DAS ZWEITWICHTIGSTE KLIMAGAS · 13. OKTOBER 2026

Warum Methan als Treibhausgas so stark wärmt
Methan bleibt nur gut ein Jahrzehnt in der Luft und hält in dieser Zeit ein Vielfaches der Wärme von CO2 zurück. Der Weltklimarat rechnet ihm rund ein halbes Grad der bisherigen Erwärmung zu. Wer Methanlecks stopft, bremst die Erwärmung deshalb schnell.
Wie stark Methan als Treibhausgas wirkt, hängt davon ab, über welchen Zeitraum man rechnet. Über 20 Jahre betrachtet, erwärmt eine Tonne Methan das Klima rund 80-mal so stark wie eine Tonne CO2. Über 100 Jahre schrumpft der Faktor auf knapp 30. Deshalb kursieren für dasselbe Gas so unterschiedliche Umrechnungen.
Der Grund für die Spanne liegt im Charakter des Gases. Methan fängt viel Wärme ein, zerfällt aber binnen weniger Jahrzehnte weitgehend. CO2 wirkt pro Molekül schwächer, bleibt dafür über Jahrhunderte in der Luft. Für den Klimaschutz folgt daraus eine günstige Eigenschaft: Sinken die Methanemissionen, sinkt die Konzentration innerhalb weniger Jahre mit.
Inhalt
Wie hält Methan Wärme in der Atmosphäre fest
Methan (CH4) schluckt einen Teil der Wärmestrahlung, die die Erdoberfläche abgibt, und strahlt sie zurück. Das Prinzip gleicht dem von CO2 und Wasserdampf (mehr dazu: Treibhauseffekt einfach erklärt). Den Unterschied macht die Menge an Wärme pro Molekül. Kapitel sieben des sechsten IPCC-Sachstandsberichts von 2021 beziffert die Strahlungseffizienz von Methan auf 5,7 x 10-4 Watt pro Quadratmeter und ppb. Für CO2 nennt es 1,33 x 10-5.
Molekül für Molekül hält das Treibhausgas Methan damit gut 40-mal so viel Wärme zurück wie CO2. Dafür bleibt es kurz. Der IPCC beziffert seine Lebensdauer in der Atmosphäre auf 11,8 Jahre, mit einer Unsicherheit von 1,8 Jahren. Vor allem Hydroxyl-Radikale in der unteren Atmosphäre bauen das Gas ab, also sehr reaktionsfreudige Moleküle aus Sauerstoff und Wasserstoff.
Beim Abbau verschwindet das Treibhausgas Methan nicht spurlos. Aus jedem Molekül entsteht am Ende CO2, unterwegs bildet sich bodennahes Ozon, und in der Stratosphäre entsteht zusätzlicher Wasserdampf. Alle drei wirken ebenfalls als Treibhausgase. Der IPCC rechnet diese Folgewirkungen in seine Kennzahlen ein.
Warum GWP20 und GWP100 so weit auseinanderliegen
Das Treibhauspotenzial, kurz GWP, vergleicht die Wärmewirkung einer Tonne eines Gases mit einer Tonne CO2 über einen festen Zeitraum. Für Methan als Treibhausgas liefert die Wahl dieses Zeitraums ganz verschiedene Zahlen. Über 20 Jahre fällt die kurze, starke Wirkung voll ins Gewicht. Über 100 Jahre verdünnt sich der Effekt, weil das Methan längst abgebaut ist, während das CO2 weiterwirkt.
Der IPCC unterscheidet im sechsten Sachstandsbericht auch nach Herkunft. Methan aus Erdgas, Öl und Kohle trägt fossilen Kohlenstoff in die Luft, der nach dem Abbau als zusätzliches CO2 bleibt. Methan aus Kuhmägen, Reisfeldern oder Deponien stammt aus Kohlenstoff, den Pflanzen zuvor der Luft entzogen haben. Deshalb liegen die Werte für fossiles Methan etwas höher.
| Kennzahl (IPCC AR6, 2021) | Methan fossil | Methan biogen | CO2 |
|---|---|---|---|
| Lebensdauer in Jahren | 11,8 ± 1,8 | 11,8 ± 1,8 | mehrere Zeitskalen |
| GWP über 20 Jahre | 82,5 ± 25,8 | 79,7 ± 25,8 | 1 |
| GWP über 100 Jahre | 29,8 ± 11 | 27,0 ± 11 | 1 |
| GTP nach 100 Jahren | 7,5 ± 2,9 | 4,7 ± 2,9 | 1 |
Quelle: IPCC, Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe I, Kapitel 7, Tabelle 7.15 (2021). GTP steht für das Temperaturänderungspotenzial, also die Erwärmung, die nach 100 Jahren noch messbar bleibt.
