Deutschland deckt erst 20,5 Prozent seines Endenergieverbrauchs mit Strom

WÄRMEPUMPE, E-AUTO, ELEKTRODENKESSEL · 19. OKTOBER 2026

Warum Strom mit der Sektorkopplung Heizung und Verkehr übernimmt

Bei der Sektorkopplung ersetzt Wind- und Solarstrom das Öl und Gas in Heizungen, Autos und Fabriken. In Wärmepumpe und Elektroauto fließt er direkt, deshalb reicht dort weit weniger Ökostrom als beim Umweg über Wasserstoff.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. LESEN


Deutschland erzeugt seinen Strom inzwischen überwiegend aus erneuerbaren Quellen. Laut Umweltbundesamt stieg ihr Anteil am Bruttostromverbrauch 2025 auf 55,1 Prozent. In Heizkellern, Tanks und Industrieöfen kommt davon wenig an. Dort verbrennen Haushalte, Spediteure und Fabriken weiter Heizöl, Diesel, Benzin und Erdgas.

Für den Weg aus dieser Lage hat die Energiewirtschaft einen eigenen Begriff: Sektorkopplung. Die Geräte dafür liefert die Electrotech, also die Industrie rund um Solarmodule, Windräder, Batterien, Elektromotoren und Wärmepumpen. Länder, die Erzeugung und Verbrauch konsequent auf Strom umstellen, nennt der Ember-Stratege Kingsmill Bond Elektrostaaten. Deutschland kommt beim Ökostrom voran, bei der Elektrifizierung der Verbraucher kaum.

Was Sektorkopplung bedeutet und woher der Begriff kommt

Sektorkopplung bezeichnet den Einsatz von Ökostrom in Wärme, Verkehr und Industrie, wo bisher Kohle, Öl und Gas verbrennen. Das Bundeswirtschaftsministerium beschrieb den Begriff schon 2016 in seinem Energiewende-Newsletter so: Sauberer Strom soll in anderen Sektoren fossile Energie verdrängen. Neben Sektorkopplung ist die Schreibweise Sektorenkopplung verbreitet, beide meinen dasselbe.

Fachleute unterscheiden zwei Wege. Bei der direkten Elektrifizierung fließt der Strom ohne Umwandlung in die Wärmepumpe, die Batterie des Elektroautos oder den Elektrodenkessel einer Fabrik. Power-to-Heat heißt der Fall, in dem Strom unmittelbar Wärme oder Dampf erzeugt, etwa im Elektrodenkessel im Chemiepark Leuna. Bei der indirekten Elektrifizierung entsteht mit dem Strom zuerst Wasserstoff im Elektrolyseur. Daraus lassen sich Methan, Methanol oder flüssige E-Fuels herstellen, zusammengefasst unter dem Kürzel Power-to-X.

Beide Wege gehören zur Sektorkopplung, sie unterscheiden sich aber stark im Verbrauch. Jede zusätzliche Umwandlung kostet Energie, und diese Verluste bestimmen, wie viele Wind- und Solarparks ein Land für dieselbe Heizwärme oder Fahrstrecke bauen muss.

Wie viel Ökostrom Wärmepumpe, Elektroauto und E-Fuels brauchen

Beim batteriebetriebenen Elektroauto kommen rund 69 Prozent des eingesetzten Ökostroms als Antrieb an, beim Verbrenner mit E-Fuels nur 13 Prozent. So hat es Frontier Economics 2018 in einer Studie für Agora Energiewende und Agora Verkehrswende berechnet. Für dieselbe Strecke ist beim Verbrenner damit rund fünfmal so viel Wind- und Solarstrom nötig. Das Brennstoffzellenauto landet mit 26 Prozent dazwischen, weil Elektrolyse und Kompression des Wasserstoffs Energie kosten.

Beim Heizen wächst der Abstand weiter. Mit einer Wärmepumpe lässt sich zusätzlich Umweltwärme aus Luft, Erdreich oder Grundwasser nutzen, deshalb entsteht mehr Wärme, als Strom hineinfließt. Die Studie setzt eine Jahresarbeitszahl von drei an, also drei Kilowattstunden Wärme je Kilowattstunde Strom übers Jahr, und kommt nach Netzverlusten auf 285 Prozent. Zwischen Wärmepumpe und Brennstoffzellenheizung steht laut den Autoren ein Faktor sechs. Für die Sektorkopplung im Gebäude ist die Wärmepumpe deshalb das zentrale Gerät.

Anwendung, ausgehend von 100 Prozent ÖkostromGesamtwirkungsgrad
Wärmepumpe (Jahresarbeitszahl 3)285 %
Batteriebetriebenes Elektroauto69 %
Gasbrennwertkessel mit synthetischem Methan50 %
Brennstoffzellenheizung (24 % Wärme, 21 % Strom)45 %
Brennstoffzellenauto26 %
Verbrenner mit synthetischem Flüssigkraftstoff13 %

Quelle: Frontier Economics im Auftrag von Agora Energiewende und Agora Verkehrswende, Februar 2018. Beispielhafte Werte ohne Vorketten.

