Bei effizienten Neubauten verursachen Baustoffe mehr Emissionen als der Betrieb

NEUBAU ODER SANIERUNG? · 18. OKTOBER 2026

Wie viel graue Energie in einem Neubau steckt

Zement, Stahl und Ziegel bringen graue Energie mit auf die Baustelle. Je sparsamer ein Haus später heizt, desto schwerer wiegt diese Vorleistung. Ab 2028 müssen Bauherren großer Neubauten sie erstmals gesetzlich ausweisen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Ein Haus verursacht Treibhausgase, lange bevor jemand einzieht. Zementwerke brennen Klinker, Hochöfen schmelzen Erz, Lastwagen fahren Ziegel und Bewehrungsstahl zur Baustelle. Diese Vorleistung heißt graue Energie. In keiner Heizkostenabrechnung taucht sie auf, und das deutsche Gebäudeenergierecht hat sie lange ausgeblendet.

Dass die graue Energie in der Klimapolitik kaum vorkommt, hat einen statistischen Grund. Das Klimaschutzgesetz bucht Emissionen nach dem Quellprinzip: Was im Zementwerk entsteht, zählt zur Industrie. Laut einem Bericht des Umweltbundesamts vom Mai 2025 verursacht der direkte Gebäudebetrieb in Deutschland rund 15 Prozent der Treibhausgase. Mit Errichtung und Erhalt der Gebäude sind es je nach Bilanzgrenze 30 bis 40 Prozent.

Je besser ein Neubau gedämmt ist und je sauberer der Strom seiner Wärmepumpe, desto größer wird der Teil der Bilanz, der schon im Rohbau steckt. Wer klimafreundlich bauen will, muss die graue Energie deshalb von Anfang an mitrechnen.

Was graue Energie von grauen Emissionen unterscheidet

Graue Energie bezeichnet die Primärenergie, die für Herstellung, Transport, Einbau, Austausch und Entsorgung von Baustoffen und Gebäudetechnik nötig ist. Fachleute messen sie als kumulierten Energieaufwand, kurz KEA, in Kilowattstunden. Graue Emissionen beschreiben die Treibhausgase aus denselben Prozessen, angegeben in Kilogramm CO2-Äquivalent. Im Englischen heißt diese Größe Embodied Carbon.

Beide Größen hängen zusammen, decken sich aber nicht. Ein Dämmstoff aus einem Werk mit Ökostrom kann viel graue Energie enthalten und trotzdem wenig Treibhausgas verursachen. Beim Zement liegt der Fall umgekehrt: Ein großer Teil seiner Emissionen entsteht chemisch, gleich welche Energie den Ofen heizt.

Für den Klimaschutz zählen deshalb die grauen Emissionen. Förderprogramme und Zertifizierer rechnen mit dem Treibhauspotenzial GWP100, also der Klimawirkung eines Gases über hundert Jahre. Im Alltag verwenden Planerinnen, Planer und Medien beide Begriffe trotzdem oft gleichbedeutend. Wer über graue Energie spricht, meint deshalb meist das CO2 im Bauwerk.

Wie sich der Lebenszyklus nach DIN EN 15978 in Module teilt

Die europäische Norm DIN EN 15978 gliedert das Leben eines Gebäudes in Phasen mit Buchstaben und Ziffern. Ökobilanzierer ordnen jede Emission einem Modul zu, vom Kalksteinbruch bis zum Bauschutt. So lässt sich die graue Energie eines Hauses Schritt für Schritt nachvollziehen.

ModulPhaseWas dazu zählt
A1 bis A3HerstellungRohstoffabbau, Transport ins Werk, Produktion von Zement, Stahl, Ziegel, Dämmung
A4 bis A5ErrichtungTransport zur Baustelle, Bauprozess, Verschnitt
B1 bis B5Nutzung, baulichInstandhaltung, Reparatur, Austausch von Bauteilen (B4), Umbau
B6 bis B7BetriebEnergie für Heizung, Warmwasser, Lüftung, Strom (B6), Wasser (B7)
C1 bis C4LebensendeRückbau, Abtransport, Abfallbehandlung, Deponie
Daußerhalb der SystemgrenzeGutschriften für Wiederverwendung und Recycling

Die graue Energie und die grauen Emissionen umfassen alle Module außer dem Betrieb in B6 und B7. Die Herstellung in A1 bis A3 ist abgeschlossen, bevor das erste Bauteil die Baustelle erreicht. Modul D steht getrennt, damit niemand die Bilanz mit Recycling-Gutschriften schönrechnet.