Welcher Zeithorizont gilt, entscheiden Regierungen und Bilanzierer selbst. Das GWP100 bildet die langfristige Last ab, das GWP20 die Wirkung in den kommenden zwei Jahrzehnten. Beide Werte stimmen, sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Wie viel Erwärmung geht bisher auf Methan zurück
Der Weltklimarat hat die Erwärmung bis zum Jahrzehnt 2010 bis 2019 nach Verursachern aufgeschlüsselt. Nach den Daten zu Abbildung SPM.2 gehen rund 0,51 Grad auf die Emissionen des Treibhausgases Methan zurück, verglichen mit der Zeit von 1850 bis 1900. Die sehr wahrscheinliche Spanne reicht von 0,29 bis 0,84 Grad. CO2 steht im selben Datensatz für rund 0,79 Grad.
Der Abstand zu CO2 fällt kleiner aus, als es die Methanmenge in der Luft allein erwarten ließe. Das liegt an den Folgewirkungen. Für das Methan in der Luft allein beziffert der IPCC den Strahlungsantrieb von 1750 bis 2019 auf 0,54 Watt pro Quadratmeter. CO2 kommt auf 2,16 Watt. Rechnet er Ozon, stratosphärischen Wasserdampf und die verlängerte eigene Lebensdauer hinzu, steigt der Wert für Methanemissionen auf 1,19 Watt pro Quadratmeter.
Die Internationale Energieagentur schreibt Methan im Global Methane Tracker 2026 fast 30 Prozent des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur seit der Industrialisierung zu. Die Konzentration beziffert die Agentur im selben Bericht auf das 2,7-Fache des vorindustriellen Werts.
Wie schnell steigt die Methankonzentration
Das Global Monitoring Laboratory der US-Behörde NOAA misst das Treibhausgas Methan seit den 1980er-Jahren an Stationen rund um den Globus. Im Jahresmittel 2025 lag der globale Wert bei 1.935,9 ppb, also Teilen pro Milliarde. Nach einer Pause Anfang der 2000er-Jahre steigt der Wert seit 2007 wieder Jahr für Jahr. Für Mai 2026 weist die vorläufige Monatsreihe, Stand 5. September 2026, 1.939,4 ppb aus.
Die Zuwachsrate schwankt stark. 2021 stieg die Konzentration um 17,7 ppb, so stark wie in keinem anderen Jahr seit Beginn der NOAA-Reihe 1984. 2025 lag das Plus bei 5,1 ppb und damit so niedrig wie seit 2012 nicht mehr. Ob das eine Wende markiert, lässt sich aus einem Jahr nicht ablesen. Auch Feuchtgebiete und die Abbaurate in der Atmosphäre schwanken mit Wetter und Klima.
Woher stammt das Methan in der Luft
Eine weltweite Bilanz legt das Global Carbon Project regelmäßig vor, zuletzt im Mai 2025 das Global Methane Budget 2000 bis 2020. Für 2010 bis 2019 schätzen Marielle Saunois und mehr als 60 Mitautor*innen die weltweiten Emissionen auf 575 Millionen Tonnen pro Jahr. Rund 65 Prozent davon gehen direkt auf menschliche Aktivitäten zurück. Für 2020 kommt die Studie auf 608 Millionen Tonnen, den höchsten Wert des Untersuchungszeitraums.
| Quelle (Mittel 2010 bis 2019) | Mio. t CH4 pro Jahr |
|---|---|
| Landwirtschaft und Abfall | 228 |
| davon Verdauung und Gülle von Nutztieren* | 112 |
| davon Deponien und Abwasser* | 69 |
| Natürliche Feuchtgebiete | 165 |
| Förderung und Nutzung von Öl, Gas und Kohle | 115 |
| Verbrennung von Biomasse und Biobrennstoffen | 27 |
Quelle: Saunois et al., Global Methane Budget 2000-2020, Earth System Science Data (2025). Atmosphärische Inversionsrechnungen (Top-down); mit * markierte Werte aus Inventaren und Modellen (Bottom-up).
Rinder und andere Wiederkäuer bilden bei der Verdauung im Pansen Methan. Futterzusätze sollen diesen Prozess dämpfen; wie belastbar die Kritik am bekanntesten Mittel ist, zeigt der Beitrag Bovaer: Was ist dran an der Kritik am Methan-Senker. Dänemark geht den politischen Weg und besteuert landwirtschaftliche Methanemissionen.
