschaltungen fließen nicht ein.

Ein Blackout entsteht auf der Ebene des Übertragungsnetzes. Laufen Erzeugung und Verbrauch dort zu weit auseinander oder gerät die Spannung außer Kontrolle, gehen Kraftwerke und Leitungen in schneller Folge vom Netz. Dass ein Blackout Deutschland lahmlegt, setzt eine solche Kettenreaktion voraus, ein noch so langer örtlicher Ausfall reicht dafür nicht.

Wie zuverlässig ist das deutsche Stromnetz im europäischen Vergleich

Deutschland gehört zu den Ländern mit den kürzesten Unterbrechungszeiten in Europa. Die Bundesnetzagentur weist für 2024 einen SAIDI von 11,7 Minuten aus, nach 12,8 Minuten im Jahr 2023 und bei einem Zehn-Jahres-Schnitt von 12,7 Minuten.

Im ersten Erhebungsjahr 2006 lag der Wert noch bei 21,5 Minuten. Seitdem sind die Ausfallzeiten gesunken, während der Anteil von Wind- und Solarstrom stetig wuchs. „Die Energiewende kommt voran ohne Einbußen bei der sicheren Stromversorgung“, sagt Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller.

Den europäischen Vergleich zieht der Verband der Energieregulierer CEER. In seinem Benchmarking-Bericht von 2022 reichen die Daten bis 2018. Ohne außergewöhnliche Ereignisse kam Deutschland damals auf 13,9 Minuten, die Schweiz auf 14. Frankreich lag bei rund 51, Spanien bei rund 59 und Polen bei fast 139 Minuten, bei nicht völlig einheitlicher Erhebung.

Eine Grenze hat die Kennzahl: Unterbrechungen unter drei Minuten und kurze Spannungseinbrüche erfasst der SAIDI nicht.

JahrNiederspannung (Min.)Mittelspannung (Min.)SAIDI gesamt (Min.)
20062,8618,6721,53
20102,8012,1014,90
20142,1910,0912,28
20182,3411,5713,91
20202,118,6210,73
20212,4010,3012,70
20222,2010,0012,20
20232,4210,3812,80
20242,439,2411,68

Quelle: Bundesnetzagentur, Kennzahlenentwicklung Strom 2006 bis 2024, Mittelspannung als ASIDI. Stand: September 2026, ein Wert für 2025 lag noch nicht vor.

Wie fangen Netzbetreiber den Ausfall eines Kraftwerks ab

Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW betreiben das Netz nach dem n-1-Kriterium. Fällt ein einzelnes Kraftwerk, eine Leitung oder ein Transformator aus, darf keine Kettenreaktion folgen, und mit gestaffelten Reserven gleichen die Betreiber die fehlende Leistung aus.

Den Takt gibt die Frequenz vor. Decken sich Erzeugung und Verbrauch, schwingt der Wechselstrom in ganz Kontinentaleuropa mit 50 Hertz. Fällt ein großer Block aus, fließt zuerst Bewegungsenergie aus den rotierenden Generatoren ins Netz, die dabei langsamer werden. Diese Momentanreserve wirkt ohne Verzögerung und überbrückt die ersten Sekunden.

Binnen Sekunden folgt die Primärregelleistung. Nach einer Studie der Übertragungsnetzbetreiber zur Schwungmasse legen die Betreiber den Verbund auf den Ausfall von drei Gigawatt Erzeugung aus. Genau diese Menge halten die Betreiber der beteiligten Kraftwerke gemeinsam als Primärreserve vor, egal wo die Störung auftritt. Mit Sekundärregelleistung und Minutenreserve führen die Netzbetreiber die Frequenz danach auf 50 Hertz zurück.

Gegen Engpässe beim Transport von Nord nach Süd hält die Bundesnetzagentur zusätzlich Kraftwerke außerhalb des Marktes bereit. Für den Winter 2026/2027 hat sie einen Netzreservebedarf von 7.407 Megawatt bestätigt, nach 6.493 Megawatt im Winter davor.