Die KfW verlangt für ihren Klimafreundlichen Neubau eine Ökobilanz auf Basis der DIN EN 15978-1 über 50 Jahre. So steht es in den technischen Mindestanforderungen der Förderbank. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) bewertet in ihrem Kriterium zur Gebäude-Ökobilanz die Herstellungsmodule A1 bis A3 zusätzlich gesondert.

Warum der Anteil der Herstellung mit jedem Effizienzhaus wächst

Bei einem schlecht gedämmten Haus mit Ölkessel dominiert der Betrieb die Bilanz. Sinkt der Verbrauch, schrumpft dieser Block. Dämmung, Dreifachverglasung und Haustechnik bringen gleichzeitig zusätzliches Material ins Gebäude. Der Anteil der grauen Emissionen an der Gesamtbilanz wächst dadurch deutlich.

Die DGNB hat diese Verschiebung 2021 an 50 zertifizierten, überwiegend gewerblichen Gebäuden gemessen. Gut ein Drittel der Treibhausgase entstand dort vor der Nutzung, also bei Herstellung und Errichtung. Bei Gebäuden mit sehr niedrigem CO2-Fußabdruck kann der Anteil laut DGNB-Benchmarkstudie bei 50 Prozent und mehr liegen.

Für Wohngebäude bestätigten das Buildings Performance Institute Europe (BPIE) und die DGNB den Trend im Mai 2025. Ihre Analyse von 28 Wohngebäuden zeigt: Ältere Projekte nach DGNB-Version 2015 verursachten etwa ein Drittel ihrer Emissionen durch den Bau. Neuere Projekte nach Version 2018 kamen bereits auf deutlich über 50 Prozent. Teurer bauten die lebenszyklusoptimierten Projekte laut Studie nicht zwangsläufig.

Das Umweltbundesamt kommt beim Energieaufwand zu einem ähnlichen Bild. Auf seiner Ratgeberseite zum Neubau beziffert es den Anteil der Nutzungsphase am kumulierten Energieaufwand auf 50 bis 60 Prozent (Stand August 2024). Den Rest bildet die graue Energie aus Herstellung, Errichtung und Entsorgung.

In absoluten Werten fallen bei konventionellen Neubauten laut DGNB über 50 Jahre etwa 500 bis 800 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Quadratmeter für die Konstruktion an. Die Stichprobe der Studie von 2021 lag im Schnitt bei rund 440 Kilogramm. Die DGNB selbst hält auch diesen Wert mit Blick auf die Klimaziele für viel zu hoch.

Wie viel CO2 Zement und Stahl in ein Gebäude tragen

Weltweit verursachten Zement, Stahl und Aluminium für Gebäude 2024 rund 2,1 Gigatonnen CO2. Das entspricht laut Global Status Report for Buildings and Construction 2025/2026 von UN-Umweltprogramm und GlobalABC neun Prozent der globalen Emissionen. Der Betrieb aller Gebäude kam 2024 auf 9,9 Gigatonnen.

Die drei Werkstoffe stehen damit für etwa 18 Prozent der Emissionen des Gebäudesektors. Andere Baustoffe und weitere Lebensphasen erfasst die Zahl nicht. Die Autorinnen und Autoren des Berichts halten den tatsächlichen Anteil deshalb für wahrscheinlich höher.

Zement treibt die Bilanz besonders, weil beim Brennen von Kalkstein das gebundene CO2 frei wird. In Deutschland stammten laut einem Factsheet des Umweltbundesamts etwa zwei Drittel der Zementemissionen aus den Rohstoffen selbst. 2018 kam die Branche auf rund 20 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente an direkten Emissionen.

Ökostrom allein senkt diesen Anteil nicht. Holcim testet deshalb in Höver eine Membrananlage im Demonstrationsmaßstab (mehr dazu: CO2-Abscheidung im Zementwerk). Cleantech-Unternehmen wie Carbicrete entwickeln Bindemittel ganz ohne Klinker, laut Unternehmen auf dem Weg zur Kommerzialisierung (mehr dazu: zementfreier Beton).

Beim Stahl entscheidet das Verfahren. Hochöfen reduzieren Eisenerz mit Koks, Direktreduktionsanlagen sollen dafür künftig Wasserstoff nutzen (mehr dazu: grüner Stahl in Deutschland). Recyclingbeton schont Kies und Deponieraum, wie ein Berliner Wohnbau mit vor Ort aufbereitetem Abbruchbeton zeigt (mehr dazu: Recyclingbeton in Berlin).

