ENERGIEPOLITIK · 7. OKTOBER 2026
Wikimedia Commons / Kr0l42Wie Katherina Reiche im SZ-Interview die Energiewende kleinrechnet
Im ersten Jahr ihrer Amtszeit gab Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kaum Interviews. Das ändert sich gerade, wie ihr Gespräch mit Michael Bauchmüller und Claus Hulverscheidt in der Süddeutschen Zeitung zeigt. Doch die Narrative der Ministerin sind fragwürdig. Eine kommentierende Einordnung.
Auf dem Foto, das die Süddeutsche Zeitung zum Interview veröffentlicht hat, ist Reiche seitlich zu sehen. Sie blickt nach links, nicht in die Kamera. Die Szene spielt in ihrem alten Berliner Amtssitz, der nun über viele Jahre saniert wird. Der Hintergrund ist schwarz, ihr Hosenanzug dunkelrot, die Hände wirken leicht verkrampft. Klar erkennbar sind nur Hände, Hals und der vordere Teil des Gesichts.
Die Überschrift „Wir müssen wieder gewinnen wollen“ transportiert dieses Bild nicht. Dabei hat die Süddeutsche der Ministerin mit dem Interview eine Bühne gebaut, die sie hätte nutzen können: um ihr Image aufzupolieren und um dem Vorwurf zu begegnen, sie wolle die Energiewende sabotieren. Manche Kritiker sagen sogar, sie wolle die Branche nach 2012 ein zweites Mal schwächen.
Sollte der Wille da gewesen sein, scheitert das Vorhaben in Gänze. Reiches Argumentation ist teils irreführend, teils einseitig, und sie wiederholt längst widerlegte Aussagen, als würden sie durch ständige Wiederholung wahr. Ist es einer Ministerin würdig, das Spiel der Rechten zu spielen und alternative Wahrheiten zu etablieren?
Wie Reiche 30 Jahre Klimapolitik umdeutet
Zum Einstieg wollen die Interviewer wissen, ob angesichts der fossilen Preiskrise der Abschied von fossilen Energien beginnt. Reiche antwortet: „Ob der Abschied unmittelbar bevorsteht, da habe ich meine Zweifel.“ Danach spricht sie von „30 Jahren umfassender Klimapolitik“. Trotz aller Anstrengungen liege der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch bei gerade einmal rund 20 Prozent.
Die Passage zeigt dreierlei. Erstens deutet Reiche die Frage um: Aus dem beginnenden Abschied wird ein unmittelbar bevorstehender, an dem sie leicht zweifeln kann. Zweitens überhöht sie die Dauer der Klimapolitik und nennt sie obendrein „umfassend“, obwohl Wärme- und Verkehrswende erst unter der Ampel Fahrt aufgenommen haben.
Drittens zieht sie die Erfolge von Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende in Zweifel. Dabei weiß sie genau, dass der Anteil am Endenergieverbrauch nur bedingt als Maßstab taugt: Elektrische Anwendungen brauchen für dieselbe Leistung deutlich weniger Energie als fossile. Über den Primärenergie-Trugschluss haben wir ausführlich geschrieben.
Fossile Energien bekommen das Wort „Entspannung“
Das Muster zieht sich durch das gesamte Interview: Fossile Energieträger wie LNG verknüpft Reiche mit Worten wie „Entspannung“. Auf die Frage nach den Gaspreisen im Winter beschreibt sie ein leichtes Sinken der Weltmarktpreise so: „Solche Signale entspannen die Märkte sofort.“ Etwas später sagt sie: „Nachhaltig entspannen wird sich die Lage aber erst, wenn die Kampfhandlungen in der Golfregion enden und die Straße von Hormus wieder frei passierbar ist.“
Welche Vorstellung man im BMWE von „Entspannung“ hat, bleibt offen. Verwegen ist die Behauptung, es werde wieder alles gut, sobald die Straße von Hormus frei ist. Dafür sind die Schäden an den Energieanlagen in der Region zu groß, und Donald Trump droht immer wieder damit, LNG-Lieferungen zu stoppen.
Wir haben das als fossiles Casino beschrieben, aus dem man am besten aussteigt. Das würde tatsächlich für nachhaltige Entspannung sorgen.
Reiche verbucht Investitionen als Kosten
Während Reiche fossile Energien positiv rahmt, passiert mit den Erneuerbaren das Gegenteil. Den Anteil von 20 Prozent am Endenergieverbrauch bringt sie mit einer Billion Euro „Kosten“ in Verbindung. Damit wirft sie Investitionen in Solarparks oder Netze in einen Topf mit den Kosten für das einmalige Verbrennen von Öl oder Benzin im Pkw.