Für den fossilen Teil schätzt die IEA im Global Methane Tracker vom Mai 2026 die Emissionen des Jahres 2025 auf 124 Millionen Tonnen. Öl steuert 45 Millionen Tonnen bei, Kohle 43 und Erdgas 36. Damit stammen rund 35 Prozent der menschengemachten Methanemissionen aus der Förderung und dem Transport fossiler Brennstoffe. Einen Rückgang sieht die Agentur trotz bekannter Gegenmittel nicht, weil die Förderung 2025 Rekordwerte erreichte.
Wo lässt sich Methan am günstigsten vermeiden
Beim Treibhausgas Methan liegt der billigste Hebel dort, wo das Gas einen Marktwert hat. Rund 70 Prozent der fossilen Methanemissionen, knapp 85 Millionen Tonnen, lassen sich laut IEA mit vorhandener Technik vermeiden. Mehr als 35 Millionen Tonnen davon kosten unterm Strich nichts, gemessen an den Energiepreisen von 2025. Das eingefangene Gas bringt beim Verkauf mehr ein, als die Nachrüstung kostet.
Rund 80 Prozent des Methans aus Öl und Gas entweichen laut IEA schon bei der Förderung, im sogenannten Upstream-Bereich. Als günstigste Maßnahmen nennt die Agentur dort drei: Lecks systematisch suchen und reparieren, gasbetriebene Pumpen durch elektrische ersetzen und abgeblasenes Gas mit Rückgewinnungsanlagen auffangen. Norwegen verbietet das Abfackeln außerhalb von Notfällen seit 1971 und erreicht laut IEA die niedrigste Methanintensität aller Förderländer.
Das Aufspüren großer Lecks gelingt inzwischen aus der Luft. Satelliten erkennen Super-Emitter, also einzelne Anlagen mit besonders großen Austritten, und Cleantech-Unternehmen wie Sceye messen Methanemissionen in Echtzeit per Luftschiff. Die kurze Lebensdauer zahlt sich hier aus. Jede vermiedene Tonne senkt die Konzentration schon innerhalb eines Jahrzehnts, und das aufgefangene Gas lässt sich verkaufen.
Welche Regeln sollen die Methanemissionen senken
Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow im November 2021 starteten die EU und die USA den Global Methane Pledge. Die Teilnehmer wollen die weltweiten Emissionen des Treibhausgases Methan bis 2030 um mindestens 30 Prozent unter das Niveau von 2020 senken. Stand September 2026 machen 159 Staaten und die EU mit. China fehlt, hat 2023 aber einen eigenen nationalen Methan-Aktionsplan beschlossen.
Die EU setzt ihren Teil mit der Methanverordnung um, die im August 2024 in Kraft trat. Öl-, Gas- und Kohleunternehmen in der EU müssen Lecks regelmäßig suchen und binnen fünf bis 15 Arbeitstagen reparieren. Das Ablassen von Gas und das routinemäßige Abfackeln sind verboten. Importeure müssen ab 2027 nachweisen, dass ihre Lieferanten gleichwertig messen und berichten. Ab August 2030 gilt ein Grenzwert für die Methanintensität (mehr dazu: EU-Methanverordnung: Fakten, Regeln, Kosten).
Der Importteil steht unter Druck. Im Juli 2026 empfahl die EU-Kommission den Mitgliedstaaten, Strafen gegen Importeure von 2027 bis 2029 auszusetzen; die Empfehlung ist rechtlich nicht bindend. Ende September 2026 kündigte Energiekommissar Dan Jørgensen in einem Bloomberg-Interview an, eine Verschiebung des Importteils um ein Jahr prüfen zu lassen. Einen formalen Änderungsvorschlag hat die Kommission nach Stand Ende September 2026 nicht vorgelegt. Die deutsche Position ordnet der Beitrag Reiche und Trump auf einer Linie ein.
Die Initiatoren des Global Methane Pledge rechnen vor, dass das 30-Prozent-Ziel die Erwärmung bis 2050 um mindestens 0,2 Grad dämpfen würde. Die IEA rechnet einen weiteren Nutzen vor. Ein weltweites Programm gegen Methan aus Öl- und Gasanlagen würde jährlich fast 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas zusätzlich verfügbar machen.
QUELLEN
- IPCC: AR6 WG1, Kapitel 6: Short-lived Climate Forcers, 2021.
- Rigzone/Bloomberg: EU May Delay Methane Rules for a Year, 27.09.2026.
- IEA: Global Methane Tracker 2026 (Volltext, PDF), Mai 2026.