Auch die Bauweise verschiebt die graue Energie spürbar. Der UBA-Bericht von 2025 ermittelte für Stahlbeton den höchsten und für Mauerziegel den geringsten Energieaufwand der untersuchten Massivbauweisen. Holzleichtbau schneidet noch besser ab. Kompakte Gebäude mit wenig Hüllfläche brauchen laut UBA ebenfalls weniger Material.

Welche Grenzwerte KfW und Gesetzgeber für graue Emissionen setzen

Einen harten Grenzwert setzt die KfW in ihrer Neubauförderung. Für einen Klimafreundlichen Neubau verlangt die KfW ein Effizienzhaus 40 und höchstens 24 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Quadratmeter Nettoraumfläche und Jahr. Der Wert gilt über 50 Jahre und umfasst Herstellung und Betrieb zusammen. Fossile Heizungen und Biomasse-Kessel schließt die Förderbank aus.

Mit Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) in der Stufe Plus oder Premium steigt der Kredit von bis zu 100.000 auf bis zu 150.000 Euro pro Wohneinheit. So steht es im Programm 297/298 der KfW, Merkblatt mit Stand Juli 2026. Die Förderung steht laut KfW unter dem Vorbehalt verfügbarer Bundesmittel (Stand Oktober 2026).

Der Gesetzgeber zieht nach. Seit Ende Juli 2026 heißt das Gebäudeenergiegesetz Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG). Laut Bundesarchitektenkammer müssen Bauherren ab 2028 die Lebenszyklus-Emissionen für Neubauten über 1.000 Quadratmeter ausweisen, ab 2030 für alle Neubauten.

Der Nachweis erfasst die Lebensphasen A bis C. Eine Obergrenze enthält die verkündete Fassung nach Auswertung der Fachpresse nicht (Stand Oktober 2026). Bauherren müssen die Emissionen also zunächst berechnen und offenlegen, aber keine Obergrenze einhalten.

Wie viel CO2 sich durch Sanierung statt Abriss vermeiden lässt

In einem bestehenden Gebäude ist die graue Energie bereits verbraucht. Wer es abreißt, vernichtet diese graue Energie und löst für den Ersatzbau neue aus. Eine Kurzstudie der DGNB von 2025 hat 19 zertifizierte Sanierungen ausgewertet, überwiegend Büro- und Verwaltungsbauten. Ihre grauen Emissionen lagen um bis zu zwei Drittel unter denen von Neubauten. Im Mittel lagen Neubauten um den Faktor 2,4 höher.

„Der Fokus muss auf dem Erhalt und der klimagerechten Sanierung unserer bestehenden Gebäude liegen“, sagt Christine Lemaitre, Vorständin der DGNB. Der UBA-Bericht von 2025 stützt das mit einem zweiten Hebel: Je länger Bauteile im Einsatz bleiben, desto mehr Jahre teilen sich die graue Energie. Kumulierter Energieaufwand und fossile Emissionen pro Jahr sinken dann deutlich.

Saniert wird in Deutschland allerdings wenig. Laut Global Status Report sank die Sanierungsrate in Deutschland 2024 auf 0,7 Prozent des Bestands. Vorgefertigte Fassaden- und Dachelemente sollen das Tempo erhöhen (mehr dazu: serielle Sanierung). Welche Maßnahmen sich im Bestand rechnen, hat Cleanthinking in einer Analyse zur energetischen Gebäudesanierung aufgeschlüsselt.

Für die saubere Zukunft folgt daraus eine Reihenfolge. Betriebsemissionen sinken mit jeder Wärmepumpe und jedem Windpark im Strommix, über Jahrzehnte. Die grauen Emissionen aus Herstellung und Bau fallen dagegen vor dem Einzug an und lassen sich danach nicht mehr senken. Wer Bestand erhält und elektrisch beheizt, spart beides. Wer neu baut, entscheidet beim Baustoff über die graue Energie der nächsten 50 Jahre.

QUELLEN

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  1. DGNB: DGNB Kurzstudie unterstreicht positive Effekte von Sanierungen für den Klimaschutz, Pressemitteilung, 24.02.2025.
  2. KfW: Merkblatt Kredit Nr. 297/298 Klimafreundlicher Neubau Wohngebäude, Stand 07/2026.
  3. Rudolf Müller Architektur: GModG 2026 - Gebäudeökobilanzierung, 06.08.2026.
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