Irreführende Zahlen
Die Kosten für die erreichten 20 Prozent sind nahe einer Billion Euro.Katherina Reiche im SZ-Interview, 6. Oktober 2026
Der Check
Reiche bucht Investitionen als Kosten. Hinter dem Geld stehen Windräder, Solarparks und Netze, die über Jahrzehnte Strom liefern. Für Öl, Gas und Kohle überweist Deutschland laut KfW jedes Jahr rund 81 Milliarden Euro ins Ausland, ohne jeden Gegenwert im Land.
Warum die Billion locker leistbar ist →Eine Billion Euro, verteilt auf 20 Jahre, sind 50 Milliarden Euro pro Jahr, getragen von der ganzen Gesellschaft. Das ist gut ein Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Für den Import fossiler Rohstoffe gibt Deutschland laut KfW jedes Jahr 81 Milliarden Euro aus. Die Investitionen liefern über Jahrzehnte Strom und bleiben weitgehend im Land, die fossilen Importe tragen nur einmal zur Wertschöpfung bei, und das Geld fließt ins Ausland.
Mit dieser verschrobenen Argumentation steht Reiche nicht allein. Auch Evonik-Chef Christian Kullmann nutzt sie, seine Rechnung haben wir hier gekontert.
Ein schiefer Vergleich soll den Netzausbau erklären
„Eine große PV-Anlage ist in zwei Jahren gebaut, ein 110-Kilovolt-Verteilnetz in zehn Jahren“, sagt Reiche. Schräger kann ein Vergleich kaum sein. Er soll erklären, warum der Netzausbau nicht hinterherkommt.
Den Vergleich bettet Reiche in eine Klage über wachsende Kosten ein: Die Kosten für den Redispatch, also das Eingreifen der Netzbetreiber bei Engpässen, „liegen inzwischen bei mehr als drei Milliarden Euro im Jahr“. Beides stimmt so nicht, die Kosten sinken, wie unser Faktencheck zu den drei Milliarden zeigt.
Natürlich kann der Netzausbau mit heutigen Methoden nicht mit dem potenziell exponentiellen Wachstum von Solaranlagen und Windparks Schritt halten. Die Digitalisierung der Netze könnte aber den Blindflug auf der Mittelspannungsebene beenden. Sie würde die sogenannte Überbauung an Netzknotenpunkten ermöglichen, also mehr Erzeugungsleistung an einem Anschluss, als dieser gleichzeitig aufnehmen muss.
So ließen sich die Erneuerbaren schneller ausbauen und zugleich der Netzausbau so organisieren, dass die Netzbetreiber, die von regionalen Monopolen profitieren, ihren Aufgaben wirklich gerecht werden. „Für die Netzbetreiber wird es neue Vorgaben geben, die den Ausbau beschleunigen, vereinfachen und transparenter machen“, kündigt die Ministerin an. Öffentlich bekannt sind solche Vorschläge bislang nicht.
Irreführende Zahlen
Und in diesem Jahr liegen wir bisher auch über dem Vorjahresniveau.Katherina Reiche im SZ-Interview, 6. Oktober 2026
Der Check
Der Maßstab ist der gesetzliche Ausbaupfad, nicht das Vorjahr. Am 4. Oktober hätten 76 Prozent des Jahresziels stehen müssen. Erreicht sind bei Solar 56 Prozent (12,4 von 22 GW), bei Wind 41 Prozent (3,2 von 7,8 GW). Quelle: Bundesnetzagentur.
Der Ausbau liegt weit unter Plan
Auffällig ist schließlich Reiches Behauptung zum Ausbau der Erneuerbaren. Als Beleg dafür, dass sie ihn nicht abwürge, nennt sie zuerst das Ausbaujahr 2025. Dessen Erfolg geht wegen der langen Vorlaufzeiten eher auf ihren Vorgänger Robert Habeck zurück. Dann sagt sie:
Ausbau 2026
Wind und Solar liegen weit unter Plan
Netto-Zubau bis 4. Oktober in Prozent des Jahresziels nach EEG
Reiche blickt auf dem Foto der Süddeutschen an der Kamera vorbei. Im Interview redet sie an den Zahlen vorbei. Wer wieder gewinnen will, wie es die Überschrift verspricht, müsste die Erneuerbaren als Gewinner der fossilen Preiskrise erzählen, nicht als Kostenproblem.
QUELLEN
- Bundesnetzagentur: Zubau Wind und Solar, Stand 4. Oktober 2026.
- KfW Research: Ausgaben für fossile Energieimporte.