Wann schalten Netzbetreiber Verbraucher automatisch ab

Fällt die Frequenz unter 49 Hertz, schalten die Netzbetreiber automatisch und stufenweise Verbraucher ab. Sie nehmen damit einzelne Gebiete kurz vom Netz, um das Gesamtsystem zu halten.

Die Stufen stehen im Systemschutzplan der deutschen Übertragungsnetzbetreiber vom Juni 2024. Ab 49,8 Hertz beenden Betreiber das Laden ihrer Speicher und speisen ein, ab 49,5 Hertz endet der Pumpbetrieb in Pumpspeicherwerken. Zwischen 49,0 und 48,1 Hertz folgt der Lastabwurf in zehn Stufen, bis 45 Prozent der Last getrennt sind, mit sieben Prozentpunkten Spielraum. Ab 47,5 Hertz dürfen Betreiber ihre Kraftwerke vom Netz trennen, damit diese sich im Eigenbedarf halten und für den Wiederaufbau bereitstehen.

Im Ernstfall bewährt hat sich das System im November 2006. E.ON Netz schaltete damals eine Höchstspannungsleitung über die Ems ab, damit das Kreuzfahrtschiff „Norwegian Pearl“ passieren konnte. Danach war das n-1-Kriterium verletzt, und nach einer Kette von Leitungsauslösungen zerfiel das Verbundnetz gegen 22.10 Uhr in drei Teile. Mehr als 15 Millionen Haushalte in Europa verloren den Strom. Mit Reserven und Lastabwurf stabilisierten die Netzbetreiber die Frequenz in den unterversorgten Teilnetzen laut Abschlussbericht der UCTE binnen rund 20 Minuten.

Am 8. Januar 2021 um 14.05 Uhr zerfiel der Verbund erneut, diesmal nach einer Überlast im kroatischen Umspannwerk Ernestinovo. Im Nordwesten sank die Frequenz auf 49,74 Hertz, Frankreich und Italien trennten automatisch vertraglich gebundene Industriebetriebe mit zusammen rund 1.700 Megawatt. Nach 63 Minuten liefen beide Teile wieder synchron, laut ENTSO-E-Abschlussbericht mit nur geringen Lastverlusten.

Könnte ein Blackout Deutschland so treffen wie Spanien und Portugal

Ausgeschlossen ist nicht, dass ein ähnlicher Blackout Deutschland trifft, denn der iberische Ausfall begann mit der Spannungshaltung, einer Aufgabe jedes Netzes. Frequenz und Lastabwurf kamen erst ins Spiel, als die Erzeugung bereits in Kaskade wegbrach.

Am 28. April 2025 um 12.33 Uhr stieg die Spannung in Spanien schnell und unkontrolliert an. Erzeugungsanlagen gingen nacheinander wegen Überspannung vom Netz, die Frequenz stürzte ab. Im automatischen Lastabwurf gingen 8.505 Megawatt Verbrauch vom Netz, rund 29 Prozent der Last und weniger als im Schutzplan vorgesehen. Portugal war um 00.22 Uhr des Folgetags wieder versorgt, Spaniens Übertragungsnetz gegen vier Uhr.

Das Expertengremium von ENTSO-E benennt in seinem Abschlussbericht vom März 2026 mehrere zusammenwirkende Schwächen. Red Eléctrica schaltete Drosselspulen zur Spannungssenkung von Hand. Mehrere konventionelle Kraftwerke lieferten weniger Blindleistung, als der Netzbetreiber nach den Vorgaben erwartete. Viele Wind- und Solarparks fuhren nach den geltenden Regeln mit festem Leistungsfaktor und stützten die Spannung nicht (mehr dazu: Ursache für den Blackout in Spanien).

