AZORENHOCH GEGEN ISLANDTIEF · 16. OKTOBER 2026

Wie die Nordatlantische Oszillation Europas Winter mild oder kalt macht
Ist der Luftdruckgegensatz über dem Nordatlantik groß, tragen Westwinde milde, feuchte Meeresluft nach Mitteleuropa. Bricht er zusammen, sickert Kälte aus Osten und Norden ein. Mit dem Index dazu lässt sich knapp die Hälfte der Schwankungen deutscher Wintertemperaturen erklären.
Ob ein deutscher Winter im Schneematsch oder im Dauerfrost endet, hängt zu einem guten Teil an zwei Druckgebilden weit draußen auf dem Atlantik. Über den Azoren liegt meist ein Hoch, bei Island ein Tief. Meteorologen nennen das Wechselspiel der beiden die Nordatlantische Oszillation, kurz NAO. Mal ist der Druckunterschied zwischen ihnen groß, mal fast verschwunden, und mit ihm wechselt das Winterwetter in halb Europa.
Wie weit die Extreme auseinanderliegen, lässt sich an zwei Wintern ablesen. 1962/63 lag der NAO-Winterindex der US-Wetterbehörde NOAA bei minus 1,47. Deutschland erlebte mit minus 5,5 Grad den kältesten Winter seit Beginn der DWD-Flächenmittel 1882. 2019/20 stand der Index bei plus 1,27, und das Mittel erreichte 4,2 Grad, den zweithöchsten Wert der Reihe. Zwischen beiden Wintern liegen fast zehn Grad.
Die Nordatlantische Oszillation hängt eng mit dem Jetstream zusammen, dem Starkwindband in acht bis elf Kilometern Höhe. Mit dem Golfstrom verbindet sie weniger, als viele vermuten.
Inhalt
Wie Meteorologen die Nordatlantische Oszillation messen
Im einfachsten Fall ist die Nordatlantische Oszillation die Luftdruckdifferenz zwischen Azorenhoch und Islandtief. So beschreibt es das Wetterlexikon des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Die Schaukel schwingt das ganze Jahr, am stärksten im Winter. Dann geht laut DWD mehr als ein Drittel der gesamten Druckschwankungen über dem Nordatlantik auf ihr Konto.
Eine einzige Standarddefinition gibt es nicht. Der Klimaforscher James Hurrell vom US-Forschungszentrum NCAR vergleicht die normierten Druckwerte von Lissabon und Stykkisholmur auf Island. Seine Stationsreihe reicht bis 1864 zurück. Ihr Nachteil: Die Stationen stehen fest, die Druckzentren dagegen wandern.
Das Climate Prediction Center (CPC) der NOAA arbeitet deshalb mit dem räumlichen Muster. Nach seiner Definition liegt ein Pol über Grönland, der Gegenpol über dem Atlantik zwischen 35 und 40 Grad Nord. Der NAO-Index des CPC liegt als Monatsreihe seit 1950 vor und als Tageswert mit Vorhersage. Werte über plus eins oder unter minus eins gelten als kräftige Ausschläge.
Ist die Nordatlantische Oszillation positiv, sind das Islandtief tiefer und das Azorenhoch höher als üblich. In Nordeuropa und Skandinavien fallen die Winter dann laut CPC überdurchschnittlich warm und nass aus, im Mittelmeerraum trockener. In der negativen Phase kehrt sich das Muster um.
Über Jahrzehnte verschiebt sich das Gewicht zwischen den Phasen. Von Mitte der 1950er bis 1978/79 überwogen nach CPC-Angaben negative Winter, von 1979/80 bis 1994/95 positive.
Wie viel Grad zwischen positiver und negativer NAO liegen
In der positiven Phase wehen die Westwinde kräftig und schieben milde Atlantikluft weit auf den Kontinent. Bei negativer Phase erlahmt diese Westdrift. Über dem Kontinent kann sich dann Kaltluft ungestört sammeln und nach Mitteleuropa vordringen. Der DWD weist darauf hin, dass der Zusammenhang in der negativen Phase schwächer ausfällt als in der positiven.
DWD-Klimatologe Birger Tinz fand im Klimastatusbericht 2002 den engsten Zusammenhang zwischen Winterindex und Temperatur über der Nordsee, mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,62. Im Sommer verschwindet das Signal über Mitteleuropa fast ganz, die Nordatlantische Oszillation wirkt dort vor allem im Winter.
Für Deutschland lässt sich der Effekt mit zwei offenen Datenreihen nachrechnen. Dafür werden die NAO-Monatswerte des CPC für Dezember bis Februar gemittelt und neben die Gebietsmittel der Wintertemperatur des DWD gelegt. Über 76 Winter von 1950/51 bis 2025/26 ergibt sich eine Korrelation von 0,67. Rechnerisch geht damit knapp die Hälfte der Schwankung von Winter zu Winter auf die Nordatlantische Oszillation zurück.
