WÄRMEWENDE MIT WINDSTROM · 6. OKTOBER 2026

Netzbetreiber machen Nutzen statt Abregeln zum Regelbetrieb
Seit Anfang Oktober vergeben 50Hertz und TenneT Windstrom, den sie sonst abregeln müssten, über Gebote an Heizkessel und andere zusätzliche Verbraucher. Damit endet die zweijährige Erprobung von „Nutzen statt Abregeln“.
Jeden Vormittag bis 10 Uhr weisen die Übertragungsnetzbetreiber aus, wie viel Strom aus Wind und Sonne am Folgetag in den Entlastungsregionen voraussichtlich abgeregelt werden müsste. Bis 11 Uhr veröffentlichen sie, welche Anlagen diesen Strom stattdessen verbrauchen. Grundlage ist seit 1. Oktober 2026 ein überarbeitetes Umsetzungskonzept der Netzbetreiber, das die Bundesnetzagentur geprüft und bestätigt hat.
Der Bundestag hatte Paragraf 13k des Energiewirtschaftsgesetzes Ende 2023 beschlossen. Er verpflichtet die Übertragungsnetzbetreiber, zusätzliche Verbraucher vor Netzengpässen Ökostrom nutzen zu lassen, den sie sonst abschalten müssten. In der Erprobungsphase vom 1. Oktober 2024 bis 30. September 2026 verteilten die Netzbetreiber diese Mengen pauschal zu einem festen Preis. Seit Oktober gilt das Zielmodell aus dem Gesetz, in dem die Teilnehmer mit Geboten um den Strom konkurrieren. Das teilen die Netzbetreiber auf Netztransparenz.de mit.
Teilnehmer bieten monatlich, die Netzbetreiber teilen täglich zu
Zum Start geben die Teilnehmer einmal im Monat einen Gebotspreis in Euro pro Megawattstunde ab. Für Oktober bis Dezember 2026 haben die Netzbetreiber einen Mindestpreis von 23,83 Euro und eine Preisobergrenze von 313 Euro festgelegt. Wer den Zuschlag bekommt, erhält die Differenz zwischen dem Börsenpreis des Vortags und dem eigenen Gebot erstattet. Maßgeblich ist dabei das eigene Gebot jedes Teilnehmers, nicht ein einheitlicher Marktpreis.
Netzentgelte, Umlagen und Stromsteuer gleichen die Netzbetreiber zusätzlich aus, höchstens bis zur Höhe der Redispatch-Kosten, die ohne die Maßnahme anfallen würden. Den Mindestpreis leiten sie aus dem Strompreis ab, ab dem ein Elektroheizkessel günstiger Wärme liefert als ein Steinkohle-Heizkraftwerk. Von diesem Wert ziehen sie die Hälfte ab, damit sich der Wechsel auf Strom tatsächlich lohnt. Sobald genug Wettbewerb entsteht, wollen die Netzbetreiber auf tägliche Gebote umstellen und das sechs Monate vorher ankündigen.
Hamburg und der Norden nehmen den Windstrom auf
Die Entlastungsregionen liegen in den Netzgebieten von 50Hertz und TenneT. Sie umfassen Hamburg, Nordost-Deutschland von Mecklenburg-Vorpommern bis zur Altmark sowie Teile Niedersachsens, Bremens und Schleswig-Holsteins. Amprion und TransnetBW weisen vorerst keine Regionen aus. Laut Umsetzungskonzept regelten die Netzbetreiber in Schleswig-Holstein samt Offshore-Anschlüssen 2025 rund 2.250 Gigawattstunden Ökostrom ab, im Norden Niedersachsens und in Bremen weitere 2.080 Gigawattstunden.
Die Netzbetreiber erwarten vor allem Elektroheizkessel in der Prozess- und Fernwärme, wie sie etwa in Leuna Dampf aus Ökostrom erzeugen. In Hamburg sei der 45-Megawatt-Kessel „Karoline“ ab März 2025 im Rahmen von Paragraf 13k gelaufen, zunächst mit 20 Megawatt. 2025 habe er in 150 Stunden drei Gigawattstunden Wärme erzeugt. Das sagten die Hamburger Energiewerke der Zeitung für kommunale Wirtschaft.
Vonovia bringt Nutzen statt Abregeln in den Heizungskeller
Teilnehmen dürfen Anlagen ab 100 Kilowatt. Kleinere Anlagen bündelt ein Teilnehmer zu einer Entlastungsgruppe, die zusammen diese Schwelle erreicht. Vonovia hat in Hamburg 25 Heizanlagen für rund 500 Wohnungen mit Tauchsiedern ausgestattet, das Berliner Cleantech-Unternehmen decarbon1ze steuert sie. Damit sei die erste Entlastungsgruppe aus Kleinanlagen entstanden, teilte Vonovia im März mit. Wie die sogenannten Windduschen im Mehrfamilienhaus funktionieren, hat Cleanthinking im Ratgeber zu negativen Strompreisen beschrieben.
Die Tauchsieder heizen vorhandene Warmwasserspeicher immer dann auf, wenn Windstrom sonst abgeregelt würde. Vonovia nennt die Speicher deshalb „Windstrombatterie“. Die Gasheizung bleibt im Keller und springt ein, wenn kein Grünstrom verfügbar ist. „Mit dem Tauchsieder Windstrom zu speichern bringt uns vor allem im Altbaubestand voran“, sagt decarbon1ze-Geschäftsführerin Arwen Colell.
Für Electrotech, also den Umstieg von verbrannten Brennstoffen auf Strom aus Wind und Sonne, genügt in solchen Häusern ein Heizstab im vorhandenen Speicher. Die Gasheizung rückt in die Reserve. Neue Anlagen vom Fernwärmekessel bis zum Wohnhaus können sich zum Ersten jedes Monats bei den Netzbetreibern registrieren und im Folgemonat teilnehmen.