Messungen in echten Häusern bestätigen die Annahme für die Wärmepumpe. Das Fraunhofer ISE hat vier Jahre lang 77 Anlagen in Ein- bis Dreifamilienhäusern vermessen und die Ergebnisse im November 2025 veröffentlicht. Bei Luft-Wasser-Wärmepumpen maßen die Forscher im Schnitt eine Jahresarbeitszahl von 3,4, bei Erdwärmepumpen 4,3. Für 2024 errechneten sie 64 Prozent weniger CO2 als bei Gasheizungen. Wie Verdichter und Kältemittel das möglich machen, erklärt der Beitrag Wie funktioniert eine Wärmepumpe.

Wo Wasserstoff in der Sektorkopplung unverzichtbar bleibt

Wasserstoff bleibt dort nötig, wo die Industrie Moleküle braucht, die Strom nicht liefern kann. Das Umweltbundesamt sieht den Bedarf vor allem in der Stahl- und Chemieindustrie sowie im Luft- und Schiffsverkehr. Direktreduktionsanlagen für Eisen lassen sich nach Einschätzung des Amts perspektivisch mit Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen betreiben. Für Flugzeuge kann er als Ausgangsstoff für synthetisches Kerosin dienen.

Für Gebäude nennt das Amt genug brennstofffreie Alternativen wie Solarthermie, Geothermie und Umweltwärme. Mit einer Wärmepumpe ersetzt eine Kilowattstunde Strom laut UBA etwa 3,3 Kilowattstunden Erdgas. Über den Umweg Wasserstoff und Methan schafft dieselbe Kilowattstunde nur rund 0,6. Den Straßenverkehr mit Wasserstoff stuft das Amt als „die volkswirtschaftlich teuerste Option“ ein.

Agora Energiewende und Agora Verkehrswende kamen 2018 zum selben Schluss: Synthetische Brennstoffe gehören vorrangig dorthin, wo sich Strom nicht effizient direkt nutzen lässt. Für die Sektorkopplung ergibt sich daraus eine Reihenfolge. Zuerst fließt der Ökostrom direkt in Wärmepumpe, Elektroauto und Elektrokessel, der Wasserstoff geht an Stahlwerk, Chemiepark und Flughafen. Welche Herkunft dabei als sauber gilt, regelt die EU (mehr dazu: Grüner Wasserstoff und seine Farben).

Wie viel Strom Deutschland in Wärme und Verkehr schon einsetzt

Strom deckte 2024 laut den Auswertungstabellen der AG Energiebilanzen 20,5 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs von 8.141 Petajoule. 1990 lag der Anteil bei 17,3 Prozent, in mehr als drei Jahrzehnten wuchs er also um gut drei Prozentpunkte. Mineralöle stellten 2024 mit 36,5 Prozent den größten Block, Gase folgten mit 23,8 Prozent. Die Sektorkopplung steht in Deutschland damit noch am Anfang.

Sektor 2024Anteil am EndenergieverbrauchStromanteil im Sektor
Verkehr30,5 %2,5 %
Private Haushalte27,9 %21,0 %
Industrie26,9 %30,6 %
Alle Sektoren100 %20,5 %

Quelle: AG Energiebilanzen, Auswertungstabellen zur Energiebilanz (Stand Januar 2026) und Infografik Endenergieverbrauch (April 2026). Gewerbe, Handel und Dienstleistungen stehen nur in der Summe.

Im Verkehr lief 2024 fast alles über Öl: Mineralöle deckten 92,4 Prozent des Verbrauchs. Am 1. Januar 2026 waren laut Kraftfahrt-Bundesamt erstmals mehr als zwei Millionen reine Elektroautos zugelassen, genau 2.034.260. Das entspricht rund vier Prozent der 49,5 Millionen Pkw im Bestand.

Wärme für Räume und Warmwasser machte 2024 laut AG Energiebilanzen 88,9 Prozent des Haushaltsverbrauchs aus, die Raumwärme allein laut Umweltbundesamt rund zwei Drittel. Öl und Gas deckten 2024 zusammen 54,4 Prozent des Verbrauchs der Haushalte. Im Neubau hat sich die Wärmepumpe dagegen durchgesetzt. In fast 70 Prozent der 2024 fertiggestellten Neubauten steckt laut Fraunhofer ISE eine Wärmepumpe.