Die 25 Winter mit einem Index von plus 0,5 oder höher lagen im Mittel bei 2,1 Grad. Die 16 Winter mit minus 0,5 oder weniger kamen auf minus 0,9 Grad. Rund drei Grad trennen also einen typisch positiven von einem typisch negativen Winter.
| Winter (Dez. bis Feb.) | NAO-Index (CPC) | Mitteltemperatur Deutschland in °C |
|---|---|---|
| 1962/63 | −1,47 | −5,5 |
| 1995/96 | −0,62 | −2,3 |
| 2006/07 | +0,36 | 4,4 |
| 2009/10 | −1,67 | −1,3 |
| 2014/15 | +1,66 | 1,9 |
| 2019/20 | +1,27 | 4,2 |
| 2023/24 | +1,08 | 4,0 |
| 2025/26 | −0,11 | 1,7 |
Quelle: NOAA CPC, monatlicher NAO-Index (Mittel Dezember bis Februar, eigene Berechnung); DWD Climate Data Center, Gebietsmittel Wintertemperatur, Stand März 2026
In der Tabelle steckt auch die Erwärmung. 2009/10 hatte den niedrigsten NAO-Winterwert der gesamten CPC-Reihe, blieb mit minus 1,3 Grad aber gut vier Grad milder als 1962/63. Von 1951 bis 1990 lag der deutsche Winter im Mittel bei 0,2 Grad, von 1991 bis 2026 bei 1,6 Grad.
Warum sich nicht jeder Winter am NAO-Index ablesen lässt
Der wärmste deutsche Winter seit 1882 fiel 2006/07 mit 4,4 Grad in eine Saison mit nur schwach positivem Index. Der Winter 1969/70 brachte minus 2,8 Grad bei einem Wert von minus 0,38. Die andere Hälfte der Schwankung steckt in Mustern, die die Nordatlantische Oszillation mit ihren zwei Druckpolen nicht erfasst.
Am wichtigsten sind blockierende Hochdruckgebiete, die sich wochenlang über Skandinavien oder Mitteleuropa festsetzen. Sie entstehen, wenn die Wellen des Jetstreams sich aufschaukeln und stehen bleiben. Ein solches Hoch kann Deutschland tagelang Frost und Windstille bringen, während die Nordatlantische Oszillation kaum ausschlägt.
Ein zweiter Einfluss kommt von oben. In manchen Wintern erwärmt sich die Stratosphäre über der Arktis binnen Tagen drastisch. Die Störung kann sich über Wochen nach unten durcharbeiten und die Westwinde über dem Atlantik schwächen.
Sarah Ineson und Adam Scaife vom britischen Met Office zeigten 2008 in Nature Geoscience, wie El Niño über die Stratosphäre auf Europas Spätwinter wirkt. Im Modell wurde es im Norden Europas kälter, im Süden milder, allerdings nur in Jahren mit plötzlicher Stratosphärenerwärmung. Das Muster ähnelt einer negativen NAO-Phase. Was der starke El Niño für den kommenden Winter bedeuten könnte, ordnet der Beitrag zu El Niño, Polarwirbel und dem Winter 2026/27 ein.
Wie gut sich die Nordatlantische Oszillation Monate im Voraus vorhersagen lässt
Lange galt die Nordatlantische Oszillation als Rauschen, das sich über ein paar Wochen hinaus nicht berechnen lässt. Ein Team um Adam Scaife widersprach 2014 in Geophysical Research Letters. Mit einem neuen Vorhersagesystem des Met Office ließen sich der winterliche NAO-Index und das Winterklima rund um den Atlantik schon Monate im Voraus treffen.
Dabei stießen die Forschenden auf ein Rätsel, das Doug Smith vom Met Office 2020 in Nature genauer vermaß. Mit den Modellen lässt sich die Nordatlantische Oszillation besser vorhersagen, als deren eigene Streuung erwarten lässt. Ihr vorhersagbares Signal fällt in den Modellen um eine Größenordnung zu klein aus. Ein Modell bräuchte rund hundertmal so viele Läufe wie ein perfektes, um dieselbe Information herauszufiltern.
Fachleute sprechen vom Signal-Rausch-Paradox. Smith und sein Team korrigierten die Modellausgaben in zwei Schritten nachträglich und verbesserten so Vorhersagen für das Winterklima über ganze Jahrzehnte deutlich. Was das für die Glaubwürdigkeit einzelner Winterprognosen heißt, erklärt der Beitrag Wie weit Meteorologen in den Winter blicken können.
Wie sich Nordatlantische Oszillation, Golfstrom und AMO unterscheiden
Die Nordatlantische Oszillation spielt sich in der Luft ab und wechselt von Monat zu Monat. Der Golfstrom gehört dagegen zur Umwälzströmung des Atlantiks (AMOC), einem Strömungssystem im Ozean, dessen Zustand der Forschungsstand zum Golfstrom zusammenfasst. Gekoppelt sind beide trotzdem. Laut dem DWD-Klimastatusbericht beeinflusst die NAO die Energieflüsse zwischen Meer und Luft, das Meereis und damit auch die Umwälzströmung.
