Sechs Billionen Euro fürs Klima? Die echte Rechnung ist kleiner als die Ölrechnung

KLIMANEUTRALITÄT · ANALYSE · 13. OKTOBER 2026

Deutschland kann sich die sechs Billionen Euro für Klimaneutralität leisten

Sechs Billionen Euro muss Deutschland bis 2045 investieren, um klimaneutral zu werden, rechnet die KfW vor. Die Summe klingt nach Ruin. Zu Ende gerechnet bleiben 65 Milliarden Euro im Jahr, die wirklich zusätzlich fließen müssen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MIN. LESEN


Das Beratungshaus Prognos hat die Zahl im Auftrag von KfW Research berechnet. Die Ökonomen rechneten vier etablierte Szenarien für ein klimaneutrales Deutschland mit demselben Investitionskonzept durch und landeten jedes Mal zwischen 5,7 und 6,4 Billionen Euro. Die WELT machte daraus noch am selben Tag die „Billionenlast der deutschen Klimaneutralität“.

KfW-Chef Stefan Wintels kennt den Reflex. „Sechs Billionen Euro - das ist eine Zahl mit zwölf Nullen“, sagte er bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Große Zahlen dürften aber nicht lähmen, man müsse sie einordnen. Wer das tut, sieht die Summe mit jedem Rechenschritt schrumpfen.

Wie aus sechs Billionen 65 Milliarden werden

Auf die Jahre bis 2045 verteilt, braucht Deutschland rund 290 Milliarden Euro Klimaschutzinvestitionen pro Jahr. Bei null startet das Land nicht: Zwischen 2018 und 2023 flossen im Schnitt bereits 110 Milliarden Euro jährlich in Wärmepumpen, Elektroautos, Windparks und Netze. Es bleibt eine Lücke von 180 Milliarden Euro.

Den größten Teil davon geben Haushalte und Unternehmen ohnehin aus. Wer seine alte Gasheizung ersetzen muss, kauft eine neue Heizung, und wer ein Auto braucht, kauft ein Auto. Die Studie zählt den vollen Preis von Wärmepumpe und Elektroauto, zusätzlich fallen aber nur die Mehrkosten gegenüber Gaskessel und Verbrenner an. 115 der 180 Milliarden entfallen auf solche ohnehin fälligen Ersatzkäufe, rechnete Wintels vor.

Übrig bleiben rund 65 Milliarden Euro im Jahr, weniger als zwei Prozent der Wirtschaftsleistung. „Das ist ambitioniert. Aber es ist leistbar“, sagt Wintels. Die Studie rechnet von der anderen Seite und landet beim selben Ergebnis: Die echten Mehrkosten gegenüber fossiler Technik summieren sich auf rund 145 Milliarden Euro im Jahr, 80 Milliarden davon fließen heute schon.

Wasserfallgrafik: Von 290 Milliarden Euro jährlichem Bedarf für Klimaneutralität bis 2045 sind 110 Milliarden schon investiert und 115 Milliarden ohnehin fälliger Ersatz, es bleiben 65 Milliarden Euro Zusatzlast

Fast die Hälfte steckt in Autos, die Haushalte ohnehin kaufen

Auf den Verkehr entfällt mit 45 Prozent oder rund 2,7 Billionen Euro der größte Block, im Wesentlichen der Kauf neuer Pkw mit Elektroantrieb. Echte Mehrkosten machen davon nur ein Fünftel aus, weil die Preislücke zum Verbrenner schrumpft. Langfristig könnte der Saldo sogar ins Minus drehen, weil Batterien weiter billiger werden.

Balkengrafik: Klimaschutzinvestitionen pro Jahr heute und bis 2045 nötig, Verkehr Faktor 5,2, Energie 2,7, Gebäude 1,6, Industrie 1,2

Wer die sechs Billionen als Kosten zitiert, verwechselt Investition und Verbrauch. Ein Elektroauto fährt nach dem Kauf zehn Jahre, das Benzin für den Verbrenner ist nach einer Tankfüllung verbrannt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche macht denselben Fehler, wenn sie die erreichten 20 Prozent Erneuerbare am Endenergieverbrauch mit einer Billion Euro „Kosten“ verbindet (mehr dazu: Wie Reiche im SZ-Interview an den Zahlen vorbeiredet).