Wie sich mit Wärmespeichern und Autobatterien Strom verschieben lässt

In Wärmespeichern und Fahrzeugbatterien lässt sich Strom aus wind- und sonnenreichen Stunden aufheben und später als Wärme oder Fahrstrom nutzen. Für Netzbetreiber wird die Sektorkopplung so zu einer Quelle von Flexibilität. Hausbesitzer puffern Wärme im Speicher an der Wärmepumpe, Stadtwerke in großen Wassertanks an ihren Netzen. Über Großwärmepumpen und Elektrokessel hängt damit auch die Fernwärme am Strommarkt.

Beim Elektroauto zählt für die Sektorkopplung der Zeitpunkt des Ladens. Wer nachts oder in windreichen Stunden lädt, verschiebt Nachfrage in Zeiten mit geringer Netzlast. Im Winter steigt der Verbrauch, weil Fahrer Innenraum und Batterie mitheizen (mehr dazu: Elektroauto im Winter).

Mit bidirektionalem Laden geht die Sektorkopplung einen Schritt weiter: Das Auto speist Strom aus der Batterie zurück ins Haus oder ins Netz. Der Bundestag beschloss im November 2025, bidirektional genutzte Ladepunkte bei den Netzentgelten wie Stromspeicher zu behandeln. So steht es in der Beschlussempfehlung des Wirtschaftsausschusses zu Paragraf 118 Energiewirtschaftsgesetz.

Am 1. Oktober 2026 erließ die Bundesnetzagentur die Festlegung MiSpeL zur Marktintegration von Speichern und Ladepunkten. Sie regelt, wie Netzbetreiber zurückgespeiste Mengen mit dem Netzbezug verrechnen, damit auf den Bezug weniger Netzentgelte und Umlagen fallen. „Die bidirektionale Nutzung von Ladepunkten hilft der Elektromobilität und dem Stromsystem“, sagt Behördenpräsident Klaus Müller. Netz- und Messstellenbetreiber haben für die Umsetzung Zeit bis Ende September 2027.

Warum Haushalte für Strom mehr als dreimal so viel zahlen wie für Gas

Private Haushalte zahlten im ersten Halbjahr 2026 laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 37,97 Cent je Kilowattstunde Strom und 11,58 Cent für Erdgas. Strom kostete damit rund das 3,3-Fache. Teilt man den Strompreis durch die gemessene Jahresarbeitszahl von 3,4, kostet die Kilowattstunde Wärme aus der Wärmepumpe rund 11,2 Cent. Damit liegt sie ohne Wärmepumpentarif nur knapp unter dem Gaspreis je Kilowattstunde Brennstoff. Vom Effizienzvorsprung der Sektorkopplung bleibt beim Preis so fast nichts übrig.

Ein Teil des Abstands geht auf Steuern und Netzentgelte zurück. Seit 2026 hat die Bundesregierung die Stromsteuer nur für das produzierende Gewerbe sowie die Land- und Forstwirtschaft dauerhaft gesenkt, private Haushalte bleiben außen vor. Das hält der Verbraucherzentrale Bundesverband in einer Stellungnahme vom August 2026 fest. Netzentgelte machen laut dem Verband rund ein Viertel des Strompreises aus. Für 2026 stellte der Bund 6,5 Milliarden Euro bereit, um die Übertragungsnetzkosten zu senken.

Stand Oktober 2026 soll der Zuschuss weiterlaufen, aber kleiner ausfallen. Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vom September 2026 sieht für 2027 bis 2029 jeweils 5,525 Milliarden Euro vor.

Für Wärmepumpen und Wallboxen gibt es seit dem 1. Januar 2024 ein reduziertes Netzentgelt, wenn der Netzbetreiber sie bei Engpässen drosseln darf. Seit April 2025 gilt zusätzlich ein zeitvariables Netzentgelt mit drei Preisstufen. Im Mai 2026 leitete die Bundesnetzagentur Verfahren gegen zwei Netzbetreiber ein, die diese Regeln nicht oder unzureichend umsetzen. Ob die Sektorkopplung in Deutschland vorankommt, entscheidet sich damit weniger in den Geräten als bei Steuern, Netzentgelten und der Arbeit der Netzbetreiber.

QUELLEN

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  1. AG Energiebilanzen: Endenergieverbrauch in Deutschland nach Sektoren 2024, April 2026.
  2. Umweltbundesamt: Endenergieverbrauch nach Energieträgern und Sektoren, 15. Mai 2026.
  3. Kraftfahrt-Bundesamt: Der Fahrzeugbestand am 1. Januar 2026, 3. März 2026.
  4. Deutscher Bundestag: Schutz der Verbraucher vor Strompreisschwankungen beschlossen, 13. November 2025.
  5. Bundesnetzagentur: Pressemitteilung „Bundesnetzagentur erlässt Festlegung zur Marktintegration von Stromspeichern und Ladepunkten (MiSpeL)“, 1. Oktober 2026.
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