Für den Neustart setzte Red Eléctrica Wasserkraftwerke mit Schwarzstartfähigkeit ein, die ohne Strom von außen anlaufen. Mehrere Versuche scheiterten, Leitungen nach Frankreich und Marokko halfen beim Wiederaufbau.

In Wind- und Solarparks mit klassischen Wechselrichtern fehlt die rotierende Masse, die Momentanreserve bereitstellt. Mit netzbildenden Wechselrichtern lässt sich diese Stütze nachbilden, vor allem in Batteriespeichern. Seit dem 22. Januar 2026 beschaffen die Übertragungsnetzbetreiber Momentanreserve auf einem eigenen Markt, meldet das Bundeswirtschaftsministerium. Dort bieten auch Betreiber von Speichern, Wind- und Solaranlagen an. Blackout-Warnungen vor einer sogenannten Hellbrise, also sehr viel Wind- und Solarstrom zugleich, blieben im März 2026 folgenlos.

Wie verwundbar ist das Stromnetz gegen Anschläge

Mit gezielten Anschlägen können Täter örtlich tagelange Ausfälle verursachen. Einen Blackout im Übertragungsnetz haben sie in Deutschland damit bisher nicht ausgelöst, weil im vermaschten Netz der Strom um einen ausgefallenen Knoten herumfließt.

Am frühen Morgen des 3. Januar 2026 brannte eine Kabelbrücke über den Teltowkanal nahe dem Kraftwerk Lichterfelde. Nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung verloren 45.400 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden in Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde den Strom. Die linksextreme Vulkangruppe bekannte sich, die Polizei stufte das Schreiben laut ZDF als glaubhaft ein.

Erst am Nachmittag des 7. Januar war das ganze Gebiet wieder versorgt, meldet das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf. Der Rest Berlins blieb am Netz. Die Täter trafen eine Stelle, an der mehrere Hochspannungskabel gebündelt verliefen. Mit mehr Redundanz und verteilter Erzeugung lässt sich genau dieses Risiko verkleinern (mehr dazu: Anschläge auf Umspannwerke).

Droht bei einer Dunkelflaute ein Blackout

Bei einer Dunkelflaute fehlt über Tage Wind- und Solarstrom am Markt, und Meteorologen sehen die Lage früh kommen. Ein Blackout entsteht dagegen in Sekunden aus einer Störung im Netz, allein wegen der Wetterlage bricht das Netz deshalb nicht zusammen.

Die Bundesnetzagentur rechnet solche Lagen in ihrem Versorgungssicherheits-Monitoring vom September 2025 ausdrücklich durch. Sie kombiniert 20 Wetterjahre von 1998 bis 2017 mit 200 zufälligen Mustern von Kraftwerksausfällen. Das Ergebnis: Die Versorgung bleibt bis 2035 gesichert, wenn bis zu 22,4 Gigawatt steuerbare Leistung hinzukommen. Verzögert sich die Energiewende, steigt der Bedarf auf bis zu 35,5 Gigawatt.

Im Zielszenario erwartet die Behörde weniger als 0,3 Stunden im Jahr, in denen der Markt die Nachfrage nicht voll deckt. Der Zuverlässigkeitsstandard erlaubt 2,77 Stunden. Selbst eine solche Stunde bedeutet keinen Blackout, denn dann setzen die Netzbetreiber Reserven außerhalb des Marktes ein.

Für eine echte Mangellage über Tage lässt die Bundesnetzagentur die Sicherheitsplattform Strom aufbauen, über die sie großen Verbrauchern mit Vorlauf Einsparungen vorgeben kann. Fritz Vahrenholt und Apollo News deuteten diese Vorsorge im Sommer 2026 zum Geheimplan für Stromausfälle um (mehr dazu: Ängste vor Blackouts im Faktencheck). Ob ein Blackout Deutschland trifft, entscheidet sich an Spannungshaltung, Momentanreserve und geschützten Netzknoten.

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