Drewsen macht Papier mit Wärme aus Netzstrom

ELEKTRIFIZIERUNG IN DER PAPIERINDUSTRIE · 16. OKTOBER 2026

Papierfabrik Drewsen testet flexiblen Netzanschluss für Power-to-Heat

Drewsen Spezialpapiere und Netzbetreiber Avacon erproben in Lachendorf einen flexiblen Netzanschluss. Drewsen bezieht darüber nur dann zusätzlichen Strom, wenn im Netz Kapazität frei ist, und macht ab Herbst 2027 Prozesswärme daraus.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. LESEN


Vorgestellt haben die beiden Unternehmen das Konzept am 12. Oktober bei einem Pressegespräch im Werk bei Celle. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) nahm daran teil. Wenn ein mittelständischer Papierhersteller seine Prozesswärme auf Strom umstelle, sei das genau die Transformation, die das Land brauche, sagte Lies laut der gemeinsamen Mitteilung.

Hinter dem Projekt steht ein Engpass am Standort. Drewsen hängt mit einem eigenen Umspannwerk am 110-Kilovolt-Netz. Die vereinbarte Anschlussleistung reicht für die geplante Elektrifizierung nicht aus, eine Erhöhung ist beim Netzbetreiber nicht möglich. So beschreibt es die Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen in einem Praxisbeispiel zu dem Werk. „Für Unternehmen wie Drewsen sind zehn Jahre Wartezeit auf den Netzausbau keine Option“, sagt Avacon-Vorstandschef Matthias Boxberger.

Avacon gibt den flexiblen Netzanschluss nach Netzlage frei

Den flexiblen Netzanschluss regelt ein zeitlich befristeter Vertrag. Drewsen soll zusätzliche elektrische Leistung beziehen dürfen, wenn die Lage im Stromnetz es erlaubt. Sind die Kapazitäten anderweitig gebunden, fährt das Unternehmen seinen Strombezug herunter. Mit dem Strom will Drewsen in einer Power-to-Heat-Anlage einen Teil der Wärme erzeugen, die die Papiermaschinen brauchen.

Leistung und Investitionssumme der Anlage nennen die Partner nicht. In einem Fachvortrag im November 2024 hatte Drewsen einen Elektrodenkessel mit 55 Megawatt elektrischer Leistung zur Dampferzeugung vorgestellt. Ein solcher Kessel funktioniert wie ein industrieller Tauchsieder. Er sollte damals auch als Reserve für das Biomasse-Heizkraftwerk dienen und Regelleistung anbieten.

Erste belastbare Ergebnisse erwarten beide Unternehmen nach ein bis zwei Jahren Betrieb, weil die Netzlast mit den Jahreszeiten schwankt. Avacon will im Probebetrieb neue Ansätze für die Hoch- und Mittelspannung testen. Den Ausgang halten die Partner offen. „Ob sich das Konzept bewährt, muss der Praxisversuch beweisen“, sagt Drewsen-Geschäftsführer Amir Mirsakarimi.

Die Idee dahinter hatte Drewsen schon 2024 öffentlich gemacht. Ludger Benien, bei Drewsen für die Klimaziele zuständig, kritisierte damals gegenüber dem Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen, dass Netzbetreiber Kapazitäten nach Spitzenleistung vergeben. Sonne und Wind lasteten das Netz aber im Mittel zu weniger als 20 Prozent aus. Wie lange Industriekunden auf Anschlüsse warten, zeigt auch der Streit um das Netzpaket der Bundesregierung.

Drewsen ersetzt Erdgas Schritt für Schritt

Drewsen produziert in Lachendorf Sicherheitspapiere, Druck- und Verpackungspapiere sowie technische Papiere. Das Familienunternehmen beschäftigt rund 500 Menschen und kommt laut EUWID auf eine Jahreskapazität von 160.000 Tonnen und 209 Millionen Euro Umsatz. Der Standort braucht im Jahr rund 500 Gigawattstunden Energie, so der Vortrag von 2024. Etwa 80 Prozent davon entfallen auf Wärme, vor allem auf Dampf für die Trocknung des Papiers.

Den größten Teil dieser Wärme soll künftig ein Biomasse-Heizkraftwerk liefern, das der Energiedienstleister Getec auf dem Werksgelände baut und betreibt. Es verbrennt Getreidestroh und Restholz, erzeugt 55 Tonnen Dampf pro Stunde und bis zu 12,5 Megawatt Strom. Die Inbetriebnahme ist für Anfang 2027 geplant. Nach Angaben von Getec spart die Anlage rund 47.000 Tonnen CO2 pro Jahr gegenüber dem bisherigen Gaskraftwerk.

Drohnenaufnahme der Solarparks von Drewsen Spezialpapiere bei Lachendorf mit Windrad im Vordergrund
Solarparks und Windrad bei Lachendorf. QUELLE: DREWSEN SPEZIALPAPIERE

Beim Strom setzt Drewsen auf eigene Wind- und Solaranlagen. 2022 übernahm das Unternehmen drei ausgeförderte Windräder von Statkraft, die rund 2.400 Megawattstunden im Jahr erzeugen. Im Dezember 2022 folgte eine erste Solaranlage mit 1,4 Megawatt Spitzenleistung. 2024 begann der Bau eines Solarparks mit 24,6 Megawatt auf 16 Hektar, der rund 22 Prozent des Strombedarfs der Papierproduktion decken soll.

Insgesamt investiert Drewsen mehr als 100 Millionen Euro in den Umbau. Bis 2030 sollen 80 Prozent von Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen stammen, bis 2045 will das Unternehmen klimaneutral produzieren. Mit der Power-to-Heat-Anlage kommt zu Biomasse, Wind und Sonne Netzstrom hinzu, den Drewsen nur bei freier Netzkapazität abruft. Nach einem ähnlichen Prinzip machen 50Hertz und Stadtwerke aus überschüssigem Windstrom Fernwärme.

QUELLEN

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  1. Avacon und Drewsen (Pressemitteilung): DREWSEN und Avacon erproben flexibles Energiekonzept für die klimafreundliche Papierproduktion, 12.10.2026.
  2. Drewsen Spezialpapiere (Pressemitteilung): DREWSEN SPEZIALPAPIERE investiert in drei werksnahe Windkraftanlagen, 01.07.2022.
  3. Drewsen Spezialpapiere (Pressemitteilung): DREWSEN SPEZIALPAPIERE nimmt erste eigene Photovoltaik Anlage in Betrieb, 15.12.2022.
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