Die Atlantische Multidekadische Oszillation (AMO) beschreibt die Oberflächentemperatur des gesamten Nordatlantiks. Die NOAA berechnet sie als trendbereinigtes Flächenmittel zwischen Äquator und 70 Grad Nord. Nach der Übersicht des NCAR schwankt sie in Perioden von etwa 60 bis 80 Jahren. Viele Forschende sehen die Umwälzströmung als Antrieb, andere den menschlichen Einfluss. Einige Studien finden, dass eine warme AMO-Phase negativen NAO-Wintern um einige Jahre vorausgeht.
Was der Copernicus-Dienst für den Winter 2026/27 erwartet
Der europäische Klimawandeldienst Copernicus (C3S) bündelt die Saisonmodelle mehrerer Wetterdienste, darunter das ECMWF in Reading. In seiner Saisonprognose vom 10. September 2026 erwartet C3S einen milden europäischen Winter. Fast überall an Land soll es wärmer und abseits des Süd- und Nordrands meist nasser werden als im Mittel. Als Hintergrund nennt der Dienst einen starken El Niño, der sich bis zum Jahresende weiter verstärken soll.
Wohin die Nordatlantische Oszillation tendiert, beziffert C3S in seiner Zusammenfassung nicht. Ein milder, nasser Winter passt zu kräftigen Westwinden, die Prognose bleibt aber eine Wahrscheinlichkeitsaussage für drei Monate. Die nächste Ausgabe erscheint am 10. Oktober 2026.
Wie wenig ein Mittelwert verrät, war im vergangenen Winter zu sehen. Im Dezember 2025 und Januar 2026 war der NAO-Index negativ, im Februar 2026 positiv. Über die drei Monate ergab sich mit minus 0,11 ein neutraler Wert, Deutschland kam laut DWD auf 1,7 Grad. Das entspricht fast genau dem Mittel der Winter seit 1991.
Wie Windstrom und Gasverbrauch mit der NAO schwanken
Für das Stromsystem zählt die Nordatlantische Oszillation doppelt. In einer negativen Phase treffen Kälte und Flaute zusammen. Caroline Ely und Kollegen von der Universität Reading wiesen 2013 genau dieses Muster für Großbritannien und Norwegen nach. Bei negativer NAO stieg die Nachfrage, und der Windstrom sank.
Ein Team um den Meteorologen Christian Grams schaute 2017 in Nature Climate Change genauer hin. Es teilte die Winter in sieben Wetterregime ein, drei mit Tiefdruck und vier mit blockierendem Hoch. Der Kapazitätsfaktor der europäischen Windparks lag bei Tiefdrucklagen bei 0,37, bei einem Blockadehoch über Mitteleuropa nur bei 0,25. Mit dem Anlagenbestand von 2015 schwankte die mittlere Erzeugung je nach Regime zwischen 22 und 44 Gigawatt.
Ausgerechnet dieses Blockadehoch, das die stärkste Flaute bringt, geht im Mittel mit einem positiven NAO-Index einher. Die Nordatlantische Oszillation allein zeigt also nicht jede Dunkelflaute an. Die Lösung sehen Grams und Kollegen in der Geografie: Windparks auf dem Balkan statt in der Nordsee würden die Schwankungen zwischen den Regimen fast ausgleichen.
Beim Gas wirkt die Nordatlantische Oszillation über den Heizbedarf. Hazel Thornton und Kollegen vom Met Office zeigten 2019 in Environmental Research Letters, dass sich der britische Gasverbrauch im Winter vorhersagen lässt. Für die Temperatur selbst taugten die Prognosen von Anfang November wenig. Die Druckmuster ließen sich dagegen so gut vorhersagen, dass die Forschenden den Verbrauch mit Korrelationen von 0,4 bis 0,6 trafen. Am besten schnitt ein NAO-Index in rund fünf Kilometern Höhe ab.
Auch die deutsche Gasversorgung rechnet mit diesem Wetter. Der Speicherverband INES legt seinem Szenario für einen kalten Winter das Wetterjahr 2010 zugrunde, wie die Analyse Reicht das Gas für den Winter 2026/27? zeigt. Der Winter 2009/10 hatte den niedrigsten NAO-Wert der CPC-Reihe seit 1950. Mit jedem Windpark auf dem Balkan, jeder Leitung über Grenzen hinweg und jedem Speicher hängt Europas Energieversorgung weniger an der Luftdruckschaukel über dem Atlantik.
QUELLEN
- Geophysical Research Letters (Repositorium University of Exeter): Skillful long-range prediction of European and North American winters, 28. März 2014.
- Energy Policy (Repositorium University of Reading): Implications of the North Atlantic Oscillation for a UK-Norway renewable power system, Juli 2013.