Auch die DIHK kam Anfang September 2025 mit einer Studie von Frontier Economics auf bis zu 5,4 Billionen Euro. Sie zählte die Energieimporte bis 2049 mit, rund 40 Prozent der Summe, und rechnete keinen Pfad ohne Energiewende daneben.

Haushalte und Unternehmen tragen fast die ganze Summe

Für die Steuerzahler fällt die Rechnung noch kleiner aus. Von den 290 Milliarden Euro pro Jahr tragen Unternehmen und Haushalte rund 257 Milliarden, die öffentliche Hand knapp 33 Milliarden. Davon investieren Stadtwerke, Bahn und Verkehrsbetriebe den Großteil und refinanzieren sich über Entgelte. Direkt aus öffentlichen Haushalten kommen knapp sechs Milliarden Euro im Jahr, die Förderprogramme für private Investitionen führt die Studie gesondert.

Unternehmen müssen bis 2045 knapp drei Billionen Euro aufbringen, je etwa zur Hälfte Großkonzerne und Mittelstand. Ihre Investitionsquote lag 2025 mit knapp elf Prozent der Wirtschaftsleistung unter dem Schnitt von zwölf Prozent seit 1991. Die KfW verweist darauf, dass Unternehmen den nötigen Anstieg in der Vergangenheit bereits geschafft haben.

Deutschland zahlt schon heute für das Zögern

Gegen die 65 Milliarden steht eine Rechnung, die das Land längst bezahlt. Zuletzt flossen im Schnitt 81 Milliarden Euro im Jahr für Kohle, Öl und Gas ins Ausland. Dazu droht der Zukauf von Emissionsrechten: Weil Deutschland seine EU-Ziele in Gebäuden und Verkehr verfehlt, könnten bis 2030 je nach Preis 15 bis 38 Milliarden Euro an andere Mitgliedstaaten gehen, so die KfW.

Balkengrafik: 65 Milliarden Euro zusätzliche Klimaschutzinvestitionen pro Jahr gegenüber 81 Milliarden Euro fossilen Energieimporten pro Jahr

Vor fünf Jahren hatte die KfW den Bedarf noch auf fünf Billionen Euro beziffert. Den Großteil des Anstiegs erklären Preissteigerungen, den Rest verschobene Investitionen. „Je länger wir warten, desto steiler wird der Weg“, sagt Wintels. Wer heute baut, finanziert zu rund 3,4 Prozent, so viel verlangen Anleger Anfang Oktober für zehnjährige Bundesanleihen. In den Jahren 2019 bis 2021 lieh sich der Bund Geld zeitweise zu Zinsen unter null.

Deutschland muss 900 Milliarden Euro Investitionen nur umlenken

Deutschland investiert laut Statistischem Bundesamt jedes Jahr rund 900 Milliarden Euro in Bauten, Maschinen und Ausrüstung (mehr dazu: Eine Billion Euro für die Energiewende: Locker leistbar). Klimaneutralität verlangt, einen größeren Teil davon in Wärmepumpen, Netze und Elektroautos zu lenken und gut 65 Milliarden Euro im Jahr draufzulegen. Ob das Land investiert, stehe deshalb kaum zur Debatte, sagt Wintels, sondern ob es in die Technik und Wertschöpfung von morgen investiert. Die Zusatzlast entspricht gut sieben Prozent dessen, was ohnehin Jahr für Jahr fließt.

QUELLEN

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  1. KfW: Statement Stefan Wintels zum Pressegespräch, 12. Oktober 2026.
  2. Prognos: Investitionen für Klimaschutz. Notwendige Investitionen zur Erreichung von Klimaneutralität in Deutschland, 2026.
  3. KfW Research: Jedes Jahr importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von Ø 81 Mrd. EUR, Volkswirtschaft Kompakt Nr. 251, April 2025.
  4. Umweltbundesamt: Treibhausgas-Projektionsdaten 2026; Kostenschätzung des Handelsblatt Research Institute mit 60 bis 150 Euro je Tonne, zitiert nach KfW Research.
  5. Statistisches Bundesamt: Bruttoanlageinvestitionen 2025.
  6. Deutsche Bundesbank: Renditen börsennotierter Bundeswertpapiere, Tageswerte, 6. Oktober 2026.
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